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Als ich meine Wohnungstür öffne und eintrete, bekomme ich fast einen Herzinfarkt.

„Was machen Sie hier?“ schreie ich den Mann an, der mir gegenüber auf meinem grauen Ledersofa sitzt. Er sitzt ganz still, sieht mich an und sagt: „Ich habe auf dich gewartet, Moritz Parker.“

Er kennt mich. Meine Gedanken rattern so schnell wie eine Achterbahn. Habe ich etwas Waffenähnliches dabei? Nein. Ich müsste an ihm vorbei, um mir ein Messer aus der Küche oder die schwere Vase aus der Ecke zu nehmen. Unmöglich. Hat er eine Waffe? Ich sehe nichts. Allerdings trägt er einen langen, capeähnlichen Mantel, der seine Hände und wer weiß was noch verbirgt. Was will er? Ein Einbrecher sitzt nicht im Wohnzimmer und wartet auf den Bewohner. Ich spüre die dunkle, seltsam ruhige Bedrohung, die von diesem Mann ausgeht und höre mein Herz pochen.

„Was wollen Sie?“

Er sieht mich weiter aus seinen fast schwarzen Augen an, die in einem blassen, emotionslosen Gesicht stecken. „Ich will dich, Moritz Parker.“

Seine Worte lösen Panik in mir aus, doch ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. „Wer bist du?“ sage ich und wechsle ebenfalls ins Du. Ich muss reden, Zeit schinden, so wie das die Hauptfiguren in den Horrorfilmen tun, bis ich irgendwie die Polizei verständigen oder den Mann k.o. schlagen kann. Ich schiebe mich an der Wand entlang einige Zentimeter nach rechts in Richtung der Vase.

„Ich bin der Tod.“ sagt er.

Mir stockt der Atem. Ein Verrückter. Noch schlimmer. Wer weiß, wozu er in der Lage ist. Ein gewöhnlicher Einbrecher wäre mir lieber.

„Du glaubst mir nicht.“ stellt er fest.

Ich weiß nicht, was ich antworten soll, um diesen Wahnsinnigen zu beruhigen. Er darf nicht ausflippen, bis die Polizei hier ist. Ich überlege, ob ich es unbemerkt schaffe, meine Hand in meine Jackentasche zu stecken, mein Handy zu greifen und die 110 zu wählen. Vielleicht. Und dann? Der Verrückte wird mich wohl kaum in Ruhe sprechen lassen. Ich glaube, ich sollte einfach aus der Wohnung hinauslaufen. Schnell. Sehr schnell. Das ist das Beste. Ich bin nur zwei Schritte von der Tür entfernt und er sitzt noch unbeweglich da.

„Ich beweise es dir.“ sagt da der Verrückte und streckt seinen Arm aus, der von seinem schwarzen Cape bedeckt ist. Seine Hand ist kalkweiß und knochig. Sein Zeigefinger zeigt auf mein Goldfischglas. Der Finger bewegt sich kurz auf und ab. Mein Fisch steigt in Sekundenschnelle an die Wasseroberfläche und schwimmt mit dem Bauch nach oben.

Ich schnappe nach Luft. „Wie hast du das gemacht?“

„Ich bin der Tod.“ wiederholt er.

Mir wird kalt. „Hast du meinen Fisch wirklich umgebracht? Ist das ein Trick?“ rufe ich.

„Ich nehme ihn heute mit.“ antwortet der Mann gelassen. „So steht es geschrieben.“

Ich atme tief aus. „Es reicht. Ich weiß nicht, was das für ein abartiger Trick ist, aber ich rufe jetzt die Polizei.“

Ich hole mein Handy aus der Tasche. Der unheimliche Besucher regt sich nicht. Er beobachtet mich. Wieder hebt er seinen Arm, dreht in diesmal nach links, wo der Rattenkäfig steht und bewegt wieder den Zeigefinger. King, meine kleine schwarze Ratte, kippt leblos zur Seite und mein Smartphone landet mit einem lauten Knall auf dem Boden. Ich starre den Mann an. Er starrt zurück. Ein erneutes Frösteln durchfährt mich.

„Heute gehen alle deine Haustiere. Du kannst nichts dagegen tun. So steht es geschrieben.“

Die nächsten Bewegungen scheinen wie in Zeitlupe zu laufen. Mir ist klar, was er tun wird. Meine Augen folgen seinem Zeigefinger, als er auf Kong, meine braun-weiße Ratte zeigt und auch sie tötet.

„Du bist der Tod.“ flüstere ich.

Er nickt.

„Und du bist wegen mir gekommen.“

Wieder nickt er.

Mir ist mittlerweile eiskalt und ich stelle fest, dass die Kälte von ihm ausgeht. Angst greift wie eine eiserne Faust nach meinem Herzen. „Warum willst du mich töten?

„Ich will dich nicht töten.“

„Du hast meine Haustiere getötet und du willst mich töten!“

„Ich wollte sie nicht töten. Das ist nicht meine Entscheidung. Ich kann nichts dagegen tun. So steht es geschrieben.“

Langsam setze ich mich ihm, dem Tod, gegenüber. Da sehe ich noch etwas: Eine Sense. Sie lehnt neben dem Sofa. Der Tod ist fast eine Karikatur seiner selbst. Er starrt mich unentwegt an. Seine kalten, emotionslosen Augen lassen keine einzige Sekunde von mir ab. Er blinzelt nie, stelle ich fest.

„Wie ist es, jemanden mitzunehmen?“ frage ich leise.

„Interessant, dass du fragst. Manchmal geht es sehr schnell, weil die Person einen Unfall hat. Dann bemerkt sie mich nicht einmal. Manchmal ist die Person bewusstlos, verweilt zwischen den Welten, und ich komme, rede mit ihr, bereite sie vor.“

Er macht es gerade mit mir. Er bereitet mich vor. Ich spüre den Klumpen in meinem Bauch. Vielleicht wird er mir einige Minuten geben. Und das war es dann. Tränen steigen mir in die Augen. Wie gerne würde ich noch einmal meine Eltern und meine besten Freunde sehen. Doch das wird mir nicht vergönnt sein.

„Bist du…“ ich schlucke. „bist du real oder in meinem Kopf?“

„Ich bin real. Aber nur du kannst mich sehen. Wenn noch jemand bei uns wäre, könnte er mich weder sehen noch hören, denn ich bin zu dir gekommen.“

Mittlerweile laufen mir die Tränen in Strömen über die Wangen.

„Tut das Sterben weh?“

„Das kommt drauf an. Nicht immer, aber bei einer Krankheit oder einem Unfall tut es oft weh. Aber sobald die Schwelle überschritten ist, verfliegt der Schmerz und ist für immer verschwunden.“

Wir schweigen einige Augenblicke, während ich leise weine.

„Es ist Zeit.“ sagt der Tod dann mit seiner ruhigen Stimme. Mechanisch erhebe ich mich, als er aufsteht.

„Dann töte mich.“ flüstere ich.

Er schüttelt den Kopf. „Ich werde dich nicht töten.“

„W-was? Aber ich dachte, du bist wegen mir gekommen.“

Der Tod nickt. „Ich bin wegen dir gekommen. Aber nicht, um dich zu töten.“

Verwirrt sehe ich ihn an. Er greift nach der Sense. „Alle tausend Jahre wird der Tod erlöst. Ich bin nicht gekommen, um dich mitzunehmen, Moritz Parker. Ich bin gekommen, damit du mich mitnimmst, denn du wirst der neue Tod sein.“

Unwillkürlich trete ich einen Schritt zurück. „Nein!“ stoße ich hervor.

Er macht einen Schritt auf mich zu. Ich weiche weiter aus, stehe mit dem Rücken gegen die Wand. Ich spüre, dass es zwecklos ist. Der Tod ist mit zwei Schritten bei mir und drückt mir die Sense in die Hand. Von der Sense aus geht eine Eiseskälte mit einem Ruck durch meinen Körper.

„Ich kann nichts dagegen tun.“ sagt der Tod. „So steht es geschrieben.“

Ich sehe an mir herunter. Plötzlich trage ich einen bodenlangen Umhang statt meiner Alltagskleidung. Meine Hände sind schneeweiß und knochig. Auch der Mann vor mir hat sich verändert, es ist Farbe in sein Gesicht getreten und seine Augen sind von einem warmen Blau. Ich muss ihn mitnehmen. Mein Arm rührt sich wie von alleine, der Finger zeigt auf ihn, bewegt sich und dann begleite ich ihn über die Schwelle, lasse ihn im Jenseits zurück und kehre in die Welt zurück, um den Nächsten von der Liste zu holen.

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