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Jetzt

„Halt, halt! Warte einen Moment.“. Alaisha hob abwehrend ihre verbliebene Hand und spuckte Blut. Sie krabbelte an die Wand hinter ihr zurück und keuchte. Ihr Bauch schmerzte, und sie drückte mit ihrem rechten Armstumpf dagegen, um die Blutung zu stoppen. Es klappte nur dürftig. „Lass mich... zu Atem kommen, okay? Bitte.“.

Jakob blickte emotionslos auf sie herab. Von dem hübschen Engel von früher war kaum noch etwas übriggeblieben. Seine Fingernägel waren voll mit ihrem Blut, hatten Löcher in ihren Bauch und ihr Gesicht gerissen. Es tat ihm nicht leid. Aber während er dastand und dieser verstümmelten Kreatur dabei zusah, wie sie sich ein wenig von den Schmerzen erholte, die er ihr zugefügt hatte, dachte er darüber nach, wie er in diese Situation gekommen war.



Zuvor

Nachdem Mishala in im Wald hatte stehen lassen, nichts als die Aussage, er könne wieder ein Mensch werden, in den Ohren, war er wütend geworden. Was bildete sich dieser verdammte Engel ein, ihm vage Hoffnungen zu machen und dann einfach zu verschwinden?

Er hatte seine Wut an den umstehenden Bäumen ausgelassen, einige von ihnen regelrecht zu Kleinholz verarbeitet, dann hatte er sich der Leiche des Mädchens zugewandt. Es war nicht Alina, also konnte es ihm egal sein, was mit ihr passierte. Und in letzter Zeit bereitete das Aufschlitzen von toten Körpern ihm Vergnügen.

Wenig später befand sich an der Stelle, wo das Mädchen zuvor gelegen hatte, nur noch ein großer, roter Fleck und einige Knochensplitter.

Er saß schwer atmend mittendrin und sah sich um. War das wirklich er gewesen? Kaum zu glauben.

Vielleicht hatte Mishala ja doch irgendwie Recht, als sie ihm gesagt hatte, was ihm blühen könnte. Ein Dämon zu werden klang fies, ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Engel dann Jagd auf ihn machen würden.

Was ihn wieder auf die Idee mit der erneuten Menschwerdung zurückwarf. Wenn Mishala ihm doch nur mehr erzählt hätte...

Jakob richtete sich auf und blickte auf seine blutverschmierten Hände. Da das Mädchen schon etwas länger tot war, war das Blut sehr schnell geronnen und verklebte nun seine Arme und seine Brust, auch seine Haare waren voll mit dem roten Zeug. „Also wieder waschen.“, murmelte er lustlos.



Jetzt

Zeitverschwendung. Seine Hände, seine Haare, sein ganzer Körper war wieder voller Blut, nur dass es diesmal das des schönen Engels Alaisha war. Ein paar Tropfen liefen über die Ränder seiner Narben im Gesicht, flossen langsam hinab und in seinen Mundwinkel. Reflexartig leckte er sie mit der Zunge ab und war ein wenig überrascht. Engelsblut schmeckte erstaunlich anders. Nicht wie Salz und warmes Metall, so wie Menschenblut. Es war mehr wie... wie...

Ihm viel kein Wort dafür ein. Es ließ sich mit keinem anderen Geschmack, den er kannte, vergleichen, und abgesehen davon war Jakob ziemlich sicher, dass er der erste war, der jemals das Blut eines Engels gekostet hatte.

„Du hattest genug Zeit. Antworte endlich.“.



Zuvor

Nachdem er sich gereinigt hatte, hatte Jakob ein paar Stunden damit zugebracht, über Mishalas Worte nachzudenken. Er sei auf dem besten Weg, ein Dämon zu werden. Den Engeln in Kraft gleichgestellt und nahezu unbesiegbar, selbst für die himmlische Elite.

Und in diesem Moment, auch wenn er sich darüber noch nicht ganz im Klaren war, ahnte er, was er tun würde.

Wenig später kniete Jakob, mit Absicht auch für Menschen sichtbar, die allerdings nicht anwesend waren, in einer nahen Kirche, direkt vor dem meterhohen Jesuskreuz, und sah gen Himmel: „Hey, Mishala. Oder Alaisha... oder wer von euch auch immer gerade zuhört. Ich möchte... nein, ich MUSS mit euch reden. Jetzt. Es ist wichtig.“.

Danach hatte er dort gekniet und gewartet. Eine Stunde, zwei, vierundzwanzig insgesamt. Dann war es ihm zu bunt geworden und er war aufgestanden.

Das letzte Mal, als er einen Engel gesehen hatte, von dem Treffen mit Mishala einmal abgesehen, hatte er ein wahrhaftes Gemetzel angerichtet.

Wenn dies der einzige Weg war, auf sich aufmerksam zu machen, bitte sehr. Das könnten sie haben.



Jetzt

„Jetzt rede schon, du erbärmliches Miststück!“. Er holte mit der linken Hand aus, als wolle er Alaisha schlagen, und genau genommen wollte er das tatsächlich, aber er zögerte doch. Alaisha hatte angefangen zu weinen. Hatte sie Angst? Angst vor dem Tod? War so etwas bei Engeln überhaupt möglich?

Nun, wenn sie nicht bald seine Fragen beantwortete, würde er es herausfinden.



Zuvor

Wo geht man hin, wenn man ein möglichst großes Gemetzel anrichten will, um einen Engel auf die Erde zu locken, damit dieser einem verrät, wie man wieder ein Mensch wird? Jakob lachte kurz über diesen Gedankengang, dann dachte er über mögliche Ziele nach. Eine Schule? Das wäre sicher interessant, aber strategisch unklug. Schulen waren zu verschachtelt gebaut, um einen guten Überblick zu behalten.

Ein Fußballstadion? Sicher, Millionen von Leichen, kein Problem. Aber wann fand bitteschön das nächste Fußballspiel statt?

Dann viel es Jakob ein: Er musste gar nicht viele Menschen töten. Er musste die richtigen Menschen töten. Und was für Menschen tötet man, wenn man einen Engel locken will?

„Gläubige.“, hauchte er. Er eilte zurück zur Kirche, und wie gerufen betrat eine Gruppe von etwa zehn Männern und Frauen diese im gleichen Moment wie er. Jakob machte kurzen Prozess mit ihnen, auch wenn er darauf achtete, möglichst viel Blut fließen zu lassen. Sehr, sehr viel Blut.

Kurz darauf stand Alaisha vor ihm. Bevor sie, fassungslos und angewidert, auch nur einen Ton hervorbringen konnte, sah sie sich mit Jakobs unbändiger Raserei konfrontiert. Er hatte Blut geleckt, als er diese Menschen abgeschlachtet hatte wie Tiere, und in seinem Zorn schlug er auf Alaisha ein, immer und immer wieder.

Aufgewacht war sie in einem dunklen Raum, einem Keller vielleicht. Ihr Gegenüber saß Jakob auf dem nackten Boden: „Ich habe ein paar Fragen an dich.“, antwortete er grimmig: „Und es wäre schön, wenn du ein paar gute Antworten hast.“.



Jetzt

„Alaisha, also wirklich. Langsam verliere ich die Geduld. Wie viele Körperteile soll ich dir denn noch abschneiden? Ich habe doch nur eine einfache Frage: WIE, VERDAMMT NOCH MAL, KANN ICH WIEDER EIN MENSCH WERDEN!?“.

Als er schrie, schluchzte Alaisha wieder und drückte sich weiter gegen die Wand. Es war offensichtlich, dass sie mit dieser Art von Gewalt ihr gegenüber nicht umgehen konnte. Ihr Armstumpf begann bereits, eine neue Hand zu bilden, aber es würde noch Stunden dauern, bis der Schmerz verschwand. Wenn Jakob sie nicht vorher tötete.

„Alaisha, es bringt dir überhaupt nichts, auf stumm zu schalten. Mishala hat mir erzählt, dass es möglich ist, und ich möchte nur wissen, wie!“.

Alaisha schniefte und schüttelte dann den Kopf. Jakob zuckte stumm mit den Schultern und hieb mit seinen Fingernägeln nach ihrem Brustkorb. Das Top, dass sie getragen hatte, klaffte auf, ebenso wie die Haut darunter. Jakob erhaschte einen kurzen Blick auf eine ihrer Brüste, wohlgeformt und offenbar sehr weich, aber schon im nächsten Moment teilte sie sich horizontal. Knapp über der Brustwarze entstand ein roter Strich, und die untere Hälfte wurde ein Opfer der Schwerkraft.

Alaishas Schrei war markerschütternd.

„Deine letzte Chance, Engel. Entweder, du sagst mir, wie ich wieder zu einem Menschen werden kann, oder ich schicke dich auf den schnellsten Weg zurück in den Himmel.“.

Alaisha keuchte, schniefte und wimmerte, aber dann nickte sie. Aus ihrem Mund kam ein gepresstes: „Warte noch.“, und Jakob schnaubte. Dann lief er rückwärts zum anderen Ende des Raumes und lehnte sich gegen die Mauer. Alaisha unterdrückte einen erneuten Schmerzenslaut und ließ sich auf die Seite sinken. Nach wenigen Minuten, kurz bevor Jakob erneut aufstehen und sie weiter foltern wollte, richtete sie sich wieder auf: „Du... du kannst wieder ein Mensch werden, wenn... wenn du...“. Sie stockte immer wieder, die Schmerzen raubten ihr den Atem: „Du musst mit einer Frau reden. Sie ist...“. Alaisha hustete und spuckte Blut. Dann setzte sie neu an: „Diese Frau war einst einer von uns. Ein Engel. Aber sie ist... wie nennt ihr Menschen das? Gefallen?“.

Jakob blinzelte: „Ein gefallener Engel? Und das soll die Lösung meines Problems sein?“.

„Ja, genau. Sie... hat Fähigkeiten. Wenn man einmal ein Engel war, besitzt man für alle Ewigkeit eine gewisse Gabe. Und sie... kann dich zurückholen.“. Sie verstummte. Ihre Kraft war erschöpft. Mit einem leisen Stöhnen glitt sie an der Wand entlang zu Boden. Jakob hingegen richtete sich auf, trat auf Alaisha zu und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, um sie wieder aufzuwecken. Es klappte, auch wenn Alaisha nun durchgehend einen trüben, abwesenden Blick hatte.

„Alaisha, das reicht mir nicht. Wie finde ich diese Frau? Antworte!“.

Er hob die Hand erneut zum Schlag, aber es war nicht nötig, diese Drohung auszuführen. Alaisha antwortete: „Sie ist... im Traum.“.

„... Im Traum? Habe ich dir nicht gesagt, dass ich es HASSE, wenn ihr Engel in verfluchten RÄTSELN SPRECHT!?“.

Alaisha schüttelte den Kopf und meinte: „Sie erscheint dir im Traum. Du musst... träumen. Dann kannst du mit ihr reden.“.


Später

Jakob blickte in den Abgrund hinab, an dem er saß. Wenn du lange genug in den Abgrund siehst, sieht der Abgrund zu dir zurück, ging es ihm durch den Kopf. Er hatte das Gefühl, dass in diesem Satz eine Menge Wahrheit steckte.

Dann machte er den Kopf frei zum Nachdenken. Alaisha hatte ihm nichts weiteres sagen können. Er musste träumen, das war alles. Das Problem an der Sache war lediglich, dass ein Geist nicht schläft, und folglich auch nicht träumt. Er hatte in den letzten drei Jahren nur selten geschlafen, und das auch nur, wenn er den Körper eines anderen Menschen besetzt hatte. Natürlich hatte er das sofort wiederholt. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht. Es waren die Hände eines kleinen Jungen von vielleicht zehn Jahren. Der erste Mensch, der ihm vor die Augen gekommen war. Jetzt hieß es warten, bis ihn die Müdigkeit übermannte. Aber das war der Knackpunkt: Er war viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können.

Jakob blickte auf. Natürlich, das war die Idee: Körperliche Betätigung machte müde, und außerdem konnte er sich so ein wenig abreagieren. Er stand auf, blickte ein letztes Mal in den Abgrund – Er blickte zurück – dann ging er den Weg zurück, den er gekommen war. Er lief, zuerst langsam, dann immer schneller, schneller...

Ein zehn Jahre alter Junge ist langsam, viel Jakob auf, aber nach einiger Zeit tat das Laufen seine Wirkung. Seine Lider wurden zunehmend schwerer, und schließlich nach Stunden des Laufens, musste er ausruhen. Er legte sich auf den Boden, ihm war gleich, wo er sich befand. Und dann schlief er ein und träumte.



Wieso er immer auf einer großen Wiese mit wolkenlosem Himmel stand, wenn er von einem Engel träumte, war Jakob schleierhaft. Aber es war ihm eigentlich auch egal. Er sah sich um, aber diese Frau, dieser gefallene Engel, von dem Alaisha gesprochen hatte, war nirgends zu sehen. Er atmete tief durch und setzte sich auf den Boden, schloss die Augen...

… und öffnete sie, als ihn eine Stimme ansprach: „ich sage es ungerne, mein Freund, aber du siehst ziemlich abgerissen aus.“.

Er sah auf, und vor ihm saß ein Mädchen, kaum so alt wie der Junge, in dessen Körper er schlief. Sie war nicht so hübsch wie die Engel, die Jakob bisher kennengelernt hatte, aber auch nicht hässlich.

Sie hatte rote Augen.

„Bist du der gefallene Engel, von dem Alaisha gesprochen hat?“. Eine bessere Frage viel Jakob nicht ein.

Das Mädchen legte den Kopf schief: „Alaisha? Ja, das stimmt wohl. Obwohl sie mir nicht persönlich gesagt hat, dass du kommst. Mishala meinte, sie sei ziemlich mitgenommen.“.

Jakob knurrte leise: „Ihre Schuld. Ich habe sie gefragt, sie wollte nicht antworten. Also musste ich... nachhelfen.“.

Das Mädchen gab ein verächtliches Schnauben von sich und ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze voller Hass: „Nachhelfen? Du hast sie beinahe zu Tode gefoltert. Ist dir klar, was passiert, wenn ein Engel stirbt?“.

„Bis jetzt war ich mir nicht mal sicher, ob es überhaupt möglich ist. Äh, nur so aus Neugier: Was passiert denn, wenn ein Engel stirbt?“.

Das Gesicht des Mädchens glättete sich wieder, und sie schüttelte den Kopf: „Das ist nicht von Belang. Viel wichtiger, mein verzweifelter Freund, ist der Grund, aus dem du all das getan hast. Der Grund, aus dem du hier bist. Du willst wieder ein Mensch werden. Ein lebendiger Mensch.“.

Jakob blinzelte einmal, dann nickte er: „Kannst du das denn?“.

Sie lächelte und offenbarte dabei zwei Reihen glänzender Zähne, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte: „Es gibt wenig, was ich nicht kann, die Frage ist nur, für welchen Preis.“.

Ein Stöhnen entrang sich Jakobs Kehle: „Preis? Das wäre ja auch zu schön gewesen. Was willst du dafür, dass du mich wiederbelebst?“.

„Zuerst einmal will ich die Antwort auf eine Frage, die mich sehr interessiert: Du bist so geworden, weil du die Ermordung deiner Schwester rächen wolltest. Du bist traurig und verzweifelt, weil sie tot ist, und dennoch...

Wieso wünscht du dir dein eigenes Leben, anstatt deine Schwester zurückzuholen und sie ihr Leben leben zu lassen?“.

Jakob schwieg eine Weile. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht, aber jetzt, wo dieses Mädchen eine Antwort von ihm erwartete...

„Alaisha hat mir erzählt, wie es Alina im Himmel geht. Ich will es ihr nicht kaputtmachen. Außerdem...“. Er zögerte, die Erinnerung an sein altes Leben mit Alina stimmte ihn traurig: „Außerdem würde sie dann doch wohl in ihrem alten Körper aufwachen, oder? Und dann wäre sie wieder so... so...“.

Das Mädchen beendete den Satz: „Geschädigt?“. „Ja, genau. Und das will ich nicht.“. Er räusperte sich, dann kam er wieder auf das Thema zu sprechen: „Also, was ist es denn jetzt, was du von mir willst? Sag schon.“.

Das Mädchen verzog das Gesicht erneut, diesmal allerdings nicht zu einer Fratze der Wut, sondern des Vergnügens: „Bist du mit den Sieben Todsünden vertraut? Ich möchte nämlich, dass du sie für mich wahr machst. Einmal Wollust, Zorn, Eitelkeit, Neid, Geiz, Trägheit und Völlerei. Bringe Sieben Menschen dazu, je eine dieser Sünden zu begehen, und du sollst deinen Willen haben. Dafür garantiere ich.“.

Sie streckte die Hand aus, und Jakob griff danach, um den Deal zu besiegeln. Er zögerte nicht eine Sekunde.

Und die roten Augen des gefallenen Engels begannen im Sonnenlicht zu glühen wie die Flammen der Hölle.

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