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Jakob erwachte, aber er öffnete nicht die Augen. Er ahnte, was er erblicken würde: Weiße Wolken, nackte Mädchen mit Flügeln, die auf ihnen saßen und ihre Körper mit riesigen Harfen verdeckten, auf denen sie die Himmlische Musik spielten, wieder und wieder bis in alle Ewigkeit. Unwillkürlich lauschte er, aber anstatt des sanften Pling-Pling von Harfensaiten vernahm er ein nervtötendes Piepen, wie von einem Wecker. Jakob schlug die Augen auf.

Er sah weiß, damit hatte er schon gerechnet, aber es war ein anderes Weiß, als er gedacht hatte. Es war künstlich, es waren Wände, keine Wolken, auf die er blickte, und direkt über ihm hing eine Lampe an der Decke, die ein helles, gelbes Licht ausströmte, das in den Augen brannte. Jakob blinzelte. Er befand sich offenbar in einem Krankenhaus, zumindest sah alles so aus, wie er es von früher kannte, als er einmal mit einem gebrochenen Bein hier gelegen hatte. Das Piepen rührte von ein paar Geräten, an die er angeschlossen war. Eine Blutkonserve hing über ihm, und das erinnerte Jakob an seine Schulter. Er richtete sich ein wenig auf, ignorierte den Schmerz, der durch seinen Körper fuhr und betastete seine rechte Schulter. Sie war verbunden und schmerzte nicht mehr so stark. „Tja, Leon.“, murmelte er, „Ich sage es nicht gern, aber: Du bist zäh.“. Dann grinste er. Eben erst war im klar geworden, was es überhaupt bedeutete: Er lebte!

Die Tür ging auf, und schnell legte Jakob sich wieder hin und schloss die Augen. Er hörte eine Frau und einen Mann, vermutlich Arzt und Krankenpflegerin, miteinander sprechen.

Frau: „Ich dachte, ich hätte was gehört. Scheint aber nicht der Fall zu sein. Nach wie vor bewusstlos.“.

Mann: „Was ist ihm eigentlich passiert? Er sieht richtig übel aus.“.

Frau: „Ist kompliziert, aber er hat drei Stichwunden in der rechten Schulter und mehrere Verletzungen, die wohl von sehr heftigen Schlägen kommen müssen. Seine Nase ist gebrochen, und die Narben im Gesicht... sehen sie seine Fingernägel? Vermutlich hat er sie sich selbst zugefügt.“.

Mann: „Mein Gott. Wieso haben sie ihm die Fingernägel nicht geschnitten?“.

Frau: „Haben wir. Wir haben auch die Narben zu nähen versucht, aber so wie die Nägel immer wieder nachgewachsen sind, sind die Narben immer wieder aufgesprungen. Auch der Lippenstift lässt sich nicht abwischen. Wir warten jetzt nur noch darauf, dass er aufwacht, und dann will die Polizei ihm ein paar Fragen stellen. Wäre wohl besser, wenn er ein paar gute Antworten hat.

Mann: „Wieso?“.

Frau: „Die Polizei hat ihn halb verblutet in seinem Haus gefunden, zusammen mit den Leichen von zwei weiteren Polizisten, die scheinbar übrigens dieselben Stichwunden hatten wie seine Schulter, und der Leiche eines Jungen Mannes, der auf dieselbe Weise verstümmelt war wie dieser hier. Mit Fingernägeln und Narben. Bei ihm war die Todesursache übrigens einfach: Herzversagen.“.

Dann ging die Frau auf Jakob zu und nahm die Hand mit den drei Krallen hoch: „Ich glaube übrigens, dass die drei Stichverletzungen von denen hier kamen. Als hätten die zwei Jungs gekämpft.“.

Jakob öffnete die Augen: „Nicht ganz.“, grinste er, dann zog er seine linke Hand zurück und rammte sie der Frau in die Seite. Sie stöhnte und sank zu Boden. Jakob sprang aus dem Bett, wobei er sich von den Kabeln an seinem Körper los riss, und rammte der Frau das Knie ins Gesicht, wonach sie bewusstlos zu Boden sank. Dann rammte er den schockierten Arzt gegen die Wand, hielt ihm seine Krallen vor die Augen und murmelte: „Keinen Laut.“. Dann öffnete er den Mund und drückte seine Lippen auf die des Arztes.

Jakob übernahm den Körper des Mannes mit Leichtigkeit. Er verstand nicht, wieso er zuvor Probleme hatte, den sterbenden Körper Leons zu verlassen, vielleicht brauchte er einfach ein neues Ziel, oder es lag daran, dass der Rest von Leons Persönlichkeit, der noch da war, sich so sehr gegen das Sterben gewehrt hatte und somit in dem Körper verbleiben wollte, aber Jakob wusste es nicht. Er sah sich um. Oh Ja, diese Hülle war stärker als Leon. Er wühlte ein wenig in den Erinnerungen des Mannes. Oho, ein Sportler. Jede Woche zwei Stunden Krafttraining. Und jeden Morgen Joggen, wenn es die Zeit zuließ. Nützlich, wenn man es mit einem Kerl wie Mark aufnimmt. Jakob grinste, und dabei bemerkte er, wie sich langsam Narben in seinem Gesicht bildeten. Er musste langsam verschwinden. Sein Blick viel auf die blutende Krankenschwester und auf Leons Leiche, dann drehte er sich um und verließ erst das Zimmer, dann das Gebäude.

Mark dachte nach, wie es weitergehen sollte. Er war zu Leon gegangen, als dieser gerade Besuch von der Polizei bekommen hatte, und war daraufhin schnell wieder abgehauen, noch bevor er mitbekam, dass Niklas, oder besser gesagt sein Körper, ebenfalls auftauchte. Nun saß er in seinem Zimmer und dachte nach. Er hatte keine Zweifel daran, dass Leon nachgegeben und den Bullen alles verraten hatte, und sie würden bald auch hier auftauchen. Zufälligerweise klingelte es in genau diesem Moment, und Mark zuckte zusammen. Er ging zur Eingangstür und sah durch den Spion, dann atmete er erleichtert auf. Nur ein Kerl in einem Arztkittel, keine Polizei. Er öffnete die Tür und zuckte zurück, als er das entstellte Gesicht sah. „Hallo, Mark.“, sagte der Kerl grinsend und trat ein.

Mark stand da wie gelähmt, während die Gestalt anfing, mit ihm zu reden: „Was ist los? Erkennst du mich nicht mehr?“. Er schüttelte den Kopf: „Ich gebe zu, es ist kompliziert, wenn ich meine Hülle wechsele wie eine Schlange die Haut, aber dir muss doch was bekannt vorkommen. Vielleicht das?“. Er spitzte die Lippen, als wollte er Mark einen Kussmund zuwerfen, und zeigte dabei ganz offen auf den roten Lippenstift. Marks Gesicht spiegelte Erkennen und Verzweiflung wider: „Nein. Das kann nicht sein. Du...du bist...“. „...Tot, ganz genau. Und dir habe ich das zu verdanken. Dir und deinen beiden Freunden, aber...“. er lachte trocken, „... aber die sind jetzt kein Problem. Nicht mehr.“. Mark sah ihn zornig an: „Was bist du? Und was hast du mit Niklas und Leon gemacht!?“. Jakob grinste: „Ich bin dein schlimmster Albtraum, der Geist der Rache, wenn du so willst. Und glaub mir, deine Freunde sind das letzte, um das du dir Sorgen machen solltest.“. Seine Stimme triefte vor Hass: „Mach dir lieber Sorgen um dich selbst!“. Er hob die linke Hand und ließ sie auf Mark niedersausen. Dieser hob schützend den Arm, schrie, als sich die Nägel in das Fleisch bohrten und es durchschnitten, als wäre es Butter, und taumelte in die Küche. Jakob ging ihm langsam und mit verzerrtem Gesicht nach. Er ließ sich Zeit. Mark hingegen verfiel in Hektik. Panisch sah er sich nach Waffen um, mit denen er sich gegen diesen Wahnsinnigen wehren könnte, aber das einzige, was ihm auffiel, war der Faustgroße Salzstreuer auf dem Tisch. Er griff danach und hob ihn hoch, wobei ein paar Salzkörner auf die frischen Wunden in seinem Arm fielen. Er schrie vor Schmerz und der Salzstreuer entglitt ihm, knallte gegen die Tischkante und zerschellte. Salz spritzte überallhin, und als etwas davon Jakobs neuen Körper berührte, geschah etwas seltsames. Die Stellen, die das Salz berührte, wurden von kleinen Brandwunden gezeichnet, und Jakob brüllte vor Schmerz. Dann wurde er aus dem Körper geworfen, als wäre er eine Kanonenkugel.

Mark sah es, und er nahm auch den Schatten wahr, der den Körper verließ, welcher daraufhin leblos in sich zusammensank. Er sah sich um. Nichts passierte, der Schatten kam nicht wieder, der Körper richtete sich nicht auf, gar nichts. Bis er die Kratzgeräusche wahrnahm. Schnell und mit klopfendem Herzen sah er sich um und sah, wie sich auf dem Holz des Tisches Buchstaben bildeten. Wie von Geisterhand wurden sie hinein geritzt: DER SEE

Es war Nacht, als Mark den See erreichte, genau an der Stelle, an der er und seine Freunde erst Jakob, und schließlich Alina ertränkt hatten. Er sah sich um, eine Hand immer in seiner Tasche. Er hatte sie mit Salz vollgepackt, nur zur Sicherheit. Er wusste nicht genau, welche Wirkung es auf diesen Geist hatte, aber schien wehzutun, und das reichte Mark. „Okay, ich bin hier! Zeig dich, du Supergeist!“, schrie er hämisch. Er sah sich eine Weile um, dann drehte er das Gesicht zum See und wiederholte seinen Ruf. Er grinste zornig, zuckte dann aber überrascht zusammen, als direkt hinter ihm eine Stimme ertönte: „Aber ich bin doch schon längst da.“. Mark drehte sich um und riss die Hand mit einer Dosis Salz aus der Tasche. Er warf sie Jakob entgegen, der vor Überraschung und Schmerz schrie und kurz flackerte. Dann fiel er zu Boden, wo er sich keuchend mit Händen und Knien abstützte. Mark lachte: „Tja, vielleicht hättest du besser aufpassen sollen, Schwuchtel. Salz scheint dir nicht gerade gut zutun.“. Er holte noch eine Hand voll aus seiner Tasche und goss sie über Jakob aus, der erneut schrie und sich am Boden wand. Mark betrachtete ihn nun genauer. Es war tatsächlich Jakob, aber er war ebenso entstellt wie der Körper, der ihn Zuhause angegriffen hatte. Er hatte sogar dieselben Fingernägel an der linken Hand. „Tja, da sieht man mal wieder, wie unfähig solche Kerle wie du sind.“, spottete Mark: „Kommst her, um dich zu rächen, weil ich dich ertränkt habe, und dann brichst du zusammen, weil ich dich ein wenig würze. Erbärmlich.“. Er wollte Jakob einen Tritt in die Rippen verpassen, aber er verschwand einfach. Hecktisch drehte Mark sich um und griff erneut in seine Tasche. Das Salz war vollkommen aufgebraucht.

Da erwischte ihn ein schlag in den Magen, dann einer ins Gesicht, noch einer, dann ein heftiger Tritt, der ihn zu Boden warf. Seine Schläfe klatschte ins nahe Wasser. „Ist ja ganz schon aufgesagt gewesen.“, sagte Jakob tonlos, als er über Mark stand: „Aber in einer Sache irrst du dich. Ich wollte nie Rache für meinen Tod.“. Er kniete sich hin und führte sein Gesicht ganz nah an das von seinem Widersacher: „Wieso habt ihr Alina ermordet?“. Mark spuckte aus: „Darum geht es dir? Um diese zurückgebliebene Schlam...“. Er verstummte, als Jakob ihm zornig ins Gesicht schlug. Marks Kopf glitt kurz unter Wasser und er röchelte, als er es schluckte. „Wage es ja nicht, so von ihr zu sprechen, du Mistkerl!“, schrie Jakob ihn an: „Wieso habt ihr sie umgebracht? Wieso!?“. Mark schwieg, und Jakob bohrte ihm seine Nägel in den Bauch, was mit einem Schrei beantwortet wurde, den Jakob aufsaugte wie einen süßen Wein: „Antworte mir, du Bastard! Antworte!“. „Ah... ist... ist ja gut, ich... ich antworte. Es...“. Er keuchte vor Schmerz: „Es hat... Spaß gemacht...“. Das reichte Jakob: „Schön. Aber es macht dir doch sicher keinen Spaß, selbst zu ertrinken, oder?“. Er drückte ihn unter Wasser, eine volle Minute lang, dann zog er ihn wieder heraus: „Macht jetzt keinen Spaß mehr, hab ich Recht? Nun, mir macht es auf jeden Fall Spaß. Und ich wette, wenn Alina mir zusieht, wird sie sich auch freuen!“. Dann drückte er Mark wieder unter Wasser, diesmal länger. Viel länger. Seine Füße hatten aufgehört zu zucken, und Jakob drückte immer noch zu. Erst als der Tag die Nacht vertrieb, ließ er los. Unbewusst hatte er in der ganzen Zeit seine Krallen immer und immer wieder über Marks Rücken gezogen, sodass dieser nun ein blutiger Klumpen rohes Fleisch war. Der Anblick ließ Genugtuung in Jakob aufkommen. Er hatte es geschafft. Er hatte Alina gerächt.

Beerdigungen sind nichts schönes, nicht für die Lebenden und erst recht nicht für die Toten. Jakob wusste das, als er, unsichtbar für alle anderen, an den Sarg seiner Schwester trat. Er stand neben seinem eigenen, aber Jakob hatte kein Interesse daran, seine eigene Leiche zu sehen. Voll Trauer legte er Alina die Hand auf die Stirn: „Hey, Kleine Schwester. Ich hoffe... ich hoffe, dir geht es gut da Oben, und du hast keine Probleme. Ich hab gehört, du hast dir schon einen Namen gemacht, zumindest erzählt diese Alaisha das. Wie auch immer, ich... ich wollte dir erzählen, dass ich es geschafft habe. Ich habe dich gerächt.“. Er seufzte: „Verdammt, ich vermisse dich. Ich weiß jetzt einfach nicht mehr, was ich machen soll, ohne dich oder ohne irgendein Ziel. Ich weiß nicht, ob du mich auch vermisst, ich hoffe es natürlich, aber ich möchte nur, dass du weißt: Ich werde immer an dich denken.“. Er wartete noch ein paar Minuten, dann wurde der Sarg ins Grab hinabgelassen. In diesem Moment hätte Jakob alles darum gegeben, weinen zu können, aber er konnte es nicht. Er würde es nie wieder können.

„Jakob. Steh auf.“. der sanfte, aber befehlende Tonfall riss ihn aus seinen Gedanken. Er folgte der Anweisung und sah sich einem Wesen gegenüber, einem Mädchen nicht unähnlich. Sie war wunderschön, und Jakob fragte: „Bist du das, Alaisha?“. Der Engel lachte, ein Geräusch wie von klingenden Glocken: „Nein. Alaisha ist beschäftigt. Ein Engel zu sein ist harte Arbeit, musst du wissen. Ich bin sozusagen ihre Vertretung.“. „Verstehe.“, meinte er langsam: „Irgendwie komisch. Als ich gestorben bin, verhielt sich Alaisha so, als wäre es das letzte Mal, dass ich sie oder einen anderen Engel sehe, aber anscheinend lauft ihr mir immer wieder über den Weg.“. „Das ist kein Zufall. Es hängt mit deiner Schwester und mit dir selbst zusammen. Ach ja, ich heiße übrigens Mishala.“. „Habt ihr Engel alle so komische Namen? Das kann man sich doch niemals merken.“. „Ich verstehe, was du meinst.“, antwortete Mishala trocken: „Ist im Moment aber nicht relevant. Ich bin nur hier, weil Alina mich darum gebeten hat.“. Jakob sah auf: „Was hat sie gesagt? Wie geht es ihr?“. „Ganz gut. Sie hat sich sogar ein wenig Genugtuung gegönnt, als du sie gerächt hast. Aber das ist es nicht. Sie wollte dich warnen.“. „Mich warnen? Wieso?“. „Das hat, soweit ich weiß, Alaisha dir schon erzählt: Pass auf, was aus dir wird.“. Jakob sah genervt gen Himmel: „Ja, das hat sie erwähnt. Kannst du mir vielleicht erklären, was es bedeutet?“. Mishala schüttelte den Kopf: „Nein, kann ich nicht. Aber ich kann dir einen Tipp geben: Versuche, dich zu erinnern, und achte auf das, was dir dabei in den Sinn kommt.“. „Verdammt, müsst ihr Engel immer in Rätseln sprechen!?“, fuhr Jakob auf: „Ich hab die Schnauze langsam voll davon. Was soll das heißen?“. Aber Mishala war schon fort.

Jakob drehte sich um und sah den Grabstein seiner Schwester an. Moment, den Grabstein? Der wird doch nicht gleich bei der Beerdigung angesetzt. Wie lange hatte er hier gesessen? Er dachte an Mischalas Worte und begann, darüber nachzudenken, was aus ihm werden könnte. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihm die Antwort, und irgendwann entschied er sich, die Frage neu zu stellen: „Was ist aus mir geworden? Zu was habe ich mich gemacht?“.

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