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Jakob und Alina spielten häufiger im Wald hinter dem Haus, vor allem wenn das Wetter schön war, die Sonne schien und das Zwitschern der Vögel im ganzen Wald widerhallte. Sie kletterten auf Bäume, suchten nach vergessenen Schätzen, spielten verstecken, all das, was Kinder so tun. Es gab da einen Baum, relativ nah am Waldeingang, den sie jedoch nie zu erklimmen wagten. Er war groß, der größte im ganzen Wald, so schien es den Geschwistern. Aber Alina war schon immer eine draufgängerische Person gewesen, und als sie fünfzehn Jahre alt war, entschied sie, dass sie alt genug war, diesen Baum, den die beiden immer nur „den Riesen“ genannt hatten, zu erklettern. Jakob war dagegen, nicht weil er selbst Angst hatte, sondern weil er sich um Alina sorgte. Er wartete am Boden, während Alina immer weiter hinaufkletterte. Drei Mal rutschte sie an der Rinde ab und wäre beinahe gestürzt, und Jakobs Herz hatte wild geschlagen, bis er das beruhigende, helle lachen hörte. Und dann trat Alina auf einen morschen, brüchigen Ast. Er brach leise, mit einem schlichten Krrtsch, und Alina verlor den Halt. Sie fiel nicht tief, vier Meter, mehr waren es nicht, aber sie fiel auf den Kopf, auf einen Stein, der ihre Schädeldecke anschlug, wie man ein Ei anschlägt, wenn man die Schale abmachen will, und ihr Hirn wurde dabei verletzt. Seitdem sabberte sie manchmal, konnte einige Worte nicht mehr aussprechen und benahm sich oftmals eher wie ein Kleinkind denn wie eine Jugendliche. Bis sie ermordet wurde.

Jakob öffnete die Augen. Hatte er geträumt? Nein. Geister träumen nicht, das hatte er in der letzten Zeit herausfinden können. Er hatte in den drei Tagen, die seit seiner Ermordung vergangen waren, nicht eine Sekunde geschlafen. Die Erinnerung hatte ihn traurig gestimmt, aber Geister weinen ebenso wenig, wie sie schlafen. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine Wut. Die Mörder seiner Schwester und seiner selbst hatte er aus irgendeinem Grund nicht finden können. Er hatte in der Schule gewartet, aber sie waren nicht aufgetaucht. Er wusste nicht, wo sie wohnten, konnte also nicht zu ihnen gehen, und langsam begann er zu bezweifeln, ob die Entscheidung, die er getroffen hatte, richtig gewesen war. Alaisha, der Engel, der ihm den Übergang erleichtern sollte, hatte ihn gewarnt, dass die Wahl, in den Himmel zu gehen oder auf Erden zu wandeln, eine einmalige war. Er hätte jetzt zusammen mit Alina auf Lila Wolken spazieren können. Dann erinnerte er sich an etwas, dass seine Großmutter ihm mal gesagt hatte. Er hatte einen sehr starken Sinn für Gerechtigkeit, und vielleicht war es das, was ihn dazu veranlasst hatte, sich für Rache zu entscheiden. Er wollte diese Kerle leiden lassen, er wollte sie töten, und das möglichst grausam. Jakob fing an zu laufen. Er hatte inzwischen ein paar Fähigkeiten entdeckt, die Geister besaßen: Er konnte laufen, als habe er Siebenmeilenstiefel an, er konnte durch Wände gehen, und entgegen dem, was Alaisha im gesagt hatte, konnte er sogar Dinge berühren, wenn er sich nur konzentrierte. Er hatte es einmal ausprobiert, bei einem kleinen Kind, dessen Fußball auf die Straße gerollt war. Er stand genau in der Mitte, der Ball rollte auf ihn zu. Jakob hatte die Augen zugekniffen und zugetreten. Der Ball war an seinem Fuß abgeprallt und auf den vollkommen verwunderten Jungen zurückgerollt.

Jakob schüttelte den Kopf. Er verlor sich häufig in diesen Erinnerungsfragmenten. Das war nicht gut. Er musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren, und dann lächelte er bei dem Gedanken an die Fähigkeit, die er sich für die drei Mörder aufsparte: Er konnte sich sichtbar machen, und sein Aussehen würde ihnen die pure Furcht in die Knochen treiben. Wenig später, als hätte das Schicksal im geholfen, sah er einen seiner Mörder. Es war derjenige, der nur dabeigestanden hatte, als sie seine Schwester ertränkt hatten, aber das war Jakob gleichgültig. Er folgte ihm.

Niklas schauderte, obwohl es so ein warmer Tag war. Verwundert sah er sich um, er fühlte sich beobachtet. Aber hinter ihm war niemand. Ist ja auch egal, ich bin ja gleich Zuhause. Er lief noch ein paar Minuten, bis er sein Haus erreichte. Er holte den Schlüssel heraus, schloss die Tür auf und ging hinein, als ihn ein kühler Windhauch streifte. Wieder schauderte er und sah sich um. Niemand da, außer seiner Einbildung. Niklas schüttelte den Kopf und dachte daran, was passiert war, drei Tage zuvor. Sie hatten zwei Menschen getötet. Er, Mark und Leon. Sie hatten diesen Typen, der tatsächlich mit Lippenstift in die Schule gekommen war, mit seiner blöden Schwester am See liegen sehen, und da konnte Mark einfach nicht widerstehen. Er war ihr Anführer, und wenn er sagte: „Wir machen den jetzt fertig.“, dann mussten sie springen. Und Mark hatte ihnen sogar erzählt, dass sie ihn umbringen würden. Das war Niklas egal, es hatte sogar irgendwie Spaß gemacht, diesen Kerl zu töten. Eine Schwuchtel weniger, ging es ihm durch den Kopf. Seine Eltern waren seit einer Woche im Urlaub, sie würden auch erst in einer weiteren Woche zurückkehren, und in dieser Zeit dachte Niklas nicht mal daran, zur Schule zu gehen, weshalb er auch die Ansprache zum Tod zwei seiner Mitschüler verpasst hatte. Jakob und Alina Greifer, Zwillinge und immer zusammen anzutreffen. Niklas hatte ihre Namen nicht gekannt, aber er hätte sich vielleicht zusammenreimen können, um wen es sich handelte. Er sah auf seine Armbanduhr: Zehn vor Zehn Uhr Abends. Er murrte, weil es schon schon so spät war, dann machte er sich sein Abendessen und ging danach ins Bett. Während er schlief, sah er nicht den Schatten, den Hauch eines Menschlichen Abbildes, der sich über ihn beugte. Er sah nicht, wie dieser Schatten seine Hand anhob, mit spitzen Fingern seine Decke berührte und sie über den weichen Stoff gleiten ließ. Einmal, zweimal, dreimal, und immer wieder.

Niklas erwachte mit Kopfschmerzen und einem seltsamen Gefühl in der Magengegend. Er verfolgte es nicht weiter, aber hätte er es getan, so hätte er erkannt, dass es dasselbe Gefühl ist, dass ein Schüler hat, wenn er eine Prüfung schreiben muss, für die er nicht gelernt hat oder wenn er zum Rektor zitiert wird. Es war Angst. Er kniff die Augen zusammen, weil ihn das Licht der Morgensonne blendete, und schlug die Decke beiseite. Seine Finger verhakten sich in einem Loch, und überrascht sah er sich die Decke an: Sie war vollkommen zerfetzt. Risse zogen sich durch den Stoff und hatten nicht nur das Laken, sondern auch die eigentliche Decke aufgeschlitzt, sodass die Daunenfedern hinausqollen. „Was zur Hölle...“, entfuhr es Niklas, und erschrocken stand er auf. Das Gefühl in seinem Bauch wurde stärker, es glich einem kleinen Klumpen Blei, der seinen Magen füllte. Er sah sich um, außer ihm war niemand hier, und es konnte ja auch niemand hier sein, schließlich hatte er die Tür geschlossen. Ihn streifte ein kalter Windhauch. Natürlich, er musste das Fenster offen gelassen haben. Niklas ging darauf zu und... es war geschlossen, ebenso wie die Tür seines Zimmers. Aber... woher war dann der Lufthauch gekommen? Und wer... Was hatte seine Decke zerfetzt? Niklas schüttelte den Kopf und dachte, dass er erst einmal Frühstücken sollte. Dann würde er wieder etwas klarer denken können. Er griff in seinen Schrank und holte eine Hose und ein T-Shirt heraus. Die Hose zog er an, aber das T-Shirt war aufgeschlitzt. Drei lange, breite Streifen mitten auf der Brust. Panisch warf Niklas es in die Ecke und griff ein neues T-Shirt heraus. Dieses war vollkommen in Ordnung, kein einziges Loch, nicht mal eine lose Naht. Er zog es an und ging hinunter in die Küche, um sich etwas zu Essen zu machen. Er entschied sich für ein Brot mit Salami, weil er dazu nur die Brotscheibe nehmen, eine Salamischeibe draufklatschen und es dann essen musste, und setzte sich an den Tisch. Er war schnell fertig, aber als er aufstehen wollte, stützte er sich am Tisch ab und spürte eine kleine Unebenheit. Nein nicht eine. Drei. Schnell riss er die Tischdecke beiseite und sah mit panischem Gesichtsausdruck auf die drei langen Schnitte, die sich in das Holz des Tisches gegraben hatten. Niklas zuckte zurück und blieb mitten im Raum stehen. Und dann hörte er ein Flüstern, direkt an seinem Ohr. Nur drei Worte: „Hast du Angst?“. Er zuckte zusammen, sein Herz hämmerte wie verrückt und er bekam so weiche Knie vor Schreck, dass er zu Boden fiel. Schnell rappelte er sich wieder auf und drehte sich um sich selbst. Nichts. Da war niemand außer ihm. Dann spürte er wieder diesen kalten Lufthauch an seinem Rücken, aber dieses Mal war etwas anders. Zuerst wusste Niklas nicht, was es war, aber dann erkannte er es: Der Lufthauch ging nicht gegen das T-Shirt, sondern gegen seinen blanken Rücken. Panisch griff er nach hinten und fühlte etwas, dass sein Blut stocken ließ: Drei Risse, die sich quer über seinen Rücken zogen, seine Haut aber nicht geritzt hatten. Nur sein Shirt hing in Fetzen. Niklas riss es sich vom Körper, als wäre es eine Knoblauchkette und er ein Vampir, dann rannte er aus der Küche in den Flur und schrie: „Wo bist du? Ich weiß, dass du hier bist!. Zeig dich, du Mistkerl!“. Er schrie es immer und immer wieder, und dann bekam er eine Antwort. Drei Striche in der Form eines Pfeiles waren in die Wand geritzt, und sie deuteten auf die Kellertreppe. Niklas lachte zitternd: „Der Keller? Ganz wie du willst.“. Er rannte nach oben in sein Zimmer und holte einen Baseballschläger, eines der Teile aus Aluminium, die nicht für den eigentlichen Sport gedacht sind, sondern nur für Schläger und Hooligans. Dann, endlich mit einem genauen Ziel, ging er die Kellertreppe herunter.

Das Licht ließ sich anschalten, was ein gutes Zeichen war, und mit erhobenem Schläger ging Niklas hinunter. Am Ende der Treppe wartete noch eine weitere Tür, dahinter lag ein großer Raum, in dem seine Eltern alles mögliche abstellten. Niklas ging hinein und knipste hier ebenfalls das Licht an. Dann schloss er die Tür hinter sich. Die Abstellkammer war wirklich groß, und so viel lag hier auch nicht herum, ein paar Kartons an den Wänden, eine Sammlung von Spielzeugen in der Ecke, das war es eigentlich. „Wo bist du, du kleiner Scheißkerl? Ich finde dich sowieso.“, murmelte Niklas, während er in die Mitte des Raumes ging. Kaum hatte er sie erreicht, als das Licht ausging. Die Glühbirne zersprang einfach, und die Scherben und Splitter regneten auf Niklas herunter. Er schrie, hieb wild mit dem Schläger um sich, dann rannte er zurück zur Tür. Er konnte nichts sehen, aber er kannte den Weg, und als er die Tür erreichte, meinte er erleichtert: „Dem Himmel sei Dank.“. „Wenn du dich da mal nicht täuscht.“. Die Stimmer war wieder dieses Flüstern in seinem Ohr, aber anstatt diesmal zusammenzuzucken, holte Niklas mit dem Schläger aus und hieb wild um sich. Es kümmerte ihn nicht, dass er nichts traf. Dann, als er sich ein wenig beruhigt hatte, drückte er die Klinke der Tür herunter. Sie war verschlossen. Und Niklas hatte keinen Schlüssel. „Was zum...“, entfuhr es ihm, dann spürte er erneut den Lufthauch. Er drehte sich um, den Rücken zur Tür, und hob schützen den Schläger. Ein Schatten bewegte sich, er konnte ihn mit seinen Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten, sehen. Etwas kleines, etwa von der Größe seiner Hand, aber mit sehr spitzen Zähnen, oder Krallen oder was auch immer, schlug nach ihm, erwischte den Schläger und riss ihn in Stücke. Das leichte Metall fiel klappernd und nutzlos zu Boden. Niklas schrie, verstummte aber, als er die Stimme hörte. Kalt, und wenn sie überhaupt Emotionen enthielt, dann nur eine: Hass. Die Stimme war direkt vor ihm: „Sag mir, hast du Angst vor dem Tod?“. Niklas konnte nicht antworten, er konnte einfach nicht. Dann erwischte ihn ein heftiger Schlag gegen die Brust, die ihn durch die hölzerne Tür hindurch warf und auf den Rücken schleuderte. Hier, im Treppenhaus, brannte das Licht noch, und endlich sah Niklas seinen Peiniger. Er sah eine menschliche Gestalt, furchtbar entstellt, und dann diese Hand... diese linke Hand... Aber dann fesselte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Es waren die Lippen dieser Person. Die Linke Seite war durch die Narben fast unkenntlich gemacht, aber trotzdem erkannte Niklas den Lippenstift. Und da wusste er, dass es nicht der Tod war, den er fürchten musste. Er schrie. Und Jakob begann damit, den Plan seiner Rache auszuführen.

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