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Auszug aus: Eine Ode an die Liebe, von Anonymus:

Liebe ist etwas so schönes, dass jeder sie verdient, jeder sie kennenlernen sollte, und sie ist stark genug, noch durch den Tod gespürt zu werden.


„Darf ich jetzt eine Geschichte erzählen?“. Erwin sah in die Runde, die aus ihm, Maxim, dessen Bruder Finn und seiner Freundin Annabell bestand. Sie saßen alle zusammen in Maxims Wohnzimmer, bei sanftem Kerzenschein und kurz nach Mitternacht. Sie hatten sich zusammengesetzt, um sich gegenseitig Schauergeschichten zu erzählen. Annabell hatte sich nichts Besonderes einfallen lassen und vom Slenderman erzählt, während Maxim die Geschichte eines ertrunkenen Jungen namens Ben erzählte. Nun wollte Erwin eine Geschichte erzählen, und die anderen nickten zustimmend.

„Okay, also, diese Geschichte hat wirklich stattgefunden, und ich habe sie von meinem Onkel. Ihr wisst ja, er ist Polizist, und er hat den Fall damals bearbeitet. Er handelte von einem Jungen, sein Name ist Jakob.

Es war vor etwa, hm... vor etwa drei Jahren. Damals ermittelte mein Onkel mit seinen Kollegen einen merkwürdigen Todesfall.“  Annabell stöhnte: „Mann, warum immer Todesfälle? Das ist doch langweilig. Der Kerl, dieser Jakob, wird ermordet, kehrt als Geist zurück und rächt sich an seinem Mörder. Da kriege ich nicht mal ein leichtes Schauern.“  Erwin, der mit einer solchen Aussage Annabells gerechnet hatte, grinste: „Ich sagte nie, dass er ermordet wurde. Die ganze Sache ist viel verworrener. Habe ich deine Erlaubnis, fortzufahren?“ Er sah Annabell mit gespielter Unterwürfigkeit an, was die anderen zum leisen Lachen veranlasste, und Annabell nickte grinsend.

„Also dann: Mein Onkel war an der Suche beteiligt, als die Mutter von Jakob bei der Polizei angerufen hatte. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn und ihre Tochter. Sie hatten sich am Nachmittag zu einem See aufgemacht, der nicht weit von ihrem Zuhause lag. Die Beiden waren Siebzehn, Zwillinge, wenn ich mich richtig erinnere, und eigentlich müssten sie auf sich aufpassen können. Aber die Schwester von Jakob... ich glaube, sie hieß Alina. Jedenfalls war sie nach einem Unfall geistig behindert. Jakob würde alles tun, um seiner Schwester ein angenehmes Leben zu bereiten. So hat mein Onkel es mir gegenüber ausgedrückt.

Wie auch immer, als mein Onkel am Abend den Anruf bekam, machte er sich auf, um am See nachzusehen. Er fand zwei Leichen, die im Wasser schwammen. Ein Junge und ein Mädchen, Zwillinge offenbar, und beide ertrunken.“  Maxim gähnte: „Klingt ein wenig wie die Geschichte von Ben. Ertrinken ist langweilig, wenn es nicht Ben ist.“  „Herrgott, ich bin doch noch lange nicht fertig. Man sollte ein Buch nie nach seinem Einband beurteilen.

Also, mein Onkel war derjenige, der die zwei Leichen fand, und deswegen auch derjenige, welcher den Unfallort absichern und den Bericht schreiben musste. Und er hat mir ein paar Dinge verraten, die ihm damals aufgefallen waren, und nach denen er davon ausging, dass es sich nicht um einen Unfall oder so handelte.

Der Tatort, wie er ihn von da an nannte, beinhaltete die beiden Handtücher, auf denen Jakob und Alina gelegen hatten, vermutlich um sich zu sonnen. Diese Handtücher aber, sagte mein Onkel, waren völlig zusammengeknuffelt und dreckig. Und wie sich später herausstellte, hatte Jakob Spuren eines Kampfes davongetragen. Blaue Flecken am Hals und in der Bauchgegend, wie von Schlägen. Und das hat meinen Onkel zu der Annahme geführt, es mit einem grausamen Doppelmord zu tun zu haben.“.

Annabell schüttelte den Kopf: „Also doch eine Rachegeschichte. Denk dir mal was Neues aus.“

„Wisst ihr, ich habe echt keinen Bock, mir andauernd eure Kommentare anhören zu müssen. Dein Slenderman war auch nicht gerade der Knaller, Belli. Darf ich jetzt also weiter erzählen?“

Annabell nickte: „Entschuldigung.“

Erwin räusperte sich, dann fuhr er fort: „Mein Onkel hat sich ein wenig umgehört, und dabei ist er auf eine alte Dame gestoßen, die sich erinnern konnte, dass zur Zeit der Tat drei junge Männer vom Gelände des Sees verschwanden. Sie konnte einen von ihnen ziemlich genau beschreiben, und es stellte sich heraus, dass er, ein Kerl namens Leon Braams, bereits wegen diversen Straftaten im Verzeichnis stand. Mein Onkel wollte ihm selbst einen Besuch abstatten, aber er hatte zufälligerweise einen wichtigen Arzttermin, den er nicht verschieben konnte. Also hat er zwei Kollegen hingeschickt. Wie sich später herausgestellt hat, war das sein Glück.“

Erwin verstummte und griff nach einer Cola-Flasche, die neben ihm stand, öffnete sie und trank. Dabei achtete er auf die Reaktion seiner Freunde, die wie erhofft ausfiel: Gebanntes Schweigen.

Er stellte die Flasche ab und zögerte, bis Finn fragte: „Und? Wieso war es denn sein Glück? Was ist passiert?“

Erwin räusperte sich: „So ganz genau hat er es nie herausgefunden. Er hat nur eine Weile nichts von seinen Kollegen gehört, und als er dann am Abend jenen Tages selbst zu Leons Wohnung gegangen ist, bot sich ihm ein, wie er sagte, bestialischer Anblick.

Die beiden Polizisten waren tot. Mein Onkel sagte, auf teuflische Weise verstümmelt und dann enthauptet. Er hat es zwar nur angedeutet, aber scheinbar wurde ihnen der Kopf mit bloßen Händen abgerissen.

Danach hat er das ganze Haus durchsucht. Im Keller hat er dann eine weitere Leiche gefunden. Ein junger Mann, um die zwanzig Jahre alt und grauenhaft zugerichtet. Mein Onkel sagte, er habe grässliche Narben auf dem Gesicht gehabt. Drei lange, blutverkrustete Streifen auf der linken Hälfte seines Gesichts. Er sagte, dass sie von der Schläfe bis zum Kinn reichten und eine, die Mittlere, hatte das Auge verletzt. Es stand offen, und mein Onkel hat es ganz genau beschrieben: Ein Augapfel, in dessen Mitte eine blutrote Iris um eine tropfenförmige Pupille herumging.“

Finn, dem es schon ein wenig schauderte, fragte verwirrt: „Tropfenförmig? Wie ist denn das gemeint?“

Erwin lächelte und hielt sich seinen Fingernagel vor das Auge: „Ganz einfach: Die Augen sind beinahe flüssig, und er hat die Pupille durch die Verletzung einfach verformt. Wie... genau, wie einem Klumpen Knete.

Oh, dabei kommen wir dann zu einem weiteren merkwürdigen Fakt: Die Narben waren nämlich nicht das einzige, was an dieser Leiche komisch war. Der Junge... Sein Name war Niklas, glaube ich, hatte irre lange Fingernägel. Fünf Zentimeter lang oder so, aber nur an dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand. Und jetzt kommt' s: Abgesehen davon, dass er mit dem Blut der beiden Polizisten regelrecht eingedeckt war, passten die Fingernägel genau auf die drei Narben.“.

Erwin verstummte, dann sah er in die Runde. Maxim und Annabell waren immer noch ein wenig desinteressiert, aber Finn hing an seinen Lippen, und so fuhr Erwin fort.



Jakob hob den Blick von dem Buch, das er gerade gelesen hatte. Es trug den sanften Titel: „Eine Ode an die Liebe“ und hatte für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Die Geschichte war kurz, etwa fünfzig Seiten, und der Inhalt eher dürftig, da es keine richtige Liebesgeschichte war, sondern lediglich die schönen Aspekte in der Beziehung zweier Menschen beschrieb.

Nein, das war es nicht, was Jakob dazu gebracht hatte, dieses Buch in den vergangenen drei Jahren wieder und wieder und wieder zu lesen.

Er dachte zurück an die Zeit, als er noch lebte. Mit den Jahren und den Seelen, die er sich angeeignet hatte, waren seine Erinnerungen verschwommen und trügerisch, wie Nebel in einem Moor, aber einige Details, einige Bilder stachen immerzu heraus.

Eines war, wie er sich mit seiner Schwester unterhielt, mit Alina, an dem Tag, an dem sie beide starben. Sie hatte ein Buch gelesen, eine Liebesgeschichte, die ebendiesen Titel trug: „Eine Ode an die Liebe“.

Jakobs Gedanken schweiften zu seiner Rache, die er an den Mördern seiner Schwester – und seinen eigenen, aber das war belanglos – ausgeübt hatte. Niklas hatte er „überschrieben“, wie er die Übernahme eines fremden Körpers und seiner Seele nannte. Dann hatte er sich auf den Weg zu Leon gemacht. Etwas war ihm im Weg gewesen, zwei Menschen. Polizisten, vermutete Jakob, aber er wusste es nicht mehr.

Dann hatte er Leon gefoltert. In verletzt und verstümmelt, um dann seinen Körper zu übernehmen. Er hatte Niklas gegen Leon ausgetauscht, so schnell, wie Frauen ihre Meinung ändern können, wenn auch nicht ganz so einfach. Leon hatte sich gewehrt, und obgleich sein Körper lädiert war, wollte sein Geist weiterhin leben. Hätte Jakob nicht schon vorher die Stärke von Niklas seiner eigenen Seele hinzugefügt, war er nicht sicher, ob er den Kampf gewonnen hätte. Nun, vielleicht hätte sein Zorn, seine Wut, sein HASS auf Leon ihm auch geholfen.

Jedenfalls hatte er es geschafft, aber zu spät seinen Fehler bemerkt. Leons Körper war zu stark verwundet. Er starb, und Jakob konnte ihn nicht verlassen. Er hatte nie herausgefunden, warum er es nicht geschafft hatte, aber es war auch nie wieder vorgekommen, somit also belanglos.

Danach war er im Krankenhaus aufgewacht, schwach, aber am Leben. Er hatte eine Krankenschwester verletzt und dann Leons Körper gegen den eines Arztes getauscht.

Dann hatte er seine Rache vollendet. Es war nicht leicht gewesen. Durch Zufall hatte Mark, der Anführer des Trios, herausgefunden, dass man ihn mit Salz aufhalten konnte. Das hatte ein Problem dargestellt, aber beim Showdown war Mark sein Gewürz schließlich ausgegangen, und Jakob konnte ihn genüsslich und langsam ertränken.

Er schüttelte den Kopf und rieb sich mit der rechten Hand über die durchscheinenden Augen. Das war eine Geste, die bei einem Geist zwar nicht wirklich viel brachte, aber sie verhinderte manchmal, dass er sich zu sehr in seinen Erinnerungsfragmenten verlor.

Er warf einen Blick auf die letzte Seite des Buches, die Schlussbemerkung des Autors. Sie steckte so voller Wahrheit, dass es Jakob schmerzte, und sie ließ sich, mit einigen Abänderungen, auch auf seine Gefühle für seine Schwester übertragen.

Er schloss das Buch und stellte es in das Regal zurück, aus dem er es entnommen hatte. Seit einigen Jahren kam er oft gegen Mitternacht in die Bibliothek, um zu lesen, meistens las er dieses Buch. Immer wieder, und wieder.

Nun aber hatte ihn etwas abgelenkt. Stimmen, die seinen Namen nannten.

Es war schon öfter vorgekommen. Jakob hörte einfach seinen Namen, und plötzlich hatte er den Wunsch, den Stimmen zu folgen. Anfänglich dachte er, es wären Alaisha oder Mishala gewesen, die beiden Engel, die ihm zuflüsterten, um ihn zu verspotten, aber diese Annahme stellte sich bald als falsch heraus: Es waren einfach Leute, die seine Geschichte erzählten.

Jakob stand von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, auf und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand er mitten in einem Kreis aus Jugendlichen.

Ein Mädchen, drei Jungen. Einer erzählte den anderen gerade die Geschichte. Jakob liebte es, diesen Erzählungen zu lauschen. Sie erinnerten ihn, und Erinnerungen waren eine Rarität für ihn.

„Und wie ging es jetzt weiter?“, fragte das Mädchen desinteressiert: „Nachdem dein Onkel diesen Leon ins Krankenhaus gebracht hat?“

Der Erzähler räusperte sich, scheinbar verärgert über den Ton des Mädchens: „Kurz darauf erhielt er die Nachricht, dass Leon tot, die Krankenschwester verletzt und eine Arzt vermisst war. Übrigens starb Leon an Hirnversagen, genau wie Niklas.

Und noch am gleichen Abend fuhr er zum letzten Verdächtigen. Mark, seinen Worten nach der Anführer, der allerdings nicht anzutreffen war.

Stattdessen lag in Marks Küche der vermisste Arzt. Er hatte leichte Brandwunden an Händen und Füßen, und war in dem gleichen Zustand wie Niklas und Leon: Lange Fingernägel, Narben im Gesicht, verwischte Pupille. Und ebenfalls an Hirntod gestorben, wie sich später herausstellte.

Allerdings fand mein Onkel noch etwas. Auf dem Küchentisch, in das Holz eingeritzt, fanden sich zwei Worte: DER SEE.“

Einer der beiden anderen Jungen, der Ältere, sah auf: „Du meinst den See, in dem dieser Jakob und Alina ertränkt worden waren?“



Jakobs Kopf fuhr hoch. Ja, daran erinnerte er sich. Der See, der Kampf mit Mark, seine Rache. Und der Gedanke an Alina, seine geliebte Schwester, die er nie wieder sehen würde.

Zorn erfüllte ihn, der brodelnde Hass, den er damals gespürt hatte, und den er auch jetzt noch spürte, wenngleich sein ursprüngliches Ziel – Niklas, Leon und Mark – längst vom Antlitz dieser Welt getilgt worden waren. Er brauchte ein neues Ziel.

Der Junge. Der jüngste in der Gruppe, er hatte Angst, und war somit ein leichtes Ziel. Jakob senkte den Kopf und sah auf ihn herab. Nicht älter als fünfzehn, aber körperlich fit. Und leicht zu erschrecken.

Grinsend senkte sich Jakobs Körper auf den von Finn herab.


Erwin sah überrascht zu Finn, der sich plötzlich krümmte: „Ist alles in Ordnung?“

Finn nickte: „Ja, hab nur Bauchschmerzen. Ich... ich glaube, ich muss kurz auf die Toilette.“

Er stand auf verließ den Raum, wobei er sich so bewegte, dass die anderen die Veränderung an seiner Hand und in seinem Gesicht nicht bemerkten.

Annabell sah wieder zu Erwin: „Und? Wie geht es jetzt weiter mit deinem Onkel?“

Erwin winkte ab: „Finn ist von euch der Einzige, der die Geschichte wirklich hören will, also warten wir, bis er wieder da ist. Sind sicher nur ein paar Krämpfe, so was geht vorbei.“

Tatsächlich dauerte es nur knapp eine Minute, bis Finn wiederkehrte. Jedoch blieb er im Eingang stehen, weshalb er noch großteils im Schatten stand. Seine linke Hand hielt er hinter dem Rücken.



Jakob grinste. Oh ja, er hatte ein neues Ziel für seinen Zorn gefunden. Er musste sich ein leises Kichern verkneifen, dass sich den Weg durch seinen Hals bahnte. Seine Nägel klickten leise, als er sie aneinander stieß, und er freute sich auf den Moment, wo das Blut von ihnen laufen würde wie aus seinen Narben. Er leckte mit der Zunge über seine Lippen, schmeckte den metallisch-salzigen Geschmack seines eigenen Blutes, und sprach Erwin an.


Finns Stimme war tonlos, aber Erwin vermutete dennoch, etwas wie Zorn darin zu hören, als er sagte: „Du hast in deiner Erzählung etwas vergessen. Etwas wichtiges. Es war der Schlüssel zu allem, der Grund, warum Alina sterben musste.“.

Erwin, Annabell und Maxim starrten ihn an: „Wovon redest du, zum Teufel?“.

Finn lachte leise: „Es ist der Lippenstift, Erwin. Der Lippenstift mit dem Erdbeergeschmack. Der Grund, aus dem wir sterben mussten.“

Dann trat er vor, trat in das Licht, offenbarte sich den anderen. Jakob labte sich an ihrer Angst und ihrem Entsetzen, mit dem sie seine entstellte Hülle betrachteten. Die blutenden Narben in seinem Gesicht. Und als er die linke Hand ob, um damit zuzuschlagen, schrien sie alle.

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