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Eva lag nichts an dem Geld ihres Vaters. Sie verdiente genügend in dem kleinen Fotogeschäft, um über die Runden zu kommen. Woran ihr etwas lag, war das alte Haus, das man vielleicht schon als Villa beschreiben würde, wäre es nicht so heruntergekommen.

Der Zustand des Hauses war ihr egal. Es war ihr Zuhause: Der Ort, an dem sie Laufen lernte; der Ort, an dem sie von dem großen Nussbaum fiel und sich den Arm brach; und es war der Ort, an dem sie seit Jahren auf die Rückkehr ihrer Mutter wartete.

Sie liebte dieses Haus einfach. Die Mängel, die es für andere kaputt aussehen ließ, gaben Eva das wohlige Gefühl der Heimat, den Ort, an den sie gehörte und den sie um keinen Preis der Welt verlieren wollte. Sie liebte jede einzelne Pflanze, die ihre Wurzeln weiter in die Mauern hinein trieb, die daraus resultierenden Spalten und Risse, den Tümpel, der nach starkem Regen den halben Garten in ein Sumpfgebiet verwandelte, und sie liebte den Lufthauch, der durch das ganzen Haus zog. Sie liebte es einfach zu sehr, um es zu verlieren. Es wäre, als würde sie einen Teil von sich verlieren.

Eva saß auf einem Holzstuhl und verbrachte die Zeit, in der sie auf die Testamentseröffnung wartete, damit, über Simone, ihre nicht einmal zehn Jahre ältere Stiefmutter, nachzudenken. Eva nannte sie vor ihren Freunden nur den Egel, denn in ihren Augen war Simone nichts Anderes: ein geldgeiler Blutegel.

Eva hasste Simone, sie verabscheute sie sogar. Vor allem hasste sie es, wie abfällig Simone über die Mutter des Balges und das abrissbereite Haus sprach, wenn Vater nicht in der Nähe war.

Das Einzige, was Simone am Haus schätzte, war ihr Beet mit den rosa Rosen, dem man niemals zu nahe kommen durfte. Alles andere am Haus verabscheute sie: das Unkraut an den Wänden, die Risse, den Schlamm, der ihre Schuhe ruinierte, und vor allem den Wind, der durch das alte Gemäuer blies und bei ihr Schnupfen auslöste. So gut wie alles an dem Haus war für sie unerträglich, und doch war es ihr sehr wichtig, dass sie es bekam. Eva konnte sich keinen Reim darauf machen. Simone konnte sich mit dem geerbten Geld ein für sie angemessenes Haus leisten oder sich gleich an den nächsten Mann mit dicker Brieftasche ranschmeißen.

Nach der Verkündigung des Testaments konnte Eva es nicht fassen: Ihr eigener Vater hatte das ihr Wichtigste an den Egel vermacht. Sie wusste nicht, ob sie traurig oder wütend sein sollte.

Als sie durch starken Regen zu ihrer Wohnung fuhr, kam ihr ein Einfall, wie sie sich ein wenig beruhigen konnte. Sie wollte sehen, wie Simone mit ihren besten Schuhen, die sie extra für den Anwalt angezogen hatte, durch den Matsch musste, um die Haustüre zu erreichen.

Kurz nachdem Eva am alten Haus angekommen war, vernahm sie Hilferufe von der Rückseite. Belustigt lief sie zu der Hilfesuchenden, um dem theatralischen Schauspiel beizuwohnen, doch das, was sie sah, hatte Eva nicht erwartet. Der Tümpel war so groß wie noch nie. Er unterspülte sogar die aufgehäufte Erde des Rosenbeetes und breitete sich, obwohl es aufgehört hatte zu regnen, immer weiter aus. In der Mitte des ganzen Chaos stand Simone, bis zur Hüfte versunken im so gehassten Tümpel und übersät von Blutegeln.

Eva war gerade im Begriff, eine helfende Hand auszustrecken, als sie mit ansehen musste, wie ihre Stiefmutter blitzartig in die Tiefe gezogen wurde. Kurze Zeit passierte nichts, doch dann kam an der Stelle, an der sich das Rosenbeet befunden hatte, etwas an die Oberfläche.

Es war eine Frauenleiche. Nicht Simone, jedoch erkannte Eva sie.

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