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Plick, Plick, Plick.

Jakob lauschte dem Blut, das von seinen Krallen tropfte, mit geschlossenen Augen. Er mochte es, fand es entspannend. Wenn er dieses Geräusch hörte, stellte er sich auch keine unnötigen Fragen wie: Warum kann das Blut überhaupt von mir heruntertropfen, wenn ich ein Geist bin?

Denn immer, wenn er sich diese Frage stellte, kam er in die Nähe einer Antwort, die ihm nicht gefiel.

Plick, Plick, Plick.

Jakob öffnete die Augen, fixierte einen der roten Tropfen, der von seinem Zeigefinger hing. Er löste sich, fiel, und in der Luft begann die glänzende Oberfläche zu wabern und ihre Form zu ändern, bis der Tropfen auf den Boden fiel, in die rote Pfütze, die sich dort gebildet hatte.

Plick.

Jakob sah sich um. Er sah Leichen, vier insgesamt. Ein Junge, zwei Teenager und ein Mädchen. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Erwin, Maxim, Annabell und Finn. Vier Namen, die ihm nichts bedeuteten. Sie hatten es nie, würden es nie tun. Und in absehbarer Zeit würde er sie vergessen haben.

Er dachte daran, wie er es getan hatte. Er hatte den Jungen besetzt, Finn, weil er das leichteste Ziel gewesen war. Er hatte Angst gehabt, und Angst macht schwach.

Dann hatte er Erwin getötet, auf eine schnelle und, wie er meinte, gnädig überraschende Weise. Er hatte ihm seine Fünf Zentimeter langen Fingernägel in die Schläfe und somit in sein Gehirn gerammt.

Dann hatte er Maxim getötet. Bei ihm war es ein wenig blutiger, weil er versucht hatte, sich zu wehren. Das Ergebnis waren zwei abgetrennte Hände und jede Menge Eingeweide, die die Wände schmückten.

Dann das Mädchen. Sie hatte wie erstarrt dagesessen und geschrien, also hatte Jakob ihr die Zunge herausgerissen. Dabei hatte er gelacht, und als er ihr den Kopf abtrennte, fühlte er sich wunderbar. Lebendig.

Zuletzt hatte er den Körper des des Jungen verlassen. Da er dabei auch dessen Seele, die inzwischen untrennbar mit der seinen verschmolzen war, mitgenommen hatte, war der leblose Körper einfach in die rote Lache auf dem Boden gefallen. Jakob, nun wieder Körperlos, hatte auf ihn herabgesehen und sich dann hingekniet. Dann, nur um sich einen kleinen Spaß zu gönnen, hatte er den durch die Übernahme ohnehin schon entstellten Körper Finns regelrecht zerlegt.

Und nun stand er inmitten der Leichenteile und betrachtete das Blut an seiner Hand, das nun, anstatt herunterzutropfen, gerann und trocknete.

„Was hast du getan, Jakob? Zum Donnerwetter...“.

Die geschockte Stimme ließ ihn herumfahren, und er war nicht überrascht, dass er die Augen kurz von Alaishas strahlender Schönheit abwenden musste: „Du meinst dieses Kunstwerk in Purpur?“, erwiderte er mit tonloser Stimme.

„Kunst nennst du das? Jakob... das ist... ich...“. Alaisha schüttelte den Kopf und setzte neu an: „Ich bin ein Engel. Ich existiere seit Millionen von Jahren, und ich habe viel gesehen. Viel Grausamkeit, viel Gewalt. Nicht nur das brennende Rom oder den Fall Trojas. Erst in letzter Zeit erfährt diese Welt viele Gräuel. Atomare Unfälle, Naturkatastrophen, mit denen wir Engel nichts zu tun haben, all so was.

Vor einigen Monaten habe ich mitangesehen, wie ein Mädchen , von ihrer Mutter misshandelt und von ihren Klassenkameraden gemobbt, den Verstand verlor. Sie hat sich selbst verstümmelt, eines ihrer Zwei Kaninchen ebenfalls, das andere hat sie ermordet und sich seine Ohren an den Kopf genäht. Nun metzelt sie Tierquäler ab, als würde sie Blumen schneiden.“.

Jakob trat zornig einen herumliegenden Kopf gegen die Wand, wo er einen großen, roten Spritzer hinterließ. Dann fragte er genervt: „Worauf willst du hinaus, verflucht? Kann ein Engel nicht ein einziges Mal klar sprechen!?“.

Alaisha legte den hübschen Kopf nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links: „Es liegt in unserer Bestimmung. Aber ich versuche mein Bestes, um deine Frage zu beantworten: Dieses Mädchen ist eine Schlächterin, ein Monster, um euren menschlichen Ausdruck zu verwenden. Aber im Gegensatz zu dir ist sie... geradezu lammfromm.“.

„Pah! Willst du mir sagen, dass ich der grauenvollste Mörder bin, der dir je begegnet ist?“.

„Ja.“, antwortete sie geradeheraus: „Und nicht nur das. Erinnerst du dich an das letzte Mal, als sich ein Engel dazu herabgelassen hat, mit dir zu reden?“.

Jakob sah sie wütend an, versuchte aber, sich zu erinnern. Er schaffte es nicht.

„Tja, erinnern fällt dir in letzter Zeit wirklich schwer, nicht wahr? Es ist inzwischen etwa drei Jahre her. Es war meine Freundin, Mishala. Am Grab deiner Schwester.“.

Die Erwähnung von Alina ließ Jakob auffahren: „Lass Alina da raus. Wenn du mit mir reden willst, dann lass sie da raus!“.

Alaisha hatte mit dieser Reaktion gerechnet: „Du bist ganz schön aufbrausend, wenn es um Alina geht. Früher hast du mich regelrecht ausgefragt, wie es ihr geht. Und jetzt... jetzt scheint sie dir egal zu sein.“.

Das war zu viel für Jakob. Er schrie und stürmte auf Alaisha los, die keine Reaktion zeigte. Als er sie jedoch packte und gegen die mit Blut verschmierte Wand drückte, war sie überrascht. Jakob packte sie grob an den Schultern und schrie: „Halt den Mund, verdammt! Alina ist mir nicht egal, und sie war es auch nie! Hörst du, du verfluchtes Engel-Miststück!?“. Seine Stimme senkte sich und klang nun bedrohlich ruhig: „Der einzige Grund, aus dem ich nicht gefragt habe, ist der, dass ich WEIß, dass es ihr gut geht. Sie ist im Himmel, das muss doch für irgend etwas gut sein.“.

Er ließ Alaisha los und trat einen Schritt zurück. Sie sah ihn schwer atmend an, verständnislos und erschrocken: „Was bist du?“, hauchte sie: „Was zur Hölle bist du?“.

Jakob, inzwischen nicht mehr so erzürnt, blickte ebenso verständnislos zurück: „Was meinst du?“.

Aber Alaisha war schon verschwunden.


Der See sah noch genauso aus wie vor drei Jahren, als er das Objekt war, das zwei Leben genommen hat. Das von Jakob, und das von seiner Schwester. Er sah noch immer genauso blau aus, auch wenn der Himmel dieses Mal wolkenverhangen war, als Jakob über das Wasser schritt. In der Mitte, oder der Stelle, die er für die Mitte hielt, setzte er sich und tauchte seine Hand ins Wasser, um sie vom Blut zu reinigen. Dabei dachte er zurück an das, was letzte Nacht passiert war. Er hatte vier Menschen ermordet, die ihm nichts getan hatten, die er nicht einmal kannte, und warum? Warum?

Ganz einfach: Weil er es konnte. Und weil er es wollte. Es bereitete ihm Vergnügen, diese Menschen zu verstümmeln, zu erschrecken und zu ermorden. Es machte Spaß, das Blut zu riechen, das aus den Wunden strömte, und jeder Tropfen weckte in ihm, tief in ihm, an einer stelle seines Seins, die er nicht kannte, das Verlangen nach mehr und mehr.

Jakob erhob sich und ging weiter, lief irgendwo hin und fand sich schließlich in der Bibliothek wieder, vor sich das Buch, das er nun schon so oft gelesen hatte. Das letzte Buch, dass seine Schwester je gelesen hatte.

Er klappte es auf und las erneut, Seite für Seite, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Es ging um einen Jungen, der es nach Monaten der Zurückhaltung endlich dazu durchringt, das Mädchen seiner Träume anzusprechen und ins Kino einzuladen. Aus diesem ersten Date entwickelt sich eine Beziehung, die abwechselnd von dem Jungen und seiner Freundin aufgeschrieben wird.

Im letzten Kapitel erleidet das Mädchen jedoch einen schrecklichen Unfall und stirbt kurz darauf.

Der Ich-Erzähler sagt zuletzt, dass er damit klarkommen muss, loszulassen und ohne seine Freundin weiterzuleben.

Jakob verstand ihn nur allzu gut. Was hätte er nicht alles dafür getan, seine geliebte Schwester wiederzusehen, ihr noch einmal sagen zu können, was sie ihm bedeutet hatte. Mit ihr lachen zu können, mit ihr im See zu spielen wie kleine Kinder.

„Und dann hat er ihn in demselben See ertränkt, in dem Mark zuvor ihn ertränkt hat.“.

Diese Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. Erneut schien jemand seine Geschichte zu erzählen.

„Und nun, so habe ich es gehört, soll er weiter Leute umbringen, auf der nicht enden wollenden Suche nach Rache für seinen Tod.“.

Als diese Worte gesprochen wurden, stand Jakob bereits im Kreise der Zuhörer.


Er erblickte drei Jugendliche, einen Jungen und zwei Mädchen. Der Junge trug eine Brille, hatte kurze, blonde Haare, die sein Gesicht dick wirken ließen, obwohl er einen ziemlich mageren Eindruck machte. Er war derjenige, der die Geschichte erzählte.

Das eine Mädchen hingegen war tatsächlich dick, und Jakob schoss nur ein Wort durch den Kopf: „Hässlich.“.

Er wandte seinen Blick dem anderen Mädchen zu, dass aussah wie...

„Alina.“, entfuhr es Jakob. Seine Augen weiteten sich, und er sank auf die Knie, um sie aus Augenhöhe betrachten zu können. Ja, es war Alina. Zumindest glich sie ihr bis aufs Haar.

Jakob hob eine Hand, die rechte, und wollte ihre Wange streicheln, ließ es dann aber. Er spürte, dass sich seine Augen mit Tränen füllen wollten, und erneut verfluchte er sich dafür, als Geist nicht weinen zu können.

„A...Alina...“, murmelte er fassungslos, dann traf er eine Entscheidung.

Mit einer simplen Handbewegung schlitzte er das Mädchen neben ihr auf, vom Nabel bis zum Hals, dann sprang er in den Jungen hinein.

Der Kampf um die Vorherrschaft war erstaunlich schwer. Jakob erkannte, dass er zu schnell gehandelt hatte. Die Ermordung des Mädchens hatte dem Jungen Angst einjagen sollen, aber er hatte es nicht einmal richtig wahrnehmen können, bevor Jakob in ihn einstieg.

Schließlich aber war es vorbei, und Jakob hatte sich seine Seele einverleibt wie einen leckeren Kuchen.

Dann sah er wieder zu Alina. Sie hatte genug Zeit gehabt, um Angst zu haben, und das sah man ihr auch an. Sie hatte sich vor Angst in die Hose gemacht, und unwillkürlich sah sich Jakob an einen Tag vor etwa Viereinhalb Jahren erinnert. Zu dieser Zeit hatte Alina dank des Unfalls unter einer leichten Inkontinenz gelitten.

Er ließ die Fingerknöchel seiner linken Hand knacken, eher unterbewusst als beabsichtigt, dann viel er vor Alina auf die Knie und sah ihr in die panischen Augen, die scheinbar die Narbenbildung in seinem Gesicht betrachteten: „Alina, ich bin es. Jakob. Du... du musst keine Angst haben. Ich werden dir nichts tun.“. Er streckte die Hand aus, um die ihre zu nehmen, aber sie schlug nach ihm: „Fa... fass' mich... nicht an...“. Ihre Stimme zitterte vor Angst und Ekel.

Jakob zuckte zurück. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Alina war doch seine Schwester. Wieso hatte sie solche Angst vor ihm?

Natürlich, wegen ihm. Er sah aus wie einmal durch die Häckselmaschine gedreht, da war es klar, dass sie ihn nicht erkannte.

„Ich verstehe...“, murmelte er: „Du erinnerst dich nicht an mich. Dann muss ich deine Erinnerungen wohl auffrischen. Komm mit.“. Er hielt ihr seine Hand hin, und obgleich Alina dieses Mal nicht danach schlug, betrachtete sie sie mit blanker Panik.

Jakob knurrte, dann griff er ohne ein weiteres Wort nach ihr und hob sie in die Luft. Sie schrie und wehrte sich, aber Jakob war, trotz der schwächlichen Hülle, zu stark. Er nahm sie mit, lief aus dem Haus, in dem alles passiert war und suchte sich ein Versteck.

Dort könnte er Alinas Erinnerungen auffrischen, ohne dass sie etwas dagegen tun könnte.

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