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Ich verkaufe meine Töpferarbeiten und ich kam einige Zeit lang gut damit aus. Zumindest so, dass es gut zum Überleben reichte. Doch die Zeiten sind hart, die Leute kaufen nicht mehr viel und außerdem haben mittlerweile alle Haushalte in den umliegenden Dörfern genug Töpferwaren. Also werde ich das tun, was mir bleibt: Weiterziehen und weiter verkaufen. Das einzige Problem ist, dass ich Richtung Norden gehen muss, um in neue Dörfer zu kommen, wo man hoffentlich Interesse an meiner Ware hat. Und dort liegt das Schlafmoor.

Doch ich werde mich nicht von den dummen Geschichten abhalten lassen. Ich lache nur, als meine Freunde versuchen, mir Angst zu machen, packe meine Teller, Tassen und Töpfe, verstaue alles so gut es geht in meinen Bündeln, nehme meinen Wanderstab und mache mich auf den Weg.

Man erzählt sich, dass im Schlafmoor Wesen hausen. Oder, dass man dort willenlos in einen tiefen Schlaf fällt. Oder, dass Leute gar nicht mehr herauskommen.

Ich schüttele diese albernen Gedanken ab und schreite zuversichtlich mit schnellen Schritten voran. Ich werde das Moor durchqueren und heute Abend noch in einer Ortschaft ankommen, die Nacht im Gasthaus verbringen und vielleicht morgen schon auf dem Marktplatz meine Ware anbieten.

Langsam verändert sich die Landschaft. Die Pflanzen wachsen dichter. Feuchtigkeit liegt in der Luft. Links und rechts des Weges tauchen kleine Wasseransammlungen auf. Ich nähere mich den sumpfigen Gebieten. Abrupt bleibe ich stehen, als ich auf einem Felsbrocken folgende Inschrift lese:

Sie sagen immer die Wahrheit

Ich weiß nicht, wer gemeint sein könnte, doch ich will mich nicht damit aufhalten und marschiere weiter. Der Weg wird zum Pfad, der immer schmaler wird und sich schließlich verliert. Doch ich weiß, dass ich einfach nur stur geradeaus gehen muss. Zu meinen Seiten erstreckt sich nun das Moor,  bläulich-grau mit moosgrünen Pflanzen. Aus dem Wasser steigt Nebel empor. Mich fröstelt es und ich ziehe meinen Umhang fester. Der Nebel nimmt mir die Sicht. Einfach nur geradeaus gehen und nicht denken, sage ich mir. Denn mein Unbehagen wächst. Ich wünschte, ich wäre nicht allein.

Doch als ich merke, dass ich nicht allein bin, stockt mir der Atem. Es nähern sich Gestalten. Geister? Auf jeden Fall sind sie silbrig, bewegen sich gleitend und ihre Stimmen sind glockenhell.

„Der Zoll, der Zoll!“ raunen sie.

Vor Schreck kann ich mich nicht bewegen. Die Wesen – es sind vielleicht zwanzig, dreißig – kommen unaufhaltsam näher. Ich drehe mich um, doch auch da sind sie. Meine Kehle ist trocken. Ich kriege keinen Ton raus.

„Der Zoll, der Zoll.“ wispern sie wieder. Und: „Ein Teil oder ganz. Ein Teil oder ganz.“ Immer wieder wiederholen sie die gleichen Wörter mehrstimmig, ein unheimlich Kanon, der mir bis ins Mark geht.

„Was wollt ihr?“ stoße ich schließlich hervor. Mit nervösen Bewegungen greife ich nach meinem Geldbeutel. Einige der Gestalten schütteln den Kopf. Sie sind nun bis auf wenige Meter an mich herangetreten. Sie sind nur so groß wie Kinder, ihre Augen sind starr und ihr Anblick lässt mich erschaudern. Sie scheinen keine Taler zu wollen. Was wollen sie dann?

„Ein Teil oder ganz, ein Teil oder ganz.“ Einige zeigen mit dürren, fast transparenten Fingern auf mich. Andere ziehen sich am Ohr oder an der Nase. Einer hebt die Arme und zeigt mit dem rechten Zeigefinger auf den linken Daumen.  „Jetzt oder morgen, jetzt oder morgen.“

Das bizarre Schauspiel hält an, bis mich die Erkenntnis wie ein Schlag trifft. Diese Geisterkinder wollen mich oder einen Teil von mir und sie wollen ihn jetzt oder morgen. Sie scheinen die Erkenntnis in meinen Augen zu sehen, denn sie stehen jetzt still und warten. Ich bin nur noch zwei oder drei Meter von ihnen entfernt und sie umzingeln mich.

In dem Teil meines Bewusstseins, in dem sich ein Plan formen müsste, herrscht tiefschwarze Leere. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich starre sie an. Sie starren mich an. Und mit jedem Augenblick steigt die Gefahr, dass sie sich auf mich stürzen.

Ich renne los. Renne wie vom Wahnsinn getrieben, haste einfach durch sie hindurch. Es durchfährt mich eiskalt, doch nichts weiter passiert. Ich laufe, so schnell ich kann, doch ich komme nicht weit, da wird mir schwarz vor Augen.

Als ich aufwache, blinzle ich in die Sonne. Mit einem Satz bin ich auf den Beinen und sehe mich um. Die Wesen sind nicht zu sehen. Hinter mir liegt das Schlafmoor. Wie bin ich herausgekommen? Vor mir kann ich in der Ferne Häuser ausmachen. Ich atme tief aus und Erleichterung bahnt sich ihren Weg. Ich stelle fest, dass ich sogar alle meine Habseligkeiten noch bei mir habe. Noch etwas wacklig auf den Beinen, setze ich meinen Weg fort. Nach einer Weile setzt sogar ein richtiges Hochgefühl ein. Ich habe das Schlafmoor überstanden! Ich hatte einen fürchterlichen Albtraum und, aber jetzt geht es mir prächtig. Es stimmt, dass das Schlafmoor dich einschlafen lässt und dir unheimliche Träume schickt – und diese wiederum werden von naiven Menschen für reale Erlebnisse gehalten und so halten sich diese dummen Mythen.

In dem Dorf suche ich das Gasthaus und bestelle mir erst mal eine anständige Mahlzeit. Was für einen Hunger ich habe! Der freundliche Besitzer stellt einen großen Krug Brunnenwasser vor mich hin. „Hier, nimm und ruhe dich aus, du bist wohl weit gereist?“

Ich nicke und kippe den halben Krug in mich hinein. „Ich will hier meine Töpferware verkaufen.“

„Das trifft sich gut.“ Der Wirt beginnt, die Theke zu wischen. Ich entdecke, dass ihm an der rechten Hand der kleine Finger fehlt und schaue schnell weg. „Morgen ist Markttag. Töpferware haben wir hier nicht viel. Woher kommst du? Aus den Bergen?“

„Nein, aus dem Süden.“

Sofort verändert sich sein Ausdruck und er hält inne. „Du hast das Schlafmoor durchquert?“

Wieder nicke ich. In dem Moment kommt seine Frau und stellt eine große Brotzeit mit Käse und Schinken vor mich hin. Ich starre sie an. Ihr fehlt ein Ohr.

„Sag, was hast du ihnen gegeben?“ fragt der Wirt und lehnt sich über die Theke. Seine Frau fasst unwillkürlich an die vernarbte Stelle, an der einmal  ihr Ohr gewesen ist. Ein Gefühl breitet sich in mir aus und es ist kein gutes. Die Beiden sehen mich prüfend an, mustern mich von oben bis nach unten.

„Wem?“ stoße ich hervor.

„Ihnen. Im Schlafmoor. Ich weiß, dass du sie getroffen hast. Sie kommen immer. Und sie sagen immer die Wahrheit.“

Mir wird übel. Ich kenne seine Worte, bevor er sie ausspricht.

„Du musst den Zoll zahlen.“ fährt er fort. Mein Blick schweift über die anderen Gäste und ich sehe fehlende Ohren, Finger und sogar einen Handstumpf. Plötzlich weiß ich, dass es kein Entkommen geben wird.

„Du musst ihn als Teil oder ganz zahlen. Und du musst ihn jetzt zahlen oder….“

„ …morgen.“ sage ich tonlos. 

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