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Als ich zu mir kam, lagen meine Arme wie festgeschnallt an meinen Hüften. Eingezwängt in der Dunkelheit wehte mir der Hauch meines schweren, panischen Atems augenblicklich ins Gesicht zurück. Ich lag schief auf dem Rücken in der Finsternis und konnte mir nicht erklären, wie ich in diese furchtbare Situation gekommen war. Das Einzige woran ich mich erinnern konnte war, dass ich am Abend zuvor in meinem Bett gelegen hatte. Ich muss eingeschlafen sein, nur um kurz darauf in der Schwärze dieses beengenden Schachtes aufzuwachen.

Wild herumzerrend versuchte ich meine Arme zwischen mir und der Mauer herauszuziehen, doch es war zwecklos. Je ungestümer ich mich gegen meine Situation wehrte, umso mehr schund mir meine raue Einfassung die Haut auf, je mehr ich mich wand, umso tiefer schien ich in das Loch unter mir hinabzurutschen und je lauter ich schrie, um mich aus diesem fürchterlichen Albtraum aufzuwecken, umso mehr schmerzte mich der unmittelbare Nachhall in den eigenen Ohren.

Als mir klar wurde, wie sinnlos meine Absichten waren, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich sammelte meine Gedanken. Wie war ich nur hier rein geraten? Ich war mir ganz sicher gestern Abend zu Hause ins Bett gegangen zu sein. Getrunken hatte ich nichts. Es war völlig ausgeschlossen, dass ich mich selbst in diese Lage gebracht hatte. Jemand musste mir das hier angetan haben! Aber wer würde so etwas tun? Wer würde jemand Fremden entführen und in ein finsteres Loch stecken? Wobei: Vielleicht war ich meinem Peiniger gar nicht fremd. Vielleicht kannte ich ihn – oder sie - sogar sehr gut. Tausend erboste Anschuldigungen schossen mir durch den Kopf. Die verschiedensten Personen kamen mir in den Sinn und das obwohl mein Zwist mit niemandem so groß gewesen wäre, als dass er eine solche Strafe hätte rechtfertigen können. Nur konnte man so etwas nicht wissen. Man konnte nie wissen wozu die Leute fähig waren und für einen Moment lang vertrieb mir die siedende Wut auf alles und jeden sogar die Angst hier zu verenden.

Wieder bei rechten Sinnen streckte ich unbeholfen die Füße, in der Hoffnung den Boden zu ertasten. Mit dem linken großen Zeh striff ich einen trocken scheppernden Gegenstand der irgendwo dort unter mir liegen musste. Ich versuchte etwas in die Tiefe zu rücken um den Grund fest zu treten, kam jedoch keinen Millimeter vom Fleck ohne mir die Schultern in den Kiefer zu drücken. Nach unten gab es kein vorankommen mehr und wahrscheinlich wäre es ohnehin eine Sackgasse gewesen. Es war leichter nach oben zu robben, also versuchte ich irgendwie mit den Füßen an der Wand der Röhre halt zu finden. Fingerbreite um Fingerbreite schob ich mich langsam nach vorne. Als ich nach einigen Metern den Kopf in den Nacken schlug, konnte ich im Augenwinkel einen matten Lichtschein in der Ferne, vielleicht zwanzig Meter über mir, erkennen. Zweifelsfrei der Ausgang aus dieser furchtbaren Enge! Von neuem Mut beseelt kroch ich auf dem Rücken den Schacht nach oben. Bisweilen wurde dieser sogar so breit, dass ich mich auf den Bauch drehen konnte. Vorwärts blickend sah ich meine Vermutung nun bestätigt: Eine kleine runde Öffnung durch die gleißend helles Licht schien. Ermutigt robbte ich weiter voran, schneller und schneller immer dem heilsamen Schein entgegen. Die boshaften Beschuldigen die ich gerade noch über meine Nächsten gemacht hatte erfüllten mich nun mit Scham und ich gelobte, sollte ich tatsächlich schadlos hier herauskommen, so würde ich meine Einstellung ihnen gegenüber grundlegend ändern. Ich würde ein von Grund auf ehrlicheres Leben führen, wenn ich nur hier heraus käme.

Meinen schwerer werdenden Atem ignorierend, kroch ich weiter der Öffnung entgegen. Schwitzend stieg ich auf, während sich das Loch um mich herum allmählich verengte. Ich zwängte mich immer gewaltsamer nach vorne. Es musste der Ausweg sein! Es konnte nur der Ausweg sein! Es gab gar keine andere Möglichkeit! Wie sonst wäre ich hierher gekommen?

Ich schürfte mir die Haut blutig und das immer näher rückende Gestein drückte mir von oben und unten schwer auf die Lunge. Ich wand den Kopf seitwärts um besser voran zu kommen. Nur wenige Millimeter Spielraum blieben mir, um mich wie ein Wurm langsam und mit jedem Zentimeter langsamer vorwärts zu winden... bis ich schließlich mit dem Gesicht voran stecken blieb.

So nahe. So nahe war ich gewesen und doch gab es keine Hoffnung den Ausweg jemals zu erreichen. Ich schrie nach Hilfe, doch als mir nach wenigen Minuten bereits die Stimme versagte, gestand ich mir resigniert ein, dass dort draußen niemand war, der kommen würde um mich zu retten. Als mir die Konsequenz dessen langsam zu Bewusstsein kam, schossen mir ein paar Tränen in die Augen. Mutlos rutschte ich einige Meter hinab um meinen Kopf aus dem Würgegriff des Schachtes zu befreien.

Das Licht, vielleicht war es die Sonne am Horizont, schien nun direkt durch die Öffnung über mir herein. Es blendete mich und als ich mich abwand und über die Schulter nach unten spähte, da sah ich den klapprigen Gegenstand den mein Zeh vorhin noch berührt hatte.


Ich erkannte die bleichen Gebeine meiner Vorgänger und im kalten Schweiß dieses Anblicks ergab ich mich meinem unvermeidlichen Schicksal.

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