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James ging in die Nervenklinik, mit einer Anleitung in seiner Hand. Er glaubte eigentlich nicht daran, dass dieses schwachsinnige Ritual wirklich funktionieren würde, aber schließlich hatte er nicht viel mehr zu befürchten, als Zeit zu vergeuden und in Verlegenheit zu geraten. Er ging auf die Frau am Empfang zu und fragte sie flüsternd, ob er den "Halter der Perspektive" besuchen könne.

Er war nun schon ein wenig überrascht von dem, was dann passierte: die Empfangsdame nickte feierlich mit dem Kopf, genau so, wie es in der Anleitung stand. Er dachte sich: "Okay, anscheinend bin ich nicht der Erste, der ihr diesen Mumpitz erzählt. Wahrscheinlich hat sie diese Anleitung auch gelesen und erlaubt sich gerade einen kleinen Scherz mit mir. Würd' mich nicht wundern, wenn sie mich gleich ins Wartezimmer führt, nur um ihren Kollegen zeigen zu können, was für ein Spinner da rumsitzt. Na ja, ich gönne ihnen diesen Spaß mal. Mein Gott, wieso hab ich eigentlich geglaubt, dass dieser Mist hier tatsächlich klappt?!"

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die Frau eine mit Ketten versperrte Doppeltür aufschloss. Dahinter sah er eine Treppe, bestehend aus lauter engen Stufen, die höher hinaufreichte, als es für das Gebäude eigentlich möglich gewesen wäre.

"Ach du Sch***e, das ist echt!"

James stieg vorsichtig die Stufen rauf. Nach einiger Zeit sah er, wie erwartet, Bilder, die an die Wand projiziert wurden. Sie stellten die größten und tödlichsten Katastrophen der Menschheit dar; die Vernichtung Pompeiis, der Ausbruch der schwarzen Pest, der Holocaust, 9/11. Die Bilder wurden aus der Perspektive jedes der Opfer gezeigt. Alles, was James tun konnte, war stark zu bleiben und sich nicht der Verzweiflung hinzugeben. Er war nun schon so weit gekommen, da gab es für ihn nun kein Zurück mehr.

Nach einer genauso langen wie ermüdenden Klettertour schaffte er es letztendlich, die letzte Stufe zu erklimmen. Vor sich sah er nun eine prunkvoll verzierte Marmorwand mit kleinen, augenförmigen Fenstern darin. Er folgte der Anleitung und sah durch das Fenster mit dem perfekten, vertikalen Riss in der Mitte. Augenblicklich veränderte sich seine Perspektive von seiner eigenen zu der eines alten Mannes, der sich in einer ovalen Steinkammer befand. Mithilfe seiner schlanken, knochigen Finger zeichnete er Muster auf ein großes Glasauge. James spürte, wie er langsam das Bewusstsein verlor, doch kurz bevor er endgültig in Ohnmacht fiel, dachte er mit letzter Kraft: "Wie werden sie das Ende sehen?"

Augenblicklich blitzten tausende von Bildern vor seinen Augen auf. Sie stellten die gleichen Szenen wie vorher im Treppenhaus dar, mit Ausnahme davon, dass sie dieses Mal aus der Sicht von Außenstehenden gezeigt wurden. Gleichgültigkeit, Trauer, und Freude, all diese Gefühle prasselten gleichzeitig auf ihn ein. Das letzte Bild beschrieb ein endloses Inferno; bei seinem Anblick fühlte James nichts als unbeschreiblichen Horror. Da ihn die Reise schon derart geschlaucht hatte, konnte er der Belastung nicht länger standhalten und brach an Ort und Stelle zusammen.

Ah, ein weiterer Sucher, der meine Visionen nicht ertragen konnte. Es gibt nur Wenige, die seelisch stark genug dafür sind, und das hat auch seinen Grund; die Vision vom Ende ist nicht dafür geschaffen, um von einer normalen Person ertragen zu werden, und erst recht nicht von einem Anfänger wie diesem. Ich werde mich seines Körpers entledigen und seine Seele in mein Glasauge sperren, zu den tausenden Anderen, die es nicht geschafft haben.

Mein Glasauge ist Objekt 26 von 538. Es wartet auf einen würdigen Träger, durch dessen Augen es die Welt sehen kann.


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