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Der Mond schien matt durch das große gotische Fenster des langen Korridors. Sein weißes Licht spiegelte sich in den verschnörkelten Spiegeln an den dunklen Wänden, die eine Art finstere Energie auszustrahlen schienen. Die mächtigen Tannen vor den verglasten Toren zur Außenwelt, welche tagsüber in sattem Grün erstrahlten und das Heim riesiger Vogelschwärme boten, nun wirkten sie bedrohlich und wie eine Welt, die für keinen Menschen auch nur in ihrer Grausamkeit vorstellbar war. Der blutrote Teppich sackte bei jedem seiner Schritte ein, als würde dieses Gemäuer seinen gierigen Schlund aufsperren und ihn mit allen Mitteln zu verschlingen suchen. Langsam, darauf bedacht möglichst stiller zu sein als die unheimliche Nacht, die ihn umfangen hatte, bewegte er sich den schier endlosen Gang entlang.

Er wusste, dass er eigentlich hätte rennen müssen, hinfort von seinen Verfolgern, die seine gesamte Existenz in ihrer Blutgier zu vernichten strebten, und sosehr sich auch jede Faser seines hünenhaften Körpers sehnte auf der Stelle loszustürzen, sein eiserner Wille hielt diesem Druck entgegen. Schon seit Jahren waren sie ihm auf der Spur, waren durch halb Europa gejagt, nur um sein Antlitz endlich von Mutter Erde zu tilgen, sein Werk zu zerstören und sein Heim zu verbrennen. Lange hatte er ihnen entkommen können, hatte sich in der Dunkelheit versteckt und war ihnen immer vor der Nase entwischt, doch die schwarze Finsternis hatte sich nun offensichtlich gegen ihn gewendet, mit dem Ziel ihn hier, in ihrer Bastion auf Erden zur Strecke zu bringen. Aber noch war nicht alles verloren, nein. Hoffnung hatte er noch. Sie mag trügerisch gewesen sein, doch sie brannte, wie ein rettender Leuchtturm im düsteren Meer der Verzweiflung.

So bahnte er sich seinen Weg, vorbei an den schaurigen Bildern längst Verstorbener, die nun wie die Herren des Jüngsten Gerichts strafend auf ihn herabsahen, einer hasserfüllter als der andere. Einst waren sie Herren dieses mittelalterlichen Anwesens gewesen, doch nun waren sie verblichen, genau wie er es bald sein würde. Mittlerweile passierte er Bilder, so alt dass die Farbe schon fast völlig verblichen und die Leinwand vom Schimmelbefall zerfressen war.

Doch je älter die Abbilder der einstigen Adligen wurden, desto näher kam er der rettenden Tür. Sie war massiv, aus feinstem Ebenholz, sodass ihre schwarze Farbe sich nur bemerkbar machte, wodurch sie wie die vollkommene Finsternis, wie ein Altar des antiken Gottes Erebos wirkte. Sie war wie ein schwarzes Loch, das alles Licht dieser Welt in sich zu saugen und zu verbergen schien. Trotz allem beeindruckte ihn diese Kulisse nur wenig, das Adrenalin hatte seinen Körper durchflutet, sein Überlebenswillen erstickte jedes Anzeichen der Angst im Keim und ließ ihn nur an eine Sache denken: Entkommen. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern stieß er die mächtigen Flügel auf und trat hindurch.

Er musste blinzeln. Dann noch ein Mal. Das plötzlich auf ihn treffende Licht schmerzte in seinen Augen. Es brannte, als würde jemand versuchen ihn mit einem heißen Eisen zu blenden, schon seit mehreren Tagen hatten seine Augen nichts helles mehr erblickt. Nachdem die Orientierungslosigkeit der Blindheit abgenommen hatte, erkannte er seine Umgebung als die mächtige und erdrückend überfüllte Bibliothek des alten Schlosses. Um ihn herum standen gigantische Regale, bis zum Zerbersten gefüllt mit uralten Büchern, gebündelten Wissensspeichern in Sprachen, die er nicht verstand, aus Zeiten, die er nicht erlebte und Ländern, die kaum ein Mensch je erblickt hatte.

Sie alle standen hier in kleinen Einheiten, nach Themen sortiert ordneten sie sich um die Leseecke im Zentrum des Saals wie Planeten um einen leuchtenden Stern an. Doch er erfuhr nun weder Erleichterung noch Ehrfurcht noch Überwältigung. Nun, da sein Überlebensinstinkt erschöpft war, herrschte in seinem Inneren die Angst.

Denn die Feuerstelle in der Mitte diesen Gemachs bestand nicht aus erlischender Glut, die wie das sanfte Mondlicht den Raum in ein schummriges Rot tauchen sollte, nein, sie züngelte um sich mit der Macht einer Supernova, dazu bereit, den gesamten Raum und alle diese Schriften aus dem Gedächtnis der Menschheit ein für alle Mal zu versengen. Sie waren also hier gewesen. Wie war das möglich? Wie um alles in der Welt hatten sie hier eindringen, das mächtige Tor überwinden und sich bis hier, den hintersten Winkel des Anwesens vorkämpfen können? Aber sie hatten ihn nicht entdeckt, das war doch eine gute Nachricht. Doch er musste schleunigst los, denn anscheinend waren sie ihm dicht auf den Fersen. Bumm. Eine Tür fiel zu. Hämisches, schadenfrohes Gekicher. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Flapp. Alle Rollläden an den großzügigen Fenstern kippten gleichzeitig runter. Und erst jetzt wurde ihm bewusst was das hier war. Es war eine Falle.

Panisch drehte er sich um. Noch war die Tür nicht verriegelt, vielleicht würde es ihm gelingen, seine Peiniger zu überrumpeln. Er wollte gerade losstürmen, als er das knirschende Geräusch des schweren und alten Türschlosses vernahm. Nun war er vollständig eingekerkert. Während das Feuer im Zentrum dieses unheilvollen Saals immer wilder brannte, eilte er zu den Fenstern. Vielleicht würde er hier mehr Glück haben. Aber als er sie erreicht hatte, merkte er, wie trügerisch dieser Gedanke gewesen war. Das Fenster war ohnehin schon dick, doch neben den Rollläden waren auch Gitter hinuntergelassen worden.

Es war aussichtslos. Er hörte, wie mit einem lauten Knistern das erste Bücherregal Feuer fing. Jahrhunderte alte Schriften, voller Wissen und Geheimnisse, die nie ein Mensch hatte erblicken sollen, sie alle fielen innerhalb weniger Minuten den erbarmungslosen Flammenzungen zum Opfer. Nichts brannte besser als trockene Bücher. Er sah sich um, in seiner Verzweiflung rannte er kreuz und quer durch den Raum, hämmerte gegen Türen und Fenster, ohne Erfolg. Man würde ihm keine Gnade gewähren. Erschöpft ließ er sich in einem der majestätischen Sessel nieder, die eigentlich einst zur Erholung gedacht waren. Nun saß er hier, direkt am Feuer, darauf wartend von den heißen Boten des Todes gefangen zu werden.

Mittlerweile hatte Rauch die Luft verdunkelt, einige Regale waren schon zusammengestürzt, das Atmen fiel schwer. Ein letztes Mal ließ er seinen Blick durch den auch im Untergang noch prächtigen Saal schweifen. Seine Lider fielen immer wieder zu, er spürte wie Gevatter Tod seine kalten Finger nach ihm ausstreckte, um ihn von hier direkt in die Hölle zu bringen. Vielleicht war er auch schon da, er wusste es nicht mehr. Die Regale brannten oder waren mitsamt Inhalt schon zu Asche geworden, der Steinboden war schon an einigen Stellen angeschwärzt und die hölzerne Falltür war angesengt.

Moment. Die Falltür? Hatte er richtig gesehen? Ein letzter, finaler Schub an Tatkraft durchflutete seinen Körper, wie ein Phönix erhob er sich und schwebte nahezu über die Asche. Selbst durch seine Schuhe verbrannte er sich die Füße, aber das merkte er nicht. Er kam näher. In der Tat, eine Falltür. Schnell stürzte er auf sie zu und zog an dem eisernen Griff. Bestimmt war sie versperrt worden, wahrscheinlich war all seine Hoffnung umsonst, warum hatte er sich überhaupt diesem Traum hingegeben, das war doch...

Sie ging auf. Er wollte vor Freude schreien, doch seine Lunge brannte, es war als würde das Feuer sich auch bald in ihm entzünden. Schnell schwang er sich in die Schwärze, stieg die kalte Leiter hinab und merkte, wie die kühle Luft sein Inneres beruhigte. Er hatte es geschafft. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Finsternis gewöhnt, er sah selbst die Leiter direkt vor seiner Nase nicht, aber das störte ihn gerade nicht. Er war gerettet. Darauf kam es an. Plötzlich spürte er festen Boden unter den verkohlten Sohlen seiner Schuhe. Der kalte Stein kühlte angenehm seine Füße und er ließ sich auf den Boden sinken. Er hatte es überstanden. Langsam konnte er auch wieder etwas sehen. Er befand sich in einer Höhle, spärlich erhellt von einer anscheinend weit entfernten Lichtquelle. Ob dies der Ausgang war? Er blieb noch kurz sitzen, dann erhob er sich.

Sein gesamter Körper schmerzte, doch hier konnte er nicht bleiben. Langsam machte er seinen ersten Schritt. Stechender Schmerz durchzuckte seinen Körper. Es war, als hätte er das Laufen eben erst erlernt und müsste sich jetzt langsam wieder daran gewöhnen. Am liebsten wäre er gekrochen, doch seine Feinde hatten ihm alles genommen, nur seine Würde nicht. Diese hielt er immer bei sich, ein würdevoller Tod war ihm lieber als vor seinen Gegnern niederzusinken. ER konnte das schaffen. Und er würde es auch schaffen. Da war er sich sicher. Immer schneller torkelte er auf die Lichtquelle zu. Der Gang, durch den er humpelte, wurde immer größer, bis er schließlich zu einer gigantischen Grotte kam. Sie war erfüllt von Unmengen an kleinen, blau fluoreszierenden Kristallen. Doch inmitten all dieser Schönheit verbarg sich etwas. Er konnte es nicht direkt erkennen. Es waren Kisten, sie waren merkwürdig geformt, sie waren...Särge. Warum waren Särge in dieser Grotte? Das ergab doch überhaupt keinen Sinn? War das hier wirklich seine Rettung oder eher eine weitere Falle? Hatte man das alles geplant?

In seinem Augenwinkel bewegte sich etwas. Schnell drehte er sich um und fixierte die Stelle, an der er gerade noch etwas vermutet hatte. Nur kalte Steinwand. Plong. Hinter ihm fiel etwas auf einen Stein. Wieder wirbelte er herum. Nun konnte es keine Einbildung mehr sein. Hier war etwas. Und es bereitete ihm Angst. Die Schatten wirkten plötzlich viel bedrohlicher, die blauen Lichter nahm er plötzlich weniger als schön und mehr als unheilvoll und bedrohlich wahr. Wo war er hier gelandet?

"Willkommen!", grollte eine Stimme hinter ihm, so dunkel und markerschütternd wie es nur der Donner eines Herbststurms sein kann. Diesmal drehte er sich nicht um, er starrte einfach geradeaus. "Hallo", sprach er zu der nackten Steinwand, die ihm gegenüber war. Kurz war es still. Dann hörte er das Klatschen eines Fußes auf den nassen Boden. Noch immer drehte er sich nicht um. "Na, siehst du mein Werk?" Er hatte die Stimme schon lange erkannt. Es war das Gerede desjenigen, der ihn schon so lang verfolgte. Er schluckte, aber er schwieg. "Sind die Särge nicht schön? Florentinische Handarbeit. Wahre Meisterwerke."

Er fokussierte angestrengt die zerpflügte Wand vor ihm. "Was soll das hier?" Er wusste nicht woher diese Stimme kam, bis er sie als seine eigene erkannte. "Ach komm, ich bitte dich. Denk doch ein wenig nach." Der Gedanke drängte sich ihm förmlich auf. Doch er wollte ihn nicht zulassen. "Weißt du, wenn du nicht mitmachst, macht es gar keinen Spaß." Sein Peiniger machte einen Schritt auf ihn zu. Noch einen. Er lief direkt auf ihn zu, bis er seinen Atem im Nacken spürte. Er roch faulig, als hätte sich sein Verfolger ganz der Jagd verschrieben. Es stank nach rohem Fleisch, getrockneten Blut und einem Hauch von Schimmel.

"Und durch die Hand dieses Abschaums werde ich sterben." Noch während er das dachte, hörte er ein Zischen hinter sich und sofort spürte er den stechenden Schmerz in seiner Brust. Er sah nach unten. Eine hölzerne Spitze ragte aus seiner Brust. Der gesplitterte Pfahl war überzogen von dunkelrotem Blut. Seinem Blut. Er ging zu Boden. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchfuhr seine Hand und breitete sich langsam durch seinen ganzen Körper aus. Er sah, wie sie langsam grau wurde und zerfiel. Wie sie wie von einer unsichtbaren Macht weggeweht wurde und zu Staub zerfiel. Hier endete er also. Zwischen den Gräbern seiner Familie. Hier starb er, einer der ältesten und mächtigsten Bewohner unserer Erde. Der letzte seiner Art. In dieser Nacht, in dieser schummrigen Höhle in Transsylvanien, tief in der Erde starb der letzte große Herrscher aus dem Haus Dracul. Vlad III. Dracul. Besser bekannt als Vlad der Pfähler. Oder unter seinem modernen Namen. Dracula. Der Fürst ist tot, doch sein Andenken stirbt nie. Es ist wie er einst war. Unsterblich.

(In Gedenken an Sir Christopher Frank Carandini Lee; 27. Mai 1922- 7. Juni 2015)

von Duschvorhang

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