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„Sehr geehrte Herr und Frau Lehmann,

hiermit setzen wir Sie hierüber in Kenntnis, dass ihr Sohn, Jonas Lehman, am 19. Februar 16 sein siebtes Lebensjahr beenden wird.
Das obligatorische psychologische Gutachten sollte innerhalb von zwei Wochen nach dem 8. Geburtstag eines jeden Kindes erstellt werden. Wir bitten Sie daher, an Ihrer lokalen Erhebungsstelle frühzeitig einen Termin zu vereinbaren.

Sollte ihr Kind während dieses Zeitraumes erkrankt sein, bitten wir Sie, schnellstmöglich ein Attest bei Ihrer lokalen Erhebungsstelle vorzulegen. Das psychologische Gutachten darf in diesem Fall auch noch drei (beziehungsweise vier) Wochen nach Vollendung des 8. Lebensjahres erstellt werden.

Mit freundlichen Grüßen,

Angelina Eichner

Bundesministerium für Familie (BMF) "

Als wir diesen Brief lasen, wurde meine Frau ganz nervös. Sie zappelte auf ihrem Stuhl, drehte das Radio lauter als gewöhnlich, und konnte sich nicht eine Sekunde still halten.

Ich sagte ihr immer wieder, dass sie nichts zu befürchten hatte. Jonas war ein schlauer Junge, und er würde mit diesem psychologischen Test keinerlei Probleme haben. Doch jedes Mal, wenn ich ihr das sagte, erwiderte sie: „Aber genau das macht mir doch Sorgen, Markus!“, und dann brach sie jedes Mal in Tränen aus.

Ihre Hysterie war auch der Grund dafür, dass ich Jonas schließlich allein zur Erhebungsstelle fuhr. Ich wollte nicht, dass Magda ihn mit ihrer Angst ansteckte und er sich Sorgen wegen des Tests machte. Während der kurzen Autofahrt stellte er mir die ganze Zeit Fragen über den Test, jedoch ohne eine Spur von Beunruhigung in der Stimme. Er schien ganz gefasst zu sein, und das freute mich, auch wenn ich seine Fragen nicht beantworten durfte. Die Kinder mussten völlig unvorbereitet sein, nur so lieferte der Test ein eindeutiges Ergebnis.

Als ich das Auto vor der Behörde parkte, kamen jedoch auch mir Zweifel – meine Frau hatte mich mit ihrer Sorge angesteckt. Jonas war clever, er stellte oft viele Fragen und war insgesamt ein sehr neugieriges und aufgewecktes Kind. Aber es würde bestimmt alles gut gehen.

Hand in Hand betraten wir das Gebäude, das erdrückend wirkte: Ein alter Bau aus Backsteinen, am Rande des Industriegebiets, an das sich das Gebäude der Müllverbrennungsanlage anschloss. Es stank bestialisch, und ich dankte Gott im Stillen, dass ich nicht im Industriegebiet arbeiten musste.

Der Warteraum war mit blauen Teppichen ausgelegt und mit vier Stuhlreihen ausgestattet, auf denen Kinder in Jonas‘ Alter mit ihren Eltern saßen. Manche Mütter waren genauso aufgeregt wie Magda, und einige Kinder hatten Plüschtiere als Glücksbringer dabei. Es gab keine Fenster – der Ausblick wäre ohnehin bescheiden gewesen – aber die Klimaanlage surrte leise und die Neonröhre an der Decke spendete warmes Licht. Die junge Dame an der Anmeldung wirkte gelangweilt, als sie Jonas‘ Gesicht mit dem Foto auf seinem Kinderausweis verglich. Danach schob sie mir einen Anmeldezettel hin, unter den ich meine Unterschrift setzte. Sie reichte uns eine Nummer. Wir setzten uns wieder. Es hieß Warten.

Ich wurde von Minute zu Minute nervöser, aber Jonas lächelte mich immer wieder beruhigend an und nahm meine Hand. „Was soll schon passieren, Papa?“, fragte er, und ich lächelte zurück und nahm ihn fest in den Arm. Es war unsinnig, so nervös zu sein.

Als ein Assistent Jonas‘ Nummer aufrief, kamen mir fast die Tränen - dabei war ich nie ein besonders gefühlsduseliger Mensch gewesen. Ich hatte die ganze Woche über immer wieder beruhigend auf Magda eingeredet, und war ich derjenige, der aufgeregt war. Der Assistent lächelte und ging vor Jonas in die Hocke.

„Mein Name ist Dr. Just, und du bist sicher Jonas Lehman?“, fragte er. Er war jung, höchstens dreißig, mit haselnussbraunem Haar und einer runden Brille. Jonas nickte, und der Assistent reichte ihm seine Hand.

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es wird sicher alles gut gehen“, erklärte der Assistent an mich gewandt, und ich nickte höflich. „Das Gutachten wird einige Stunden in Anspruch nehmen, es wäre besser, Sie würden zuhause warten und sich ein wenig entspannen. Sie erhalten von uns eine Nachricht, wenn die Ergebnisse vorliegen und Sie Ihren Sohn abholen können.“

Ich nickte wieder und schüttelte dem Mann die Hand. Dann verschwand er mit meinem Sohn in eins der angrenzenden Zimmer. Jonas winkte mir und lächelte immer noch, bis die Tür hinter ihm geschlossen wurde.

Ich fuhr nach Hause zu meiner Frau. Hatte ja doch keinen Sinn, sich unnötig verrückt zu machen. Knappe vier Stunden später erhielt ich eine Nachricht auf mein Handy:

Herr Lehmann,

zu unserem großen Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn, Jonas Lehmann, den staatlich zugelassenen Höchst-IQ überschritten hat. Die Unkosten für die Beseitigung des Leichnams belaufen sich auf 8€. Wenn Sie eine staatliche Bestattung wünschen, ist auch dies gegen einen Aufschlag von 42€ möglich.  

Mit freundlichen Grüßen,

Dirte Neubauer,

Bundesministerium für Familie (BMF)

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