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Das Wasser spiegelte mein hübsches Gesicht. Mit einer Hand fuhr ich entlang meiner Haut. So weich, so zart. Ich musste schmunzeln. Niemand in den Tiefen des Meeres konnte es mit der Königin der Fische und Meereslebewesen aufnehmen. Niemand konnte mit solch einer Perfektion, wie ich sie besaß, mir streitig werden. Meine zerfallene, zerrissene Haut, die dem Verwesungsprozess einer Leiche gleichkam und meine ausgebleichte, angerissene Flosse waren nur schwer zu übertreffen. Ebenso wie meine dicken, faulen Haare, die von schleimigen Algen durchzogen waren. Aufgrund meiner dünnen Haut und meines wunderbar mageren Körpers, stachen meine Kiefer so perfekt, wie bei niemand anderen hervor. Ich liebte mein Aussehen über alles. Es mag womöglich narzisstisch klingen, doch es gab Tage an denen ich mich selbst küssen könnte, so verliebt war ich in meine eigene Schönheit.

Während ich mich selbstverliebt in der Spieglung des hellblauen Wassers betrachtete, merkte ich, wie mein Spiegelbild sich durch kleine Wellen verzerrte. Ein freudiges und zugleich finsteres Lächeln zeichnete meine Mundwinkel. „Endlich!“, hauchte ich kaum merklich in die Weiten des Ozeans hinaus. Meine Beute war zum Greifen nah! Nach all den Nächten und Tagen, die ich über hatte, sehnte ich mich nur nach diesem einen Boot. Wochenlang hatte ich gehungert, oder mich rein durch Algen ernährt, dass mein Hunger nie vollends gestillt werden konnte, so sehr zierte mein Hunger nach Menschenfleisch. Selbst die Quallen, die meine Untertanen mir gaben, da sie sich Sorgen um mich machten, stillten meinen Hunger nicht. Ihr Gewebe und selbst der hängende Magen an dessen Seite, sie ihre Münder hatten schmeckten mir auf Dauer nicht mehr. Es war alles vollkommen zäh und geschmackslos, dass ich mein Mahl nur mit großer Mühe herunterwürgen konnte.

Bei dem Gedanken gleich all die unzähligen Menschen verspeisen zu können, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Schnell sprang ich hinein und ließ mich von den Wellen und meiner Flosse treiben. Meine Bewegungen hier unten waren sehr schnell. Ich war einer der schnellsten und flinksten unter den ganzen Meeresbewohnern, kein Wunder das sie mich als ihre Königin auserkoren hatten… Bereits nach nicht allzu langer Zeit konnte ich den Boden eines Schiffes ausmachen. Wie zu erwarten, war er hölzern, wie all die anderen Boote, deren Besatzung ich schon geraubt hatte. Als ich nahe genug dran war, tauchte ich auf und begann meine Arme und meine Schwanzflosse gegen das Wasser zu schwingen, als würde ich jenes von mir wegschieben. Zunächst bildeten sich nur kleine Wellen. Doch je mehr Schwung ich einbaute, desto mehr und mehr geriet das große hölzerne Schiff ins Schwanken. Panische Schreie ertönten von oben herab. Viele unzählige Schritte hallten an dem Schiffsboden wieder. Wildes Stimmengewirr erklang in meinen Ohren. Mein anfängliches Lächeln wurde zu einem Grinsen. Wie ich die Verzweiflung und Angst der Fleischwesen liebte!

Doch das leichte Schwanken des Schiffes war mir nicht genug. Es musste schnell gehen, noch in diesem Moment! Mit einem kräftigen Luftzug sammelte ich genug Kraft, um mit meiner glänzenden Stimme, die jedes Glas auf Erden zerspringen lassen konnte, eine gigantische Welle zu erzeugen. Langsam konnte ich spüren und hören, wie das Wasser auf der anderen Seite sich zu einer riesigen, schäumenden Welle bäumte, je höher und schriller meine Stimme wurde.  Und so geschah es. Eine gigantische Wassermaße ging samt den Todesschreien der Fleischlinge unter, lieferte mir mein Essen direkt in mein aufgerissenes Maul…

Das Wasser peitschte mir schmerzhaft in mein Gesicht und das salzige Nass befeuchtete meine trockenen Lippen. Der alte Kapitän schrie gegen den starken Wind, wirre Befehle, die keiner der Crewmitglieder wahrnahm. Einige waren an die Reling oder an andere, feste Teile des Schiffes gefesselt, da sie schwach wurden. Der melodische Gesang der Bestie, der betörend durch meine Ohren tanzen wollte, lockte sie in die Tiefen des Ozeans, versprach die schönsten Dinge. Doch in meinem Kopf tanzte nur das Bild meiner Frau und meiner tanzenden Tochter, die Zuhause auf mich alten Mann warteten. Das Schönste auf der Welt war nicht am Grund des Meeres, sondern im Hafen, den wir längst hätten erreichen sollen. Ein paar Eimer stießen schmerzhaft gegen meine Beine und rissen mich aus meinen Gedanken. Immer mehr Männer torkelten an die Reling und streckten ihre Hände den hohen Wellen entgegen. Der Gesang wurde immer drängender, konnte schon als hysterisch beschrieben werden. Sie war hungrig, gefährlich geduldig. Ein Blick hinter meine Schultern zeigte mir, wieso sie nicht schon längst das Schiff zerbrochen oder jeden Mann einzeln von Deck geflutet hatte. Unsere gesamte Flotte war im Sturm gefangen, über zweihundert Schiffe kämpften mit dem Lockruf der Bestie und den Wellen, die versuchten jede einzelne Planke auseinander zu reißen und die Männer ins Wasser zu stürzen. Ein schriller Schrei löste sich auf unserem Deck, klingelte in meinen Ohren und ich sah aufgrund des Wassers, welches in meinen Augen brannte, zuerst gar nichts. Ich blinzelte und erkannte verschwommen, wie ein Mann von den rutschigen Planken gegen die Reling geschleudert wurde. Knackend brach das Holz und ließ den verzauberten Mensch in die See fallen. Ein fast schon amüsantes Platschen ertönte und animierte die restlichen, gefesselten, verzauberten und hypnotisierten Crewmitglieder sich loszureißen und von Deck zu stürmen. Einer nach dem anderen landete im kalten Wasser und ertrank voller Liebe zu der grausamen Bestie. Schreie hallten über das Meer, von Schiff zu Schiff und jeder, der noch einen klaren Verstand besaß, wusste, dass das hier unser Ende sein würde. 

Mit einem platschenden Geräusch, der genüsslich in meinen Ohren wiederhallte, tauchte meine Beute endlich zu mir. Alles wunderschöne Männer, die mich mit offenen Augen anstarrten. Das Meersalz brannte sichtbar in dessen Augen, doch daran ihr kostbares Sehorgan zu schließen, dachten sie nicht einmal. Sie wollten ihre wundervolle Königin nicht ignorieren. Sie wollten mich nicht ignorieren. Wollten für immer in mein Gesicht starren, dessen Haut zu reißen begann, sobald ich mein Maul aufriss. Eine schleimig grüne Flüssigkeit triefte aus jenen Rissen. Ich grinste über das ganze Gesicht, während ich von einer Mahlzeit zur nächsten schwamm. Streifte dabei mit meinen Händen und Schwanzflosse ihren Körper. Alle verzehrten sie sich nach mir. Streckten ihre sterblichen Gliedmaßen nach mir aus, um mich an meine nackte Brust zu fassen. Aber so leicht würde ich es ihnen nicht machen. Ich würde mir den schönsten Mann aussuchen, der das Mahl einleiten sollte.

Die Entscheidung fiel mir schwerer als gedacht. Einer war schöner als der andere. Einer entsprach meinen Vorstellungen mehr als der andere: Schwarze Haare, weiße Haut, ozeanblaue Augen; braune Haare, leicht gebräunte Haut, smaragdgrüne Augen. Hach, ich hab sie alle so zum Fressen gern! Beinahe war ich daran versucht einen von ihnen zu verschlingen, der aufgrund seines Körperbaus nicht viel hergeben würde. So dünn, wie er war. Doch dann erblickten meine göttlichen Augen den Mann auf den ich geradezu all die Jahre gewartet hatte. Rein weiße Haut, unter der Sonne, dessen Strahlen sich im Wasser brachen, wirkte seine Haut nahezu wie Porzellan. So zerbrechlich, dass ich mich regelrecht zierte, ihn als ganzes Stück brutal zu zerfleischen. Nein, ich würde es ganz langsam machen. Stück für Stück. Seine Augen waren weit aufgerissen, sodass mich schokobraune Augen anstarrten. Im Licht wirkte es nahezu so, als würden sie schmelzen. Seine Haare waren in einem satten Rotton. Langsam zog ich ihn zu mir heran und drückte meine Zähne in seinen Hals.

Derweil schrie er aus Leibeskräften auf, was ein Narr! Das Wasser würde sich in seine Lunge sammeln, so dass er sein Bewusstsein verlieren würde, aber ich wollte ihm am lebendigen Leibe fressen! Dunkelrot färbte sich das Wasser mit jedem weiteren Bissen, den ich tat. Verströmte einen angenehmen, süßlich-metallischen Duft. Sein Fleisch schmeckte köstlich! Köstlicher als alles andere was ich in meinem bisherigen Leben verspeist hatte! Doch mit jedem Bissen und jedem saftigen Reißen, verstummte sein Schrei immer mehr. Nahezu sorgenvoll blickte ich ihn an, ich wollte nicht, dass mein Mahl so schnell den Kampfgeist verlor! Meine Blicke liefen um die anderen umher: Keiner von ihnen war auch nur im Versuch gewesen diesen gutaussehenden Mann zu retten… Nun zuckte ich desinteressiert mit den Schultern, riss das letzte Stück Fleisch, das einzig und allein aus seinem Gesicht bestand heraus und verschlang es begierig. Dennoch darauf bedacht, alles bis zum letzten Kauen zu genießen und es nicht gleich herunter zu schlucken.

Nachdem auch nichts mehr als Knochen von ihm übriggeblieben waren, spürte ich plötzlich, wie mich jemand an meinen Schultern packte. Schnell drehte ich mich um und musste lächeln, als ich einen leichten Kuss auf meinem Nacken spürte. Da wollte wohl wirklich jemand der Göttin des Meeres einen Gefallen tun und sich für sie opfern. Wie amüsant.

Nur wenige meiner Crewmitglieder hatten es geschafft die Bestie auszublenden und das Schiff trotz der starken Wellen und des gewaltigen Sturms zum Hafen zu bringen. Selbst unser Kapitän verfiel der Kreatur und versenkte sich selbst in der schwarzen See, während die Winde an uns restlichen zerrten. Von den über zweihundert Schiffen hatten es zwar alle in den Hafen geschafft, aber pro Deck waren nicht mehr als zwei oder drei Seeleute übrig geblieben, die nun zitternd innerhalb und außerhalb der Taverne saßen. Überall brannten Feuer und selbst die Nutten aus dem Hafenbordell halfen, die Männer zu beruhigen und trocken zu bekommen. Einige der Seeleute hatten tiefe Bisswunden, als wäre die Bestie persönlich auf ihr Schiff gesprungen, um ihnen das Leben herauszureißen. Ich selbst saß mit meinen vier verbliebenen Brüdern in der Taverne und nippte an abgestandenen, schlechten Bier. Die Wirtin, dicklich und ganz aufgeregt, brachte uns gerade heiße Suppe. Der Dampf umspielte mein Gesicht und ließ meine Gedanken zu meiner Familie wandern. Ich überhörte die Fragen der Nutten, Schaulustigen und der Wirtin, bis mich ein anderer Mann schmerzhaft schlug. Die Gedanken verflogen, wie der Rauch den die Feuer in den Himmel stießen. Die Taverne wirkte plötzlich wie ein gigantisches Signalfeuer, nicht wie die rettende Zuflucht. Ein Mädchen draußen in der stockfinsteren Nacht rief meinen Namen, eine Frau stieg in die panischen Rufe mit ein. Es war meine Familie, der Rauch meiner Gedanken und doch waren sie gerade nicht wichtig. Tatsächlich brach ihre Anwesenheit an diesem Ort mir mein altes, erschöpftes Herz. Donner grollte über uns, zerriss die Wolkenschicht mit kreischenden Lauten und ließ das Meer aufsteigen und gegen die Steine des Hafens klatschen. In dem wilden Wasser wurden unsere Schiffe aneinander geschleudert, zerschellten und die umherfliegenden Holzteile wirkten wie Speerspitzen, die sich in uns bohren wollten. All das, der Sturm, die Schreie und mein Bewusstsein wurden erobert, begleitet und gleichzeitig übertönt von einem schrecklichen, panikverursachenden Geräusch. Lauter, drängender, liebevoller und melodischer Gesang, der meinen Namen rief und mir die Welt zu Füßen legen wollte…

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BlackRose16 & Wolf (Diskussion) 08:55, 14. Jul 2016 (UTC)

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