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Angespannt stand ich vor dem Spiegel. Sorgfältig betrachtete ich dieses ausgehungerte, müde Wesen vor mir. Die Haut war leichenblass. Dunkle Augenringe zierten sich unterhalb meiner roten Augen. Und zerzauste braune Haare unterstrichen mein grauenvolles Aussehen. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich nicht im Geringsten annehmen, dass ICH dieses Wesen war. Aber so war es nunmal. Ich war das widerlichste, heruntergekommenste Wesen auf diesem Planeten. Angewidert von mir selbst entfernte ich mich ein Stück von dem Spiegel und begab mich in Richtung eines großen Schrankes. In der hintersten Ecke wartete die Erlösung auf mich. Endlich!

Zitternd versuchte ich den weißen Deckel der durchsichtigen Dose, ohne einen kleinen Laut zu machen, zu öffnen. Nach etlichen Versuchen hatte ich es geschafft. Behutsam schüttete ich mir eine Handvoll des Inhaltes auf meine Hand. Es waren kleine schneeweiße, runde Tabletten, die mich in das Land der Stille und Träume entführen würden. Kein Gelächter mehr der Menschen, die ich hasste. Keine Taten mehr, die meine Seele zerreißen würden. Keine Verletzungen mehr, die meinen zierlichen Körper übersehen würden. Nichts dergleichen würde meinen Körper oder meinen Geist mehr quälen können, sobald ich eingeschlafen war…

Nun trat ich vor den Spiegel. Ein allerletztes Mal wollte ich mir tief in meine roten Augen blicken. Ich wollte Einblick in meine gequälte Seele haben, die in einer Dunkelheit, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte gefangen war. So dunkel und so zerrfressen von all dem Schmerz, der sich über die Jahre hinweg aufgebaut hatte ich meine Seele noch nie gesehen. Langsam schloss ich meine Augen. Mein Atem ging gleichmäßig und mein Herz schlug im selben Rhythmus wie immer. Mit jedem Mal, das ich meine Hand näher zum Mund führte, spürte ich, dass ich immer entspannter wurde. Ich war bereit. Bereit meine Erlösung anzutreten. Mich von der Welt zu verabschieden. Dem Ende entgegenzutreten… Plötzlich klopfte es an der Tür und eine besorgte Frauenstimme drang gedämpft durch die verschlossene Tür an mein Ohr.

„Alice?“, rief sie meinen Namen. „Ist alles ok bei dir?“ Schnell würgte ich die Tabletten mit einem großen Schluck Wasser herunter und öffnete ihr die Tür. Normalerweise wollte ich ihr diesen Anblick ersparen, doch jetzt war dazu keine Zeit. „Alles gut Mum,“ versicherte ich ihr. Um es noch glaubhafter wirken zu lassen, zog ich ein Lächeln entlang meiner Mundwinkel. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie damit anlog. Schon die Jahre zuvor hatte ich sie mit demselben, getäuschten Lächeln angelogen. Immer und immer wieder. Tag für Tag. Jahr für Jahr. 15 Jahre lang. Doch heute sollte es das letzte Mal sein. Ein allerleztes Mal, sollte sie mein gespieltes Lächeln sehen können.

Plötzlich verspürte ich ein krampfhaftes Ziehen entlang meiner Magengegend. Zugleich wurde mir schwindelig, sodass ich mich notgedrungen an dem Rand des Waschbeckens halten musste. „Alice Schatz, was ist mit dir?!“, rief meine Mutter panisch, doch ihre Worte klangen so gedämpft, als ob man mir dicke Wattepads ins Ohr gelegt hätte, die jegliche Geräusche und Wörter der Außenwelt abdämpften. Langsam verlor ich das Gleichgewicht und meine Hand rutschte vom kühlen Keramikbecken ab. Nur sehr verschwommen konnte ich das entsetzte Gesicht meiner Mum sehen, wie sie neben mir kniete und meinen Namen schrie.

Das letzte Mal sah ich meiner Mutter ins Gesicht und lächelte erleichtert, während ich mit schäumenden Mund den altbekannten Satz sagte: „Alles gut Mum.“  


Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 11:34, 5. Mai 2017 (UTC)

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