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Der Zweite Weltkrieg war eine Zeit der Grausamkeit, der Angst und der Hoffnungslosigkeit. 1939 überfielen die Nazis im Blitzkrieg Polen, eroberten Frankreich bis zur Küste und kamen in Russland bis nach Stalingrad. Doch der Krieg war nicht das Grausamste. Die Verfolgungen und Deportationen in die Konzentrationslager, wo die Insassen von Wärtern verprügelt und gedemütigt wurden und bis zum Tod arbeiten mussten oder sogar, im schlimmsten Fall, grausam in den Gaskammern getötet wurden, waren weitaus abscheulicher, als der Krieg selbst.

Ich wurde im August 1942 in den Kriegsdienst eingezogen. Ich war damals ein junger Anwalt und hatte die Universität gerade beendet, als ich in die rote Armee eintrat, um mein Land gegen den Faschismus zu verteidigen. Ich musste eine schnelle Ausbildung absolvieren, denn die Nazis waren bereits bis nach Stalingrad vorgedrungen und die große Befreiungsoffensive stand bevor. Diese sollte die entscheidende Wende in diesem Krieg herbeiführen und die Deutschen zurückdrängen. Der Terror sollte ein Ende haben. Doch ich hatte keine Ahnung wie krank die Nazis waren, wie sehr und vor allem mit welchen Mitteln sie ihr Ziel, die Ausrottung der Menschen, die sie für unwürdig hielten zu leben, erreichen wollten. Doch die volle Grausamkeit der Taten der Nazis sollte sich mir erst nach dem Ende des Krieges offenbaren.

Im Dezember war es dann soweit: Die Schlacht um Stalingrad war im vollen Gange. Die Kälte des Winters setze den deutschen Soldaten sehr zu und wir nutzen diesen Vorteil. Über Tage, Wochen und Monate hinweg belagerten wir Stalingrad. Viele Soldaten des deutschen Reiches starben durch die eisige Kälte. Nach und nach gelang es uns vorzurücken und die Stadt immer weiter einzunehmen. Im Februar 1943 war es letztendlich so weit: Stalingrad war wieder unter russischer Kontrolle. Doch wir waren noch lange nicht am Ziel angekommen, denn die eigentliche Offensive gegen Deutschland hatte gerade erst begonnen. Die russische Armee rückte immer weiter in Richtung Westen und in Richtung Deutschland vor. Die Zeit vom Januar 1943 bis zum Ende des Jahres 1944 war geprägt von vielen Schlachten. Viele meiner Genossen fielen im Kampf. Oft dauerten die Gefechte wochenlang, aber wir schafften es vorzurücken und eine Stadt nach der anderen zu befreien. Ende des Jahres 1943 waren wir bis an die Bug, ein Fluss in der Nähe eines kleinen Dorfes mit Namen „Treblinka“, vorgerückt.


Das Vernichtungslagers Treblinka II:


Einige Tage nachdem wir den Fluss erreicht hatten, fingen wir einen Funkspruch der Deutschen ab, indem es um einen Aufstand in einem Lager  nahe dem Ort, ging. Nach dieser Meldung befahl die Generalität den Aufständischen zur Hilfe zu kommen und das Lager zu befreien. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nicht die geringste Ahnung, um was für eine Art Lager es sich handelte. Doch wir würden es bald herausfinden. Der Weg zum Lager, der einen Tag lang dauerte, verlief ohne jeglichen Widerstand, was mich sehr verwunderte. Normalerweise waren solche Gebiete schwer befestigt. Häufig traf man auf Hindernisse wie Wachtürme und Stacheldrahtzäune. Hier jedoch war das Land grade zu kahl, wenn man die Bäume und Sträucher außer Acht lässt. Wir näherten uns immer weiter dem vermeintlichen Aufstand in besagtem Lager, doch blieben die üblichen Gefechtsgeräusche, wie Schüsse und Schmerzensschreie, gänzlich aus. Als wir das Lager erreichten, sahen wir sofort, warum wir keinerlei Geräusche gehört hatten. Das Lager war komplett verlassen, keine Menschenseele war mehr hier und es herrschte Totenstille. Doch trotzdem war Vorsicht geboten. Oft hatten wir in den Schlachten solche Hinterhalte erlebt und in verlassenen Ortschaften Fallen der Nazis gefunden. Wir näherten uns den großen Stahltoren des Lagers. Sowie unsere Stellung gesichert war, ließen wir einige Hunde in das Lager hinein, um zu überprüfen, ob noch Gefahr bestand. Wir warteten mehrere Stunden, da das Lager relativ groß war. Die Minuten vergingen sehr langsam und die Anspannung war fast schon greifbar, da wir jeden Moment mit einem Angriff rechneten. Ein Hund nach dem anderen kam zurück und als auch der letzte Hund nach mehreren Stunden das Tor erreichte, betraten wir endlich das, was wir bis zu diesem Zeitpunkt für ein Gefängnis oder ein Arbeitslager gehalten hatten.

Der Anblick der sich uns bot war abscheulich: Überall lagen Leichen, zu Bergen gestapelt, Blut klebte an den Betonwänden, die Baracken die als Unterschlupf für die Gefangenen dienten hatten Einschusslöcher, zerbrochene Fenster und zerbrochene Wände. An dem Stacheldraht hingen Stofffetzen, Haut von Flüchtlingen oder sogar Stücke menschlichen Fleisches, welche beim Versuch zu flüchten wohl am Draht hängengeblieben und abgerissen waren. Ich verzog das Gesicht. Dieses abscheuliche Bild war selbst für einen Soldaten zu viel. Ein Mann meiner Einheit, der neben mir stand, würgte und übergab sich. Es war sowohl der Ekel, als auch die Anspannung und die Unsicherheit die uns den Magen umdrehte. Trotz alledem rückten wir weiter in das Lager vor und erkundeten es. Unsere Einheit teilte sich auf, sodass je 5 Mann einen kleinen Stoßtrupp bildeten. Jeder Trupp durchsuchte einen anderen Teil des Lagers: einer die Baracken und die Räume die innerhalb der Mauern lagen, einer die oberen Mauern und Wachtürme, einer die undefinierbaren Anbauten auf der linken Seite, ein weiterer das Gelände und schließlich durchsuchten wir ein Gebäude am hinteren Ende der Festung. Meine Genossen und ich lauschten in das Gebäude als wir vor der verschlossenen Tür standen. Zwei Männer sicherten uns, bevor wir die Tür eintraten. In dem Gebäude war es dunkel, doch das elektrische Licht funktionierte noch immer. Wir befanden uns in einem Verwaltungstrakt, an den viele Büros angrenzten. Wir durchkämmten jeden Raum, doch wir fanden nichts als Telefone, Telegraphen, Morsegeräte und unwichtige Notizen. Eine Treppe, am Ende des Flures, führte in den zweiten Stock, wo offenbar die Räume der Lagerführung waren. Hier wurden wir fündig. In einigen Räumen stapelten sich Akten und Schränke voller Dokumente reihten sich aneinander. Wir öffneten die Schränke und studierten die Akten. Glücklicherweise konnten einige von uns Deutsch, da sie es über die Jahre im Krieg gelernt hatten oder sogar ausgebildete Übersetzer waren. Mir hatte es ein Scharfschütze meines Regiments beigebracht und mit einem Wörterbuch konnte ich mir einen großen Teil auch selbst beibringen. Doch was in den Dokumenten stand war grade zu ungeheuerlich. Es waren Akten über Morde. Es war immer wieder die Rede von „Vergasungen“ und vom „Vernichtungslager Treblinka“. Immer wieder überprüften wir das, was wir da grade gelesen hatten. Es klang zu abstrus und grausam, um wahr zu sein. Selbst als wir Listen fanden in denen festgehalten wurde, wie viele Insassen hier schon gestorben waren, wollten wir es nicht glauben. Doch selbst diese Dokumente gaben mir noch nicht so zu denken, wie das was ich als nächstes finden sollte. Hinter einer verschlossenen Tür fand ich einen Tresor der aufgebrochen schien. Darin lagen einige Wertgegenstände und ein paar Briefe. Ich inspizierte die Briefe und fand heraus das sie von einem gewissen J. Mengele waren und an die Führung des Lagers gerichtet waren. Darin stand, dass dieser J. Mengele sich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befand und dass er weitere Insassen benötige. Natürlich verstand ich nicht worum es ging, noch nicht, doch allein die Tatsache, dass es noch mehr von solchen Vernichtungslagern geben sollte, ließ mich schier verzweifeln. Wir packten die wichtigsten Akten ein und verließen das Gebäude wieder, um uns mit den anderen Stoßtrupps wieder zu vereinigen. Beim Hinausgehen fiel ein Brief aus meiner Hand auf den Boden vor dem Tresor. Ich hob ihn auf und bemerkte, dass dort schwarzes Pulver lag. Es war Asche. Jemand hatte also den Tresor aufgebrochen und einige Dokumente daraus verbrannt. Alles was ich in dem Aschehäufchen finden konnte war ein kleiner Schnipsel mit dem Wort „Katakomben“.  Als wir alle wieder am Tor waren brachten sich unsere Stoßtrupps auf den neusten Stand der Dinge. Der erste Trupp berichtete, dass sie in den Baracken und den umliegenden Räumen keine Auffälligkeiten gefunden hatten. Ebenso hatte der zweite Trupp nichts gefunden. Doch der dritte und vierte Stoßtrupp hatte ein paar Informationen, die unsere Informationen bestätigten. Der dritte berichtete, dass sie in den Anbauten Räume mit Scheiben und Panzertüren gefunden hatten. Hinter diesen lagen weitere Räume mit Duschköpfen an der Decke. Der vierte Stoßtruppe hatte eine weitere grausame Entdeckung gemacht: Auf dem Gelände des Lagers befanden sich überall Massengräber. Wir teilten unsere Erkenntnisse dem Rest mit und nach und nach verstanden wir, was die Nazis hier gemacht hatten: Hier wurden Menschen systematisch getötet, durch Gas, dann zu Bergen von Leichen aufgetürmt und auf dem Gelände vergraben. Wir kehrten zu unserem Stützpunkt zurück und berichteten unserem General von unseren Entdeckungen. Unser weiteres Vorgehen wurden von unseren Anführern noch in derselben Nacht besprochen und unserem General mitgeteilt. Am Morgen stand es fest: Wir würden weiter ziehen, in Richtung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und es, wenn möglich, befreien.

Wir mussten uns mehrere Monate in südwestliche Richtung vorkämpfen. Dies war sehr schwer, da die Front manchmal weiter im Osten lag und wir deshalb immer wieder Dörfer erobern mussten oder uns durch feindliches Gebiet schlichen. In den Gefechten verloren wir Genossen, was uns nur noch mehr anspannte, jedoch nicht wegen der Angst zu sterben, viel mehr war es die Angst, vor den Toren von Auschwitz zu stehen und unterlegen zu sein. Hin und wieder bekamen wir Nachrichten, von der Eroberung anderer Städte und von Siegen und Niederlagen.  Im Juni 1944 bekamen wir die Nachricht, dass die Alliierten in der Normandie gelandet waren und seitdem die Deutschen immer weiter zurückdrängten. Und wir eroberten den Osten zurück. Deutschland schien es schlecht zu gehen. Sie verloren immer mehr Schlachten und damit Gebiete. Immer weiter kämpften wir uns vor. Je näher wir Auschwitz kamen, je mehr Dörfer wir befreiten, je mehr Kriegsopfer wir retten, desto grausamer, brutaler und abscheulicher wurden die Geschichten, die wir über diesen Ort hörten.

Im Januar 1945 war es dann endlich soweit. Wir hatten das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erreicht.


Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau:


Wir waren endlich angekommen. Tage bevor die eigentliche Befreiung überhaupt stattfinden sollte waren wir bereits nervös. Was wäre, wenn dort ein riesiges Bataillon auf uns warten würde? Was wäre, wenn unsere Taktik versagen würde? Auf der Fahrt zu unserem Absatzpunkt war die Spannung so groß, dass niemand auch nur ein Wort sagte. Je näher wir kamen, desto bedrückender und unheilvoller wurde die Atmosphäre. Am Morgen des 27. Januar war der Himmel grau und dunkel. Wir griffen blitzschnell an, um die Wärter zu überrumpeln, doch auch hier waren keine Wärter mehr. Aber wir fanden einen Haufen abgemagerter und armer Menschen, die in den kleinen Baracken zusammengepfercht hausten. Sie wurden so schnell es ging versorgt. Ein Mann, der so etwas wie das Oberhaupt der Insassen war, erzählte mir, was hier passiert war. Er trug einen einfachen Insassen Overall mit der Nummer 7449. „Dies hier ist kein Arbeitslager“, begann er, „es ist ein Konzentrations- oder Vernichtungslager, wie sie es nannten.“ „Ich weiß. Wir haben vor einigen Monaten ein anderes Vernichtungslager in Treblinka gefunden und erkundet.“ Erzählte ich dem Mann. Er nickte. „Sie haben die Leute in diese Kammern gebracht. Dort wurde Gas hereingeleitet. Es war ein grauenhafter Anblick. Manchmal mussten wir zusehen, wie unsere Familien, Freunde und Mitgefangenen elendig erstickt sind.“ Sagte der Mann mit bebender Stimme. „Also auch hier.“ Murmelte ich. Dann fragte ich: „Kennen Sie einen J. Mengele? Er muss hier ein sehr hohes Tier gewesen sein. Er…“ „Joseph Mengele, “ unterbrach mich der Mann, „Ja. Er war hier der Arzt. Doch er hat uns weniger geheilt, als dass er Experimente gemacht hat. Wir wissen nur wenig, die meisten Leute sind nie von seinen Experimenten zurückgekehrt.“ Der Mann sah mich verschwörerisch an, senkte den Blick und sagte dann sehr leise und unheilvoll: „Viele nannten ihn nur: Den Todesengel.“ Ich erschrak, als im selben Moment eine alte Frau, die auf dem Boden saß, aufschrie. Sie sah mich panisch an und schrie: „Der Todesengel!“ Dann hielten ihre Augen inne. Ich lief zu ihr hinüber, fragte sie, ob alles in Ordnung sei und fühlte ihren Puls. Sie war tot. Die arme Frau war bestimmt an Altersschwäche und an den Folgen der Unterernährung gestorben. Aber wieso hatte sie ausgerechnet das wiederholt? Ich war in heller Aufregung. Hier waren Dinge geschehen. Dinge, die grausamer waren als alles was wir uns bis dahin vorgestellt hatten. Dinge, die so ungeheuerlich waren, dass sie wie schaurige Märchen klangen. Dinge, die über unser Verständnis von Natürlichkeit weit hinausgehen würden. Dinge, die selbst die üblichen abscheulichen Vergehen der Nazis übertrafen. Ich wendete mich an den Mann, mit dem ich vorher geredet hatte, und eine Gruppe Insassen, die sich um ihn versammelt hatte: „Wären Sie alle bereit mir zu erzählen, was hier in den letzten Jahren passiert ist und was Sie hier erlebt haben?“ Der Mann nickte. Die anderen zögerten, einige nickten dann, andere schauten sich verstört um und ein paar wenige schüttelten den Kopf, als hätten sie Angst, dass sie getötet würden, wenn sie über die Geschehnisse in diesem Vernichtungslager berichteten. Während wir auf den Rest unseres Trupps warteten, versorgten wir die Befreiten und redeten mit ihnen.


Erzählung des Insassen 7449:

„Wissen Sie,“ fing der Mann an, „dies ist kein „normales“ Vernichtungslager. Jeden Tag wurden hier Hunderte Menschen vergast. Wahrscheinlich waren es über die Jahre hin Millionen von Insassen die hier ihr Leben verloren. Die Wärter waren unglaublich brutal und haben zusätzlich jeden Tag Menschen erschossen oder so lange gequält bis sie unter den Schmerzen der Tortur kraftlos zusammenbrachen und starben. Doch das meine ich nicht. Ich kam 1942 hier nach Auschwitz als die Nazis mein Dorf eroberten und alle jüdischen Bürger deportierten. Sie pferchten uns auf einem Platz in der Mitte unseres kleinen Ortes zusammen und fingen an uns zu zählen, manche prügelten uns, andere erschossen wahllos Leute auf dem Platz. Dann trieben uns die SS-Truppen in LKWs und Züge mit denen sie uns nach Auschwitz brachten. Nach stundenlangen Fahrten durch die Kälte, eingesperrt und zusammengedrängt in kleinen Güterwagons, erreichten wir unser Ziel. Hier wurden wir sortiert. Alte, Junge, Schwangere…alle die nicht arbeiten konnten wurden umgehend vergast. Ältere Kinder, junge Erwachsene und die Älteren wurden in die Barracken gesperrt. Wir mussten arbeiten oder sterben.“ Er hielt kurz inne und schmunzelte traurig und erschüttert: „Naja ersteres hatte letzteres oft zur Folge. Eigentlich würden wir alle hier früher oder später sterben. Zumindest dachten wir dies. Vor zwei Jahren im Mai kam dann dieser Mann. Es war ein kalter, düsterer Morgen, genauso eisig und finster wie der Blick dieses Mannes. Er redete mit den Wärtern und betrat dann ein Gebäude. In derselben Nacht wurden wir aus unseren Betten gescheucht und in Reihen draußen aufgestellt. Es regnete und wir hatten nur unsere Unterwäsche an, als der Mann hinter zwei Wachen hervortrat. Unheilvoll begann er zu sprechen: „Guten Abend meine Damen und Herren. Gestatten sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Joseph Mengele. Ich werde ab heute der Arzt dieses Konzentrationslagers sein. Einige von Ihnen werde ich wohl kaum näher kennen lernen, andere werden dieses Privileg bekommen." Er nickte einem bewaffneten Wärter zu und sofort fielen mehrere Schüsse und dann drei oder vier Gefangene aus der ersten Reihe. Natürlich erschraken wir, doch das willkürliche Töten dieser unmenschlichen…Kreaturen, war für uns leider schon zur Gewohnheit geworden. Es kam hier immer wieder mal vor, dass Gefangene hinterrücks, aus reinem Hass von den Wärtern erschossen wurden. Dann fuhr er fort: ‚So wie diese…“Individuen“. "Wissen Sie, ich bin ein Mann der Wissenschaft, ein Mann der Medizin. Ich forsche sehr viel, nicht nur für den Dienst am Deutschen Reich, sondern auch aus eigenem Interesse. Sie werden feststellen, dass meine Forschungsmethoden nicht…", an dieser Stelle huschte ein bösartiges Lächeln über sein in den finsteren Schatten liegendes Gesicht, "den üblichen und normalen Forschungsmethoden entsprechen." Dann wurden wir wieder in unsere Baracken gescheucht und durften ein paar weitere Stunden schlafen. Doch viele waren besorgt oder besser gesagt besorgter. Wir wussten zwar, dass die Chancen hier lebend herauszukommen sehr gering waren, doch was dieser Dr. Mengele über seine Forschung gesagt hatte ließ uns das Blut in den Adern gefrieren. Einige Kinder wachten nachts immer wieder schreiend auf und behaupteten das fürchterliche Lächeln dieses Mannes in ihren Träumen gesehen zu haben. Er schien einen unglaublichen Einfluss auf die Menschen um sich und eine bedrückende Aura zu haben. Am nächsten Tag wurden wir dann, wie man uns ja bereits mitgeteilt hatte, in Gruppen abgeholt und in ein steriles Untersuchungszimmer gebracht, wo wir gemustert wurden. Bis zu dem Tage wussten wir gar nicht, dass so ein Raum überhaupt existierte. In Unterwäsche standen wir in der Schlange bis in das kalte Zimmer hinein. In dem Untersuchungsraum standen Tragen, Geräte, Schränke voll Medizin und anderes ärztliches Zubehör herum. Akribisch untersuchten sie jeden Winkel unserer Körper auf der Suche nach allen Details und Makeln. Es waren zwei jüngere Männer in weißen Arztkitteln die die Untersuchungen durchführten, während Mengele alles mit seinem Blick, der ebenso kalt und steril war, wie dieser Raum, überwachte. Einen nach dem anderen inspizierten sie. Als wären wir Tiere oder Ware. Danach mussten wir wieder schuften. Wir alle fragten uns was diese Untersuchungen wohl zu bedeuten hatten, es konnte ihnen wohl kaum um unser Wohl und um unsere Gesundheit gehen. Doch schon am selben Tag wurden einige von uns von den Wärtern in Gewahrsam genommen. Es waren so um die hundert Insassen: Männer, Frauen, Kinder, Alte. Natürlich setzte sich niemand zur Wehr oder half ihnen. Es wäre reiner Selbstmord gewesen. Am selben Tag kamen einige zur Abendstunde wieder. Es waren grade mal zehn oder zwanzig. Manche hatten Bandagen, andere Pflaster und wieder andere…waren komplett entstellt. Die anderen waren vermutlich immer noch in den Untersuchungsräumen oder sogar schon tot. Als wir in den Baracken waren, berichteten sie, was sie erlebt hatten. Es waren unaussprechliche Grausamkeiten gewesen, die man den Insassen angetan hatten. Sie berichteten, dass man ihnen giftige Flüssigkeiten in Adern oder Organe gespritzt hatte, andere mussten Säurebäder überstehen. Einige hatte man in große Wannen voller trockenem Eis baden lassen, um zu sehen, wie lange sie so eine Tortur aushalten können. Und mit all diesen Erzählungen wuchs unsere Angst vor den Experimenten und vor diesen abscheulichen Menschen. Von dem Tag an wurden täglich neue Menschen hier nach Auschwitz gebracht und täglich wurden Leute zu diesen Experimenten abgeholt. Täglich gab es mehr Leichen und Vergasungen und täglich wuchs die Furcht vor den Grausamkeiten. Jeden Tag hörten wir von grausameren Experimenten.“ Der Mann geriet immer mehr in Rage vor Abscheu und Trauer. „Sie führten Hitzetests durch und verbrannten die Leute bei lebendigem Leib. Vor allem mit Zwillingen machten sie viele Experimente, sie nannten das Zwillingsforschung: Sie fügten dem einen unvorstellbare Schmerzen ohne Betäubung zu, um zu sehen ob der andere auch etwas spürte. Sie operierten sie sogar bei Bewusstsein. Andere Insassen wurden ebenfalls bei Bewusstsein operiert, manchmal nähten sie sie sogar zusammen und verschmolzen ihre Körper. Sie folterten die Insassen wie Versuchstiere in ihren Experimenten.“ Dem Mann liefen ein paar Tränen über die Wange und tropften auf den Asphalt. Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte ruhig: „Es ist vorbei.“

Mittlerweile waren weitere Soldaten meines Trupps angekommen. Wir besprachen das weitere Vorgehen und beschlossen, dass ein Teil weiter die Befreiten betreute und retten sollte und dass wir, die wir schon das Vernichtungslager in Treblinka durchsucht hatten, nun auch Auschwitz erkunden sollten. Wir mussten uns aufteilen. Ich wendete mich wieder an den Mann mit der Nummer 7449: „Kennen Sie sich hier etwas aus? Können sie mir sagen, wo welche Gebäude stehen?“ „Natürlich.“ Er zeichnete eine Karte. Als er fertig war, teilten wir uns auf. Doch bevor wir losziehen konnten, hielt uns der Mann an: „Sie sollten noch etwas wissen.“, begann er erneut, „Es gab ein paar seltsame Vorkommnisse hier. Immer wieder hörte man verzerrte Schreie aus einem Gebäude. Einmal gab es hier sogar so etwas wie ein Erdbeben, doch es fühlte sich so an, als läge die Quelle nur wenige Meter unter unseren Füßen. Wir haben herausgefunden, dass es in dem Gebäude einen Zugang zu Katakomben, die unter diesem Vernichtungslager liegen, gibt. Dort wurden auch Experimente durchgeführt. Die wenigen die von dort wieder gekommen sind, haben Dr. Mengele seinen Namen gegeben: Todesengel.“ „Wir werden uns darum kümmern“ antwortete ich. Dann wendete ich mich an zwei meiner Genossen und wir gingen los Richtung des Gebäudes, das der Eingang zu den Katakomben sein sollte.

Das Gebäude lag etwas abgelegen, hinter anderen Gebäuden. Es war das einzige Gebäude, dessen Tür man verbarrikadiert hatte. Wir zerbrachen die Bretter und Holzkisten, die die Nazis vor die Tür gestellt hatten, um den Zugang zu verdecken und zu versperren. Die Tür war mit Schlössern von innen gesichert, sodass die einzige Möglichkeit die uns blieb, eine Sprengung war. Mit einer lauten Explosion zerstörten wir die Tür und ebenso die dahinter gelegenen Tische und andere Möbel die man davor geschafft hatte. Wir traten langsam ein. Es war stockfinster, doch im Gegensatz zu den Gebäuden in Treblinka hatte man hier jegliche Stromleitung gekappt. Wir mussten uns also weiter durch die Finsternis tasten. Einer von uns musste seine Waffe gegen einen Scheinwerfer austauschen und sich auf uns verlassen. So durchkämmten wir weiter das Gebäude. Je tiefer wir kamen desto mulmiger wurde uns. Es gab mehrere Untergeschosse, welche wie Gänge mit Zellen, Untersuchungsräumen oder Operationssälen aufgebaut waren. Diese Gänge führten in einem Viereck einmal um die Etage herum. Die ersten Untergeschosse sahen noch normal aus. Die Untersuchungszimmer waren steril und sauber. In einigen Laboren standen Glasapparaturen und Flaschen mit diversen Substanzen und Medikamenten. Man konnte vom Gang aus in die Zellen hereinblicken. In jeder standen ein Bett, ein Waschbecken und ein Klo. Vermutlich hatte man hier Langzeitfolgen von Experimenten überwacht. Doch je tiefer wir kamen desto unerträglicher wurde der Anblick der uns in den Gängen bot. Die Räume sahen immer verwahrloster, heruntergekommener und grausamer aus. Im letzten Stockwerk bot sich uns ein Anblick, den wohl niemand von uns wieder vergessen wird. Operationssäle an dessen Wänden, Boden und sogar an deren Scheiben Blut klebte. Menschliche Kadaver die in Zellen oder auf Tragen gefesselt verrotteten. Abstrus deformierte Körper, merkwürdige Mutationen, verzerrte Gesichter, Blut und undefinierbare Flüssigkeiten. Einmal kamen wir an einer Scheibe vorbei die über und über mit Blut bedeckt war. Wir konnten uns nur ausmalen, was hinter dem Sicherheitsglas geschehen war. Meine Fantasie zeichnete schreckliche Szenen vor mein inneres Auge. Ein anderes Mal sahen wir in einem Raum zwei Menschen, die man zusammen genäht hatte. Sie hatten sich offenbar gegenseitig das Fleisch von den Körpern gekratzt und sich dann gegenseitig erwürgt. Die Gerüchte die wir von dem Gefangen über Mengeles Experimente erfahren hatten, waren wahr. Wir hatten diese absurden Behauptungen für zu schrecklich und grausam befunden, um wahr zu sein. Es war ungefähr nach der fünften oder sechsten Ebene als wir wieder bei der Treppe waren. Wir planten unser weiteres Vorgehen, als wir etwas hörten. Es war ein merkwürdiges Geräusch und ich konnte es kaum einem mir bekannten Geräusch zu ordnen. Weder klang es wie eine Stimme, noch wie ein Kratzen oder wie ein Schlag auf einen metallischen Gegenstand, der nachklingt. Es klang wohl am ehesten als würde etwas zerfasern bei dem Versuch den festen Beton zu durchdringen. Doch so sehr ich auch versuchte dieses Geräusch zu beschreiben, einzuordnen, zu kategorisieren und zu definieren, es gelang mir nicht. Das Geräusch war für menschliche Ohren schlicht und ergreifend zu fremdartig, als dass jemand es beschreiben könnte. „Was war das? Wo kam das her?“ flüsterte der Genosse neben mir, der ebenfalls noch bewaffnet war. „Ich glaube von unten.“ antwortete ich in die Dunkelheit hinein. Wir stiegen die Treppe noch etwas weiter hinab und kamen zu einem großen Tor. Es bestand aus zwei Türen, auf denen mehrere Sicherheitshinweise waren und die mittels eines großen, festgeschweißten Eisenträgers versperrt waren. Mit ein paar kleinen Sprengsätzen, konnten wir die großen Doppeltüren aus ihren Scharnieren sprengen. Dahinter war gähnende Schwärze. Dies mussten die Katakomben von Auschwitz sein. Als unser Genosse mit dem Scheinwerfer in die Finsternis leuchtete, konnten wir gerade einmal zehn bis zwanzig Meter in den Gang hereinblicken, welcher sich hinter dem Tor befand. Es war ein sehr langer doch schmaler Gang. Wir mussten zusammengedrängt gehen, um hindurch zu gelangen. Die Wände waren nicht mehr als 2,5 Meter voneinander entfernt und bestanden aus roten Ziegeln. Doch die Länge des Gangs war beachtlich. Der Weg durch ihn hindurch dauerte fast eine halbe Stunde. Am Ende teilte sich der dunkle Korridor auf und verlief nach rechts und links weiter. „Wo gehen wir lang?“ fragte der Genosse und leuchtete mit dem Scheinwerfer in jede Richtung. Wir konnten wie schon zuvor nur wenige Meter in die finstere Schwärze spähen. „Wir werfen eine Münze.“ schlug ich vor und holte eine silberne Münze aus meiner Tasche. „Bei Kopf gehen wir nach links, bei Zahl gehen wir nach rechts.“ sagte der dritte Genosse. Ich schnipste die Münze in die Luft. Im selben Moment ertönte wieder das Geräusch das wir in der vorherigen Etage gehört hatten. Dieses Mal jedoch lauter. Blitzschnell erhoben wir unsere Waffen und den Scheinwerfer und blickten in alle Richtungen. Adrenalin schoss durch meinen Kopf. Eine Mischung aus Aufregung, Angst und einem Gefühl, dem, was dort in der Finsternis war, völlig ausgeliefert und unterlegen zu sein. Es war unbeschreiblich bedrückend in der Dunkelheit zu stehen und nicht zu wissen, was um einen herum passierte. Wir warteten darauf, dass wir etwas sehen oder hören würden, doch es blieb still in dem Korridor. Erst nach mehreren Minuten lösten wir uns wieder. Ich wollte die Münze aufheben, doch konnte sie nirgends finden, bis ich ein metallisches Klackern hörte. Jedoch nicht auf dem Boden, wo ich grade gesucht hatte, sondern über mir. Ich richtete mich auf und schaute nach oben. Und als der Lichtstrahl die Decke erhellte erschraken wir: Die Münze stieß immer wieder gegen ein Metallrohr an der Decke, umgeben von einem Flimmern in der Luft. Im Lichtkegel konnte ich die Silhouette einer Hand erkennen, die mit dem Taler gegen die Decke schlug. Im selben Moment fingen die anderen beiden Soldaten an zu schreien, einer fluchte panisch: „Was ist das?! Wir müssen hier raus!“  Sie drehten sich um, doch ich stand nur da, stocksteif und paralysiert. Die Angst in mir, vor dem was da grade Unbegreifliches vor sich ging, war so groß, dass ich fühlte wie ich langsam immer leerer wurde und diese endlose Dunkelheit, die uns umgab, sich in mir ausbreitete. Ich hörte nur noch wie einer meiner Genossen an mir rüttelte und mich anschrie: „Wir müssen hier raus, komm!“ und sich dann an den anderen Soldaten wandte: „Scheiße, er reagiert nicht! Hilf mir!“ Es klang so, als würden sie durch einen dicken Schleier sprechen.

Dann wurde ich ohnmächtig und viel in einen wahnwitzigen Fiebertraum. Absurd, seltsam, formlos, bizarr…ich kann es kaum beschreiben, was ich in diesem Traum sah. Es schien nicht von dieser Welt zu sein.


Verhöre und die Nürnberger Prozesse:


Als die seltsamen Fantasien die ich in meinem Schlaf sah zu Ende gingen, schlug ich langsam meine Augen auf. Ich war wach. Doch nicht wie ich erwartet hatte inmitten des dunklen Ganges, sondern in einem hellen, weißen, ja sogar reinen Zimmer. Ich lag in einem Bett. Völlig perplex richtete ich mich auf. Wo war ich? Mir war völlig bewusst was passiert war: Wir hatten den Gang in den Katakomben von Auschwitz erkundet, als ich nach dem Münzwurf dieses Flimmern sah und dann ohnmächtig wurde. Meine Augen brauchten ein wenig Zeit, um sich an das Licht zu gewöhnen. Ich ging im Kopf die letzten Ereignisse durch. Erst dann bemerkte ich, dass ich nicht alleine war. Ein Arzt, eine Krankenschwester, ein Offizier und einer der beiden Genossen, die mit mir in dem Tunnel waren standen neben meinem Bett. „Guten Tag. Wie geht es ihnen?“ fragte der Arzt freundlich. Etwas unbeholfen stammelte ich: „Ja…soweit ganz gut…ich kann mich nicht beklagen.“ „Sie lagen mehrere Monate im Koma.“ erklärte mir der Arzt besänftigend. Dann fuhr er fort: „Wissen Sie was passiert ist? Wissen Sie warum sie hier sind?“ Ich erzählte ihm alles woran ich mich erinnern konnte. Als ich fertig war, machte sich der Arzt ein paar Notizen auf seinem Klemmbrett. Dann sagte er: „Sie scheinen keine Schäden davon getragen zu haben. Ich denke ihr Genosse kann ihnen erzählen, was nach ihrem Zusammenbruch passiert ist.“ Kurz darauf verließen die Krankenschwester und der Arzt das Zimmer. Ich schaute meinen Genossen an. Er grinste zurück. Dann fing er an zu erzählen: Nachdem ich ohnmächtig geworden war, hatten die anderen beiden mich hochgehievt und zusammen aus den Katakomben getragen, so schnell wie nur irgendwie möglich. Sie hatten mich in ein Krankenhaus gebracht, während die befreiten Insassen weiter versorgt wurden. In den nächsten Monaten hatte Deutschland immer mehr Niederlagen einstecken müssen, bis der Krieg am 8. Mai schließlich beendet war und Deutschland kapituliert hatte. Man hatte viele deutsche Soldaten, Generäle, SS-Truppen und sogar Politiker und andere Unterstützer des faschistischen Regimes gefangen genommen. Noch im selben Jahr sollte es Prozesse geben, um die Nazis für ihre schrecklichen Verbrechen rechtmäßig zu bestrafen. Mein Genosse und ich redeten noch lange über den Krieg, die Vergangenheit und die Zukunft. Ich beschloss noch am selben Abend, als ich alleine in meinem Bett lag, an dem Prozess teilzunehmen, da ich als Anwalt und Kriegsveteran viel dazu beitragen konnte. Doch ich muss zugeben: Was mich damals noch mehr antrieb, als eine gerechte Strafe für die Kriegsverbrecher, war meine Neugier. Ich wollte versuchen noch mehr über diesen Arzt, Joseph Mengele, das Vernichtungslager Auschwitz, die Experimente die dort gemacht wurden und vor allem mehr über das was in dem Katakomben lag, herausfinden. Einige Tage später hatte man mich komplett getestet und ich wurde entlassen.

Ich begab mich so schnell es ging nach Berlin, um mich dort den Besatzungsmächten vorzustellen und an der Verurteilung mitzuwirken. Die Beamten waren äußerst erfreut über meine Mitarbeit, da ich mich mit dem Rechtswesen auskannte, im Krieg viel erlebt hatte und selbst Zeuge war und Beweise hatte. Und so zog ich kurze Zeit später nach Berlin. Ich belegte einen Deutschkurs, da wir viele Unterlagen überprüfen mussten und ich dafür bessere Deutschkenntnisse benötigte. Im Juli 1945 war es dann soweit: Die Vorbereitung auf die Prozesse, die noch in diesem November in Nürnberg beginnen sollten, lief an. Ich arbeitete mit vielen anderen Leuten zusammen: Juristen, Historiker, Opfer des Terrors, andere Soldaten und sogar Spione. Wir waren speziell zuständig für den Krieg in der Sowjetunion und für die Befreiung der Vernichtungslager. Im Besonderen natürlich Auschwitz. Zunächst mussten wir Dokumente und Akten durcharbeiten. Listen mit  Namen, Insassen aus den Konzentrationslagern. Berichte über Vergasungen, Morde und Todesfälle. Wir bekamen die Information, dass einige Wärter und SS-Mitglieder, die in dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau stationiert waren, sich hier in Berlin in einem Gefängnis befanden. Zwei Männer unserer Gruppe und ich sollten nun diese Personen verhören.


Verhör der Wachen von Auschwitz:


Wir wurden in einen spärlich beleuchteten Raum innerhalb des Gefängnisses geführt. In der Mitte stand ein Tisch mit Stühlen zu beiden Seiten. Sie führten den ersten Häftling herein. Ein dürrer, junger Mann, der wahrscheinlich zwangsweise dort gewesen war und nur Befehle ausgeführt hatte. Wir bekamen nicht viel aus ihm heraus. Er bestätigte uns lediglich das, was wir schon wussten: Dass viele Insassen in Auschwitz brutal ermordet, vergast und gefoltert wurden. Von Experimenten oder gar Katakomben wusste der junge Soldat nichts. Joseph Mengele war ihm lediglich als Arzt bekannt. So war dieses Verhör schnell beendet. Doch der zweite Mann schien besser Bescheid zu wissen. Er war groß, muskulös, hatte eine Tätowierung mit dem „SS“- Symbol auf dem Arm. Stolz erzählte er uns, was er in Auschwitz alles getan hatte. Wie er Gefangene getötet hatte. Als wir ihn über Auschwitz ausfragten wurde er noch höhnischer und erzählte uns, dass Auschwitz und die Vorgänge dort, in den anderen Konzentrationslagern so etwas wie eine Legende gewesen seien. Viele Insassen hätten Angst gehabt dorthin geschickt zu werden. Dieser Wärter war scheußlich. Zu gerne hätte ich ihm den Schädel eingeschlagen. Doch ich konnte es nicht tun. Die Verbrechen aufzuklären und zivilisiert mit so inhumanen Menschen umzugehen war wichtiger, als Rache für die Ermordeten und den Spott in seiner Stimme. Zuletzt fragte ich ihn, ob er schon mal etwas von einem gewissen Joseph Mengele gehört habe. Hier kippte das Gespräch plötzlich um. Der Bär von einem Mann, der vorher noch so überzeugt von den Gräueltaten geschwärmt hatte, wurde plötzlich kreidebleich. Seine Augen wurden ganz starr und er fing an zu stottern, er sah geradezu apathisch aus. Da er mir nicht richtig antwortete frage ich ihn wieder, ob er etwas über Mengele und seine Experimente wüsste. Doch ich konnte nichts aus ihm herausbekommen. Er schien seine Lippen so fest wie möglich zusammen zu pressen, in der Angst etwas könnte ungewollt aus ihm herausplatzen. Wir fuhren zurück zum Büro, wo wir uns wieder unserer Aufgabe widmeten. Doch die Reaktion des Wachmannes ließ mich nicht los. Er wusste eindeutig mehr über die Experimente, als ihm lieb war.

Wir arbeiteten jeden Tag über Stunden hinweg ohne Pause. Hier ging es um mehr als bloß das Verurteilen von Kriegsverbrechern. Was hier geschah war von weltlichem Ausmaß. Erst nach mehreren Wochen waren wir bei den Dokumenten über Auschwitz angekommen. Hauptsächlich waren es die gleichen Unterlagen, wie aus Treblinka: Listen über Insassen und Opfer, Dokumente über Vergasungen und Ähnliches. Doch schon bald stießen wir auf eine Kiste mit besonderen Akten. Sie war aus Stahl und nur schwer zu öffnen. In ihr lagen ein Tagebuch, zwei zusammengeheftete Dokumente, eine Mappe mit mehreren Seiten, ein Briefumschlag mit Fotos und ein altes Buch. Wir begannen unverzüglich mit der Sichtung des Materials. Zunächst nahm ich mir das Tagebuch von Dr. Mengele vor.


Tagebucheintrag:

21. August, 1944
Auschwitz – Die Forschung beginnt

Man hat mich auf meine Anfrage hin nach Auschwitz versetzt. Die Führung scheint von meinen Ideen sehr angetan zu sein, da der Führer selbst einige Papiere unterzeichnet hat. Die Forschungseinrichtungen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sind weitaus besser, als die bisherigen Laboratorien, in denen ich gearbeitet habe. Auschwitz verfügt über die Mittel und „Ressourcen“ die meine Forschung benötigt. Die Gefangen sind ruhig und fügen sich den Anweisungen. Die ersten Experimente verliefen soweit zu meiner Zufriedenheit, doch es wird sich noch herausstellen, ob die gegebenen Bedingungen optimal sind, um das eigentliche Hauptexperiment durchzuführen. Die unterirdische Anlage wird derweil noch errichtet. In ein paar Wochen können die Tests zum „Experiment des Engels“ beginnen. Es wird in der untersten Ebene stationiert werden. Geplant ist eine einzige große Halle anzulegen, in der ausschließlich an diesem Experiment geforscht werden soll.

gez.
J.M.


„Experiment des Engels“ murmelte ich vor mich hin, als ich den Eintrag fertig gelesen hatte. Einer meiner Kollegen hörte es und rief mir zu: „Was hast du gesagt?“ Ich schaute ihn nichtssagend an, schüttelte meinen Kopf und arbeitete weiter. In der Mappe waren detailliert die Versuche skizziert, die in Auschwitz durchgeführt worden waren. Aufbau, Durchführung, Beobachtungen, Ergebnisse und so weiter. Jede Information war feinsäuberlich dokumentiert worden. Die ersten Experimente klangen vergleichsweise harmlos: Medikamententest, pharmazeutische Forschung, ärztliche Untersuchungen. Doch je weiter ich kam desto verstörender wurden die Daten, die da vor mir lagen: Ich las etwas über Injektionen giftiger, ätzender und allerlei anderer gefährlicher Stoffe. Hitze- und Kältetest, mit brennenden Gasen oder Eisbädern. Allein in diesen Experimenten starben hunderte von Insassen. Dann kamen Transplantationen und Operationen. Ohne Narkose und grotesk und unnatürlich. Zusammennähen von Körpern und Austausch von Gliedmaßen. Abschließend die Zwillingsforschung. Solche Grausamkeit, die man selbst Kindern angetan hatte. Joseph Mengele schien ein gnadenloser Sadist gewesen zu sein. Als ich die Akte durchgearbeitet hatte und kurz durchatmete, stockte ich. Ich griff noch einmal zu der Akte und blätterte sie hastig durch. Dann noch einmal gründlicher. Ich suchte auf meinem Schreibtisch nach Dokumenten die eventuell rausgefallen waren. Nichts. In der Akte die alle Experimente von Auschwitz beschrieb war nichts über etwas mit dem Namen „Experiment des Engels“ geschrieben. Das konnte nicht sein. Ich nahm mir noch mal das Tagebuch vor, in dem Glauben ich hätte mir die Zeilen über besagte Forschung nur eingebildet. Doch da standen sie mit schwarzer Tinte auf dem vergilbten Papier. Ich blätterte weiter und fand einen weiteren Tagebucheintrag.


Tagebucheintrag:

9. November 1944
Wissenschaftlicher Fortschritt

Alles läuft nach Plan. Meine Forschung an den Häftlingen funktioniert prächtig. Zwar sterben viele, doch das ist nur in unserem Sinn. Die Verluste kompensieren wir durch Insassen anderer Lager, die zu uns geschickt werden. Die einzelnen Experimente funktionieren gut. Im September wurde das letzte Untergeschoss fertig gestellt. Im Oktober ist es uns nach vielen missglückten Anläufen und vieler Toter gelungen. Wir haben „Ihn“ zu uns geholt. Die weiteren Forschungen des „Experiment des Engels“ werden  nun beginnen. Allerdings gibt es Nebenwirkungen die ich nicht bedacht habe. Im ganzen Vernichtungslager fangen die Menschen an Alpträume höchsten Grades zu haben und Wahnsinn zu entwickeln. Einige Soldaten, die für das „Experiment des Engels“ im untersten Geschoss stationiert sind, und „Ihn“ gesehen haben, haben Selbstmord begangen, sind ins Koma gefallen oder haben scheinbar ihr komplettes Innenleben verloren. Häufig wurden sie von wiederkehrender Apathie heimgesucht. Das nächste Ziel wird sein „Ihn“ zu kontrollieren.

gez.
J.M.

„Ihn“? Was sollte das bedeuten? Was waren das für seltsame Einträge. Es war mittlerweile spät in der Nacht, mein Kopf war schwer und arbeitete kaum noch. Ich ging nach Hause und begab mich ins Bett. In dieser Nacht träumte ich wieder von den wirren Dingen die ich im Koma gesehen hatte. Und dann von jenem Tag als wir Auschwitz befreiten und ich ins Koma fiel. Am nächsten Morgen war ich noch verwirrter als am Abend zuvor. Als ich im Büro ankam waren schon alle Mitglieder unserer Gruppe da. Wir sollten heute unsere Ergebnisse zusammentragen und auswerten. Ich berichtete von der Akte mit den Experimenten. Einer meiner Kollegen hatte die Fotos untersucht. Sie gehörten zu den Akten und zeigen die einzelnen Versuche. Die zusammengehefteten Seiten waren Dokumente und Befehle von der deutschen Regierung an Dr. Mengele. Darin gab sie Menschenversuche frei. Als er fertig war sagte der Kollege, der die Seiten bearbeitet hatte noch etwas, dass mich aufhorchen ließ: „Auf einer Seite wird zum Schluss noch etwas erwähnt. Es war sehr klein geschrieben und ich musste eine Lupe benutzen, doch ich konnte eindeutig die Worte: ‚Freigabe für das „Experiment des Engels“‘. Allerdings habe ich keine Ahnung was das ist.“ „Ich habe auch etwas über dieses Experiment gefunden!“, unterbrach ich ihn, „Joseph Mengele erwähnt es in mehrmals in seinem Tagebuch, doch ich konnte nichts weiter finden. In der Akte über seine Forschung steht nichts dergleichen. Aber er spricht in seinem Tagebuch häufig von „Ihm“.“ Die anderen starrten mich verwundert an. Dann kam der letzte Kollege dran. Er hatte das Buch untersucht. „Nun ja, es tut mir Leid, aber viel konnte ich nicht darin erkennen. Es besteht hauptsächlich aus Zeichnungen, Fotos, einer seltsamen Bildschrift und Hieroglyphen. Häufig zeigen die Bilder Steintafeln, Höhlenmalereien und Mosaike. Darauf sind Menschen und Wesen abgebildet, doch ich konnte nichts Besonderes daran finden.“ Wir rätselten weiter, was dort unter Auschwitz geschehen war, bis ich plötzlich einen Einfall hatte: „Ich hab die Lösung! Die Menschen in Auschwitz nannten Joseph Mengele auch den Todesengel. Dort unten muss also ein persönliches Experiment von ihm sein, vielleicht haben sie dort sogar an ihm selbst geforscht.“ Die anderen Gesichter erhellten sich. Es schien die einzig plausible Erklärung zu sein.


Nürnberger Prozesse:

Nachdem wir monatelang gearbeitet hatten, war es im Juli 1947 endlich soweit. In Nürnberg wurde den Kriegsverbrechern der Prozess gemacht und wir sollten unsere Ergebnisse präsentieren und die Anklage formulieren. Ich war gespannt auf die Verhandlung, vor allem, weil ich noch etliche Fragen an Dr. Mengele hatte. Doch als der Richter die Angeklagten nannte, wurde ich enttäuscht. Er las vor: „Joseph Mengele – befindet sich auf der Flucht.“ Ich wurde wütend. All die Arbeit war umsonst gewesen. Die nervenaufreibenden Monate und die verstörenden Dokumente würden im Endeffekt nichts gebracht haben. Und nach alledem würde ich nicht einmal die Antworten auf meine Fragen bekommen. Stumm und gedankenverloren blieb ich in dem Saal sitzen und wartete darauf, dass der Tag endlich vorbei ging.

Müde schleppte ich mich nach Hause, legte mich ins Bett und realisierte erst jetzt, dass der Krieg und der Schrecken endlich vorbei waren. Enttäuscht und doch glücklich schlief ich ein.

Viele Jahre vergingen. Ich zog zurück in die Sowjetunion, lernte meine Frau kennen und ging meinem Beruf als Jurist nach.

Doch…vor kurzem geschah etwas Seltsames. Ich bekam ein Paket aus Südamerika, jedoch ohne Absender. Lediglich der Stempel verriet, dass das Paket dort herkam. Vorsichtig öffnete ich es. Darin lagen zwei Sachen. Ein unbekannter Zeitungsartikel, aber ein sehr bekanntes Buch. Es war das Tagebuch von Joseph Mengele. In dem Buch steckte eine schwarze Feder. Ich schlug die Seite auf und las:


Tagebucheintrag:


3. Januar 1945
Alles geht zu Grunde

Verdammt! Verdammt! Verdammt! Die Russen werden bald hier sein. Wir sind unterlegen mit unseren Soldaten. Außerdem sind viele gar nicht mehr zu gebrauchen. Und das „Experiment des Engels“ funktioniert immer noch nicht. Viele Testsubjekte sterben einfach bei Kontakt. Wir können „Ihn“ immer noch nicht kontrollieren, im Gegenteil: „Er“ wird immer unberechenbarer. Wachmänner, Insassen, Forscher, Techniker… „Er“ nimmt alles mit sich.
Ich habe keine andere Wahl: Ich werde die unterste Ebene absperren und versiegeln lassen und dann flüchten. Ein U-Boot steht bereit, das mich in einen entlegenen Teil Südamerikas bringen wird. Dort werde ich wenigstens vor der Justiz sicher sein…und vermutlich auch vor „Ihm“.

gez.
J.M.

Da wurde mir klar, dass ich all die Jahre falsch gelegen hatte. Mit Todesengel war keines falls Dr. Mengele gemeint gewesen, sondern dass, was dort unten in den Katakomben von Auschwitz ruht.

Ich betrachte den Zeitungsartikel und las:

10. Februar 1979

Mann im Meer verstorben

Am 7. Februar verstarb ein Mann an der Küste.

Offenbar machte er dort Urlaub in einem Hotel. Am besagten Tag schwamm er hinaus, als man plötzlich einen Schrei vernahm. Zeugen berichteten, dass sie ihn ertrinken hörten und sahen. Die Todesursache scheint laut Autopsie ein Herzanfall gewesen zu sein, der dazu führte, dass der Mann ertrank. Die Zeugen berichten es habe so ausgesehen, als sei er in die Tiefe gezogen worden. Einige sagen, sie hätten ein Hitzeflimmern in seiner Nähe gesehn.

Als sein Körper kurze Zeit darauf an Land gespült wurde lag auf seinem Rücken eine schwarze Feder.

Mis4nthr0py666 (Diskussion) 16:55, 9. Jun. 2015 (UTC) & 666SODOMIZED666

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