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Ein Schuss zerriss die Stille und der junge Engländer schreckte hoch. Er saß auf dem Boden des Schützengrabens. Alleine. Um ihn herum war nichts, außer einem dichten Nebel, der den Graben einhöhlte und die Sicht auf wenige Meter beschränkte. Zuerst dachte er, dass der Nebel Gas sei und fasste sich erschrocken ins Gesicht. Er hatte keine Maske auf, konnte aber normal atmen. Der Nebel konnte also kein Gas sein.

Der junge Engländer stand auf und klopfte sich den Staub von der Uniform. Er wusste nicht was passiert war, wahrscheinlich hatte ihn eine Granate zu Boden gerissen und er hatte sich den Kopf angeschlagen. Doch wo waren seine Kameraden? Außer ihm war niemand hier. Keine Kameraden, keine Feinde. Er stand langsam auf und stützte sich an der Grabenwand ab. Er war sehr wackelig auf den Beinen.

Als er eine Abzweigung erreichte, hörte er das Stapfen von Stiefeln. Er drückte sich gegen die Grabenwand und schaute vorsichtig um die Ecke. Am anderen Ende sah er eine Gestalt im Nebel mit dem Rücken zu ihm stehen. Durch den dichten Nebel konnte er nicht erkennen, ob es ein Engländer oder ein Deutscher war. Aber irgendetwas stimmte nicht.

Doch das wurde ihm erst klar, als sich die Gestalt umdrehte. Ihr Kopf war zu lang, um der eines Menschen zu sein. Auch konnte er weder die Umrisse von Mund , noch von Nase erkennen. Nur zwei riesige Augen und eine Art Rüssel. Als er sah, wie die Gestalt auf ihn zuging, rannte er so schnell er konnte zurück. Er wusste nicht, wohin er rannte, er folgte einfach seinem Instinkt.

Nach einigen Abzweigungen blieb er stehen und schaute über seine Schulter. Das Wesen war ihm nicht gefolgt. Er versuchte, zu Atem zu kommen, doch dann hörte er Stimmen. Sie sprachen Deutsch.

Hunnen dachte er und versteckte sich in einer Nische. Die Stimmen kamen näher und der junge Engländer schaute vorsichtig aus seinem Versteck. Er sah zwei dieser Wesen und wich sofort in die Nische zurück. Erst als sich die Stimmen entfernten und sich in dem Graben verloren, traute er sich hervor.

Wer waren diese Wesen?

Waren sie eine dieser deutschen Wunderwaffen, von denen es so viele Gerüchte gab?

Der junge Engländer wusste nur eines, er musste aus diesem Graben raus. Zum Glück hatte sich der Nebel gelegt und er konnte nun etwas mehr erkennen. Allerdings waren die Schilder entfernt worden, die den Weg zur Krankenstation oder ins Niemandsland wiesen. Also musste er sich wieder auf seinen Instinkt verlassen.  Er schlich durch die Gräben, um weitere Begegnungen mit den Wesen zu vermeiden. Er ging gebückt und schlich so durch die Gräben. Überall waren Blut, Einschusslöcher und Granatkrater. Alles Spuren einer vergangenen Schlacht.

Wieso konnte er sich an nichts erinnern?

Wo waren die Toten?

Wo waren seine Kameraden?

Er schlich weiter. An einigen Stellen war der Graben komplett verschüttet und er musste klettern. Teilweise ragten noch Hände und Füße heraus. Aber es waren zu wenige, um das Verschwinden aller seiner Kameraden zu erklären.

Immer wieder hörte er Stimmen und versteckte sich. Mal entfernten sich die Stimmen einfach, mal gingen diese Wesen direkt an ihm vorbei.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gelangte er an den Graben, der in Richtung Niemandsland führte. Der Nebel hatte sich fast verzogen und er konnte wieder klar sehen. Auch die zwei Gestalten am Ende des Grabens. Er drehte sich um, doch da kam wieder eines dieser Wesen auf ihn zu. Er sah ihm genau in die Augen. Verstecken war unmöglich. Als die Gestalt näher kam, konnte er sie deutlich erkennen. Verärgert atmete er aus. Die Uniform war deutsch, genauso wie der Helm und die Gasmaske. Im Nebel hatte er nicht genau sehen können und seine Angst hatte den Rest übernommen. Es gab also keine Monster, keine Wunderwaffen, sondern einfach nur deutsche Soldaten.

Er hob die Hände und der Deutsche kam auf ihn zu; das Gewehr geschultert. Er brauchte es nicht auf ihn zu richten. Es war vorbei. Wenn er Glück hatte, würde er in ein Lager kommen und das Ende des Krieges dort abwarten. Aber wenn er Pech hatte…

Der Deutsche kam immer näher. Der junge Engländer schloss die Augen und atmete tief ein. Dann geschah es.

Der Deutsche ging einfach durch ihn durch. Geschockt drehte er sich um. Aber es gab keinen Zweifel, der Graben war zu schmal, als dass er an ihm hätte vorbei gehen können. Der Deutsche musste durch ihn durch gegangen sein.

Er sah wie der Deutsche sich entfernte und über einen Erdhügel stolperte.

„Verdammt“, hörte er ihn fluchen.

„Was ist?“, fragte einer der Deutschen von weiter vorne. Der junge Engländer sah, wie der Deutsche im Erdhaufen rumwühlte und schließlich eine Leiche in britischer Uniform zum Vorschein kam.

„Scheiße“, sagte der Deutsche. „Noch ein toter Tommy.“ Der Deutsche schulterte die Leiche. Der junge Engländer konnte das Gesicht nicht sehen, doch der Tote kam ihm bekannt vor.

„Was hast du vor?“, fragte der andere Deutsche.

„Ich geh ihn begraben.“

„Wie du meinst", kam als abfällige Antwort. Der Deutsche stieg aus dem Graben und der junge Engländer folgte ihm. Er wusste nicht wieso, doch diese Leiche zog ihn an.

Er folgte dem Deutschen zu einigen verbrannten Bäumen. Der Deutsche legte den Toten ab und durchsuchte ihn. Der junge Engländer beobachtete ihn aus einiger Ferne. Er sah, wie der Deutsche mit einem Feldspaten ein Grab schaufelte. Als es tief genug war, rollte er die Leiche hinein. Dann schaufelte er das Grab wieder zu.

Das Gewehr des Deutschen lag die ganze Zeit neben ihm. Er hätte einfach hinlaufen und es greifen können, doch irgendwas hielt ihn davon ab.

Der Deutsche stellte noch ein Holzkreuz aus angebrannten Ästen auf und hängte etwas daran. Dann bekreuzigte er sich, schulterte sein Gewehr und ging zurück Richtung Schützengraben. Als er außer Sicht war, schlich der junge Engländer zu dem Grab. Der Deutsche hatte eine britische Erkennungsmarke an das Kreuz gehängt. Darauf stand: Albert Brown, 11.07.1887, Liverpool. Als er das las, fiel er auf die Knie. Er kannte diesen Namen. Es war sein Name. Er war der Tote.

Jetzt erinnerte er sich wieder. Er und seine Kameraden hatten sich auf einen deutschen Angriff vorbereitet. Es wurde Gasalarm gegeben und sie setzten ihre Masken auf. Doch als die Granaten einschlugen und sich der Nebel bildete, geschah es. Die Deutschen hatten einen Maskenbrecher verwendet, ein nicht tödliches Gas, welches zusammen mit dem Giftgas abgefeuert wurde, den Filter der Gasmaske durchdrang und den Würgereiz auslöste.

Und so geschah es. Der junge Engländer versuchte noch den Würgereiz zu unterdrücken, doch er erbrach sich in seine Maske. Da er drohte zu ersticken, riss er sich die Maske vom Kopf und atmete das tödliche Giftgas ein. In diesem Moment war es vorbei. Er starb im Gas, wie Tausende vor ihm.

Als die Erinnerung wiederkam, spürte er, wie sich in ihm eine Leere bildete und er einfach verschwand. Übrig blieb nur noch das einsame Grab.

Es war der 14. Juli 1916. Die Schlacht an der Somme tobte seit vierzehn Tagen. Sie würde noch bis zum 18. November dauern und mehr als einer halben Million Menschen das Leben kosten.

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