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Der Himmel war wolkenlos

Die Sonne schien hell und warm, sie konnte sich nicht verstecken. Konnte ich mich verstecken? Nein. Wenn ich allein war, schien alles gut zu sein. Nur du und ich. Neptun war mein einziger Freund. Der kühle Wind begann meinen Hals zu beißen, es wäre wohl doch besser gewesen einen Schal oder dergleichen mitzubringen. Naja wenn ich krank werden würde, müsste ich morgen nicht zur Schule gehen. Also beschloss ich meinen Spaziergang fortzusetzen. Der kleine Spitz zerrte an seiner Leine. ´Was für ein ungezogener Bengel´ ging mir durch den Kopf. Aber genau das liebte ich so an ihm. Der kleine Meeresgott soll wüten dürfen. Ich mag keine erzogenen Hunde, eine Welt ohne Stürme und Gewitter wäre doch langweilig, oder? Der Himmel war nach wie vor wolkenlos. Ich begann mir vorzustellen, wie dicke Regenwolken den Himmel bedeckten. Ich spürte den imaginären Regen auf meine Kopfhaut prasseln. Vor meinem geistigen Auge ließ ich die Bäume vom Wind verbiegen, oder besser gesagt, vor Ehrfurcht niederknien. Es dauerte nicht lang, bis der erste Blitz einschlug und einen Baum mit seinen Flammen wärmte. Ich schaute zu Neptun. Guter Hund.

Als ich zuhause ankam, nahm ich den Kleinen in die Hand und ging ohne Umwege in die Abstellkammer, welches sich mit ganz viel Liebe mein Zimmer schimpfen lies. Na gut fast ohne Umwege, ich musste ja irgendwie an die Müllhaufen und Bierflaschen vorbei kommen. Das Knallen der Tür löste ein schrilles „Sei Still!“ der Gebärmaschine aus, die man auch Mutter nennen konnte. Ich… konnte das schon lang nicht mehr. Ich war für sie nur eines von 12 Kindern, welche sie seit ihrem 17. Lebensjahr produzierte. Die Männer wechselte sie schneller, als ihre Unterwäsche. Die Kinder hatten für sie in etwa die gleiche Bedeutung, wie für andere Menschen Tattoos, ihre Lebensabschnitte repräsentierten. Beim Ficken musste sie sich wohl eine Gehirnerschütterung geholt haben, die bis heute nicht verheilte, anders konnte ich mir ihre grenzenlose Verantwortungslosigkeit nicht erklären.

Ich hörte daraufhin Babygeschrei und Kinderstimmen, die um die Aufmerksamkeit ihrer Erzeugerin bettelten. An diese Geräuschkulisse hatte ich mich schon lang gewöhnt und nahm sie schon gar nicht mehr bewusst wahr.

Ich ließ meinen Blick durch mein „Zimmer“ streifen. 3x4 Quadratmeter, leere Wände, deren Tapete zum Teil gerissen war, rahmten die Kammer ein und wurde von einem morschen Holzdeckel zugehalten. Alles war vollgestopft mit Kartons und alten Zeichenutensilien. Als freischaffende Künstlerin konnte meine wundervolle Mutter (also ob) von Zuhause aus arbeiten und auf ihre kleinen Dämonen aufpassen. Ich hasste Kinder, und das obwohl ich streng genommen noch 3 Monate lang selbst eines war. Aber, was ich noch mehr hasste, waren ihre Bilder. Manchmal frage ich mich, ob sie diese nicht von unserem 3 Jährigen Jonathan kamen, aber heutzutage ließ sich ja alles als Kunst verkaufen.

Neptun fing an in meinen Armen zu zappeln, weshalb ich ihn herunterließ. Er hüpfte fröhlich auf und ab, schnappte sich eine Tube mit gelber Ölfarbe und kaute vergnügt darauf herum. Keine Sekunde später hatte ich den Hund in der einen und die Farbe in der anderen Hand. Ich versuchte die beiden voneinander zu trennen. Es gelang mir zwar nach, fast schon vollen Körtereinsatz, aber die Tube gab nach und das dünne Plastik riss. Sowohl der Hund, als auch meine Wenigkeit wurden mit der stinkenden Farbe bekleckert. „Verfluchte Schieße!“ fluchte ich und wollte mir die Hände an der Hose abwischen. Doch irgendwas verleitete mich auf meine Hände zu schauen. Die rechte Hand hatte nur ein paar Spritzer abbekommen, während die linke völlig eingesaut war. Die Stellen, die mit Farbe bedeckt waren begannen zu Kribbeln. Irgendwie fühlte sich das... gut an. Dieses Gelb… es war wunderschön.

Ich wusste nicht, wie lang ich so verharrte. Als ich realisierte, dass die Sonne unterging und alles Rot färbte, war die Ölfarbe an meinen Händen trocken. Ich starrte abermals auf meine Hände. Ich begann sie langsam zu bewegen. Die Farbe brach an den Falten und bröckelte an verschiedenen Stellen ab. Durch das rötliche Licht sah es so aus, als würde die Haut selbst zerbrechen. Hautschicht um Hautschicht. Zelle um Zelle. Meine Hand sah so aus, als wäre sie von einer Hautkrankheit befallen, welche die Haut austrocknen ließ. Plötzlich bemerkte ich, dass ich es nicht mehr sah. Das Gelb war vorher doch so schön! Warum war es jetzt so blass? Ich brauchte mehr Farbe! Mein Blick hastete durch den Raum, auf der Suche nach der gelben Tube.

Ich hatte sie gefunden.

Sie war leer.

Daneben lag Neptun, tot.

Er musste die ganze Farbe aufgeleckt haben, was sein kleiner Hundekörper natürlich nicht vertrug. Und ich hab es nicht bemerkt. Ich keuchte. Meine Beine gaben nach. Schluchzend drückte ich die kleine Leiche an mich. Sie war nicht mal mehr warm und das Meer würde nie wieder zu toben beginnen. Sein Fell, war noch bekleckert mit… was war das nochmal? Ich konnte die Farbe nicht mehr erkennen. Was.. was sollte das?! Ich schaute auf meine Hände… Nichts. Keine Farbe, alles war in einem grauen Schleier verhüllt. „WIESO?“ brüllte ich in das Fell, wie man manchmal in ein Kissen schreit, wenn man Frust herauslassen musste. War ich dazu verdammt nicht mal mehr ein Fünkchen Glück empfinden zu dürfen? Darf ich die farbenfrohe Seite dieser Scheißwelt denn nie wieder sehen?! Gab es überhaupt noch eine? Oder wurde nun alles Gute nun restlos verbannt?

Ich hielt meine Hand vor meiner Nase. Ich atmete den stechenden Geruch so lang ein, bis ich anfing zu husten und letzten Endes erbrach. Ich schloss die Augen und atmete weiter. Ich wollte mich ablenken. Ich wollte vergessen. Ich wollte mir die Augen ausreißen. Ich wollte nie wieder sehen.

Ich roch die Magensäure und öffnete die Augen und schaute auf mein Erbrochenes, erwartend, eine ekelhafte gräuliche Pampe zu sehen. Doch… was ich sah verschlug mir den Atem. So kräftige Farben habe ich noch nie gesehen. Es war ein Spektrum an Farben, das ich so vorher noch nicht kannte! Ich hob einige Bröckchen mit meinen tauben Händen hoch und ließ den kunterbunten Saft an meinen Armen herunterlaufen. Schönheit kam von Innen, so heiß der Spruch doch oder? Erst jetzt erkannte ich seine wahre Bedeutung. Ich konnte meine Freude kaum noch unterdrücken und lachte laut. Von draußen drang, wie immer die krächzende Raucherstimme ein, die Ruhe verlangte, doch ich nahm es kaum wahr. Ich blickte auf Neptun. „Danke“ flüsterte ich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen und Tränen in den Augen. „Du hast mir die Augen geöffnet, du bist wirklich ein wahrer Freund!“

Ich kramte nach meinem Fleischmesser, dass ich zur Sicherheit unter meiner Matratze versteckte. Man musste sich vor Eindringlingen schließlich schützen können. Ohne zu zögern rammte ich es in meinen Bizeps. Ein bunter Regenbogen ergoss sich aus meiner Schnittwunde. Mein Kopf pochte und ein Tsunami aus Dopamin überschwemmte mein Herz. Der ganze Schmerz den diese Welt und vor allem ich erleiden musste, wurde schlagartig verbannt. Ich fühlte mich, als wäre ich auf einem LSD Trip, doch allmählich merkte ich, wie meine Sicht verschwamm und mein Bewusstsein nachließ. Sofort riss ich das Bettlaken von der Matratze und band es um meinen Arm. Nein… diese Erkenntnis darf nicht verschwinden. Keuchend setzte ich mich aufs Bett Ich darf jetzt nicht sterben. Ich will keine Schwärze. Ich will alles sehen! Jetzt, wo ich doch das wahre Wunder des Lebens entdeckt habe.

„ICH WILL WUNDER WAHR WERDEN LASSEN!“ Ich schreite die Worte so laut, dass meine Kehle anfing zu brennen.

„Jetzt reicht es aber!“ Ich hörte die Schritte meine Erzeugerin näher kommen.

Ich wollte die Welt wieder bunter machen, versprochen. Und ich wusste schon genau, wo ich anfangen würde.

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