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Hast du auch schon einmal das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden, als du einschlafen wolltest?

Hast du auch schon einmal das Gefühl gehabt, das alles um dich herum zu flüstern und zu wispern beginnt, sobald du die Augen schließt? Hast du auch schon einmal das Gefühl gehabt, dass sich eine seltsame Welt öffnet, sobald du dich der Dunkelheit übergibst, die dich unwiederbringlich umgibt?


Vielleicht fühlst du dich dann wie ich.

Ich fühle mich jeden Abend so. Dann höre ich die alten Balken unseres Holzhauses stöhnen und ächzen unter dem Gewicht, das ich mein Zuhause nenne. Ich höre die drei kleinen Porzellanpuppen von meiner Großmutter kichern und ich höre irgendein krallenbewehrtes Wesen an meiner Tür scharren. Ich habe keine Katze, hatte ich noch nie gehabt.


Ich hatte einen Vogel, Argo, sein leerer Käfig steht immer noch unten im Wohnzimmer, aber er war das einzige, dass ich ausgerechnet nicht gehört habe, sobald ich meine Lider aufeinandersenkte.

Dabei war er tagsüber immer recht munter und laut, so wie es Wellensittiche eben immer sind.

Ich will euch hier nicht mit dem tragischen Tod meines Vogels aufhalten, der vor ungefähr einer Woche eingetreten ist, ich will euch zeigen, wer mich abends, und vielleicht auch euch, in den Wahnsinn treibt.

 


Es ist kein Traum, das kann ich euch gleich sagen.

Es ist kein Traum, ich weiß es einfach. Ich habe keinen bestimmten Grund…es ist ein Gefühl, ein uralter Instinkt, der mir sagt: Es ist kein Traum!


Es ist KEIN Traum!


Diese Stimme hat in mir geschrien, als ich ihn zum ersten, und hoffentlich auch zum letzten Mal, gesehen habe.


RICHTIG gesehen.


Es muss ein Zufall gewesen sein... Er zeigt sich einem nicht... Vielleicht hat er wirklich gedacht, ich würde ihn vergessen.


So wie man schlechte Träume immer vergisst.

Aber ich habe IHN nicht vergessen. Das könnte ich nicht.


Denn er ist derjenige, der nachts in den Schlafzimmern von Menschen herumschleicht, der ihre Kuscheltiere und Puppen zum Reden bringt, er ist derjenige, der auf leisen Sohlen das Holz, das Parkett zum Knarzen und den Teppich zum Rascheln bringt.

Er spinnt unsere Träume, hat sie alle in einem großen Buch dabei.


Ich bin mir sicher, dass er es liebend gern ablegen würde, aber das ist eine Aufgabe, zu der er verdammt wurde.



Er ist nicht der Sandmann.

Lasst mich das bitte klarstellen. Er hat keinen Sand, den er Kindern in die Augen streut, damit diese sich danach wohlig und geborgen fühlen.


Wenn er spricht, wenn er anfängt, mit seiner flinken Zunge und den zuckenden Lippen, wenn er anfängt zu erzählen, dann erzählt er Alpträume.


Ich bin mir nicht sicher, ob er das wirklich will, weil er so traurige braune Augen hat, weil sie einen so mitleidig mustern, wenn man sich unruhig und ruhelos hin- und herwälzt, ohne seinen Frieden in dem undurchdringlichen Chaos seiner eigenen Gedanken zu finden.


Weil er mich so mitleidig gemustert hat, als ich aus dem Schlaf aufgeschreckt bin und ihn erblickt habe.

Ich dachte, er wäre ein Schatten, einer dieser bestimmten Schatten, die aussehen wie die Verstecke von irgendwelchen Monstern – oder aber wie die Umrisse von Personen.


Mit seiner schnarrenden Stimme hatte er mich in den Schlaf gewiegt. Er sagte, mit einem ruhigen Blick in sein dickes Buch:


„…Und da erblickte das kleine Mädchen den Schatten, der so lauernd über ihr thronte als wollte er sie jeden Augenblick anspringen. Sie wagte kaum zu atmen in der eng um ihren Leib geschlungenen Decke, sie kniff nur angestrengt die Augen zusammen und hoffte auf einen Traum. Einen weiteren Alptraum, dem sie entfliehen

 

 konnte…“


Ich zuckte nicht zusammen, als ich seine Stimme hörte.

Aber sie machte mich auf der Stelle müde. Er erzählte mir keine Geschichte, er erzählte mir, was ich gerade wirklich fühlte.


…Oder…fühlte ich nur, was er mir erzählte?


Langsam normalisierte sich mein Herzschlag wieder und meine Atmung wurde ruhig und gleichmäßig.

Meine Lider flatterten, bleierne Müdigkeit übermannte mich. Ich gähnte. Wahrscheinlich war ich wirklich kurz davor, ihn zu vergessen.


Hinter ihm hörte ich meine Puppen flüstern und Krallen über den Boden scharren, aber von ihm ging eine seltsame Ruhe aus.

Es war wie eine dunkle Aura, die ihn umgab, die niemals von ihm wich, an ihm klebte wie ein Schatten. Ich warf noch einen Blick auf ihn, er war jetzt verschwommen, weil ich meine Augen nicht ganz geöffnet hatte.


Aber ich sah die eingefallenen Wangen, seine aschgraue, faltige Haut, sein kantiges Gesicht und die Kapuze, die es einrahmte.


Der Mantel, zu dem die Kapuze gehörte war genauso schwarz wie der Rest meines Zimmers und so verschmolz er damit, alles was ich sah, war das Weiße in seinen Augen, aber selbst das wirkte matt und nur eine unbestimmte

   Lichtquelle reflektierend, anstatt leuchtend.



Er hob seine knochige Hand, die wirkte wie die knotigen alten Zweige einer Weide.

Lang und genauso seltsam schmutzig, beschmiert mit Ruß, als hätte er durch Feuer und Flammen waten müssen, um mir zu begegnen und sich neben mir niederzulassen.


Abwesend nahm ich wahr, wie seine Hand immer näher kam, wie sie sich anschlich wie eine riesig große Spinne.

An seinem dürren Handgelenk waren drei Bändchen befestigt, Fäden, mit winzigen Holzkugeln an ihrem Ende – sie klimperten rhythmisch aneinander, als er näherkam.


Das Wispern der Puppen, das Kratzen der Klauen und das Ächzen des Holzes wurde für einen Augenblick so real wie noch nie zuvor, es wurde lauter.



Alles in meinem Zimmer lebte.



Eine fühlbare Spannung erlosch augenblicklich, als die Gestalt ihre lange Hand auf mein Gesicht legte, ganz sanft, so als wollte er mir nicht wehtun.

  Jedes Geräusch war augenblicklich verstummt. Sie beobachteten uns.


Ich wusste es.



„Und jetzt vergiss mich, kleiner Träumer“



Und so schlief ich ein, seine Worte waren ein stilles Flehen gewesen, vielleicht sogar ein hypnotischer Befehl, was wusste ich schon.

Alles, was mir klar war, war, dass ich noch wusste, wer er war, als ich am nächsten Morgen aus einem Alptraum erwachte, in der eine vermummte Gestalt mich mit einem Messer verfolgt hatte. Ich wusste, dass er da gewesen war, und dass er dafür verantwortlich war, dass mein Zimmer ihn jeden Abend so lebhaft begrüßte. Es war fast so, als erwarteten die Porzellanpuppen, das unsichtbare Wesen mit den Krallen und das erschöpfte Holz ihn, damit er sie lebendig machte.


Er macht Alpträume wahr, so scheint es mir.

Er ist der Alptraum, den wir alle fürchten.


Aber er ist auch ein Erzähler, ein Vorleser und er spinnt unsere Alpträume wie einen schwarzen Faden, den er bei unserem Erwachen mit sich nimmt und in seinem Buch in einer Geschichte verewigt.


HNI 0069.jpg

das ganze ist mit Buntstift gemalt...und sieht dementsprechend so aus. Wer's besser machen kann, soll Bescheid sagen.

Wenn du nicht das Glück – oder Pech – hast, ihm zu begegnen, dann lausche einfach auf die Laute, die dein

 

Zimmer von dir gibt, sobald du deine Augen geschlossen hast.




Du wirst wissen, ob er sich in den Schatten verbirgt und wartet, bis zu einschläfst, damit er sich neben deinen wie tot wirkenden Körper setzen kann, sein großes Buch mit den vergilbten, gewellten Seiten aufschlägt und mit

seiner murmelnden, ruhigen Stimme zu erzählen beginnt.






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