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Ein Menschheitstraum, etwas, das Vögeln und anderem Getier vorbehalten ist, kurzum: Unmöglich für uns! Das hat man mir zumindest gesagt. Spinner haben sie mich genannt, Träumer, Idiot, sogar Verrückter war dabei. Sie haben gelacht... immer wieder wurde ich verspottet. Doch ich gab diesen Traum nicht auf und siehe da, ich bin kurz davor, ihn zu verwirklichen.


Dass ich nun vor einem Abgrund stehe, den Blick gen Himmel gerichtet, ist wahrlich ein pures Klischee, aber wen kümmert das? Die Sonne scheint strahlend hell und wunderbar warm, der Wind streicht mir sanft, ja, fast liebkosend durch die Haare, ein leises Rauschen in meinen Ohren... Alles ist bereit, doch bevor ich diesen Versuch starte, gehe ich alle Details noch einmal durch: Die jahrelange Planung, unzählige Recherchen und natürlich sie... Sie wird der Schlüssel zur Verwirklichung meines Traumes sein.


Ich traf sie einige Wochen zuvor, ganz allein. Zu wem auch immer sie gehörte, diese Person war zu dieser Zeit nicht anwesend, ein Glück für mich! Es war viel zu einfach, dieses naive Ding mit mir zu nehmen. Sie kam sogar freiwillig, als ich ihr von meiner Idee erzählt hatte. Natürlich änderte sie ihre Meinung schnell, als sie die Gerätschaften in meinem „Hobby-Keller“ erblickt hatte. Ja, auf jemandem in diesem Alter, der sich sogar beim Anblick eines Zahnbohrers in die Hosen machte, müssen diese Werkzeuge sicherlich furchteinflößend gewirkt haben. Gott sei Dank hatte ich, in weiser Voraussicht, ein Betäubungsmittel parat. Wo wären wir den hin gekommen, wen sie weggelaufen wäre?


Die folgenden Tage brauchte ich für die Vorbereitung jener... sagen wir mal „Operation“. Skalpelle mussten poliert, mechanische Einzelteile zusammengesetzt und Nadeln desinfiziert werden. Am wichtigsten war es, die Maschine penibel genau auf ihren Körper anzupassen. Als es dann so weit war, ließ die immense Aufregung meine Hände zittern. So viel hätte schiefgehen können, aber das ist es nicht, alles verlief reibungslos. Ich hatte einfach gewusst, das sie die Richtige dafür sein würde.


Und nun stehe ich hier, einmal mehr unglaublich aufgeregt, an einer Klippe. Das Rauschen des Meeres ist so laut, dass es beinahe ihre nervtötenden Schreie übertönt. Hatte ich gesagt, sie wäre perfekt? Streicht das, sie ist fast perfekt, dieses Geflenne ist unzumutbar. „Ich will nicht! Ich hab Angst, ich will nach Hause! Mama, Papa, Hilfe!...“ So oder so ähnlich ging es jetzt schon die ganze Zeit. „Wollen wir dann anfangen?“, fragte ich voller Ungeduld. Daraufhin schrie sie nur noch lauter und fing, zu allem Überfluss, auch noch an bitterlich zu Weinen. Es war wirklich herzzerreißend, aber ich musste diesen Versuch nun einmal durchführen. Also, fasste ich mir ein Herz und tat es...


Ich ließ sie los. Einen Moment lang war es ruhig, unglaublich ruhig, bis sie, in wilder Todesangst, erneut anfing zu kreischen. Wenn ich mich nicht beeilte, würde sie bald auf das Meer klatschen und, in Anbetracht ihrer Fallhöhe, ein unschönes Ende finden. Ich fummelte also an der Apparatur in meiner rechten Hand herum. Sie glich in etwa der Fernsteuerung eines Spielzeugautos. Ein Startknopf, zwei Pfeiltasten, um die Geschwindigkeit zu ändern und ein Joystick, um die Richtung zu bestimmen. Das Gerät war schnell gestartet und ein mechanisches Brummen, das aus der Richtung des Meeres kam, bestätigte mir, dass es funktionierte. Ich wollte vor Freude in die Luft springen und vor lauter Glück laut losschreien, aber ich besann mich eines Besseren und testete zunächst alle Funktionen aus.


Zuerst drückte ich den Joystick nach oben, bald konnte ich sehen, wie sie über den Rand der Klippe hinweg flog. Ich ließ sie eine Weile über meinem Kopf schweben, um meine Arbeit zu betrachten: Das Mädchen war inzwischen, wohl aus Angst heraus, ohnmächtig geworden. Aber das änderte nichts an ihrer engelsgleichen Erscheinung. Die wunderschönen, mechanischen Schwingen, die ich an ihrer Wirbelsäule verankert hatte, schlugen sanft auf und ab. Diese Flügel waren ein Meisterstück, das ich, Perfektionist der ich bin, mit echten Federn geschmückt hatte. Dafür musste ich, wortwörtlich, einige Hühner rupfen, aber dieser Anblick war es mehr als wert, denn das Licht der untergehenden Sonne beschien die Federn und ließ sie schillern. Fast wie ein lebendiges Feuer sahen sie aus. Natürlich waren diese genialen Flügel nicht der schwierigste Teil ihrer „Anpassung“ gewesen, bei weitem nicht.


Warum kann ein Vogel fliegen? Eine Voraussetzung dafür sind deren hohle Knochen. Demnach hatte ich beinahe ihr komplettes Skelett austauschen müssen. Schritt für Schritt hatte ich, in unglaublich komplizierten Operationen, ihre Knochen durch ein spezielles, extrem leichtes und stabiles Metall ersetzt. Es war riskant, eine geplatzte Ader, ein abgeklemmter Nerv, ja sogar eine läppische bakterielle Infektion hätte das Aus bedeuten können. Stundenlang musste ich ihre alten Knochen, Stück für Stück, durch die neuen besseren Knochen ersetzen und eben diese mit Muskeln und Sehnen verbinden. Natürlich war das nicht an allen Stellen möglich, so wagte ich es nicht einmal, mich überhaupt mit einer Entfernung des Schädelknochens zu befassen. Wie lange ihr Körper dieser Belastung letztendlich standhalten würde, war ungewiss. Doch im Moment war alles gut.


Ich verbrachte den Rest des Tages damit, meinen menschlichen Vogel kunstvolle Manöver fliegen zu lassen, während ich mein weiteres Vorgehen plante. Ich würde mehr Testpersonen brauchen, viele mehr. Auch die Mechanik der Flügel müsste ich optimieren, damit sie imstande sein würden, das Gewicht eines Erwachsenen zu tragen. So vieles musste ich noch verbessern, doch momentan war ich recht zufrieden mit mir. Doch dann fiel mir plötzlich siedend heiß ein, dass ich, wenn es so weit ist, jemanden brauchen würde, der diesen Eingriff bei mir durchführen wird.

Schließlich war es immer noch mein größter Traum, selbst zu fliegen, nicht wahr?



Eddelfisch (Diskussion) 15:22, 1. Nov. 2014 (UTC)

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