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Es ist Samstag und ich besuche Erik. Das mache ich jeden Samstag, seit zwanzig Jahren. Ich bin inzwischen der Einzige, der es tut.

Früher sind auch die anderen gekommen, aber im Laufe der Jahre sind die meisten von ihnen weg gezogen der sie haben andere Gründe gefunden nicht mehr zu kommen. Nur ich tue es weiterhin, obwohl ich nicht weiß wieso.

Ich bin mir ja nicht Mal sicher ob er mich wahr nimmt, wahrscheinlich eher nicht. Seit zwanzig Jahren immer das selbe Spiel.

Ich fahre ins Sanatorium, die Schwester begrüßt mich höflich und führt mich zu Erik. Dann erzähle ich ihm ein wenig was es Neues gibt und er sitzt einfach nur stumm da und starrt auf den Boden.

Zwanzig Jahre lang immer das Gleiche, er hat kein Wort mehr gesprochen seitdem das damals passiert ist.

Aber ich muss in besuchen, das sagt mir mein Gewissen.

Oft versuche ich die Schuld auf jemand anderen zu schieben. Auf die Wirtin, welche uns diese Geschichte erzählt hat.

Auf Herrn Schmidt weil es seine Idee war überhaupt in diesen Ort zu fahren oder gar auf Alexander.

Er war damals immerhin der Rädelsführer. Aber ich habe genauso mitgemacht, habe genauso Schuld auf mich geladen.

Die ganze Sache begann wie gesagt vor zwanzig Jahren. Es sollte eigentlich nur ein ganz normaler Schulausflug aufs Land werden.

Einige Tage in der Natur auf irgendeinem Dorf. Alle aus meiner Klasse lebten damals in der Stadt und deshalb war das Landleben etwas völlig Fremdes für uns.

Unser Klassenlehrer, Herr Schmidt, hielt es deshalb für eine gute Idee uns zu zeigen wo unsere Milch herkam oder wie unser Brot gebacken wird.

Natürlich war es für uns 13 oder 14 Jahre alten Buben und Mädchen ein großartiges Abenteuer mal von den Eltern weg zu kommen.

Kaum im diesen kleinen Landheim angekommen stürmten wir los und teilten uns auf die Zimmer auf.

Jeder hatte genaue Vorstellungen mit wem er auf einem Zimmer liegen wollte und so nisteten wir uns zu viert oder zu fünft ein.

Alle bis auf Erik. Er bekam ein Einzelzimmer. Offiziell wussten wir natürlich nicht wieso, aber man konnte vor Kindern kaum etwas geheim halten.

Erik war Bettnässer, er konnte nichts dafür. Es geschah ihm einfach, aber das haben wir damals noch nicht eingesehen. In unserer Klasse war das Grund genug ihn als Außenseiter zu deklassieren und zu behaupten er mache aus Angst immer noch ins Bett.

Ich glaube er wollte auf diesen Ausflug gar nicht mitkommen. Doch Herr Schmidt hatte ihn dazu überredet.

Wir behandelten Erik nicht gut und auch auf diesem Ausflug war das nicht anders.

Niemand wollte mit ihm an einem Tisch sitzen, wenn es Essen gab und kaum jemand redete mit ihm. Und wenn dann gaben wir ihm wenig schmeichelhafte Namen wie Pisshose oder Angstpisser. Das war nicht nett und ich weiß das darf nicht als Ausrede galten, aber wir waren eben noch Kinder.

Alexander war der Schlimmste von allem, er hatte besondere Freude daran Erik zu quälen. Wir wussten es damals nicht, aber es lag daran dass er, bevor er in unsere Schule kam, selber ein Mobbingopfer war.

Alexander hatte feuerrote Haare und auf seiner alten Schule hatte man ihn deshalb immer gehänselt. Das er an unserer Schule von der Opfer in die Täterrolle schlüpfen konnte schien ihm zu gefallen und so war er immer vorne mit dabei, wenn es gegen Erik ging.

Es war der erste Abend, Herr Schmidt beschloss das wir ein wenig von der Lokalfolklore mitbekommen sollte, weshalb wir uns im großen Speisesaal versammeln mussten, um zuzuhören wie die Wirtin über die Geschichte des Dorfes sprach.

Sie war schon steinalt, bestimmt an die 80 Jahre und hatte deshalb viel zu erzählen.

Wir hörten nur halbherzig zu, bis sie zu der Geschichte über das Haus auf dem Hügel kam. Das Haus war zu jener Zeit wenig mehr als eine alte Ruine, keiner wusste wem es genau gehörte und so konnte man es weder abreißen noch renovieren.

Doch als die Wirtin noch jung war, lebte dort ein Schreiner mit seiner Tochter, ein blasses und schüchternes Mädchen.

Die Ehefrau des Schreiners war schon vor Jahren gestorben und hinter vorgehaltener Hand sprach man davon, dass der Schreiner mit seiner Tochter Unzucht trieb.

Man sah die beiden jedoch nur an zwei Gelegenheiten, den Vater wenn er abends in die Schenke ging um sich zu betrinken, die Tochter wenn sie einmal die Woche ihre Einkäufe im Dorfladen machte.

Eines Nachts hörte man aus dem Haus ein furchtbares Geschrei, doch kümmerte man sich nicht darum.

Es war nichts ungewöhnliches das der alte Schreiner mal laut wurde und die Dorfbevölkerung wollte sich lieber nicht einmischen.

Doch in den darauffolgenden Tagen und Wochen kam weder der Schreiner in die Schenke, noch die Tochter in den Dorfladen.

Nach einiger Zeit beschloss eine Gruppe von Männern aus dem Dorf nachzusehen was dort los war. Als sie das Haus betraten bot sich ihnen ein Bild des Schreckens.

Die Beiden lagen tot auf dem Küchenboden, mit durchgeschnittenen Kehlen und obwohl bereits erste Verwesungsspuren eingesetzt hatten, konnte man noch immer den Schrecken auf ihren Gesichtern erkennen.

Die Polizei untersuchte den Fall, konnte aber keine Einbruchsspuren fest stellen. Man erklärte schließlich das der Schreiner wohl im Alkoholrausch erst seine Tochter und dann sich selbst getötet hatte.

Man konnte es nicht beweisen und viele Fragen blieben offen, aber es reichte um den Fall zu den Akten zu legen.

Die Dorfbevölkerung tuschelte natürlich und meinte, dass dies wohl die gerechte Strafe für die Unzucht der beiden gewesen wäre.

Das Haus, nun ohne klaren Besitzer, verfiel daraufhin. Doch immer wieder meinten Leute sie hätten den Schreiner und seine Tochter hinter einem Fenster gesehen und niemand traute sich das Haus zu betreten.

Man meinte sogar, wenn man Nachts ganz leise sei, konnte man noch immer ihre Schreie hören.

Herr Schmidt war nicht unbedingt begeistert von der Geschichte und er schärfte uns ein, wir sollten uns von diesem Haus fernhalten. Er wusste wohl das so etwas eine gewisse Anziehungskraft auf uns haben könnte. Ich glaube nicht das er wirklich an die ganze Sache glaubte, er hatte wohl nur Angst das uns beim herum klettern in der Ruine ein Unfall geschehen würde.

Es war der dritte Abend, Herr Schmidt war auf seinem Zimmer und bereitete die Ausflüge für den nächsten Tag vor und unsere ganze Klasse saß im Aufenthaltsraum als Alexander das Thema auf den Tisch brachte.

„Hey, sehen wir uns doch mal das Spukhaus an.“ rief er laut. Ich muss zugeben das mir der Gedanke gar nicht gefiel und dabei war ich wohl nicht alleine.

Auch die anderen hatten einerseits Angst davor, dass an der Geschichte doch etwas dran sein konnte und andererseits wollten wir natürlich auch keinen Ärger bekommen, wenn wir uns Nachts hinaus schlichen.

Alexander fügte hinzu „Oder habt ihr davor so viel Angst, dass ihr euch in die Hosen macht.“ Dabei sah er zu Erik der still in einer Ecke saß und ein Buch las an.

Ich weiß nicht wieso er das nicht auf seinem Zimmer tat, vielleicht wollte er zumindest ein wenig Gesellschaft haben, ganz gleich wie gemein diese Gesellschaft auch zu ihm war.

Und vielleicht war es die ständige Demütigung die ihn dazu brachte aufzustehen. „Ich habe keine Angst.“ sagte er mit fester Stimme. „Ich gehe mit!“

Nun waren wir anderen natürlich unter Zugzwang. Niemand wollte sich die Blöße geben und sich vor etwas drücken, was sogar der Bettnässer machte.

Also stimmten wir alle zu. Es war nicht ganz einfach sich aus dem Landheim zu schleichen in so einer großen Gruppe, aber irgendwie gelang es.

Wir schlichen durch die Nacht und da das Dorf nicht allzu groß war, hatten wir keine Probleme damit das Haus zu finden.

Als wir davor standen war es uns allen unwohl. Es war leicht darüber zu reden, wenn man sicher und weit entfernt war, aber etwas Anderes wenn man direkt vor so einem Denkmal des Wahnsinns stand.

Ein jeder von uns fragte sich wohl ob an der Geschichte nicht doch etwas dran war. Einige Minuten standen wir schweigend da, bis Martin, ein anderer Junge aus der Klasse plötzlich rief. „Da, ich habe etwas gesehen. Da war jemand am Fenster.“

Wir blickten in die Richtung in die er deutete, konnten aber nichts erkennen. „Höhö, du bist wohl genauso ein Angsthase wie unsere Pisshose hier, oder?“ höhnte Alexander. „Also ich gehe jetzt da rein.“ Dann sah er zu Erik und sagte zu ihm. „Los, komm mit!“

Es war Erik sichtlich unwohl, aber er war schon so weit gekommen und wollte jetzt wohl nicht den Schwanz einziehen. Vielleicht hatte er die irre Hoffnung an diesem Abend beweisen zu können, dass er kein Angsthase war.

Kurz schluckte er und nickte dann. Sie gingen gemeinsam auf das Haus zu, der rothaarige Alexander und der Bettnässer Erik.

Alexander drehte sich kurz vor der Tür nochmal um und lächelte uns verschwörerisch zu. Wir wussten was er plante, er wollte wohl Erik in diesem Haus tüchtig erschrecken um sich dann wieder über ihn lustig zu machen.

Wir hätten eingreifen sollen, selbst wenn es nur ein verlassenes, altes Haus gewesen wäre, wäre das zu weit gegangen. Aber niemand von uns lehnte sich auf, wohl auch weil wir ganz froh waren das wir selber nicht in das Haus mussten.

Es vergingen einige Minuten voller Stille bis Martin wieder laut rief. „Da, da ist schon wieder jemand am Fenster.“ Erneut sahen wir in die Richtung in die er zeigte, in der Erwartung dort maximal Alexander oder Erik zu sehen.

Doch was wir erblickten ließ uns das Blut in den Adern gefrieren. Dort hinter dem Fenster stand ein junges, blasses Mädchen und neben ihr ein älterer Mann, beide in Kleidung aus dem vorherigen Jahrhundert. Und obwohl nur das Mondlicht das Fenster beleuchtete konnten wir deutlich sehen, dass sie beide einen tiefen Schnitt dort hatten wo ihre Kehlen waren. Sie blickten auf uns herab, drehten sich dann um und verschwanden.

Kurz darauf ertönten fürchterliche Schreie und was taten wir? Wir gingen nicht hinein um eventuell zu helfen, nein wir nahmen Reißaus.

Den ganzen Weg bis zum Schullandheim rannten wir zurück und machten beim herein stürmen einen so fürchterlichen Lärm, dass die Wirtin und Herr Schmidt nach unten kamen.

„Was ist hier los?“ fragte er streng. Ich weiß nicht mehr aus wem von uns es als erstes heraus platzte, vielleicht war ich es sogar der alles erzählte. „Alexander und Erik sind in das verlassene Haus auf dem Hügel gegangen, dann haben wir den Schreiner und seine Tochter am Fenster gesehen und von drinnen haben wir Schreie gehört.“ Die Wirtin bekreuzigte sich und sackte zusammen und Herr Schmidt stürmte hinaus, in Richtung das alten Hauses.

Die anderen blieben zurück, aber ich hatte den Drang meinem Lehrer zu folgen. Ich rannte ihm nach und konnte gerade noch sehen, wie er in das Haus ging.

Ich weiß nicht ob es Minuten oder Stunden waren die vergingen und ich hatte bereits Angst das auch Herr Schmidt ein Opfer dessen geworden ist, was in diesem Haus war. Aber dann erschien ihm Türrahmen eine Sillouete.

Es war Erik, er war kreidebleich und stierte auf den Boden. Und hinter ihm folgte Herr Schmidt, auf seinen Armen trug er den Körper eines Jungen. Auch er hatte jegliche Farbe verloren. Er kam auf mich zu und blickte mich an, sagte keinen Ton.

Und ich blickte auf Alexander, er war tot, seine Augen vor Angst geweitet und seine Kehle durchgeschnitten.

Wir fuhren am nächsten Tag heim. Die Polizei versuchte Erik zu verhören, aber der sagte nichts.

Er sprach nie wieder und lebte seitdem in einer geschlossenen Anstalt.

Herr Schmidt war danach nicht mehr unser Lehrer, er quittierte den Dienst und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Über unserer Klasse lag von da an ein dunkler Schatten. Sicher, wir versuchten die Sache irgendwann rational zu erklären, sagten uns das es wohl Erik gewesen war der das ständige Mobbing nicht mehr ertragen hatte und Alexander tötete.

Aber insgeheim wussten wir alle es besser. Irgendetwas war in diesem Haus und es hatte in dieser Nacht Alexander getötet.

Wieso es Erik verschont hatte, wissen wir nicht. Andererseits hat es ihn vielleicht gar nicht verschont. Denn was es ihm angetan hat ist vielleicht schlimmer als der Tod.

Was das alte Haus betraf, so wurde kurz nach dem Unfall gefordert es abzureißen. Leider war es weiterhin so, dass niemand genau wusste wem es gehörte und so konnte niemand etwas tun.

Es wurde daher einfach mit einem hohen Zaun abgesperrt in der Hoffnung, dass man damit in Zukunft dumme Kinder von außerhalb abhalten konnte.

Das Landschulheim wurde ebenfalls geschlossen, die alte Wirtin hatte den Stress nicht gut verkraftet und verstarb kurze Zeit nachdem das alles passiert war.

Ich war einige Jahre danach nochmal in diesem Dorf und die Leute erzählten sich weiterhin die Geschichte darüber, dass man Nachts Gestalten hinter dem Fenster des Hausen sehen konnte.

Allerdings waren es jetzt drei, neben dem Schreiner und seiner Tochter haben Viele auch einen Jungen gesehen.

Einen Jungen mit roten Haaren.

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