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Tot. Das ist es, was die milchfahlen Wale sein sollten. Großmutter hatte mir als Kind erklärt, dass die letzten bereits tausende und abertausende Tage vor meiner Geburt verschwunden sind, irgendwo in der namenlosen Stratosphäre, von der kein Mensch weiß, wie sie entstanden ist. Die Häuptlinge und andere Stammesweiber hatten es bestätigt. Und doch sehe ich nun, wie eine ganze Schule von ihnen durch die Wolken schwimmt, schwerelos, bleich, knapp über den Rand der Welt.

Narziss dali

Das ist das Ende, denke ich. In mehrerer Hinsicht. Die riesige Schlucht, die anscheinend keinen Grund und keine andere Seite hat, scheint mit mir zu reden. Während ich in sie hineinstarre, flüstert sie mir irgendetwas zu, in einer Sprache, die nur die Stammesweiber verstehen konnten. Ich erinnere mich noch genau, wie sie in Nächten, in welchen die Monde nicht schienen, Feuer aus gelbem Gras schlugen und einen Blick in die Flammen der Zukunft warfen, während die beschnittenen Schattensänger mit den hellen, schrillen Stimmen von Eunuchen böse Geister vertrieben. Immer, wenn sie aus der Trance erwachten, sagten sie uns, wir sollten nach Westen ziehen, Westen, Westen, wo die Zeit und der Raum sich paaren und die Sterne blutend vom Himmel fallen. Wenn sie diesen Abgrund damit meinten, bin ich froh, dass sie die Reise nicht überlebt haben.

Mit meiner linken Hand, die, an der mir noch drei ganze Finger geblieben sind, ziehe ich meine Machete vom Rücken. Mit ihr habe ich Engelsmacher und Flugrösser getötet, grüne Rankenvetteln und gesichtslose Esser. Alles für den Stamm. Alles fürs Überleben. Jeder, der in diese Welt geboren wird, weiß, dass er entweder zu töten oder zu sterben hat. Da gibt es keinen Mittelweg. Großmutter, sie war ein Stammesweib, hat mir einmal erzählt, dass unsere Ahnen einmal in einer Welt des Überflusses lebten, ehe die Götter von den Sternen kamen und den Sinn aus der Welt zogen. Sie schrieben die Gesetze der Physik neu, verbrannten die Natur zu schieren Nonsens, brachten Plagen und Bestien und Männer ohne Verstand über die Erde. Meine Machete, die zuvor die Machete von Ela'ac, dem Roten, und Darla mit den 30 Zähnen vor ihm war, hat diese Zeit überlebt und besteht aus einem Material, welches man Eisen nannte. Härter als Knochen und fester als Holz. Ohne Zweifel ist sie das Wertvollste, was wir je von den Karawanen der Zeitfresser erbeutet haben.

Wortlos werfe ich sie in den Abgrund und sehe, wie sie im Nichts verschwindet. Ich erwarte nicht, das Geräusch zu hören, was entsteht, wenn ein Objekt den Boden trifft.

Ein mattes Lächeln zuckt über mein Gesicht, nur, um sich in Verzweiflung zu verwandeln. Soll ich jetzt etwa zurückkehren? Nach Osten, zu den riesigen Schachfelderfeldern und den Steinhänden der Ruinen, die nach mir greifen? Wo die Zebrahirten mich zerfleischen, wenn ich ihrer Herde zu nahe komme und Scheinschwestern mich in ihre Höhlen singen wollen? Den ganzen Unsinn meines Lebens noch einmal ertragen? Nein, alles, nur das nicht. Nach Norden kann ich auch nicht ziehen, dort soll es ein riesiges Binnenmeer geben, voller übersüßtem Wasser, wo sich angeblich die allerletzten Fische tummeln, die es auf der Welt gibt. Was genau ein Fisch ist, weiß ich nicht genau, aber Großmutter hat sie stets als Ungeheuer beschrieben, schuppig und sogar mit Flossen an ihren Seiten! Die Stammesweiber sagten auch, es gäbe keinen Süden. Der Süden sei eine Illusion, das Werk einer neunäugigen Hexe, deren Name so schrecklich ist, dass man allein von seiner Aussprache den Verstand verliert. Wer weiß, ob das stimmt, aber ich verspüre nicht das Bedürfnis, es herauszufinden. Der Westen ist die einzige Richtung, der es zu folgen gilt, aber der Westen endet hier.

Ich merke, dass ich zu weinen anfange, das erste Mal, seitdem ich ein Kind war. Mein ganzer Körper bebt, meine Finger ballen Fäuste und ein Schrei bleibt auf halbem Weg in meiner trockenen Kehle stecken. Ich presse die 12 Zähne, die mir geblieben sind, aufeinander, scharre mit ihnen, bis mein Zahnfleisch zum dritten Mal an diesem Tag blutet. Ich will das nicht! Weinen ist für Milchtrinker und Schattensänger, aber nicht für Männer. Und ich bin ein Mann, der letzte Mann, der letzte aus dem Stamm, den die Ruinenhände nicht in die Tiefe gezogen haben. Der, dem die Scheinschwestern nicht bei lebendigem Leib die Haut abrissen und Salz ins Fleisch streuten. Der letzte, der nicht von den Türmen und Springern der Schachfelder zertreten und von den Ameisenkaiserinnen zerrissen wurde. Ich habe überlebt, alles, was die Ahnen und Götter und Geister mir geschickt haben. Ich habe es verdient, in den Westen zu gelangen, den echten Westen und nicht diesen Abgrund.

Die Milchwale sehen neugierig auf mich herab, Augen wie weiße Opale, die im Himmel leuchten. Fresst mich doch, will ich ihnen zuschreien, fresst mich, beendet das traurige Spiel, welches sich Leben nennt. Großmutter hatte mir erklärt, dass die fahlen Riesen nichts als Regen und schwebende Mineralien zu sich nehmen, aber sie hat auch gesagt, dass sie tot sind. Ein halbes Lachen mischt sich in mein Schluchzen. Werden jetzt noch andere ausgestorbene Bestien aus der Tiefe zu mir steigen? Muss ich jetzt gegen Sandegel und Rotfinger und Kängurus kämpfen?

Irgendwann höre ich auf zu weinen. Eine seltsame Leere breitet sich in mir aus. Ich fühle mich bitter, blutend, geschändet vom Leben. Ich weiß, dass es nur noch eine Möglichkeit gibt, eine Richtung, die ich gehen kann. Was es auch immer sein mag, was mich dort unten erwartet, ich habe ein Recht darauf. Der Westen ist mein Geburtsrecht, der Ort, wo die Zeit und der Raum sich paaren und die Sterne blutend vom Himmel fallen. Und wenn dieser Schlund der Westen ist, dann soll es so sein.

Ich schließe meine Augen. Einen letzten Blick auf die Innenseite meiner Lider werfen. Ein Mann schaut nicht weg, wenn ihm der Tod gegenübersteht. Ela'ac, der Rote, starb im Kampf mit einem Messinggeier, dreißig klappernde Flügel und nicht weniger Krallen, aber als wir seine Leiche verbrannten, war sein verbliebenes Auge immer noch weit geöffnet. Da sollte ein Blick in den Abgrund eine Leichtigkeit sein. Aber noch einmal gönne ich mir die Schwärze. Zähle leise bis sechs, bis mein Blut wieder ruhig ist. Ich öffne meine Augen...

...und falle vor Überraschung fast nach hinten.

Zehn Meter von der Kante entfernt schwebt ein Haus! Zumindest habe ich mir so immer ein Haus vorgestellt. Wir haben ein paar mal versucht, welche zu errichten, aber die Welt toleriert kein sesshaftes Leben. Immer wieder kamen die Ameisen und Königsasseln, um unsere Konstruktionen niederzureißen, meistens nahmen sie ein paar aus dem Stamm mit. Das dieses Haus überhaupt existiert, ist mir noch rätselhafter als die Tatsachen, dass es über dem Rand der Welt schwebt oder dass es gerade noch nicht da war. Eine dünne, hölzerne Hängebrücke führt zu einer roten, schmucklosen... wie nannte Großmutter es noch mal... Tür, genau! Sie ist rund, wie der Eingang der Höhlen, in welchen wir manchmal übernachtet haben, verdeckt mit schlecht bemaltem Holz. Aus Instinkt greife ich nach der Stelle, wo meine Eisenmachete war, aber ich greife nur in die Luft.

Ich bemerke, wie Lichter in den zerbrochen Glasscheiben der Wände brennen, gelb wie die Flammen der Stammesweiber. Jemand ist dort drin. Jemand, der Feuer schlagen kann. Jemand, der sich weiter im Westen befindet als ich. Die Haare auf meinem Rücken stellen sich auf. Ich bin nicht allein. Noch einmal blicke ich nach unten, in das ewige Weiß des Abgrunds. Er kann warten.

Die Milchwale beginnen, seltsame tiefe Lieder von sich zu geben, als ich den ersten Fuß auf die Brücke setze. Sie ist morsch, alt, als wäre sie schon seit hunderttausend Tagen unvorhersehbaren Gezeiten ausgeliefert. Sie fühlt sich weich und nass an, aber was soll's? Mich wundert es nicht, dass sie und das Haus auf einmal erschienen sind. Warum auch nicht? Ich habe Seltsames in meinem Leben gesehen und noch viel Seltsameres von Großmutter gehört. Wälder, in denen Uhren an den Bäumen wachsen, wandernde Berge mit Gliedmaßen aus Stein und Eis, und sogar eine Zeit, in welcher nur ein Mond am Himmel stand. Warum sollte dieses Ereignis in irgendeiner Weise außergewöhnlicher sein, nur, weil es am Rand der Welt stattfindet.

Ich erreiche die Schwelle des schwebenden Hauses. Es ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe, verkümmert und grau wie ein totgeborenes Kind. Ein Schild ist neben der Tür angebracht, auf dem etwas in den Buchstaben der alten Welt steht, die ich nicht beherrsche. Lesen ist die Aufgabe von Stammesweibern und Eunuchen. Ist ja eigentlich auch egal. Ich glaube nicht, dass es mich aufgehalten hätte, das Haus zu betreten.

Warme, stickige Luft umschließt mich, als ich die Tür öffne. Zwei gelbe Lichtpunkte leuchten in der Dunkelheit eines einzigen Raumes, noch verfallener als das Äußere der Hütte. Sie sitzen auf den Spitzen von zwei brennenden, im Boden steckenden Hölzern, die aussehen wie die Räucherstäbchen, die Großmutter manchmal benutzte, um Schwangere von Übelkeit zu befreien. Sie stoßen einen Geruch aus, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Das Einzige, was sich sonst noch im Raum befindet, ist ein uralter, kleiner Mann, der im Schneidersitz auf dem Boden kauert.

Ich halte den Atem an. Eine andere Person. Ein Überlebender. Ich bin nicht der Letzte, wenn das hier die Wahrheit sein sollte. Ehrfürchtig trete ich näher an ihn heran. Er ist nur noch in Lumpen bekleidet, barfuß und mit krummen Gelenken. Kein Haar wächst mehr auf seinem Kopf, nur ein langer, verfilzter Bart. Er streckt eine Hand aus, die nicht mehr als braune Haut und Knochen ist und deutet mir an, mich auf den Boden zu setzen. Ich folge ihm. Wer auch immer es ist, ich habe das Gefühl, dass ich Respekt vor ihm haben sollte.

Zehn Minuten halte ich es aus, wie er mich anstarrt und schweigt, während die Räucherstäbchen ihren Gestank verströmen. Dann wage ich es, meine Stimme zu erheben.

„Bist du ein... Mensch?“ Die Frage ist notwendig. Ich weiß, dass die Zeitfresser und Engelsmacher die Haut ihrer Opfer überziehen und sich unter die Stämme mischen, um Kinder zu stehlen und Frauen zu schänden. Jedenfalls taten sie das, bevor wir der letzte bekannte Stamm der Menschen wurden.

Der Alte blickt mich fragend an. In der Dunkelheit sehen seine Augen aus wie zwei glühende Kohlen.

„Betrachte mich als einen, wenn du willst“, entgegnet er schließlich. Seine Stimme klingt alt. Älter als die Zeit des Überflusses, älter als alles, was die Stammesweiber im gelben Feuer sahen. Ich schlucke sehr. Er ist kein Zeitfresser und auch kein Engelsmacher. Aber trotzdem muss er kein Mensch sein.

„Warum bist du dann hier?“, entgegne ich misstrauisch. Kein Mann kann allein ohne einen Stamm überleben, ohne die Gemeinschaft und die Weisheiten der Stammesweiber. Männer errichten keine Häuser, vor allem nicht hier, über dem Rand der Welt. Jetzt wünsche ich mir, meine Machete doch nicht weggeschmissen zu haben.

„Ich könnte dich dasselbe fragen, wenn ich nicht die Antwort wüsste“, sagt er. „Du bist gekommen, um den Westen zu finden, der Ort, wo die Zeit und der Raum sich paaren und die Sterne blutend vom Himmel fallen“, ein trauriger Schatten huscht kurz über sein Gesicht, das nur aus Falten besteht, „Du wirst ihn nicht finden. Nicht in dieser Welt.“

„Hast du... warst du die Stimme in den gelben Feuern der Stammesweiber, die uns... die mich hierher gebracht hat?“

Der Alte schüttelt den Kopf. Während er spricht, kann ich sehen, dass er trotz seines Alters noch alle Zähne hat. „Es ist reiner Zufall, dass du mich hier antriffst. Ein amüsanter, aber immer noch ein Zufall.“

Zufall. Das ist es also, was mich bis an den Rand der Welt getrieben hat. Ein Kloß breitet sich in meiner Kehle aus.

„Warum ist das amüsant für dich?“ murmle ich, nicht sicher, ob ich ihm Angst einjagen will oder um seine Gunst betteln soll.

„Oh, ganz einfach. Du stirbst gerade, darum ist es... ironisch.“

Tue ich das? Das wäre mir neu, aber würde mich auch nicht überraschen. Es ist fünf Tage her, dass ich etwas getrunken habe, und alles, was ich in meinem Proviantbeutel habe, sind ein paar gemahlene Heuschrecken. Natürlich wäre es besser, sie zu fangen, solange sie noch zappeln, aber lebende Heuschrecken sind eine Illusion. Genau wie der Süden. Es dauert einen Moment, bis ich neue Worte finde. „Wie lange...“

„Nicht viel. Es ist bereits in deinen Knochen. Aber das ist in Ordnung. Du bist nicht der erste Sterbende, der zu mir gekommen ist.“

„Aber ich werde der letzte sein. Ich bin der letzte. Der letzte Mensch auf der Welt. Nur du und ich sind noch übrig, und du, du bist nicht meinesgleichen, oder?“

Wieder schüttelt der Alte den Kopf. „Nicht mehr, nein. Ich bin nicht mehr als ein Schatten des Fleisches, welches einst am Anfang war. Zehn mal Zehntausend eurer Lebensspannen wandelte ich über diese Welt, mal als Mensch, mal als Idee, mal als Maschine. Keine Sorge, ich erwarte nicht, dass du es verstehst. Aber du hast recht: Du bist der Letzte. Der Allerletzte.“

Schweiß sammelt sich auf meiner Stirn. Der alte Mann ist kein Mensch. Jedenfalls kein echter. Er ist etwas anderes, etwas älteres, etwas, wovor Großmutter mich gewarnt hat. Ein Geist, ein Gott oder... ein Ahne. Ich schlucke schwer, als mir ein Gedanke kommt, und meine Stimme klingt wie die eines Kindes, als ich die Frage stelle: „Wenn ich der letzte bin, bist du dann der erste? Der allererste Mensch?“

„Nein“, sagt der Alte, „Ich bin der Vierzehnte. Der dritte Enkel des zweiten Sohns der Frau, die man Eva und Pandora nannte.“

Ich zittere am ganzen Körper. Dieser Mann sollte nicht hier sein. Seinesgleichen ist tot. Der letzte von ihnen starb, lange vor der Zeit des Überflusses. Tot wie die Milchwale, erinnere ich mich sarkastisch. Als ich den Mut finde, wieder zu reden, ist meine Stimme weniger als ein Flüstern.

„Dann bist du ein Ahne. Du hast mich in diese Welt gebracht. In dieses schreckliche, blutende Leben. Warum?“

„Ich?“, das Gesicht des Alten nimmt einen Ausdruck an, den ich nicht deuten kann, „Nein. Die Welt passiert, egal, wer unsere Vorfahren sind, egal, wer hätte sein können und wer nicht. Dein Leben wäre so oder so geschehen.“

„Dann erkläre es mir“, meine Stimme wird ein klein wenig lauter, härter, „Warum ich? Warum wurde ich nicht zur Zeit des Überflusses geboren, oder wenigstens als Häuptling, warum... warum konnte ich nicht glücklich sein?“

„Glücklich?“, der vierzehnte Mann lacht auf, „Oh, aber das warst du doch. Du warst der glücklichste Mensch, den du kanntest, und du warst der unglücklichste. Du wusstest, dass du die Wahrheit kanntest. Deine Wahrheit, zumindest. Du wusstest, dass du der einzige bist, der das große Bild sieht, das Leben, die Welt, der Sinn. Alle anderen... nun das kann dir jetzt egal sein, oder?“

Stille. Der Geruch der brennenden Stäbe brennt in meiner Nase. Irgendwann spreche ich. Meine Worte beben. „Warum habe ich überhaupt existiert? Sag es mir, alter Mann!“

Die Miene des Vierzehnten ist auf einmal ganz kalt, wie Eis, als er antwortet. „Weil die Existenz des denkenden Organs kein Anfang und kein Ende finden kann. Es könnte dir für den Rest deines kurzen Lebens erklären, und doch wäre es unbegreiflich für dich. Alles, was je erdacht wurde, existiert, nur auf anderen Ebenen, in anderen... Wahrheiten. Das Denken selbst ist die Existenz, und wer denkt, ist sich seiner Schmerzen bewusst. Gerade in diesem Augenblick läufst du seit tausend Jahren durch die Wüste, schläfst du auf samtweichen Kissen, nimmst du eine Frau gegen ihren Willen. Es ist ein Kreislauf, von Perspektive und Bewusstsein, von Sein und Nichtsein, in dem alles gleichzeitig ist und nicht ist. Aber dir, dir, fürchte ich, wäre es nie genug gewesen“, er lacht, es klingt nüchtern, „Wahrlich, sind wir nicht alle verloren?“

Es reicht. Mit der letzten Kraft, die mir bleibt, werfe ich die Stäbe um und gehe dem Alten an die Gurgel. Genug mit den Rätseln und Halbwahrheiten.

„Fick dich!“, schreie ich, „Du weißt nichts! Ich habe überlebt, habe gelebt, habe gelitten. Warum? Warum ich, warum du nicht?!“

Meine Finger wissen, wie man würgt, wie man das Leben ausdrückt. Sie haben mit Glastierknochen und Feuersteinen nach Nachtflatterern geworfen, haben Zebrahirten im Schlaf den Hals umgedreht. Der Vierzehnte hat keine Chance. Seine faltige Haut fühlt sich fragil und ekelhaft an. Ich merke fast gar nicht, wie ich vor Aufregung das Atmen vergesse und sich meine Kehle zuschnürt. Egal! Weiter, weiter! Ein Blutgeschmack breitet sich in meinem Mund aus. Er hatte recht, als er sagte, dass ich im Sterben liege, aber ich kann ihn noch mitreißen. Die Augen des Ahnen quellen rot geschwollen aus ihren Höhlen hervor, aber er verzieht keinen einzelnen Muskel. Sein Mund ist ein halbgeöffnetes Loch, aus dem Ströme von rotem Speichel fließen. Draußen höre ich, wie die Wale aufschreien, und spüre, wie der Boden zu meinen Füßen zu Sand zerfällt. Weißer Staub rieselt auf uns herab, als würde das Haus mit seinem Herrn untergehen. Ich ignoriere es. Das Einzige, was noch zählt, ist, ihn mit mir zu reißen. Der Ahne, das Scheusal, der vierzehnte Mann muss sterben. Der Druck auf meinen Hals nimmt mit jeder Sekunde zu und die Sicht vergeht mir. Ich würge ihn, ich würge mich. Scheiß drauf! Er muss sterben! Er muss aufhören! Jetzt.

Mit einem donnernden Geräusch reißt der Boden komplett auf und gemeinsam fallen wir in die bodenlose Schlucht des Westens am Ende der Welt.

Der Westen. Der Westen, der mein Geburtsrecht ist, endet.

Der Mann. Der Mann, der mein Ahne ist, endet.

Ich. Ich, der es bis hierher geschafft hat, ende. Passt doch wunderbar.

Der Druck breitet sich in meinem ganzen Körper immer weiter aus, zieht jede Zelle zusammen, saugt die Luft aus meinen Lungen, lässt das Blut in meinen Venen austrocknen. Aber ich klammere mich blind an der Gurgel des Vierzehnten fest. Seine Luftröhre müsste schon längst zerquetscht sein, aber ich kann seine Stimme noch hören, wie er dumpf in irgendeiner Sprache spricht, die ich nicht verstehe. Es ist nicht rechtens, dass er noch redet. Dieser Moment gehört mir. Dieser Mann gehört mir. Ich habe es verdient, ihn zu bekommen. Der glorreiche Ort, wo die Sterne vom Himmel fallen, ist eine Illusion, genau wie der Süden. Wie die Existenz und Nichtexistenz. Die Materie auf meiner Haut fühlt sich flüssig an, während sich mein Körper immer weiter zusammenzieht. Schwimme ich etwa? Bin ich im Wasser gelandet? Hat die Schlucht doch ein Ende? Der Alte ist still, sein Hals löst sich in meinen Fingern auf. Irgendwo in weiter Ferne höre ich mit zerfetzten Trommelfellen, wie eine Frau schreit. Was zum...

Und mit einem Mal lässt der Druck nach und kühle Nachtluft umschließt mich. Nackt und schleimig, mit Fingern, die nicht wissen, wie man würgt, versuche ich den Mann wieder zu packen, aber er ist weg. Zwei sanfte, riesenhafte Arme greifen nach mir. Ein einziger Mond mit der Farbe von Knochen erhellt ein Gesicht, wild und gedrungen, irgendwo zwischen einem Menschen und einem Tier, welches ich noch nie zuvor gesehen habe. Mutter, denke ich, ehe meine kleinen Fäustchen aufhören, nach dem Mann zu tasten. Mutter. Erinnerung an rosa Sonnenlicht in ihrem Bauch und meine erste Tritte kommen kurz hoch, so natürlich, als wäre dies erst vor Stunden passiert. Es ist so intensiv, dass ich schreien muss, wobei ich einen Rest Fruchtwasser erbreche. Geboren, denke ich. Ich werde geboren.

Die Welt um uns ist dunkel, ist laut, ergibt keinen Sinn. Bäume, die Blätter tragen, Insekten, so klein wie Sandkörner, und diese Frau, die mich gerade in ihren Armen wiegt, damit ich aufhöre zu schreien. Sie sagt Worte in einer groben, grunzenden Sprache und drückt mich an ihre haarige Brust. Alles an ihr wirkt fremdartig. Die affenartigen Züge, der kleine, struppige Kopf und das Fell, das ihren Körper bedeckt. Aber ihre Augen, die hinter hervorstehenden Brauen in der Dunkelheit funkeln, sind so menschlich und klug wie von einem Mitglied meines Stammes. Auf einmal muss ich daran denken, was der Vierzehnte zu mir gesagt hat, und ich weiß, wer sie ist. Die Erkenntnis lässt mich noch mal schreien, hoch und schrill.

Es ist die Frau. Die Erste. Die, die man Eva und Pandora nennen wird, lange, lange Zeit nach ihrem Zerfall. Die Ahnin der Ahnen. Ich weiß nicht, woher ich dieses Wissen nehme, aber je mehr ich sie betrachte, desto sicherer bin ich. Und sie ist meine Mutter, meine neue Mutter. Oder doch meine alte? Ich versuche mich zu erinnern, an das Gesicht der Frau, die mich in die Welt der Scheinschwestern und Schachfelder geboren hat, aber das einzige, was ich sehe, ist wohlige, schwarze Wärme, während mir dunkle Hände auf den Rücken klopfen.

Aber da war doch was, etwas vor diesem Sein. Da war Großmutter und die Schachfelder und ganz am Ende der Vierzehnte, der noch nicht geboren ist. Oder? Die Erinnerungen an mein früheres Leben ziehen an mir vorbei, lösen sich auf, bis nur noch der nackte, blanke Wille zum Überleben bleibt. Ich habe keine Zähne zum Zubeißen, keine Muskeln zum Schlagen. Also muss ich ihr vertrauen. Mutter summt mir etwas zu, als ich mich unruhig rühre.

Die junge Welt um uns herum wird langsam ruhiger, während sie mich durch den Wald trägt. Das Fauchen und Heulen der nachtaktiven Tierwelt nimmt ab. Die erste Frau der Welt streift langsam durch das Unterholz, in ihren Armen der erste Mann, der einst der letzte war, lautlos und still, stets bedacht, kein Aufsehen zu erregen. Langsam wird der Himmel über uns heller.  Müde, denke ich irgendwann, ich bin müde. Ich kann mich nicht mehr an eine Welt vor diesem Körper erinnern, vor Mutters Herzschlag, vor ihrer Wärme. Vielleicht ist es ja richtig so, so wie es ist.

Das Letzte, was ich sehe, bevor ich schließlich einschlafe, ist, wie eine rotorange Sonne vor uns aufgeht und ein neuer Tag anbricht.

Wir ziehen nach Osten.  

Mr. Wake