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Prolog

"Verdammt! Wo zur Hölle steckt sie nur?!", dachte sie bei sich. Sie konnte sich nicht mehr auch nur im Geringsten bewegen. Ihre Hände waren gefesselt, so wie es sich anfühlte mit einem groben Strick, der an ihren ohnehin aufgescheuerten Handgelenken rieb. Ihre Fingerspitzen waren kalt, da das Blut nicht mehr frei zirkulieren konnte und ihr Oberkörper brannte wie Feuer, weil sie anscheinend seit geraumer Zeit in halb stehender, halb hängender Position verweilte. Wie lange das nun schon so ging wusste sie nicht, noch wer sie hergebracht hatte. Ihre Füße berührten gerade so den Boden, sodass sie sich in einer sehr unbequemen Position befand, wenn sie nicht auf den Zehenspitzen stand. Denn dann hing sie nur an ihren Handgelenken an einer Verankerung, die sich allen Anschein nach über ihrem Kopf an der Decke befand. Dadurch schnitten die Stricke schmerzhaft in ihre Haut und sie hätte einen kleinen, gequälten Schrei ausgestoßen, wenn ihr das möglich gewesen wäre. Ihr Mund war mit einer dicken Schicht beklebt, bei der es sich um Panzertape handeln musste.


Sie riss die Augenlieder auf und wollte sich einen Überblick darüber verschaffen, wo sie sich gerade befand. Ihr Herz schlug schneller als sonst und sie konnte das Pochen ihres Pulses in den Ohren hören. In Panik verfiel sie dennoch nicht, denn wer auch immer sie hierher gebracht hatte, sie würde ihm nicht auch noch die Genugtuung geben und ein Zeichen von Furcht erkennen lassen. Seinem Gegner Angst zu zeigen, war, das hatte sie im Judo gelernt, das Falscheste, was man tun konnte. Respekt, ja! Angst? Niemals! Aber sie hätte die Augen auch geschlossen halten können, denn der Effekt wäre derselbe gewesen. Eine Wand aus undurchdringlicher Dunkelheit umgab sie, in der sie nichts erkennnen konnte. Da ihre Augen solchermaßen geblendet waren, arbeiteten ihre anderen Sinnesorgane auf wundersame Weise besser, als je zuvor. Die Luft roch abgestanden, heiß und muffig, aber auch andere Gerüche hatten sich darunter gemischt. Es roch nach Wald, Tannenadeln, Lehmboden und nach einem lauen Sommerabend. Irgendwo über sich konnte sie eine Lüftung hören, die aber defekt sein musste, da sie nichts brachte, außer laut zu rumoren. Durch sie konnte aber der Waldgeruch in den Raum eindringen, der ihr immerhin einen Anhaltspunkt lieferte, wo sie sich gerade befand.


Und unter dem Waldgeruch, hing noch ein anderer, leicht süßlicher, metallischer Geruch in der Luft. Er war nicht aufdringlich, aber wahrnehmbar und auf eine ihr unerklärbare Art und Weise beunruhigte er sie. Sie schüttelte den Kopf, um die Schultermuskulatur etwas zu lockern und ihre ehemals blonden Haare bewegten sich mit, wie ein zusammengeklebter Klumpen, wie wenn sie Kaugummi in ihren Haaren hätte. Und mit der Erkenntnis kam der pochender Schmerz in ihrem Hinterkopf zurück, an dem sich eine etwa faustgroße Platzwunde befinden musste. Ihr Haar wurde also keineswegs von Kaugummi zusammengeklebt, sondern von Blut. Ihrem Blut! Sie war hinterrücks niedergeschlagen worden und jemand hatte sie hierher verschleppt. Sie konnte sich nicht an den Angreifer erinnern, hatte ihn weder kommen sehen noch hören können, was ungewöhnlich war. Und derjenige, der sie niedergeschlagen hatte, musste ebenfalls ein Spieler sein. Genau wie sie. Nun war sie doch sehr beunruhigt und die Angst, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatte, schlug mit voller Wucht über ihr zusammen. Etwas Kaltes zog sich hart in ihrem Magen zusammen, ihr Atem ging keuchend und wenn ihr jemand in die Augen gesehen hätte, so hätte er die abgrundtiefe Panik darin gesehen. Die Todesangst. Sie musste unbedingt hier heraus, so schnell sie konnte, denn wenn sich ihre Befürchtungen bestätigten und der, der sie gefangen hielt, ebenfalls ein Spieler war, würde sie bald sterben. Und das mit hundertprozentiger Gewissheit.


"Raven! Du kleines, mieses Arschloch!", dachte sie wutentbrannt und zerrte wieder an ihren Fesseln. Wer auch immer sie festgebunden hatte, verstand sein Handwerk, denn die Fesseln hielten so fest, dass es kein Entrinnen gab. Und dann hörte sie die Schritte, die sich ihrem Aufenthaltsort näherten. Wieder schlug sie die Augen auf und wartete. Sie konnte hören, wie sich ein schwerer Schlüssel im Schloss drehte und eine Metalltür ohne zu quietschen geöffnet wurde. Ein gleißend heller Lichtstrahl fiel in den Raum und sie schloss schnell die Augen, die zu lange in der Dunkelheit verweilt hatten. Nun verursachte ihr das Licht Schmerzen. Auch hatte sich ein Bild in ihre Netzhaut gebrannt, eine dunkle Silhouette, die sich von dem hellen Hintergrund abhob. Sie öffnete die Augen einen Spalt breit, um nicht komplett blind zu sein. Ein Mann, sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig, betrachtete sie nachdenklich aus dunkelgrünen Augen, während sein braunes Haar ihm in wirren Zotteln vom Kopf abstand. Er verzog den Mund zu einem emotionslosen Lächeln, während er schnell auf sie zuging.


"Ich hoffe du hast meine Gastfreundschaft, die dir in den letzten acht Stunden zu Teil wurde, genossen." Sie wollte ihm irgendeine Beleidigung an den Kopf werfen, was ihr aber nicht möglich war, da der große Klebestreifen ihren Mund immer noch vollständig abdeckte. Auch er schien es bemerkt zu haben. "Ach wie ungeschickt von mir!", rief er in einem spöttischen Ton aus, "da hab ich ja glatt vergessen, dass du geknebelt bist." Mit zwei Schritten war er bei ihr und riss ihr das Klebeband mit einem unsanften Ruck herunter. Sie konnte seinen Atem riechen, der nach Nikotin, Koffein und Minzbonbons roch, auch seinen Körpergeruch nahm sie wahr, eine Mischung aus Schweiß und Deo, der jedoch nicht unangenehm war. Der Mann stand immer noch nah vor ihr und sprach weiter: "Ich habe dir etwas zu essen und zu trinken mitgebracht, eine Aufmerksamkeit des Hauses. Du solltest dankbar dafür sein." Auch dieses mal entging ihr der Spott nicht, der aus den Worten troff. Sie bog den Kopf in den Nacken und spuckte ihm ins Gesicht. " Da hast du deinen Dank." Ihre Stimme klang rau und beim Sprechen schmerzte ihr ausgetrockneter Hals. Sie bereute ihr Tat bereits, denn sie war wohl oder übel auf das Wohlwollen ihres Gegenübers angewiesen. Sein Gesicht war wie versteinert, alle Heiterkeit war daraus verschwunden, während er den Speichel mit seinem Ärmel vom Gesicht wischte. "Mach das nochmal und ich bring dich um." Seine Stimme klang tonlos vor mühsam unterdrücktem Zorn und er hatte in so beiläufigem Ton gesprochen, dass sie keinen Moment lang daran zweifelte, dass er diese Worte ernst meinte.


Er wandte sich ab und nahm das Essen auf, ein halber Laib trockenes Brot und einen irdenen Becher mit klarem Wasser. "Ich werde dich jetzt füttern, da ich dich sicher nicht losbinden werde, zumindest nicht nach dieser Aktion," sein Ton war nun neckisch und keine Spur von Zorn war mehr darin enthalten. "Also mach den Mund auf, hier kommt der Flieger." Der Schalk blitzte in seinen Augen, während sich seine Finger ihrem Mund näherten. Sie weigerte sich den Mund zu öffnen. Das war einfach zu entwürdigend. Andererseits, wenn sie entkommen wollte, musste sie bei Kräften bleiben und das konnte sie nur, wenn sie aß und trank. Sie war einfach nicht in der Lage wählerisch zu sein. Also öffnete sie den Mund und ließ sich von ihm füttern, bis die Hälfte aufgegessen war. Dann trank sie aus dem Becher, den er ihr an das Kinn hielt und stieß einen Seufzer aus. Das hatte gut getan. "Wie heißt du?", fragte er sie. "Wo bin ich hier?", konterte sie seine Frage mit einer Gegenfrage. Sie war schon immer ziemlich vorlaut gewesen. Damals in der Schule hatte ihr das viel Ärger eingebracht und meistens bereute sie das, was sie sagte recht schnell. Einer ihrer ehemaligen Lehrer hatte sie einmal als impulsiv beschrieben, damals wusste sich nichts mit dem Wort anzufangen, aber heute wusste sie, dass der Lehrer recht gehabt hat. "Verlegen bist du nicht, was? Nicht einmal in so einer Situation", lachte er, wobei in seinem Gesicht kleine Lachfalten rund um Augen- und Mundpartie erschienen. Er war ihr ein Rätsel. Auf der einen Seite schien er nett, witzig und zuvorkommend zu sein, zumindest glaubte sie das. Doch auf der anderen Seite, daran hatte sie keinen Zweifel, hatte er sie entführt und hierher gebracht und ihr mit dem Tod gedroht. Sie wurden einfach nicht schlau aus dem Ganzen.


Sie probierte es nochmal. " Sag mir deinen Namen, dann sag ich dir meinen." Er verzog das Gesicht. "Du kannst Luz zu mir sagen und wie ist dein Name?" "Ich heiße Sabrina. Könntest du mir vielleicht verraten wo wir uns hier befinden? Hat dich Raven geschickt? Warum bin ich hier?" Sie wollte selbstsicher klingen, aber es war ihr unmöglich das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. "Du befindest dich in einer Hütte im Wald." Damit wusste sie genauso viel wie vorher. Super. " Und ja, Raven, unser aller unbekannter Wohltäter, nicht wahr?", spottete er. "Ich halte nicht viel von ihm, wenn du verstehst was ich meine." "Ich kann dich sogar sehr gut verstehen. Seit ich das erste mal von ihm gehört habe, passieren ständig seltsame Dinge. Natürlich befolge ich das, was er sagt, wie jeder von uns, aber gerne tue ich das nicht.", energisch schüttelte sie ihren Kopf, sodass die Haare hin und her flogen, während ihre Fesseln klirrend in ihr Fleisch schnitten. Ihr Gegenüber seuftze. "Ich tue es auch nicht gern und es tut mir unendlich Leid dich hier festhalten zu müssen. Aber so lautet nunmal mein Auftrag," er lächelte sanft und strich sich das braune Haar aus dem Gesicht, "also darfst du mir streng genommen auch nicht böse sein."


Ob er wohl wusste, wie dämlich sich das anhörte? Nein, anscheinend nicht. "Du könntest mich wenigstens losmachen, diese Stellung ist sehr unangenehm weißt du?", versuchte sie ihn zu überzeugen. "Das kann ich nicht." Trotz dieser Worte sah sie, wie sich der Zweifel in seine Augen schlich. "Aber es tut weh. Wenn ich dir schwöre nicht davonzulaufen?" Natürlich würde sie davonlaufen, sobald sich ihr die erstbeste Gelegenheit bot, dass wusste sie und sie konnte es ihm ansehen, er wusste es genauso. Er verzog das Gesicht als denke er angestrengt nach und kleine Grübchen am Kinn wurden sichtbar, die ihn schön erscheinen ließen. "Na gut, einen Versuch ist es Wert. Ich werde dich losmachen.", mit diesen Worten erhob er sich und hielt plötzlich ein Armeemesser mit schwarzer Klinge in den Händen," Mach keine Dummheiten, verstanden?" Als Antwort schüttelte sie nur stumm den Kopf. Er kam näher und durchtrennte die Stricke, die sie an der Verankerung hielten. Wegen dem langen Stehen in der unbequemen Position, gaben ihre brennenden Beine unter ihr nach. Ihre Hände waren taub und als das Blut wieder ungehindert durch die Adern floß, breitete sich ein prickelnder Schmerz überall auf ihrem Körper aus. Es fühlte sich an wie tausende von kleinen Nadelstichen, die sich in ihren Körper bohrten.


Sie wusste nicht wie lange sie so dasaß, doch es musste eine ganze Weile gewesen sein, den als sie wieder aufsah, der Schmerz war halbwegs verschwunden, saß Luz ihr auf einem einfachen , weißen Plastikstuhl gegenüber und beobachtete jede ihrer Bewegungen. "Hättest du auch die Güte und würdest bitte meine Fesseln lösen?". Er lachte, "Für wie dumm hältst du mich eigentlich?". Für sehr dumm, dachte sie, aber da habe ich mich wohl verschätzt. Sie versuchte ihm zu schmeicheln, " Ich halte dich nicht für dumm, ganz im Gegenteil, ich halte dich sogar für sehr intelligent, wie dein Handeln zeigt, habe ich mich nicht in dir getäuscht." Sie zwang sich zu einem Lächeln, doch innerlich brodelte es in ihr. Na warte, wenn ich frei bin, bist du ein toter Mann! Erschrocken über diese harte Reaktion hielt sie inne, ihre Augen wurden ein Stückchen weiter. Woher kamen diese Gedanken. War sie durch das Spiel bereits so verroht? Das durfte nicht sein! Wenn es bereits so war, so hatte sie bereits ihre Menschlichkeit, ihr Mitgefühl verloren und nicht nur das, denn wenn es so war, dann war auch sie verloren. Sie sah auf zu Luz. "Ich werde dich nicht frei machen, dafür vertraue ich dir noch nicht genug. Aber ich kann es dir bequemer machen. Und ich schlage dir einen Handel vor." Seine Augen blitzten amüsiert auf. Sabrina wahr hellhörig geworden. Ein Handel? Das könnte ihre Chance sein, je nachdem, was er verlangt. Doch bevor er ihr sein Angebot unterbreitete, stand er auf, holte von irgendwo her einen weiteren Stuhl und stellte diesen vor ihr ab. Dann schlenderte er zurück zu seinem Stuhl, schmiß die Tür zu und betätigte einen Schalter und an der Decke leuchtete eine altersschwache 80 Watt Birne auf, setzte sich und schlug genüsslich die Beine übereinander. Mit auffordernden Blicken gab er ihr zu verstehen ebenfalls Platz zu nehmen. Umständlich rappelte sie sich auf und konnte durch die Fesseln an den Füßen nur kleine, trippelnde Schritte machen. Mit einem erschöpften Seufzer ließ sie sich auf den Stuhl fallen und schaute wieder zu Luz. Dieser lächelte sie strahlend an, bevor er sagte,"Also hier mein Vorschlag, du erzählst mir deine Geschichte und ich dir meine. Wenn mir deine Geschichte gefällt, darfst du gehen.


Was zur Hölle war das denn für ein Vorschlag? Warum interessierte ihn das? Oder hatte er etwas anderes vor? Etwas, das sie noch nicht ahnen konnte? Verdammt! Es war aber anscheinend ihre einzige Chance und die konnte sie nicht einfach so verstreichen lassen. Diese Gedanken raßten ihr durch den Kopf. Sie versuchte irgendeinen Hintergedanken an dem Vorschlag zu erkennen, aber es gab keinen. Noch nicht zumindest. Zögernd nickte sie. "Ja das hört sich," sie stockte,"fair an." "Na siehst du, es geht doch!" Er stellte ihr nochmals ein Glas Wasser hin, das sie wegen ihrer Fesseln jedoch nicht greifen konnte. Sie warf ihm Blicke zu, die jeden anderen getötet hätten, theoretisch zumindest, ihm hingegen entlockten sie ein schelmisches Aufblitzen seiner beeindruckend moosgrünen Augen und seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben. "Entschuldige bitte! Ich vergaß, dass du nicht in der Lage bist...", er ließ den Rest des Satzes unvollendet. "Du darfst trinken sobald ich zufrieden bin. Also wenn ich bitten dürfte, fang an." Sie verdrehte genervt die Augen und schwieg einen Moment. Dann schluckte sie ihre Wut hinunter und fing an," Nun ja... alles fing an, als..."





2 Wochen zuvor






... ich abends ausging, ins Dreams." 

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