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Wie tausende rote Teufel tanzten die Flammen am nächtlichen Himmel und tauchten die Welt in ein schauderhaftes Licht. Balken krachten. Vögel kreischten. Ich stand im glühenden Funkenflug und starrte auf die dunkle Gestalt im Feuer, die langsam hinter Qualm und Asche verschwand. Meinen stummen Schrei würde er niemals hören...


"Das Leben droht mich zu erschlagen,

keine Antwort, nur noch Fragen.

In mir ist nur Traurigkeit,

der Weg zum Licht, er scheint so weit.

Diese Bürde wiegt so schwer...

Ich will und kann einfach nicht mehr..."


Dies ist ein Gedicht meines Bruders Viorel. Er schrieb schon immer gerne Gedichte; verlor sich in dieser lyrischen Welt und vergaß alles um sich herum. Ich beneidete ihn um dieses Talent. Wie gern würde ich auch alles einfach vergessen...

Frühmorgens, wenn der Nebel noch unsere Häuser umhüllt, die Berghänge streift und schließlich im neuen Licht der roten Sonne verschwindet, sitze ich oft auf der Bank im Garten und genieße die Ruhe. Wenn die ersten Vögel dann ihre Lieder singen, hört man auch das Klingeln hunderter kleiner Glocken, die unsere Schafe tragen. Viorel und ich wuchsen in einem kleinen Dorf in den Karpaten auf. Wir lebten damals ausschließlich von der Schafzucht und hatten kaum Kontakt zu anderen Städten. Doch das war auch gar nicht nötig. Jeder kannte hier jeden und wir respektierten einander. Trotzdem sprach Viorel oft davon eines Tages nach Bukarest zu gehen. Er wollte nicht ewig am Ende der Welt leben, was ich heute durchaus verstehen kann. Doch damals war ich noch zu klein, um seine Worte zu verstehen. Ich war gerade mal acht, Viorel dagegen war bereits 19. Wenn ich nun hier im Garten sitze, erinnere ich mich gerne an ihn. Er war immer so lieb und sanft und spielte oft mit mir zusammen. Viele betrachteten ihn als femininen und schwachen Feigling, aber ich hatte ihn gern. Er nannte mich oft liebevoll Ani, obwohl ich eigentlich Anisoara heiße...

Immer wenn diese fröhlich nostalgischen Gefühle mich überkommen, holt mich die Realität wie ein Schlag ins Gesicht ein. Und dann kommen auch die Erinnerungen an jene andere Zeit, die Erinnerungen an jenen anderen Viorel...


"Ani?" Viorel kam in den Garten gelaufen. Seine pechschwarzen Haare flatterten im Wind, als er hastig über den Zaun sprang. "Ani? Mutter ruft uns!" Das Mädchen ließ ihre Puppe fallen, mit der sie gerade noch gespielt hatte, und rappelte sich auf. Kleine Blätter und Dreck hingen an ihrem Kleid. Viorel seufzte. "Du warst wieder im Wald, oder? Du weißt doch, dass du nicht dorthin darfst." Ani lächelte verlegen und zupfte sich die Andenken des Waldes vom Kleid. "Aber der Wald ist zu dieser Jahreszeit so schön. Die Füchse haben Junge bekommen!" Aufgeregt sprang sie von einem Bein aufs andere. Ihr Bruder musste grinsen. "Der Fuchs im Wald macht niemals Halt vor Bauerngut und Hühnerbrut!" Mit einer leichten Verbeugung beendete er seinen Reim, und Ani applaudierte begeistert über diese Blitzdichtung.

Viorel nahm seine Schwester an die Hand und ging mit ihr ins Haus. Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, und ihre Mutter mochte es nicht, wenn man sie warten ließ. Eigentlich war sie eine schöne und spartanische Frau, doch in der letzten Zeit schien sie um einige Jahre gealtert zu sein. Seit ihr Mann angefangen hatte zu trinken, war sie unruhig, und nicht selten kam es vor, dass Viorel blutige Wunden an ihrer Wange entdeckte. Auch an diesem Abend schien sie mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein, und als Ani in ihrer Unwissenheit fragte, wo denn Vater sei, ließ ihre Mutter vor Schreck ihren Becher fallen. Klirrend fiel dieser zu Boden und zersprang dort in hunderte kleiner Scherben. Einige Sekunden lang herrschte absolute Stille. Dann brach sie in Tränen aus.

"Wo er ist?" kreischte sie verzweifelt. "Du fragst, wo er ist? In seiner Stammkneipe natürlich, mit dem Bierkrug in der Hand!"

Weinend legte sie ihren Kopf auf die Tischplatte. Ani war verwirrt und entsetzt über das, was sie mit ihrer Frage ausgelöst hatte. Viorel stand auf und streichelte seine Mutter am Kopf. Diese sanfte Berührung war seine Art, andere zu trösten. Und doch sagte er nichts.

"Ich hab´ Hunger!"

Mit dieser Begrüßung polterte Rasvan in die Küche. Seine Familie schaute erschrocken auf. "Vater...?" stammelte Viorel verlegen, während seine Mutter hastig aufsprang. Breitbeinig stand Rasvan in der Tür, sein großer Bauch hing grotesk über seinen enggeschnallten Gürtel und sein Atem stank nach billigem Alkohol. Seine Augen, eingesunken in sein fettes rotes Gesicht, irrten suchend im Raum umher, bis er gefunden hatte, was er suchte. Schwankend machte er sich auf den langen, beschwerlichen Weg zum Esstisch, griff in den dampfenden Topf und stopfte wie ein hungriges Schwein dessen Inhalt in sich hinein. Dabei grunzte er genüsslich, worauf hin Viorel übel wurde. Angewidert schaute er weg.

"Rasvan! Fetter, ungehobelter Mistkerl!"

Ihre Mutter packte ihren Vater am Arm und goss ihm einen Eimer Wasser über den Kopf. Dieser prustete und schaute verwirrt um sich. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. "Du miese Scheisskuh", flüsterte er mit bebender Stimme. Viorel roch die Gefahr und stellte sich schützend vor Ani, die bereits weinend in der Ecke stand und ihre Eltern beobachtete. "Miese, hässliche, verlogene Scheisskuh!" Rasvan holte aus und schlug seiner Frau hart ins Gesicht. Sie stürzte, Blut floss aus ihrer Nase. Ani schrie auf, doch ihr Vater begann wie in Rage auf seine am Boden liegende Frau einzutreten. "Undankbares Weib! Ich ernähre dich, ich sorge für dich, ich gebe dir ein Dach über´m Kopf, und so bedankst du dich?" "Hau ab!" kreischte sie zurück, nahm den Topf vom Tisch und schleuderte ihn in Rasvans Richtung. Er traf ihn am Kopf und hinterließ eine klaffende Wunde, aus der unaufhörlich Blut austrat, doch steigerte dies seine Wut nur noch. Er packte sie am Hals und würgte sie. Ihr Gesicht färbte sich erst rot, dann blau, ihre Augen traten aus den Höhlen, und sie rang verzweifelt nach Luft. "Du bringst sie um!" schrie Viorel mit Tränen in den Augen, während Ani seine Hand umklammert hielt. Rasvan lockerte beinah erschrocken seinen Griff und taumelte ein paar Schritte rückwärts. Diese Gelegenheit nutzte seine Frau sofort und rannte ihn Panik aus der Küche in den Garten. Sofort hatte Rasvan sich wieder gefasst und hastete ihr wütend hinterher. Und während sie vor Angst im Wald verschwand, brüllte er wüste Drohungen und Flüche. Seine Schreie gellten in die Nacht hinaus, und wenn man genau hinsah, konnte man eine dunkle Gestalt erkennen, die sich ihren Weg durchs Unterholz bahnte.

In dieser Nacht tat Viorel kein Auge zu. Ständig hatte er seine Mutter vor Augen, wie sie im finsteren Wald umherirrte. Immer wieder stellte er sich vor, wie ein Rudel Wölfe sie verfolgte. Was würde geschehen? Würde die hungrige Meute sie angreifen? Ihre Gliedmaßen zerfleischen und ihre Eingeweide fressen? Der Wald war nachts ein gefährlicher Ort. Verzweifelt betete er zu Gott.

"Bitte Gott, mach, dass ihr nichts passiert, und ich verspreche, für immer gut zu sein..."

Nervös biss er in seine Bettdecke, und ein Schauer durchfuhr seinen Körper. Er hatte auf einmal das Gefühl, beobachtet zu werden. Als würde etwas in der Dunkelheit seines Zimmers lauern. Sein Atem ging schnell und flach, als er sich zwang, seine Augen zu öffnen.

"Kann ich zu dir ins Bett kommen?"

Ani stand vor ihm. In ihrem langen weißen Nachthemd wirkte sie wie ein kleines Gespenst. Ihre Wangen glänzten im Mondlicht, man sah ganz deutlich, dass sie geweint hatte. Viorel atmete auf. "Komm her." Schnell kletterte Ani zu ihm ins Bett und kuschelte sich an ihn. Das hatte sie schon seit Jahren nicht mehr getan. Früher war sie oft zu ihm gekommen, wenn es gewitterte. Aus Angst vor Blitz und Donner schlief sie bei ihrem Bruder. Sie hatte gesagt, dass er sie beschützen solle.

"Ich beschütze dich für alle Ewigkeit..."

Mehrere Tage waren seit diesem Vorfall vergangen. Viorel hatte seine Mutter seitdem nicht mehr gesehen. Sein Vater trieb sich unterdessen mit seinen Saufbrüdern und wollüstigen Gespielinnen rum. Viorel lernte jeden verdammten Tag aufs neue, ihn zu hassen. Er und Ani lebten ständig in Angst. Um auf andere Gedanken zu kommen, ging Viorel oft im Wald spazieren. Die kühle Luft und das Rauschen des Windes in den Baumkronen erfrischten seinen aufgewühlten Geist und sorgten dafür, dass sein Verstand wieder klarer wurde. Dieser Teil des Waldes war besonders schön, obwohl seine Mutter ihm und Ani immer verboten hatte, dorthin zu gehen. Die warmen Sonnenstrahlen brachen an einigen Stellen durchs dichte Laubwerk der großen Eichen und tauchten den Pfad in gold-blaues Licht. Hier und da wuchsen Blumen und wilde Kräuter und wenn man ganz still war, hörte man das Klopfen der Spechte. Viorel folgte dem Pfad tiefer in den Wald hinein, bis zur alten Kirche.

Einst war dies ein schönes, schneeweißes Gebäude mit rotem Dach und einem vergoldeten Kreuz inmitten eines gepflegten Friedhofs gewesen. Doch im Laufe der Zeit hatte sich der Wald den Friedhof und schließlich die Kirche selbst zurückerobert. Gräber wurden von wilden Brombeeren und Unkraut überwuchert; Eschen wuchsen dort, wo einst ein gepflasterter Weg war. Und trotzdem wurden in dieser Kirche immer noch Messen abgehalten. Es war ein geweihter, heiliger Ort für das Dorf. Doch heute schlug Viorel einen anderen Weg ein. Da er befürchtete, auf dem Friedhof Menschen zu begegnen, verließ er den Pfad und wanderte stattdessen den Bach entlang. Ungestört und allein sein... das war es, was er wollte.

Lange Zeit saß Viorel am Bach, planschte mit den Füßen im Wasser und starrte betrübt auf den Grund, wo sich viele junge Fische tummelten. Wo wohl seine Mutter sein mochte? Ging es ihr gut?

Ein leises Wispern drang an sein Ohr. Geflüsterte Worte einer alten Sprache, deren Sinn niemand mehr zu ergründen vermochte. Sie riefen ihn. Wie in Zeitlupe erhob Viorel sich und ging tiefer in den Wald hinein, in die Richtung, aus der er das Gewisper vermutete. "Wer ist da?" rief er, obwohl er keine Antwort erwartete. Ein dumpfes, schweres Gefühl überkam ihn, als würden die ganzen Sünden dieser Welt auf seinen Schultern liegen. Eine einzige Träne rann seine Wange hinunter, während er durch den Wald lief, den Stimmen hinterher. Schneller, immer schneller begannen seine Beine zu rennen, sie entwickelten ein Eigenleben und führten ihn zwischen Kiefern und Tannen hindurch. In der Ferne hörte er ein schrilles Heulen, die Stimmen in seinem Kopf redeten alle durcheinander und verschwammen zu einem lauten Inferno, das seine Ohren gnadenlos folterte. Doch konnte er nur noch laufen, er flog förmlich durch den Wald und verfolgte etwas, was nicht da sein konnte.

Ohne Vorwarnung verlor er auf einmal den Boden unter den Füßen und stürzte. Sein Kopf schlug hart auf, und Äste zerrissen seine Haut, als er einen steinigen Abhang hinunterrollte, der sich vor ihm aufgetan hatte. Plötzlich prallte er gegen einen Baum und blieb benommen auf einer kleinen Lichtung liegen. Das Heulen war verstummt. Die Stimmen verschwunden.

Wie lange er dort lag, wusste er nicht. Sekunden wurden zu Stunden. Die Musik des Waldes nahm er nur durch einen rauchigen Filter wahr, alles klang gedämpft und unglaublich weit weg. Irgendwann rappelte Viorel sich mühsam auf, seine Glieder schmerzten, Blut rann seine Stirn hinunter. Ungeschickt stützte er sich an einem Baum ab und schaute sich um. Alles verschwamm vor seinen Augen, trotzdem vermochte er die ungefähren Konturen der Umgebung zu erkennen. Die Erde war aufgewühlt, hier und da konnte man große Pfotenabdrücke erkennen. Und dort, keine zehn Meter von Viorel entfernt lag etwas...

Ein unförmiges, verdrecktes Ding, mit dunklen Haaren, die von Blut und Schlamm verklebt waren. Würmer und Maden krabbelten und krochen darauf herum und genossen ihr Festmahl. Der rechte Arm war abgerissen worden und lag zerfetzt einige Meter weiter, der linke Fuß fehlte komplett. Das Ding lag auf dem Rücken, der Kopf war grotesk zur Seite gedreht, wie bei einem Genickbruch, sodass Viorel das Gesicht nicht sehen konnte. Langsam ging er darauf zu. Es war ohne Zweifel eine Frau, eine riesige Wunde klaffte in ihrer Brust, in der sich die Kriechtiere zu sammeln schienen. Der bestialische Gestank der Toten vermischte sich mit dem modrigen Geruch fauliger Blätter. Viorel ging näher ran und strich der Toten durch die Haare. Seine Hand zitterte.

Plötzlich packte ihn etwas am Arm. Viorel schrie und starrte auf einmal in die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter. Sie schaute ihn an, ihre gelben, hohlen Augen schauten ihn an! Ihr Mund öffnete sich wie ein schwarzes Loch. Ein Tausendfüssler kam daraus hervor, krabbelte über ihr eingefallenes Gesicht. Viorel schrie und schrie, seiner Mutter packte noch stärker zu, und der Schmerz in seinem Arm wurde unerträglich! Dann sackte sie wie eine leblose Puppe zusammen und bliebt regungslos liegen.

Er hatte sie zum Tode verurteilt, als er sie in den Wald jagte, dieser fette, widerliche Säufer! Viorels Gedanken brannten vor Wut, als er wie ein rasender Stier zurück nach Hause rannte. Warum musste sie sterben? Sie war die Unschuld selbst gewesen, warum musste sie sterben? Viorel biss sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckte. Sein Hass auf seinen Vater wuchs mit jedem Schritt. Seine Mutter hatte oft gesagt, dass es einen liebenden Gott gab, der auf seine Kinder aufpasst. Doch wo war er gewesen, als seine Mutter ihn brauchte? Was hatte er getan, als sie von Wölfen zerfleischt wurde, hatte er Rasvan bestraft, als er sie geschlagen hatte? Gab es denn einen liebenden Gott?

"Vater!!" Viorel sprang mit einem Satz über den Gartenzaun, riss die Tür zur Stube auf und sah sich um. Leer. Er durchsuchte alle Räume des Hauses, bis er letztendlich in der Küche landete. Auch hier war niemand. Das große Küchenmesser lag auf dem Tisch. Im Licht der untergehenden Sonne, das durchs Fenster fiel, leuchtete es blutrot. Als würde es brennen. Viorel starrte es lange an. Ein verrückter Impuls schoss durch seinen Körper, als er es berührte. Es lag schwer in seiner Hand und schien ihn mit seiner metallischen Kälte zu verspotten. Viorels Herz klopfte wie wild. Er konnte seine Augen einfach nicht von der reinen Klinge abwenden. Nein... was tat er hier eigentlich? Er hatte nie auch nur im Traum daran gedacht, seinen Vater zu töten... Es war sein Vater, verdammt! Was würde Ani nur denken? Und Mutter hätte es nicht gewollt...

Ein Schrei riss ihn aus seiner Gedankenwelt. Anis Schrei. Ohne lange zu überlegen, rannte Viorel mit dem Messer in der Hand zum Schafstall. Er hatte diesen Ort eigentlich immer gemocht, er liebte den Geruch von frischem Heu und die kleinen Lämmer, die miteinander spielten. Doch dieses Mal war es, als ob er direkt in die Hölle laufen würde.

Als er hastig die Tür aufriss, stolperte er direkt über ein totes Schaf. Nein, es war nicht nur tot, es war geköpft. Ein sauberer Schnitt hatte den Kopf des Schafes vom Hals getrennt, eine riesige Blutlache hatte sich gebildet, in die Viorel genau hineinfiel. Das Messer rutschte ihm aus der Hand. Hustend und spuckend rappelte er sich auf und musste mit ansehen, wie sein Vater Ani mit seinem breiten Ledergürtel verprügelte.

"Faule Göre! Kriegst es noch nicht mal hin, ein Lamm zu schlachten! Muss man denn alles selber machen?" Ein lautes Klatschen durchfuhr wie Donnergrollen den Raum und hallte an den Wänden nieder. Die Schafe rannten aufgeregt durcheinander. Ani weinte. "Ich... ich kann das nicht... will nicht..." Der Gürtel hing jetzt von seiner geballten Faust herab wie eine tote Schlange und pendelte bedrohlich durch die Luft. "Was?!" Rasvan holte erneut aus. Das war zuviel. Viorel stürzte dazwischen und packte seinen Vater am Handgelenk. Doch der Gürtel traf ihn am Arm, schlug klatschend auf und hinterließ eine weiße Strieme, die sofort rot anlief. Doch Viorel beachtete das furchtbare Brennen nicht, seine Augen schleuderten Blitze. Seine Faust traf Rasvans Gesicht. Ein grässliches Knirschen, Blut spritze aus seiner Nase. Rasvan taumelte ein paar Schritte zurück, doch Viorel setzte nach und schlug in Raserei auf seinen Vater ein. "Wage es ja nicht, ihr etwas anzutun!" Er schlug immer wieder zu, seine Fingerknöchel bluteten, und ein wildes Verlangen füllte seine Adern.

"DU hast Mutter tyrannisiert, DU hast sie in den Wald gejagt, und DU bist Schuld, dass sie TOT ist!!"

"Hör auf!" Ani klammerte sich verzweifelt an Viorels Jacke fest. "Bruder, hör doch bitte, bitte auf!" Er drehte sich um und schaute direkt in ihre verweinten, unschuldigen Augen. Sie zeigten Kummer und Schmerz und etwas, was Viorel als Angst erkannte. Angst. Sie hatte Angst vor ihm. Vor ihrem eigenen Bruder! Entsetzt schaute er sich um. Sein Vater lag wie ein hilfloser Maikäfer auf dem Rücken, sein Gesicht war an einigen Stellen angeschwollen, überall klebte Blut, und blau-grüne Flecken zierten seine haarigen Arme. Mühsam rappelte er sich auf. "Du... hast mir Zähne ausgeschlagen... du... ich bring dich um!" Er schnaufte wie eine Dampflokomotive. Speichel und Blut liefen seine Mundwinkel hinab, als er seinen Gürtel fester packte.

Der Schlag traf Viorel so unerwartet, dass er auf die Knie fiel. Sein Vater stand breitbeinig über ihm und holte noch einmal aus.

"Jetzt... bringe ich dich um!"

Der Gürtel pfiff durch die Luft, Ani kreischte auf, doch Viorel griff in Panik hinter sich und packte das auf dem Boden liegende Messer. Er stieß die kalte Waffe tief in die wabernde Fleischmasse, die Rasvans Eingeweide umgab. Viorel war schockiert und gleichzeitig fasziniert von der Lust, die nun wie elektrische Schockwellen durch seinen Körper pochte. Sein Vater riss ungläubig die Augen auf und umklammerte zitternd die mächtige Wunde, aus der das Blut hervorschoss, als Viorel langsam das Messer herauszog. Er war komplett ruhig, er schien alle Zeit der Welt zu haben. Dann hob er ein letztes Mal das Messer, ließ es einen einzigen Augenblick vor Rasvans Augen in der Luft stehen, wie eine mittelalterliche Guillotine über dem zum Tode verurteilten Mörder. Ein letzter Augenblick... und es war vorbei. Viorel stieß das Messer mitten in Rasvans Halsschlagader und starrte ohne Reue auf seinen Vater herab, der zuckend am Boden starb.

Nach dieser grauenhaften Bluttat wurde Viorel für alle Zeiten aus dem Dorf verbannt. Dies war eine Strafe für schwere Verbrechen, denn außerhalb der sicheren Mauern, in den dunklen Wäldern der Karpaten, war ein sicheres Überleben undenkbar. Genauso gut hätte man ihn direkt enthaupten können.

Viorel stand auf der hohen Felsenklippe. Unter ihm lag in weiter Ferne das Dorf, dahinter erhoben sich wie drohende Riesen die Berge. Er schaute auf seine Heimat hinab, auf sein Zuhause, und die bittere Sehnsucht schmerzte in seinem Herzen. Er hatte seine Schwester vor Augen, wie sie am Tor stand und ihm nachsah, ihre ungläubigen Augen hatten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Ihre Lippen formten ein stummes "Warum?".

Wind kam auf und trieb schwarze Gewitterwolken vor sich her. Viorel starrte noch immer in den tiefen Abgrund.

"Wie gern würde ich jetzt sterben", dachte er grimmig. "Genau jetzt, in diesem Augenblick!"

Die Klippe war an dieser Stelle rund dreißig Meter hoch, nichts könnte einen so tiefen Sturz überleben. Alles, was man finden würde, wäre eine zerschmetterte Fleischmasse.

"Ich brauche mich nur fallen zu lassen..."

Selbstmord - die schlimmste Sünde, das einzige Verbrechen, bei dem man die Gelegenheit zu bereuen verspielt. Diebe und Mörder kommen in den Himmel, doch der Selbstmörder kann nicht im Zustand der Gnade sterben und muss ewig brennen!

"Was hast du vor, Gott?" brüllte Viorel gen Himmel. "Welchen perversen kleinen Streich willst du mir noch spielen? Du hast mir bereits alles genommen, meine Eltern, meine Schwester, mein Zuhause! Und dachtest du nun, ich sei dumm genug, hier in deine Falle zu gehen und zu springen? Aber ich brauche dich nicht! Ich habe dich nie gebraucht! Heute Nacht ist das Glück des Teufels mit mir!" Ein grauenhaftes Lachen drang aus seiner Kehle, ein irres Lachen, und die Wölfe des Waldes antworteten mit ihrem schauderhaften Geheul.


Wie tausende rote Teufel tanzten die Flammen am nächtlichen Himmel und tauchten die Welt in ein schauderhaftes Licht. Balken krachten. Vögel kreischten. Ich stand im glühenden Funkenflug und starrte auf die dunkle Gestalt im Feuer, die langsam hinter Qualm und Asche verschwand. Meinen stummen Schrei würde er niemals hören...

Ein letztes Mal sah ich in die Augen meines Bruders. Ich konnte die freudige Genugtuung in seinen irren Augen sehen, dass das Bollwerk seines Erzfeindes nun endlich lichterloh in Flammen stand. Es sollte brennen, als Rache gegen Gott und alles Heilige dieser verdammten Welt!

Doch wie durch ein Wunder öffnete sich der Himmel, und wahre Regenschauer fielen herab. Binnen weniger Minuten war die Kirche gelöscht, wenn auch komplett zerstört. Der Kirchturm stand noch, doch das Allerheiligste war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die Dorfbewohner kamen, Frauen weinten und bekreuzigten sich. Wenig später wurde seine Leiche geborgen. Sie war nicht verbrannt, nur eine widerliche Brandblase prangte an seinem Schädel. Sein Gesicht zeigte einen so tiefen, inneren Frieden, dass mir die Tränen in die Augen traten.

Sie begruben ihn auf dem alten Friedhof der zerstörten Kirche. Ketzer sollten kein geweihtes Grab bekommen, um schnell den Weg in die Hölle zu finden. Das Fegefeuer schien allen der geeignete Ort für meinen Bruder zu sein. Ich konnte ihre Abscheu allerdings nicht teilen. Ich liebte ihn noch immer... Viorel... ich hoffe, dass du nun endlich in Frieden ruhen kannst.


"Des Untoten Augen sehen bei Nacht,

des Untoten Klauen zermalmen mit Macht,

des Untoten Zähne reißen entzwei,

wenn er bei dir ist, dann schrei."


Creepypasta Strigoi Viorel Bild

..."Mein Werk ist nun vollbracht

und verschwunden mein Verlangen.

Ich gehe in die Nacht,

einst in Finsternis gefangen.

Meine Klauen blutig rot.

Doch vorbei die Meuchelei.

Denn durch euren edlen Tod,

ist meine Seele endlich frei..."


Autor: Akaya7

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