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Anmerkung: Von einer sehr guten Freundin.

Gleißende Scheinwerfer durchleuchteten die dunkle Nacht. Der Wind, durch die Rotorblätter des Hubschraubers aufs Vielfache verstärkt, beugte die Spitzen der Bäume in unnatürlichen Richtungen. Nicht nur der Lärm der Fluggeräte störte die Stille der Nacht, auch die Rufe der Suchenden hallten durch die Dunkelheit.


Obwohl es schon weit über Mitternacht war, bemerkte keiner der Beamten und freiwilligen Sucher seine Müdigkeit. Im Gegenteil, jeder war bis aufs Äußerste angespannt. Hunderte waren auf den Beinen und das schon seit den frühen Morgenstunden. Man konnte sagen, dass sich die ganze Stadt an der Suche beteiligte. Alle dachten voller Sorge an das kleine Mädchen, das verschwunden war.


„Schon irgendwelche Neuigkeiten?“ fragte der Einsatzleiter, der gerade via Handy mit der Sekretärin seines Büros telefonierte. „Nein Chef, wir haben in der Stadt jeden Stein zweimal umgedreht, jeden Winkel ausgeleuchtet.. ...nichts! Wie steht es bei Ihnen da draußen?“ „Bis jetzt noch nichts!“ „Denken Sie denn, dass das Mädchen die Abkürzung durch den Wald genommen hat?“ große Sorge schwang in der Stimme der Sekretärin. „Nun ja, selbst wenn, heißt es noch lange nicht, dass sie auch durch das abgegrenzte Waldstück gegangen ist. Außerdem weiß jeder hier, dass man diesen Teil des Waldes meiden soll. Jeder weiß das. Herrgott Michele, das lernen hier die Kinder schon im Kindergarten!“ „Ja schon, Chef! Aber sie ist eine Austauschschülerin.“ Der Einsatzleiter seufzte laut. “Dann beten wir, dass sie nicht durch den gesperrten Teil ging!“ „Was, wenn doch? Werden sie den Teil durchsuchen?“ „Nein, wenn sie doch dadurch gegangen ist, dann ist sie verloren. Sie werden keinen Freiwilligen finden, der in dieses Teilstück geht. Niemand kommt da wieder raus und ehrlich gesagt, ich gehe da auch nicht rein!“ „Dann ist sie verloren?“ „Ja Michele, dann ist sie verloren!“ sprach der Einsatzleiter und schluckte hart. “Suchen wir erst mal weiter und warten ab, vielleicht wird ja noch alles gut!“ Die Sekretärin legte auf und ihr Gefühl versicherte ihr, dass überhaupt nichts gut werden würde.


Seine Füße schlurften über den Waldboden. Der verunstaltete Kopf war gesenkt und auf seiner durch Narben entstellten Stirn perlte der Schweiß in Bächen herab. Er war zufrieden. Nun ja, das Mädchen hatte sich verzweifelt gewehrt, hatte ihn gebissen und die Hand zerkratzt, mit der er ihr den Mund zugehalten hatte. Aber es hatte ihr nichts genutzt, er war stärker gewesen. Langsam schlurfte er weiter, entfernte sich immer mehr dem Krater, indem er sein Opfer gestoßen hatte.


Von weitem vernahm er die Rufe der Suchenden. Es störte ihn nicht, sie würden sie ja doch nicht finden, denn hierher kam keiner. Nur er fürchtete sich nicht, denn er lebte hier. Schon seit Ewigkeiten lebte er in diesem Teil des Waldes. Er wusste nicht wie er hierher kam, wusste nicht wer er eigentlich war. Er hatte keine Vergangenheit, hatte keine Zukunft. Ungelenkt setzte er sich nieder und sah vor sich hin, ließ seine Gedanken schweifen. Eigentlich hatte er ein eintöniges Leben, jeden Tag das gleiche. Doch manchmal, so wie heute, wurde sein trostloses Dahinsiechen unterbrochen.


Das Mädchen war ganz plötzlich aufgetaucht, wie aus dem Nichts geboren. Er war gerade durch den Wald gegangen um Wild zu fangen. Da stand sie vor ihm, riss die Augen ängstlich auf, verzog den Mund und fing an zu schreien. Gott, dieses Schreien, er hasste es, wenn sie immer schrien. Dieses laute, schrille, furchtbare Geräusch, das in seine Ohren drang und dort ein dumpfes Pochen auslöste, das dann zu einem stechenden Schmerz mutierte. Immer schrien sie, er kannte es gar nicht anders. Trotzdem machte ihn diese Reaktion immer wütend. Er erinnerte sich noch an das erste Mal. Das erste Mal an der er bewusst tötete.

Es war ein kalter Morgen, das Datum war ihm unbekannt, denn Zeit war ihm nie ein Begriff. Auch damals war ihm dieser Mensch ganz plötzlich begegnet, hatte ihn angeschaut und hatte dann dieses schreckliche Geräusch von sich gegeben. Dieses furchtbare Geräusch, das so schrill in seinem Kopf drang und einen bis dahin unbekannten Schmerz auslöste. Er packte den Menschen, obwohl er damals viel kleiner und schmächtiger war, packte ihn und hielt ihm den Mund zu. Dann stand er nur da und wusste nicht was er mit dem zappelnden Bündel machen sollte. Wenn er doch nur aufhören würde dieses Geräusch zu machen. Der Mensch zappelte, trat ihm gegen die Beine, so dass er richtig wütend wurde. Da plötzlich hörte er diese Stimme. Diese leise, sanfte Stimme. Sie flüsterte nur einen Satz. “Bring ihn zu mir !“


Er wusste damals nicht woher die Stimme kam und eigentlich war es ihm auch egal. Es war das erste mal, dass jemand in dieser Weise mit ihm sprach... so sanft und leise. Er war wie verzaubert, ein Glücksgefühl durchströmte ihn. Dieses Geräusch liebkoste seine Sinne, ein unbekanntes Ziehen erfasste ihn und führte ihn durch den Wald auf einen Krater zu. Der Mensch auf seinen Armen bewegte sich nicht mehr, er schlief diesen eigenartigen Schlaf, der kommt, wenn der Verstand erkennt ,dass er nun Schreckliches genug gesehen hatte. Er warf den Menschen in den Krater .Danach hörte er wieder diese Stimme, nur anders. Diese Stimme sang. Sang in seinem Körper, lies ihn erzittern ,erfüllte ihn mit Freude. Das erste mal in seinem Leben weinte er, weinte vor Glück und nicht vor Einsamkeit. Seit diesem Zeitpunkt brachte er der Stimme jeden Menschen, der ihn über den Weg lief, und jedes mal sang die Stimme für ihn.


Auch als er das Mädchen zu dem Krater gebracht hatte, sang die Stimme. Sie nahm ihn in ihre Arme, streichelte seine Seele und gab ihm die Geborgenheit, die er so sehr brauchte. So saß nun er auf den Boden und lauschte der Stimme, die die Rufe der Suchmannschaft in den Hintergrund geraten lies.


Er lauschte und weinte.


Am folgenden Abend stieg Mark Jeremias aus dem Flugzeug, brachte die Formalitäten des Zolls hinter sich, bestieg die Limousine, die ihn nach Wuppertal bringen würde. Mark Jeremias war Spezial Agent vom FBI. Hals über Kopf hatte er seine Sachen gepackt, war ins Flugzeug gesprungen, nachdem er erfahren hatte, dass seine Tochter verschwunden war. An einem nahen Waldstück bei Wuppertal hatte man ihre Schultasche gefunden. Dass die Suchmannschaft daraufhin die Suche abgebrochen hatte, machte ihn zornig. Die Sorge um seine Tochter zerfraß seine Hoffnung und noch immer stieg unbändiger Hass in ihm hoch, wenn er daran dachte, dass niemand mehr bereit war weiter zu suchen.


Zwei Stunden später kam er am Polizeipräsidium an. Der Einsatzleiter, der von seinem Kommen unterrichtet war, empfing ihn . Mark Jeremias trat wütend dem Mann gegenüber, der die Suche nach seiner Tochter einfach abgeblasen hatte. „Wieso? Wieso suchen sie nicht weiter?“ zischte Jeremias und übersah absichtlich die zum Gruß dargebotene Hand. „Ich verstehe ihren Ärger, Mister Jeremias, setzen sie sich erst mal, dann werde ich ihnen alles erklären. Mein Name ist übrigens Steffen Buschmann, ich war der Einsatzleiter.“ Buschmann brauchte keine zehn Minuten um den FBI Agenten die Sachlage darzulegen. „Es geht wirklich niemand in dieses Teilstück?“ fragte Jeremias ungläubig. „Nein, niemand geht dort hinein und wer sich doch hineingewagt hatte, ist seitdem verschwunden!“ „Wie kommt das?“ „Wir wissen es nicht. Vor ungefähr 29 Jahren tobte ein furchtbarer Sturm über Wuppertal. Der Hagel zog eine unnatürliche Schneise durch den Wald und grenzte damit das Teilstück vom Rest des Waldes ab. Vor dieser Abgrenzung haben wir auch die Schultasche ihrer Tochter gefunden.“ „Ich werde sie suchen und sie werden mich begleiten, sonst mache ich ihnen hier die Hölle heiß.“ Steffen Buschmann schluckte hart und seine Gesichtsfarbe verblasste um einige Nuancen. „Sie können mich nicht zwingen!“ „Und ob ich kann! Hören sie, wenn ihnen hier der Arsch auf Grundeis geht, dann hole ich eben meine Leute rüber. Sie müssen mir nur die Stelle zeigen an der die Schultasche gefunden wurde. Meine Männer werden den Wald zu Kleinholz verwandeln.“ „Keiner ist jemals lebend aus diesem Wald gekommen!“ sprach Buschmann trotzig und erntete nur spöttische Blicke von seinem amerikanischen Kollegen. Jeremias telefonierte mit seinem Hauptquartier, orderte seine Mannschaft und gab vorab Instruktionen.


Als er das Gespräch beendet hatte, wandte er sich an den Einsatzleiter und sah ihn strafend an. „Sie können ihre Misere verbessern, wenn sie sich kooperativer verhalten und sich nicht von einen Dorfklatsch in die Presche schlagen lassen!“ „Dies ist auf keinen Fall ein Dorfklatsch!“ entgegnete Buschmann laut. Auch er war jetzt zornig. Zornig darüber, als vertrottelter Hinterwäldler dazustehen. „Mein Vater“, begann er mit zitternder Stimme, “Mein Vater war vor 29 Jahren Oberinspektor bei der Polizei.. Er meldete sich damals freiwillig, um die Schäden an den Wald zu begutachten die der Sturm angerichtet hatte. Man fand an der Schneise nur seinen verlassenen Einsatzwagen. Seit meinem fünften Lebensjahr wuchs ich ohne Vater auf, also wagen sie es sich nicht, wagen sie es sich ja nicht, hier von einem Dorftratsch zu reden!“ Jeremias sah ihn lange schweigend an, ein Hauch von Verständnis huschte über sein Gesicht.. „Es tut mir leid!“ flüsterte er und reichte Buschmann seine Hand. “Werden sie mir die Stelle zeigen, wenn meine Mannschaft eingetroffen ist?“ „Ja, aber ich werde nicht hinein gehen!“ „In Ordnung, ich muss mich für meine Drohung entschuldigen, ich hatte ja keine Ahnung....“ Buschmann winkte ab. “Schon vergessen. Ich habe ihnen ein Hotelzimmer buchen lassen. Sagen sie mir Bescheid, wenn ihre Mannschaft angekommen ist!“ Die Verabschiedung erfolgte freundlicher, als es die Begrüßung gewesen war.


Am darauffolgenden Tag standen sie an der unnatürlichen Schneise. Eine Sondereinheit der Polizei, die Mannschaft vom FBI und selbst Einsatzkräfte der Bundeswehr bildeten eine Menschenkette entlang des Waldstückes. Jeremias und Buschmann standen bei dem Fundort der Tasche. „Hier?“ fragte Jeremias nervös. „Ja, genau hier!“ entgegnete der damalige Einsatzleiter, dass er das nun nicht mehr war, störte ihn nicht im Geringsten.Im Gegenteil, er war sichtlich erleichtert, diese Verantwortung nicht mehr tragen zu müssen.


Die Suchmannschaft bildete einen Kreis um das Waldstück und auf Befehl gingen sie Schritt für Schritt hinein und zogen damit den Kreis zusammen. Es war ein warmer heller Tag und doch fröstelte es den Männern. Die Bäume, das dichte Unterholz strahlte eine Kälte aus, die selbst den Härtesten unter ihnen das Fürchten lehrte. Keiner rief mehr den Namen des Mädchens, auch keine Unterhaltung, sei sie noch so leise gewesen, fand statt. Jeder spürte die unheimliche und unbeschreibliche Präsenz des Grauens und so mancher wünschte sich an irgend einen anderen Ort. Nach einer halben Stunde knackte Jeremias Funkgerät und eine metallische Stimme rief aufgeregt: “Wir haben etwas entdeckt. Ein Mann, unnatürlich groß und korpulent. Er lief gleich davon. Wir treiben ihn jetzt auf sie zu.!“


Jeremias drängte die Leute auf seiner Seite zur Eile, so dass sich die Schlinge immer mehr zusammen zog. Die kalte Beklemmung fiel von den Männern und machte einem Jagdfieber Platz. Rufe erklangen, einige schlugen mit Stöcken an die Bäume, eine regelrechte Treibjagd begann. Eine Treibjagd nach einem Monster. Der Kreis schloss sich immer mehr. Schon konnte Jeremias auf der gegenüber liegenden Seite die entgegen kommende Mannschaft erkennen. Dann sah er ihn. Eine Kreatur. Sein Körper gedrungen, Arme, die bis an den Boden reichten und Beine die jeder Beschreibung spotteten. Eine Ausgeburt der Hölle. Sein überdimensionaler Kopf war durch Narben entstellt, die Stirn wie ein Ballon aufgebläht, das Gesicht glich einer eingefrorenen Fratze, dessen Mund haifischähnliche Zähne entblößte. Das Geschöpf besaß keine Ohren, statt dessen befanden sich an dieser Stelle riesige Löcher in denen das Innere des Schädels durchschimmerte.


Die Männer schrien und tobten und zogen gleichzeitig den Kreis immer enger. Das Wesen schwankte und taumelte auf einen Krater zu ,der direkt in der Mitte der Jäger lag. Kein Entkommen gab es für das Wesen. Es stieß wolfsähnliche Laute aus und sprang dann in den tiefen Krater. Kaum als das Monster im Krater verschwand, fiel die Spalte in sich zusammen. Ein unglaubliches Dröhnen erklang, Staub und Schmutz wirbelte wie eine Windhose darüber. Der Boden erzitterte so stark, dass die Umstehenden zu Boden geschleudert wurden. Nach fünf Minuten war der Spuk vorbei. Ungläubig versammelten sich die Männer um die nun nicht mehr vorhandene Öffnung, die jetzt einer zugeschütteten Grube glich.


Jeremias weinte, er hatte auf den Grund der Grube, die Jacke seiner Tochter gesehen.


Zwei Monate später zog ein mächtiges Unwetter über Wuppertal, das ungewöhnlich lange über den Wald hängen blieb. Steffen Buschmann, der es durch sein Bürofenster beobachtet hatte, dachte darüber nach, ob er nicht in den Wald fahren sollte, um wo mögliche Schäden des Sturms zu begutachten.


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