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Nur wenige hundert Meter vom Haus meiner Familie entfernt, in einer abgelegenen Seitenstraße, gibt es eine kleine Brücke. Sie führt über einen Bach, der auf der einen Seite einem Tunnel entspringt und sich auf der anderen Seite zwischen zwei alten Häusern hindurchschlängelt, bis er nicht mehr zu sehen ist.

Nichts an der Brücke selbst ist ungewöhnlich, aber trotzdem kennt jedes Kind in der Stadt diese Brücke. Oder besser gesagt, das, was darunter hausen soll.

In kleineren Orten gibt es oft Orte, über die sich die Kinder Gruselgeschichten erzählen. Verfluchte Wälder oder verfallenene Scheunen, in denen es spuken soll. In unserem Fall war es, aus welchem Grund auch immer, diese Brücke. Schon in der dritten Klasse hatte ich zum ersten Mal gehört, dass unter dieser Brücle etwas leben sollte. Etwas Furchterregendes, vor dem man sich in Acht nehmen müsse. Die Kinder nannten es schlicht Den Mann unter der Brücke.

Niemand weiß, wann diese Geschichte entstanden ist. Soweit ich weiß, wurde sie schon erzählt, als meine Mutter noch ein Kind war. Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder ein paar Details verändert, aber im Grunde blieb sie gleich:

Unter der unscheinbaren Brücke würde ein Wesen in der Gestalt eines Mannes leben, das nur nachts aus seinem Versteck kam, und nur dann, wenn sich ein Kind näherte.

Während das Kind die Brücke überquerte, würde der Mann von unten laut gegen die Brücke klopfen. Das Kind würde stehen bleiben, verwirrt von dem unbekannten Geräusch. Dann würde der Mann flüstern, mit säuselnder Stimme, die dennoch klar und deutlich zu hören war:

"Na, liebes Kind? Ich bin so einsam hier unter der Brücke. Möchtest du mir nicht Gesellschaft leisten?"

Und mit einem Satz würde er heraufkommen, das Kind mit seinen langfingrigenm knochigen Händen packen und in den Tunnel zerren.

Als Kind hat mir diese Geschichte unglaublich Angst gemacht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich aus einem Albtraum aufwachte, in dem der Mann unter der Brücke mich holte, und weinend zu meiner Mutter rannte. Tagsüber redete ich natürlich mit meinen Freunden darüber, irgendwann einmal die Brücke zu überqueren, aber unsere Furcht war doch so groß, dass wir dieses Abenteuer als Kind nie erlebten. Dass in unserer Stadt tatsächlich schon zwei Mal Kinder spurlos verschwunden waren, hatte sicher seinen Teil dazu beigetragen.

Mit den Jahren verging die Angst vor der Brücke jedoch, im Gegensatz zu vielen anderen Ängsten aus der Kindheit. An dem Tag, an dem es passierte, war ich achtzehn Jahre alt und hatte die Brücke schon oft in der überquert, wenn ich mit Freunden aus dem Stadtzentrum zurückkam (Die Stadt, in der ich lebe, ist nichts besonders groß, weshalb der Weg zu Fuß durchaus zumutbar ist).

Doch an diesem Tag war ich alleine. Ich war ein Geschenk für meine Mutter kaufen gewesen, die am nächsten Tag Geburstag hatte, und hing meinen Gedanken nach. Ich dachte an ein hübsches Mädchen aus der Schule, an die nächste Klausur in Mathe und an alles Mögliche, an das ein Junge in meinem Alter so denkt. Meine Füße trugen mich beinahe automatisch nach Hause, so oft war ich diesen Weg schon gegangen.

Es war etwa sieben Uhr. Im Winter bedeutete das, dass es stockdunkel und eiskalt war, doch die Straßenlaternen, die in regenmäßgen Abständen am Wegrand standen, spendeten ein warmes Licht.

Der Anblick der Brücke in diesem Licht riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte keine Angst; Wirklich nicht. Aber trotzdem hatte die Brücke irgendwie meine Aufmerksamkeit erregt. Ich ging unverändert auf sie zu, aber schaute zu den Häusern zu ihrer Linken, in deren Fenstern kein Licht brannte. Der Mond stand hoch am Himmel, und der Lärm der entfernten Hauptstraße war hier noch schwach zu hören.

Aber auch etwas anderes.

Da war das sanfte Plätschern des Baches. Ich hatte dieses Geräusch schon immer als beruhigend empfunden, und blieb stehen, mitten auf der Brücke. Ich sah auf das glitzernde Wasser, das über die spiegelglatten Steine floss und irgendwo im Dunkel verschwand.

Und dann sah ich etwas aus den Augenwinkeln. Eine Bewegung, eine Veränderung der Schatten, zu meiner Rechten. Ich drehte mich verwirrt um und sah direkt in Finsternis des Tunnels, aus dem der Bach hinausfloss.

Einige Sekunden stand ich so da, immernoch ohne jede Furcht. Vielleicht hatte ich einen Waschbären oder sowas gesehen, der in den Tunnel geflüchtet war. Ich horchte, ob vielleicht das Tappsen von kleine Pfoten zu hören war.

Ich hörte nichts und wollte mich gerade abwenden, um endlich nach Hause zu kommen, als ich ein im ersten Moment undefinierbares Geräusch vernahm.

Es war eine Art Säuseln, oder Flüstern. Die Worte waren undeutlich, und ich erstarrte auf der Stelle.

Die Geschichte fiel mir sofort wieder ein. Die vom Mann unter der Brücke.

Natürlich war das Blödsinn, eine Kindergeschichte. Ich runzelte die Stirn und hörte noch einmal genau hin, und das Geräusch war immer noch da. War das vielleicht doch irgendein Tier? Ich hatte zwar keine Ahnung, was solche Geräusche machte, aber es gibt schließlich alle möglichen Tiere.

Trotzdem war mir dabei unbehaglich zumute. Ich wollte nach Hause, aber irgendetwas hielt mich bei dem Flüstern.

Als die Stimme auf einmal laut und deutlich ertönte, fuhr ich zusammen.

"Hallo, liebes Kind", hauchte es aus der Dunkelheit, gefolgt von einem leisen, atemlosen Kichern.

Ich keuchte und sprang eine Schritt zurück. Das Lachen wurde etwas lauter, aber auch gequälter, als hätte sein Erzeuger starke Probleme zu atmen.

Entsetzt starrte ich hinunter, unfähig, etwas zu tun. Jeder logische Gedanke war aus meinem Gehin entwichen und das Trauma meiner Kindheit war an seine Stelle getreten. Überlegungen, dass da unten vielleicht nur ein Obdachloser saß oder mich jemand veralbern wollte, kamen mir nicht.

"Keine Angst, ich tue dir nichts. Möchtest du nicht zu mir kommen?"

Die sanfte Stimme hallte im Tunnel wider und war deutlich über das Plätschern des Wassers hinwegzuhören.

"Was sagst du, Kind? Möchtest du nicht herunterkommen? Möchtest du mir nicht Gesellschaft leisten?"

Und wieder erklang das röchelnde, körperlose Lachen.

Langsam erlangte ich die Kontrolle über meine Körper zurück. Ich tat noch einen Schritt zurück, wandte den Blick aber nicht ab. Aus der Dunkelheit schien etwas aus dem Tunnel hervorzuragen, etwas, dass sich langsam aus der Finsternis schob und immer mehr Gestalt annahm.

Es war ein Arm. Und die langfingrige, dürre Hand winkte mich zu sich hinab.

Ich schrie auf, und endlich rannte ich davon. Ich warf einen blitzschnellen Blick zurück und mir war, als würde neben der Brücke die schemenhafte Gestalt eines Mannes stehen, der mir stumm hinterhersah. Dann schaute ich wieder nach vorn und lief den restlichen Weg nach Hause in einem Tempo, das ich mir niemals zugetraut hätte.

Als ich zuhause ankam, stürzte ich in mein Zimmer. Meine Mutter kam eine Stunde später nach Hause, und ich erzählte ihr nichts von dem, was Geschehen war. Mir selbst kam das alles jetzt schon wie einer der Albträume aus meiner Kindheit vor; zu Schrecklich, um wahr zu sein. Ihren Geburstag feierte ich mit ihr, als wäre nichts geschehen.

Aber die Brücke werde ich nie wieder betreten.

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