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RattenBearbeiten

Der WInd pfeift kalt durch die Dorfstraße. Ich stapfe mit gesenktem Kopf durch den Schlamm. Es ist kein WInter, aber er steht kurz bevor. Bei diesem Wetter wird nur noch das Wichtigste und Nötigste getan. Holz hacken und stapeln, Lebensmittel einkellern und die Häuser abdichten. Denn der Winter war ein Bastard, der jedes erdenkliche Loch nutzte, um einem zuzusetzen. Vor allem in diesen Breiten. Ich bin in einen gut gefütterten Wollmantel gekleidet, den mir Fizk, der Schneider des Dorfes, genäht hat. Es ist das einzige Kleidungsstück, das ich mir dieses Jahr zugelegt habe. Es hat mich drei Wochen Jagd gekostet, die Felle und die Wolle zu beschaffen. Und einen Krug Met als Bezahlung. Ich biege in die kleine Gasse ab, in der unsere Schreinerei liegt. Auf einem Haufen Unrat tummeln sich ein paar Ratten. Ich werfe einen Stein nach ihnen. Ratten bringen den Tod, sagte meine Mutter immer. Wie Recht sie doch hat. Ich erreiche die Hintertür unseres Hauses. Drinnen ist es etwas wärmer. Ich streife den Mantel ab und steige die Treppe zu den Schlafgemächern rauf. Links das meine und meiner Brüder und rechts das meiner Mutter und meiner Schwester. Aus ihrem Schlafzimmer dringen die Stimmen eines meiner Brüder und die meiner Mutter. Leise betrete ich das Zimmer. "Mein Sohn," Mutter richtet sich auf, so gut es geht. Sie ist schwach. "Hast du, worum ich dich bat?" "Natürlich." ich lasse mich an die Seite ihres Bettes sinken und ziehe den Beutel mit den Kräutern unter dem Wams hervor, den sie mir auftrug zu holen. Ich drücke ihn meinem Bruder in die Hand, der sich sogleich daran macht, sie in die Räucherschale über dem Feuer zu kippen. Sogleich erfüllen fremde Düfte den Raum und mir wird schwummerig. Ich bete zu allen Göttern, dass sie helfen. Meine Mutter atmet tief ein und wieder aus. Dann sinkt sie langsam in das Kissen zurück und fängt an zu schlafen. Ich gebe meinem Bruder das Zeichen, mir zu folgen und wir gehen aus dem raucherfüllten Zimmer hinunter in den Laden.

"Dasselbe wie vor ein paar Tagen?", frage ich ihn und er nickt. "Husten, Fieber und schwerer Atem. Am Hals haben sich Beulen gebildet." Ich fluche. "Wir müssen den Bader holen." "Wir können uns keinen Bader leisten. Ich will nicht wissen, wie teuer die Kräuter waren, darum lass uns beten, dass sie helfen." Ich reibe mir mit den Händen über das Gesicht. "Sind Barther und Grislind noch arbeiten?", frage ich ihn. Er nickt. "Sie kommen nicht vor Abend wieder. Barther muss in der Schmiede Überstunden machen, da der verdammte Bauer nichts besseres zu tun hat, als kurz vorm Winter seine Geräte auf Vordermann zu bringen. Und Grislind muss eh bis tief in den Abend in der Schneiderei helfen." DIe Schreinerei warf nicht genug ab und seitdem Vater vor ein paar Monaten starb, müssen wir alle arbeiten. Matheo arbeitete neben der Schreinerei noch als Aushilfe bei dem heimischen Zimmermann. Ich half bisweilen in der Schänke aus. Doch in letzter Zeit kamen immer weniger Leute. Das lag nicht etwa am Wetter und der Jahreszeit. Sondern an den Ratten. Sie kamen vor ein paar Tagen und seitdem ist fast das halbe Dorf erkrankt. Keiner weiß an was. Nur dass es harmlos anfing, mit Husten, Kopfschmerzen und Fieber. Dann kamen die Beulen, gelblich, gefüllt mit Eiter. Dann färbte sich die Haut schwarz und das Fleisch fing an zu faulen. Und dann starb man. Wenn man Glück hatte.

Später am Abend kommen Barther und Grislind nach Hause. Beide sind grau vor Müdigkeit und Erschöpfung, dennoch helfen sie bei der Zubereitung einer Abendmahlzeit. Wir essen im Schlafzimmer bei Mutter. Sie isst wenig und das macht uns Sorgen. Wir reden noch ein wenig, warten, bis sie einschläft und gehen dann in unsere Zimmer. Grislind macht es sich auf dem Boden bequem, auf ein paar Strohsäcken. Voll Sorge schlafen wir ein.

Es ist mitten in der Nacht. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich bin wach. Dann höre ich Grislind rufen. Barther und Matheo sind ebenfalls wach und eilen in den Flur. Ich folge ihnen und gemeinsam stolpern wir ins Schlafzimmer meiner Mutter und Grislind. Sie hockt weinend neben Mutters Bett und hält ihr die Hand. Wir wissen sofort, was los ist. Mutter liegt im Sterben. Ich zünde rasch eine Kerze an und wir hocken uns zu ihr ans Bett. Sie lächelt, als sie uns erkennt. Ihre Haut ist von Beulen übersät, manche sind aufgeplatzt und sondern blutigen Eiter ab. Es stinkt bestialisch. Rasselnd geht Mutters Atem. Dann hustet sie noch ein paarmal blutig und erschlafft. Ich fühle ihren Hals. Kein Pulsschlag. Ich schlage die Augen nieder. Stille senkt sich über den Raum. Und draußen höre ich die Ratten schreien.

Der Boden ist festgefroren, dennoch haben wir es geschafft, ein Grab zu schaufeln. Der Friedhof liegt still da, ist aber überraschend voll. Insgesamt sind fünf neue Gräber ausgehoben, unseres nicht mitgezählt. Sowie es den Anschein hat, sind letzte Nacht sechs Menschen gestorben. Der Dorfpriester spricht jedem Toten seinen Segen und hat ein paar tröstende Worte an die Familien. Dann kommt er zu uns. Er schüttelt den Kopf. "Eine Schande", murmelt er, "so viele Seelen in einer Nacht genommen." Er senkt die Stimme und neigt den Kopf zu uns: "Wenn ich euch einen Rat geben darf, Jungs. Verschwindet noch heute aus der Gegend hier. Irgendwas passiert hier und es passiert bald." Dann klopft er uns noch auf die Schulter und geht von dannen. Ich blicke ihm hinterher. "Er hat recht. Irgendwas beginnt. Und diese ganzen Toten waren erst der Anfang."

Und der Untergang beginnt.

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