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Eines Abends wollte ich vor dem Schlafengehen noch eine rauchen. Es war schon relativ spät. Auf jeden Fall nach Mitternacht. Ich stand also von der Couch auf und ging zur Seitentür des Hauses. Ich wollte gerade meine Schachtel aus der Tasche nehmen, als ich ein Knacken an der Tür, die zur Auffahrt führt, hörte.

Es war ja bereits tiefste Nacht und in diesem Raum hatte ich vor Wochen versehentlich eine so helle Glühbirne verwendet, das man mich von außen, selbst durch das Milchglas der Tür, deutlich erkennen konnte. Ich hingegen konnte nur auf ein verschwommenes schwarzes Quadrat, welches die Hälfte der Tür ausmachte, starren. Das störte mich schon länger aber ich vergaß immer etwas daran zu ändern. Trotzdem öffnete ich neugierig die Tür, aber nichts war zu sehen. Außer ein paar nassen Flecken, welche wohl noch vom letzten Schauer da waren.

Weil ich schon sehr müde war, machte ich meine Zigarette bereits nach der Hälfte aus. Ich schaltete die Außenbeleuchtung aus und das helle Licht drinnen wieder an. Ich schloss die Tür und wollte gerade meine Sachen wegpacken als ich wieder dieses knacken hörte.

Es offenbarte sich mir ein Anblick, der buchstäblich dafür sorgte das mein Herzschlag aussetzte. Ich starrte nicht länger auf ein schwarzes nichts, sondern direkt in eine durch die Scheibe verschwommene Fratze. Von außen drückte sich ein Gesicht an das Glas das fast weiß war. Die tiefroten Augen, so groß wie Untertassen, sahen mich an.

Dieses Ding hatte die Handflächen auf die Scheibe gedrückt. Alles erinnerte an einen Menschen bis auf die Augen... und die Finger. Sie waren so lang und dünn das sie über den Fensterrahmen hinausragten.

In Panik schnellte ich aus dem Raum und rannte quer durchs Haus in den Garten der auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses lag. Nur die Beleuchtung des Gartenteichs warf ein schwaches Licht in die Umgebung. Zu meinem erneutem Entsetzen bemerkte ich das die Holztür zur Auffahrt offen stand. Wieder starrte ich in ein schwarzes Nichts. Ich ging darauf zu, da ich sie schließen wollte... Musste. Entweder diese Tür ist verriegelt oder ich verlasse auf der Stelle mein Grundstück.

All meinen Mut zusammengenommen, bewegte ich mich schneller auf das nichts zu, als ein wohlbekanntes Geräusch mir alle Kraft nahm. Ich brauchte nur Bruchteile von Sekunden um zu realisieren was es war. Es kam vom Bewegungsmelder. Ein leises "Klick". Für gewöhnlich springen kurz darauf die Lampen an.

Ich wusste allerdings, das ich es von meiner Position aus, nicht hatte auslösen können.

Ich schloss die Augen und rannte auf die Tür zu. Mein Herz hämmerte in meinen Ohren. Da sah ich einen Schatten. Einen bizarren Schatten, mit unnatürlichen Formen und unbeholfenen Bewegungen, der auf der Wand vor mir ein wirres Schauspiel dabot und dabei schnell größer wurde...

Aller Mut war verblasst... Ach was sag ich, er war weg.

Nichts Heldenhaftes fühlte ich mehr, als ich auf das Licht zurannte. Zum umkehren war es zu spät.

In letzter Sekunde konnte ich mich an die Wand neben der offenen Tür in die Dunkelheit pressen. Kaum dahinter hielt ich den Atem an und horchte.

Mein ohrenbetäubender Herzschlag machte es mir nicht gerade leicht, aber ich vernahm ein nasses schlurfen, als würde jemand einen schweren, nassen Jutesack über den Asphalt ziehen.Gefolgt von einem gequältem gurgeln. Wie in Filmen wenn jemand die Kehle durchschneidet, während das Opfer verzweifelt versucht zu schreien. 

Es war grausam. Aber ich konnte mir keine weiteren Gedanken darüber machen.

Begleitet von einem Gestank, der mir beinahe die Sinne raubte, kam es durch die Tür. Eine Mischung aus faulen Eiern, Ammoniak und altem Fisch breitete sich aus. Dann sah ich sie. Wild umher tastend, wie die Fühler eines riesigen Insekts, bahnten sich die langen Finger der Kreatur ihren Weg durch die Tür.

Panische Angst erfüllte mich. Weiße Pünktchen flimmerten vor meinen Augen, da ich es kaum wagte zu atmen. Es schob sich nur wenige Zentimeter von mir entfernt durch den Türrahmen.

Es war weiß mit einem Grünstich. Eine Wasserleiche, die einen ganzen Sommer über nicht gefunden wurde. Der Körperbau wirkte humanuid.

Arme und Beine, Kopf und Torso. Die glibberige Haut schien feucht zu glänzen. Zum Boden wurde sie faltig und erinnerte mich an eine geschmolzene Kerze. Die Kopfhaut war straff über den Schädel gespannt.

Es schlurfte auf die Terrasse. Immer wieder blieb es stehen und schnüffelte in der Luft nach etwas.

Der Kopf war glatt. Es hatte keine Nase. Keine Lippen. Keine haare. Nur die zahlreichen, nadelartigen Zähne in einem schwarzen, runden Schlund der immer offen stand. Damit schien es auch zu riechen. Die Zähne zogen sich wie Nasenflügel rhythmisch nach ihnen und stürzten sich wieder nach außen. Die langen Finger reichten bis zum Boden und schliffen über die Terrasse, wobei sie vereinzelt immer wieder die Umgebung abtasteten. Beinahe hatte es mich mit einem unnatürlich abgespreiztem Finger berührt. Die Fingerkuppe, eine verhornte Spitze, verfehlte mein Gesicht nur um Millimeter.

Es bewegte sich langsam und sah sich immer wieder um. Wenn man von sehen sprechen konnte. Die Augenhöhlen wirkten wie zurückentwickelte entzündete Löcher. Bierdeckel groß, von Rosa über blutrot bis in der Mitte jeder Seite schwarz. Und in dieser Schwärze meinte ich jeweils einen Augapfel in Form einer winzigen schwarzen Kugel zu sehen. Sie reflektierten das Licht aus dem Haus und zuckten wild in alle Richtungen.

Es bewegte sich weiter, grunzend und gurgelnd. Langsam erkannte ich welche Richtung es einschlug. Unser kleiner Gartenteich. 

Es hievt sich zum Rand. Dort angekommen hebt es eines der Beine. Ein Fuß oder ähnliches war unmöglich auszumachen, da fast das gesamte Gewebe wie ein schwerer Vorhang an den Schultern der Gestalt herunterhing. Die Finger fühlten wild zuckend an den Randsteinen bis sie Wasser berührten. 

Es ließ sich unkontrolliert hineinfallen mit einem großen „Wooosh!“. Das Wasser trat über die Kantsteine und flutete die Terrasse. Die Beleuchtung war schlagartig erloschen.

Wie versteinert hatte ich die ganze Szenerie auf mich wirken lassen. Das Wasser beruhigte sich. Plötzlich flackerte es und die Lichtspots sprangen wieder an. Nichts zu sehen. Es war weg... 

Aber wie war das möglich? Der Teich war winzig klein und wenn ich drin stand ging mir das Wasser maximal bis zur Brust. Kein Geräusch mehr. Das Wasser still. Entfernt hörte ich eine Grille zirpen. Was hatte ich gerade erlebt? Aus welcher Hölle mag diese Kreatur nur entkommen sein? Und viel wichtiger, was wollte sie hier? Von mir...

Wie gelähmt und immer noch an die Wand gepresst, versuchte ich meine Gedanken zu sortieren. Stunden müssen bereits vergangen sein, und ich konnte erste helle Streifen am Horizont ausmachen.

Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Ich musste grinsen. Verdammt nochmal, was für ein Trip war das denn? Und ich dachte damals auf diesem Festival hätte ich meine heftigsten Erfahrungen durchgemacht. 

Meine Anspannung löste sich. Ich tat ein paar Schritte auf den Teich zu. Nichts...

Ha, wenn ich den Jungs von dieser Story erzähle...

Ich konnte den Gedanken nicht zu Ende bringen. Denn in diesem Moment erschienen Finger wie knorrige Äste aus der Oberfläche auf. Der glänzende Kopf folgte sofort. Die Gestalt tauchte lautlos aus dem Wasser... und starrte mich direkt an.

Ich wollte weglaufen aber ich konnte nicht. Alle Muskeln meines Körpers versagten den Dienst. Aus entsetzlicher Angst wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Es bewegte sich!

Es schloss die langen Finger zu einer Faust und hielt sie über ihren Kopf. Dann, wie in Zeitlupe, erstreckte sich einer der Finger in den Nachthimmel. Das Wesen führte den Finger vor den Mund. Aus dem schwarzen Loch rann das Wasser zwischen den Nadelzähnen hindurch, zurück in den Teich.

Vielleicht war es nur Einbildung, aber ich bin mir sicher das ich ein "Psssssst...." hörte. Dann wieder. Mit dieser Geste und einem winzigen Anflug eines Grinsens versank das Wesen langsam, laut und bewegungslos im Teich. Der spitze Finger zuletzt. Nur Sekunden später war die Wasseroberfläche wieder spiegelglatt und ruhig.

Vogelgezwitscher war das letzte was ich hörte bevor ich mich meinem wohlverdientem Zusammenbruch hingab.


Autor:

Fred Winter

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