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„Guten Tag mein Name ist Dr. Lemeneg, was kann ich für Sie tun?“ Ich stand das erste Mal in seinem dezent eingerichteten Behandlungszimmer. Der erste Eindruck bestach durch Freundlichkeit und durch die geographische Nähe sollte das mein neuer Hausarzt werden. Er schien locker, da ich unverblümt mein Anliegen vorbrachte und er kaum mit einer Wimper zuckte, bevor er an seinem Computer zu tippen begann. „Ich will ehrlich sein, ich bin selbstständig, aber studiere noch nebenher und hab mich etwas verplant mit der nächsten Klausur, könnte sie mich dafür bitte krank schreiben?“


Über die nächsten zwei oder drei Semester hinweg brauchte ich noch das eine oder andere Mal eine entsprechend gefälschte Entschuldigung, da einfach der Stress als Unternehmer unerwartet hoch sein kann. Ich hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei, aber zeigte mich höflich und dankbar. Irgendwann kamen der Doktor und ich in das unvermeidliche Gespräch über meinen Betrieb und was ich so machen würde. Bereitwillig erzählte ich über meinen Alltag als Trading Consultant. Ich verfasste Berichte zu einzelnen Rohstoffen oder Aktienkursen, welche mein Unternehmen an Fondsmanager und Banken verkaufte. Da bat Dr. Lemeneg mich plötzlich um einen Gefallen. Er hätte da einen Neffen mit einem Doktor in Finanzmathematik, der trotz seiner Expertise die Gegenwart von Menschen scheute. Ich sollte ihm eine Chance in meinem Unternehmen geben. Ich stellte so wenige Fragen, wie er bei meinen Klausur-Entschuldigungen, händigte ihm meine Visitenkarte aus und wartete auf die Kontaktaufnahme.


Ungefähr einen Monat später meldete sich der Neffe Otmar via Skype. Der kleine Videoausschnitt, der sich nur auf sein peinlich genau gestyltes, bleiches Gesicht beschränkte, wirkte tatsächlich etwas eigenartig. Im Hintergrund war nichts zu erkennen, nur seine schlaffen Gesichtszüge, sein steif zurückgekämmtes, aschblondes Haar und seine blutunterlaufenen Augen blickten mich starr und trotzdem verletzlich an. Die Antworten auf meine Fachfragen wirkten hingegen strahlend brilliant und so gab ich ihm eine Chance.


Er arbeitete zwar von Zuhause aus, aber ich sollte diese Entscheidung nicht bereuen. Seine Berichte zu der Preisentwicklung von Mais oder Reis glänzten durch ihre Stichhaltigkeit und später auch durch das Eintreten seiner Prognosen. Der Rubel rollte, wie es so schön heißt. Ich wollte mich auch immer wieder erkenntlich zeigen, doch er erschien zu keinem Weihnachtsessen und blockte jede Einladung ab. Ich bekam immer nur dieses ungesund wirkende Gesicht ohne jeglichen Hintergrund in den Skype Videochats zu sehen.


Während einer dieser Online-Konferenzen passierte es dann auch. Im Hintergrund war ein Geräusch zu hören und plötzlich erstarrte das Gesicht von Otmar in Panik. Dieser Gesichtsausdruck erschien noch erschreckender, da er sein Gesicht nicht von der Kamera weg drehte, aber gleichzeitig wie unter Todesangst versuchte mit seinen Augen den Raum hinter ihm zu erfassen. Die Fratze vor mir war also nicht nur durch Schrecken, sondern ebenfalls durch diese unmöglich erscheinende Aufgabe entstellt. Dann brach das Videotelefonat abrupt ab. Meine wiederholten Call Versuche wurden nur durch die Chat Nachricht „Ich melde mich später, es ist alles in Ordnung“ beantwortet. Dieser erlebte Gesichtsausdruck sprach jedoch ganz andere, verstörende Bände.


Der erlebte Anblick ließ mich nicht mehr los. So begannen meine genaueren Nachforschungen. Doch die Adresse auf seinen Honorarnoten ergab sich schnell als Sackgasse. Plötzlich fiel mir etwas in Otmars Berichten auf. Jede seiner Prognosen war in sechs Absätze gegliedert. Ein Umstand, der gemäß des Umfangs Sinn ergab und dem Stil des Verfassers zugeschrieben werden konnte. Doch in dieser Situation machte er mich stutzig.


Bei genaueren Nachforschungen stellte ich fest, dass der sechste Buchstabe im ersten Absatz immer „K“ lautete. Im zweiten Absatz ergab sich ein ähnliches Muster, der fünfte Buchstabe schien absolut unbeirrbar ein „i“ zu sein. So setze ich einen Ausspruch zusammen, der sich in jedem seine Werke wiederholte. Ich prüfte es erneut und erneut, denn ich konnte es nicht glauben, es musste ein Zufall sein, aber „Kill me“ wiederholte sich ausnahmslos.


Diese zwei Wörter raubten mir über Tage den Schlaf. Wie sollte ich vorgehen? Meine einzig verbleibende Spur war mein Hausarzt, aber ich scheute mich vor der direkten Konfrontation. Ich musste die Angelegenheit äußerst geschickt angehen.


Wie gewohnt besuchte ich die Arztpraxis um eine Entschuldigung abzuholen - nur dieses Mal für eine Klausur die gar nicht statt fand. Ich versuchte das Gespräch auf Otmar zu lenken und lobte seine Arbeit, schwärmte welch eine Bereicherung er doch sei. Alle Antworten von Dr. Lemeneg wirkten freundlich und normal. So fasste ich mir den Mut um nach der falschen Adresse zu fragen. „Dieser schüchterne Junge will sich sogar vor seinem Arbeitgeber verstecken. Ich werde ihm klar machen, dass dies überhaupt nicht nötig ist!“


Diese Entgegnung klang tatsächlich selbstsicher und beruhigend. Es dauerte auch nur ein paar Tage bis Taten auf die Beschwichtigung folgten. Nur per Mail erhielt ich eine freundliche Einladung von Otmar mit einer ganz neuen Adresse. Sie führte mich mit einem Geschenkkorb im Arm zu einer größeren Villa im hügeligen Luxusviertel der Stadt. Eine ältere Frau öffnete die schwere, verzierte Holztür aus Walnuss. Sie stellte sich als Otmars Mutter vor.


Nach einem kurzen Gespräch wurde ich von der unschuldig wirkenden Frau aufgefordert Otmar im Keller des Hauses zu treffen wo er wegen seinem schüchternen Gemüt die Tage verbrachte. Der bewusste Teil meines Verstandes wog sich noch in Sicherheit, doch mein Unterbewusstsein verfluchte schon meine ewige Neugierde. So war vielleicht nur die Hälfte meines Selbst davon überrascht Dr. Lemeneg dort vorzufinden.


„Mit Ihnen hätte ich nun nicht gerechnet“ plapperte mein Mund ohne die Unterstützung meines Gehirns. Dieses beschäftigte sich nur mehr mit der Suche nach einem Ausweg, während mir das typisch charmante Lächelns des Arztes entgegen strahlte. „Noch nie hat ein Gast wirklich einen anderen Gastgeber in diesem Haus erwartet!“ entgegnete er mir. „Ich muss nun dringend gehen, ich habe etwas vergessen...“ machte sich mein Mund erneut selbstständig, während ich mich schon umdrehte und den Blick auf die erlösende Treppe richtete.


Es sollten meine letzten drei Schritte folgen bevor meine Beine ihren Dienst aufgaben und ich der Länge nach auf den Boden aufschlug. Zwei spitze Vorrichtungen sprangen aus beiden Wänden des Korridors und durchbohrten meine Knöchel. Noch bevor das Schmerzsignal meinen Kopf erreichte, hatte ich durch die Krafteinwirkung das Gleichgewicht verloren und anstatt der Freiheit sollte ich nur mehr den Boden küssen können.


Der Arzt baute sich über mir auf und sprach „du wolltest doch so dringend Otmar kennen lernen. Es gehört zu den guten Sitten an den eigenen Prioritäten festzuhalten.“ Der großgewachsene Mediziner entfernte die Spitzen aus meinen Gelenken und packte meine Arme, um mich einen Flur entlang, tiefer in den Schrecken zu ziehen. So wie der Begriff Himmel die unendliche Pracht des Guten beschreiben sollte, so dient das Wort Hölle als Ersatz für das unvorstellbare Böse. Ich benötigte dieses Wort nicht mehr. Der Schrecken versteckte sich nicht mehr hinter einem Schleier, der unser gutes Gemüt schützen sollte. Bis in den letzten Winkel offenbarte sich meine Hölle während der Arzt einen scheinbar altbekannten Monolog zelebrierte.


„Der menschliche Geist besitzt in unserer heutigen Zeit keinen Fokus mehr. Er wird abgelenkt von Medien und Emotionen. Ich strebe danach dieser Verschwendung Einhalt zu gebieten.“ Wir kamen in einen Raum, in dem es nach Sterilität stank. Meine Blicke schwirrten in alle Richtungen um damit Hilfeschreie zu ersetzen, denen meine längst entfremdete Kehle nicht mehr fähig war. Ich erblickte Otmar. Er war kein schüchternes Finanzgenie. Zentimeter vor einem Bildschirm ragte ein Kopf aus einer Box, fixiert über Röhren, die in seinen Hinterkopf drangen. Auf dem Schirm flackerten Zahlenreihen in unmenschlicher Geschwindigkeit und spiegelten sich in seinen gebannt starrenden Augen. Innerhalb der durchsichtigen Box erkannte ich zwei Armstümpfe in die Kabel drangen. Beine sah ich keine und hätten in der beengten, futuristisch anmutenden Box wohl auch keinen Platz mehr gefunden.


Der Monolog von Dr. Lemeneg hatte zu keinem Zeitpunkt gestoppt, aber erst jetzt konnte ich ihm wieder folgen. „Die Versuche an der konzentrationssteigernden Rezeptur, welche direkt in das Gehirn geleitet wird, verbessert sich ständig. Die geringfügigen körperlichen Modifikationen tragen zum Ablegen jedweder ablenkender Emotionen bei und gerade erst kürzlich ist es mir gelungen die Nervenbahnen der Arme direkt anzuzapfen, um Finger für das Tippen überflüssig zu machen. Es handelt sich dabei um eine weitere Optimierung hin zum rein virtuellen Menschen. Ein Wunsch unserer Gesellschaft, den ich bald komplett erfüllen kann.“ Der Mensch hat aus gutem Grund nur eine wage Vorstellung der Hölle. Der Verstand erträgt sie nämlich nicht und kapituliert an irgendeinem Punkt. Leider hatte sich mein Gehirn das denkbar schlechteste Timing für diese Aufgabe ausgesucht, denn nach der Abschaltung des Bewusstseins hallen die letzten gehörten Worte unaufhörlich im Geiste wieder: „und nun darfst auch du mein Neffe sein!“


Autor: Patrick yung Berger

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