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Einer dieser Tage, an denen man an nichts Gefallen findet. Einer dieser Tage, an denen man Stunde um Stunde tatenlos dasitzt, weil einem an allem, was man anfängt, nach kurzer Zeit die Lust vergeht. Mich rief mein bester Freund an, der mir einige Stunden zuvor versichert hatte, dass er an einem dieser Tage keine Zeit hatte. Zu meiner Überraschung startete er den Anruf mit den Worten „Ich weiß, wie wir uns heute doch noch treffen können.“ Die Freude auf meinem Gesicht verflog, als er mir den Vorschlag machte, nachts im Wald campen zu gehen. Erstens weil ich ihn zuvor in der Hoffnung angerufen hatte, dem heutigen Tag noch einen Sinn zu verleihen. Und zweitens, weil ich keinen guten Grund darin sah. Beim anderen im warmen Haus zu übernachten und ein paar Filme zu sehen, da hatte ich nichts dagegen. Doch im Wald, zwischen all dem Ungeziefer und bei voller Dunkelheit… .
Doch wie zu erwarten wurde ich von meinem Freund missverstanden.
„Angst? - Nur weil ich nicht gerne campen gehe, heißt das noch nicht, dass ich Angst habe!“
„Was hältst du dann von einem kleinen Wettbewerb?“
„Wettbewerb?“
„Wir schlagen unsere Zelte mindestens 500 Meter entfernt voneinander auf. Wer zuerst aufgibt, verliert.“
„Na gut. Wirst ja sehen, was du davon hast! Heute um 21 Uhr bei dir zu Hause. Von dort aus soll es losgehen.“
Mit diesen Worten beendete ich das Gespräch, außer Acht lassend, dass ich, wenn überhaupt, nur mit Freunden campen gehen würde. Doch das fiel mir erst nachher ein.

Um 21 Uhr traf ich mich also mit ihm. Von dort aus gingen wir zu einem nahen Wald. Als ich eine halbe Stunde später eine Stelle gefunden hatte, die nicht ganz so verwildert aussah, wie der Rest des Waldes, beschloss ich, mich dort niederzulassen. Mein Freund beäugte meinen Zeltplatz mit einer Mischung aus Neid und Verachtung im Gesicht. Es schien im nicht zu passen, dass ich mir die wahrscheinlich einzige halbwegs ebene Stelle im Wald ausgesucht hatte. Er ging, um sich seinen eigenen Zeltplatz zu suchen. Inzwischen war die Sonne fast untergegangen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mein Zelt noch im letzten Sonnenlicht aufzubauen. Ich dachte daran, ihm vorzuschlagen, doch gemeinsam zelten zu gehen. Doch als ich meine Blicke hob, sah ich ihn, weit von mir entfernt, zusammen mit den letzten Sonnenstrahlen verschwinden.

Da stand ich nun, mit meiner Tasche in der Hand. Die Kälte der Nacht kam langsam über mich, über die Tiere, die Pflanzen… . Die Nacht schien sich wie eine unaufhaltsame Wand gen Westen auszubreiten. Ich beschloss, nicht weiter zu zögern und mein Zelt aufzubauen. Nachdem ich die Heringe im Boden befestigt, mein Zelt aufgespannt und meine Sachen abgelegt hatte, holte ich eine Fackel aus meiner Tasche. Ich weiß, der Wald ist nicht wirklich der beste Ort für eine Fackel, doch irgendwie war ich von echtem Feuer mehr angetan, als von elektrischem. Es ist so lebendig, so schön… und doch so tödlich. Ich zündete die Fackel an und steckte sie an einer freien Stelle in den Boden. Eine Weile lang blieb ich stehen. Zwar wurde es immer kälter, doch der Schein der Fackel wärmte mich. Ich spürte einen kühlen Wind. Ich ging in mein Zelt und holte ein Buch aus meiner Tasche. Ich las. Die Zeit floss an mir vorbei. Minuten vergingen. Ich wurde müde. Ich überflog die Zeilen ohne es zu merken immer schneller. Ich hörte ein Rascheln in meiner Nähe. Vor einer Sekunde noch geschlafen, war ich plötzlich hellwach. Ich sah auf mein Handy, es war 22:48 Uhr. Ich lauschte, doch ich hörte nichts. Als ich mich gerade wieder meinem Buch widmen wollte, hörte ich das Geräusch erneut. Ich wusste, dass es nur mein Freund war, der mich zu erschrecken versuchte. Um ihn zu enttarnen rief ich ihn an. Spannungsvoll erwartete ich von der Stelle, von der aus das Rascheln gekommen war, seinen Klingelton zu hören. Doch ich wurde enttäuscht. Nichts. Da sah ich einen Schatten im Schein meiner Fackel. Ein Wesen, das viel kleiner zu sein Schien, als ich, huschte vorbei. Ich bekam eine Gänsehaut. Nach einer Weile, in der nichts passiert war, beschloss ich, meinen Kopf aus der Zelttür zu strecken. Ich sah mich um, aber auf den ersten Blick konnte ich nichts erkennen. Doch da sah ich sie. Zwei Augen, in denen sich das rote Licht der Fackel spiegelte. Obwohl ich wusste, dass sie mich schon längst gesehen haben mussten, traute ich mich nicht, zu atmen. Als das Wesen aus dem Schatten hervortrat, konnte ich den Kopf eines Wildschweins erkennen. Nachdem es mich eine Weile interessiert gemustert hatte, verschwand es erneut in den unendlich scheinenden Schatten des Waldes. Ich blickte auf mein Handy. Mein Freund musste wohl abgenommen haben, jedenfalls sah ich, dass er aufgelegt hatte. Ich ging zurück in mein Zelt.

Ich beschloss, ihn noch einmal anzurufen. Ich wählte seine Nummer aus und drückte auf anrufen. Lange nahm er nicht ab. Doch dann endlich zeigte mein Bildschirm, dass jemand am anderen Ende der Leitung war. Ich hielt das Handy an mein Ohr. Ich hörte ein schwerfälliges Atmen. Einmal, zweimal. Nach einer Weile folgte ein drittes Mal. Die andere Seite legte auf. Stille. Mein Freund wollte sich wohl dafür rächen, dass ich ihn angerufen hatte, ohne ans Handy zu gehen. Dennoch kam die Angst in mir wieder auf. Ich spürte, dass etwas anders war. Ich wusste nicht was. Ich setzte mich auf den Boden und spielte mit meinem Handy, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Doch plötzlich vibrierte mein Handy. Ich erschrak, obwohl es nur eine Nachricht war. Von meinem Freund. Scheinbar hatte er mir eine Position geschickt. Etwa 500 Meter von mir entfernt. Mein Herz schlug schnell. Ich war angespannt. Angestrengt lauschte ich, ob ein Geräusch durch die Dunkelheit drang. Da fiel mir auf, was sich seit dem mysteriösen Telefonat verändert hatte. Stille. Vollkommene Stille. Kein Vogel, keine Grille, …nichts. Der Wald war wie ausgestorben. Fast so, als ob er am nächsten Morgen nicht wieder erwachen würde. Ein lähmendes Gefühl der Angst machte sich in mir breit. Entweder, ich würde die ganze Nacht kein Auge zu kriegen, oder ich würde meinen Freund finden und wissen, dass alles in Ordnung ist.

Vorsichtig ging ich aus dem Zelt. Ich versuchte, mich leise zu bewegen, sodass ich selbst das leiseste Geräusch noch wahrnehmen kann. Mit meiner Taschenlampe in der Hand stand ich da. Ich fror und doch schwitzte ich. Langsam bewegte ich mich durch das Dickicht. Der Schein meiner Taschenlampe zeigte mir den Weg. Ich hörte ein Rascheln zu meiner Rechten. Irgendwo, ungefähr zehn Meter von mir entfernt. Ich blieb stehen. Ungefähr eine halbe Minute lang. Völlige Stille. Wieder. Langsam ging ich weiter. Der schnelle Schlag meines Herzens war das Einzige, was ich noch vernahm. Ich erreichte die Position, die ich von meinem Freund geschickt bekommen hatte. Kein Zeltplatz; totale Stille. Ich wollte mich gerade umdrehen, als der Schein meiner Lampe auf ein bleiches Gesicht fiel. Nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, sah ich, dass es in einen Baum geschnitzt war. Eine schöne, saubere Arbeit. Obwohl das Holz frisch zu sein schien, wirkte es, als ob es schon eine Ewigkeit da war. Ich entdeckte, dass ich umgeben war von Bäumen, in die Gesichter geschnitzt waren. Mein Blick blieb an einem von ihnen hängen. Es war das Gesicht meines Freundes, ebenfalls in einen Baum geschnitzt. Starr, kalt… und doch mit einem Ausdruck von Angst. Er starrte mich an. Erneut hörte ich ein Rascheln. Diesmal näher. Etwas Kaltes streifte meine Hand. Meine Taschenlampe fiel zu Boden. Ihr Licht erstarb.

Das Letzte, was ich hörte, war ein dumpfer Schlag. Das Letzte, was ich spürte, war wie mein Körper zu Boden sank. Das Letzte, was ich sah, war Dunkelheit.
Nun steht ein neuer Baum in diesem Wald. Und er trägt mein Gesicht…

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