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Fass

“Ist das dein Ernst?” Ungläubig starre ich auf das, was da vor uns steht. Buck, Familienersatz und Partner bei jedem krummen Ding, sieht mich strahlend an. “Glaub mir, das ist perfekt! Niemand kontrolliert einen Lieferkarren richtig.” “Buck, das ist ein Fass! Und es stinkt.” Er verdreht die Augen.

“Gut erkannt, Sherlock. Falls ich dich daran erinnern muss: Cattles gesamte Bande sucht nach dir. Die Prämie auf deinen Kopf ist auf 50 Schilling gestiegen, und vom Vater allen Übels will ich gar nicht erst anfangen. Deine einzige Chance also, unbemerkt in das Haus zu kommen, ist: dieses stinkende Fass.”

Nein, daran erinnern muss er mich wirklich nicht. Eine Woche ist seit dieser Nacht, wie ich sie nur nenne, vergangen, und noch immer sitzt ein fieser, kleiner Klumpen in meinen Eingeweiden. Von dem höllischen Muskelkater und den Albträumen ganz zu schweigen. Die Tatsache, dass ich mein Versteck seit ein paar Tagen nicht mehr verlassen kann, hilft auch nicht wirklich. Zwar wissen Cattles Männer noch immer nicht, wie ich aussehe, aber unter den Gestalten in der Fleet Street machen schon Gerüchte die Runde. Gerüchte, in denen ich vorkomme. Und bei 50 Schilling, genug, um für mehrere Monate ausgesorgt zu haben, wird selbst das kleinste Gerücht zur Gewissheit.

„Schon gut, schon gut.“ Resigniert reibe ich mir den Nacken. „Und du bist sicher, dass wir in dieses Haus rein müssen?“ Buck verzieht in gespielter Empörung das Gesicht. „Denkst du, bei sowas irre ich mich? Du hast doch die Seite beschafft, du weißt genau, was drinsteht. Wir müssen da rein. Angesichts der Umstände würde ich es glatt selber machen, wenn…“ - „Wenn du nicht so eine Niete im Einbrechen wärst“, beende ich seinen Satz. Wir grinsen uns an.

Ich seufze. “Also schön. Da wir die Sache mit dem Transportmittel geklärt haben: Weißt du, wo ich suchen muss?” - “Irgendwo im ersten Stock. Vermutlich nicht gerade auf dem Präsentierteller.” Ein Safe also. Der würde wohl kein größeres Problem darstellen, ich kenne jeden gängigen Safe wie meine Westentasche. Aber beim bloßen Gedanken daran, wieder in ein Haus einzubrechen, wird mir mulmig. Sicher, das letzte Mal war etwas völlig anderes. Hoffentlich etwas Einmaliges. Und dennoch…

Buck reißt mich aus meinen trüben Gedanken. „Gut. Du machst dich ein wenig mit deinem neuen besten Freund vertraut, und ich kläre die letzten Kleinigkeiten mit dem Typ, der uns den Karren leiht.“ Ich sehe ihm leicht sehnsüchtig nach, als er geht. Wie gerne würde ich mal wieder über die Dächer streifen. Die kühle Nachtluft an meinem Gesicht spüren. Langsam fällt mir hier drin wirklich die Decke auf den Kopf.

Die nächste Stunde beschäftige ich mich damit, so schnell und leise wie möglich in das Fass rein und wieder hinaus zu klettern. Bald schaffe ich beides ohne einen Mucks. Auch wenn man mich vermutlich allein durch den Geruch entdecken könnte.

Ein Geräusch lässt mich aufschrecken. Buck stürmt durch den Eingang, sein Gesicht weiß wie ein Gespenst. Zitternd lehnt er sich gegen die Wand. Der Anblick lässt mir die Haare zu Berge stehen. Ungefähr so muss ich ausgesehen haben, als… Schnell schüttele ich den Gedanken ab und stürze auf ihn zu. „Buck! Was zum Teufel ist passiert?“ Er schließt die Augen. Atmet ein paarmal tief durch. Auf seiner Stirn glitzern Schweißtropfen. „Nur… nur ein paar von Cattles Halsabschneidern. Die nehmen da draußen gerade jeden in die Mangel. Ganz ehrlich, Wiesel. Was auch immer das für Dokumente waren, die du hast mitgehen lassen, er will sie wiederhaben.“ Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Irgendetwas stimmt nicht.

Gin

Beim Anblick von Bucks zitternden Händen, mit denen er sich gerade den Schweiß von der Stirn wischt, verbanne ich jeden Zweifel in die hinterste Ecke meines Verstandes. Sanft führe ich ihn zum Bett. Dann hole ich die Flasche Gin aus ihrem Versteck. Nach ein paar großen Schlucken ist er wieder fast der alte. „Sollen wir die ganze Sache nicht lieber abblasen? Wir könnten für eine Weile untertauchen, bis sich alles beruhigt hat.“ Er gibt die Antwort, auf die ich gehofft habe. Der alte Kampfgeist funkelt wieder in seinen Augen. „Spinnst du? Das ist unser Traum, seit wir uns kennen, und jetzt, wo wir kurz davor sind, es zu schaffen, lasse ich mich doch nicht von ein paar Halunken davon abhalten! Wir ziehen das durch.“ Wie jedes Mal steckt mich seine Aufregung an. Grinsend nehme ich ihm die Flasche aus der Hand. „Auf uns und ein Leben fernab von allem Problemen!“ Beim Ansetzen merke ich aus dem Augenwinkel, wie Bucks Lächeln erlischt und einer ernsten, fast traurigen Miene Platz macht. Fest entschlossen, es zu ignorieren, nehme ich einen großen Schluck.

 

Ich gehe über den Markt. Menschen drängen an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Ladenbesitzer kündigen lautstark ihre Waren an. Der Duft von gebratenem Fleisch, frischem Brot und Leckereien liegt schwer in der Luft. Hunger wütet in meinen Eingeweiden. Meine letzte Mahlzeit ist Tage her. Wachsam halte ich Ausschau. Nach einer Gelegenheit.

Plötzlich ist etwas anders. Die Menge stockt. Eine unangenehme Stille breitet sich aus. Angst erfüllt die Luft. Der Hunger ist vergessen. Schnell verschwinde ich in einer Seitengasse. Beobachte aus dem Schatten heraus. Ein Mann betritt den Marktplatz. Großgewachsen. Schlank. Kurzes, schwarzes Haar. In einer Hand hält er einen eleganten Spazierstock. Lang und schlank, aus dunklem Holz. Der silberne Knauf ist mit goldenen Intarsien verziert. Die andere Hand steckt in der Tasche seines teuren Pelzmantels. Natürlich weiß ich, wer er ist. Jeder weiß das.

Samuel Stroke.

Ängstlich von Ohr zu Ohr geflüstert bewegt sich sein Name wie eine Krankheit durch die Gassen. Vor ein paar Jahren ist er plötzlich aufgetaucht. War im Handumdrehen der mächtigste Mann der Stadt. Es gibt kein Geschäft, an dem er nicht mitverdient. Ihm gehört die Polizei ebenso wie die Straßenbanden. Die Richter. Die Zuhälter. Die Händler und die Bettler. Jeder steht auf seiner Gehaltsliste. Wie er das gemacht hat, ist ein Rätsel. Mir jedenfalls. Zahllose Gerüchte kursieren über ihn und seine Methoden. Eines abstruser als das andere. Doch eine Sache ist in allen Gerüchten gleich. Leg dich nicht mit Samuel Stroke an!

Er überquert den Platz. Die Menge teilt sich vor ihm wie eine Herde Schafe. Keines von ihnen will die Aufmerksamkeit des Wolfes erregen.

Plötzlich verstellt ihm jemand den Weg. Ein Berg von einem Mann, so breit wie ein Ochse. Kenne ihn. Billy. Macht sich oft einen Spaß daraus, die Straßenkinder zu jagen. Sie zu Brei zu prügeln, sollte er sie erwischen. Anscheinend ist er sturzbetrunken. Er sagt etwas. Kann nicht verstehen, was. Grapscht nach Strokes Umhang. Macht sich offenbar über ihn lustig. Stroke bleibt vollkommen ruhig. Halte den Atem an. Niemand rührt sich. Es ist totenstill.

Billy streckt wieder die Hand aus. In einer geschmeidigen Bewegung packt Stroke seinen Arm und wirbelt herum. Ein lautes Knacken hallt über den Platz zusammen mit einem gellenden Schrei. Selbst in meinem Versteck kann ich den gesplitterten Knochen sehen. Rot vom Blut ragt er aus Billys Arm. Sein Gesicht ist kreidebleich. Stroke zieht etwas aus seiner Manteltasche. Fährt damit blitzschnell über Billys Kehle. Sofort färbt sich sein Hemd dunkelrot. Billys Augen treten hervor. Er röchelt. Starrt ihn ungläubig an. Versucht mit seinen Händen vergeblich die Wunde zu schließen. Stroke steht wieder vollkommen ruhig da.

Für einen Moment scheint alles wie eingefroren. Völlig ungerührt setzt Stroke seinen Weg fort. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis Billy endlich aufhört zu zucken. Nach und nach verteilt sich die Menge. Düsternis hängt wie eine Glocke über allen.

EvilEye

Die Leiche mitten auf dem Platz wird von niemandem beachtet. Kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sehe eine Bewegung in der Gasse gegenüber. Ein Junge. Ebenso abgemagert und heruntergekommen wie ich. Auch er starrt Billy an. Sein Blick schnellt zwischen ihm und Stroke, der gerade das Ende des Platzes erreicht, hin und her. Wenn ich nicht leer ausgehen will, ist das meine einzige Chance. Atme tief durch. Schnell husche ich zu dem Toten. Zwinge mich, ihm nicht ins Gesicht zu sehen. Greife mir alles, was ich in die Finger bekomme. Ein Kribbeln im Nacken lässt mich aufschauen. Mein Atem stockt. Stroke hat sich umgedreht. Beobachtet mich. Rotglühende Augen brennen sich in meinen Geist. Lähmen mich. Das Glühen wird stärker. Breitet sich aus. Verschluckt alles um sich herum. Rot! Überall Rot!

„Halt!“

Der schneidende Befehl reißt mich aus meinem Alptraum. Unsanft pralle ich gegen die Fasswände, als der Wagen ruckartig zum Stehen kommt. Ich verdränge das ungute Gefühl, das sich mit den Resten des Traums in meinem Bauch festsetzen will. Versuche in der Enge des Fasses meine verkrampften Muskeln etwas zu lockern. Ein schmerzhaftes Kribbeln macht sich in meinen Beinen breit. Gedämpft dringt Bucks Stimme an mein Ohr. „Ich liefere den bestellten Wein.“ - „Wein? Lass mal sehen.“ Die Stimme hat einen begierigen Unterton angenommen. Wie geplant. Der Wagen schwankt merklich, als die Wache aufsteigt. Mein Puls beschleunigt sich, auch wenn das Fass, in dem ich mich befinde, ganz hinten steht. Aber die Sorge ist vollkommen unbegründet. Nach einer kurzen Unterredung und dem ein oder anderen Schluck Wein lassen wir die erste Hürde hinter uns. Der Rest wird ein Kinderspiel.

Es vergeht noch eine gefühlte Ewigkeit, bevor das erlösende Klopfen mich aus meiner Konservenbüchse befreit. Schnell hebe ich den Deckel ab und zwinge meine eingeschlafenen Muskeln dazu, mich geschmeidig aus dem Fass zu befreien. Die Belohnung dafür sind tausende kleiner Nadelstiche, die sich bei jedem Schritt in mich hineinbohren. Schnell unterdrücke ich das Stöhnen, das sich aus meiner Kehle schleichen will, und sehe zu Buck. Er steht, scheinbar auf etwas oder jemanden wartend, neben dem Karren und wird auch so lange dort stehenbleiben, bis ich wiederkomme. Oder bis etwas schiefgeht. Wieder durchströmt mich das warme Gefühl und bringt meine zitternden Muskeln zur Ruhe. Buck ist da. Buck wird immer da sein. Mit klopfendem Herzen wende ich mich dem kleinen Kellerfenster zu, das mein hochexklusiver Eingang sein wird. Die Gitterstäbe, die es eigentlich gegen jemanden wie mich absichern sollten, sind kein Problem. Man nennt mich nicht ohne Grund Wiesel.

Vom Keller ist es ein kurzer Weg nach oben. Die massiven Steinstufen schlucken meine ohnehin leisen Schritte. Ein Hochgefühl überkommt mich, während ich langsam die schwere Eichentür öffne, die mich in die Vorhalle führen wird. Ich bin in meinem Element. Diese Nacht war nur ein dummer Fehler. Das hier ist, was ich kann. Was ich bin. Geduckt schleiche ich über den weichen Teppich. Es ist fast schon zu einfach. Aber ich werde mein Glü…

Spazierstock

Erstarre mitten in der Bewegung. Sämtliche Nackenhaare stellen sich auf. Kaltes Grauen überkommt mich. Das Hochgefühl von eben verdorrt und nimmt meinen Verstand mit sich. Mein Kopf ist vollkommen leer. Ungläubig starre ich auf das, was da an der Wand lehnt. Lang und schlank. Aus dunklem Holz. Goldene Intarsien zieren den silbernen Knauf. Mein Magen verhärtet sich zu einem festen Klumpen. Bekomme kaum noch Luft. Etwas in mir schlägt Alarm. Meine starren Muskeln lösen sich. Ich wirbele herum. Nur um zu sehen, wie meine Welt in sich zusammenstürzt.

“Buck?” Meine Stimme bricht. Zusammen mit meinem Herzen. Tränen verschleiern meinen Blick. Wie, um mich davor schützen, mehr zu sehen. Aber es ist zu spät. Es hat sich schon in mein Gedächtnis eingebrannt. Die Schuld in seinem Blick, bevor er meinem ausgewichen ist. Die eingesunkenen Schultern meines einst so strahlenden Helden. Er war alles. Mein Freund. Mein Bruder. Mein Fels in der Brandung. Mein Buck. Jetzt steht er, klein und zusammengekrümmt, neben ihm. Der Mann, den ich fast mein gesamtes Leben lang kannte, ist verschwunden. Als hätte er nie existiert. Unfähig, seinen Anblick noch länger zu ertragen, sehe ich weg. Grüne Augen bohren sich in meine. „Vielen Dank, Buck. Du hast mir sehr geholfen.“ Der Angesprochene zuckt zusammen. Fast wirkt es, als wolle er etwas sagen. Aber er bleibt still. Seine Hände verkrampfen sich um den schweren Beutel, in dem sich wohl deutlich mehr als 30 Silbermünzen befinden. Ein letztes Mal sieht er zu mir. In seinen Augen liegt ein Flehen. Um Verständnis. Der Verrat brennt sich wie Eis durch meinen Körper. Bildet scharfe Stacheln, die sich in mein Innerstes bohren. Noch immer stehe ich reglos da. Eine einzelne Träne läuft kalt meine Wange hinab. Buck wendet sich ab. Lässt mich allein.

„Hallo, kleine Diebin.“

 

Mein dröhnender Schädel weckt mich. Stöhnend schlage ich die Augen auf. Oder versuche es. Die Dunkelheit ist allumfassend. Blinzle. Taste nach meinen Augen, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich offen sind. Langsam richte ich mich auf. Schwindel erfasst mich. Stöhnend suche ich einen festen Halt. Meine Hand ertastet eine kühle Steinwand. Lehne meinen Kopf dagegen, bis sich der Schwindel gelegt hat. Langsam werden meine Gedanken klarer.

Die Erinnerung trifft mich wie ein Faustschlag. Tränen schießen mir in die Augen. Versuche nicht mehr dagegen anzukämpfen. Hier ist niemand, der mich sehen könnte. Krampfhafte Schluchzer schütteln meinen Körper, während ich zulasse, dass die Gefühle mich überrollen. Die kalten Stacheln des Verrats vermischen sich mit heißer Wut und brennender Verzweiflung. Formen ein riesiges Meer, das mich zu verschlingen droht. Irgendwann versiegen die Tränen. Lassen mich leer und ausgedörrt zurück. Meine Kehle ist wund. Das Meer zu einem Tümpel zusammengeschrumpft. Zumindest fürs erste. Eine seltsame Ruhe überkommt mich. Atme tief durch. Ich muss einen Weg hier rausfinden.

Methodisch taste ich mich an der Wand entlang. Untersuche jede noch so kleine Ritze. Meine nackten Füße machen tapsende Geräusche auf dem Steinboden. Meine gesamte Ausrüstung ist weg. Das nachthemdähnliche Gewand, das nur dürftig gegen die Kälte schützt, kenne ich nicht. Den Gedanken, dass jemand mich aus- und umgezogen haben muss, verdränge ich vehement. Langsam bekomme ich einen Eindruck von dem Raum, in dem ich bin befinde. Er ist klein, vielleicht 6 auf 9 Fuß. In einer Ecke ist ein Loch. Ein Abort, dem Geruch nach. Zu klein, um sich durchzuquetschen, selbst für mich. Setze meine Erkundung fort. Irgendwann spüre ich Holz unter meinen Fingern. Scharniere. Ein Schloss. Neue Hoffnung keimt in mir auf. Ein Schloss kann man knacken. Grinse. Bringe dabei die Dietriche zum Vorschein, die ich immer in meiner Backe verstecke. Spezialanfertigung. Kleiner als normal, und rostfrei. Hat mich ein Vermögen gekostet. Geschickt mache ich mich an die Arbeit. Die Dunkelheit ist kein Problem. Im Gegenteil.

TürLicht-0

Bald höre ich das erlösende ‚Klick‘. Adrenalin strömt durch meine Adern. Mit klopfendem Herzen öffne ich langsam die Tür. Meine an die Dunkelheit gewöhnten Augen brauchen einen Moment, um sich an das Dämmerlicht anzupassen, das in dem schmalen Gang herrscht.

„Beeindruckend. Ich hätte erwartet, dass du mehr Zeit benötigst.“ Sämtliche Luft entweicht aus meinen Lungen. Meine Knie werden weich. Die neu erwachte Hoffnung wird mit Gewalt aus mir herausgerissen. Schmerz wütet in meiner Brust. Zerrt an mir, als wolle er mich zerreißen. Erst als bunte Punkte vor meinen Augen tanzen, denke ich wieder daran zu atmen.

Vor mir steht Stroke. Die Arme vor der Brust verschränkt, die stechenden Augen auf mich gerichtet. Sein Blick brennt sich durch mein Gehirn. Wie erstarrt stehe ich da. Er wusste es. Er wusste genau, was ich tun würde. Er wollte, dass ich es tue. Wollte wissen, wie schnell ich entkomme. Er streckt eine Hand aus. Zucke zusammen. Ducke mich, wie in Erwartung eines Schlages. Ein Reflex aus einer früheren Zeit. Stroke zeigt keinerlei Regung. Nur seine Augen verengen sich eine Winzigkeit. Ich brauche ein wenig, um zu begreifen, worauf er wartet. Mit zitternden Fingern händige ich ihm die Dietriche aus. Sehe zu, wie sie in der Tasche seines Anzugs verschwinden. Kurz huscht mein Blick zu der schlichten Holztür am Ende des Ganges. Ich müsste an ihm vorbei… „Tu dir keinen Zwang an.“ Der Spott in seiner Stimme lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das Bild von Billy schiebt sich vor mein geistiges Auge. Blutend. Gebrochen. Sehe zu Boden. Ich bin kein Kämpfer. Nie gewesen. Sobald es haarig wurde, hat Buck… Eine Hand an meinem Kinn unterbricht diesen Gedankengang. Versuche ihn abzuschütteln, aber er packt nur fester zu. Zwingt meinen Blick wieder nach oben. Unsere Gesichter berühren sich fast, so nah steht er vor mir. Seine dunkle Stimme geht mir durch Mark und Bein. „Ich möchte, dass du dir eines ganz genau einprägst: Niemand weiß, dass du hier bist. Niemand schert sich um dich. Du. Gehörst. Mir.“ Zu spät merke ich, wie weit er mich zurückgedrängt hat. Mit einem lauten Knall schlägt die Tür zu.

Ich bin allein. Allein in absoluter Dunkelheit. In völliger Stille. Jegliches Zeitgefühl ist mir abhandengekommen. Meine Sinne spielen verrückt. Höre Dinge, die nicht da sind. Sehe Gestalten, die nicht existieren können. Immer wieder bin ich kurz davor, mir wehzutun. Um mich zu vergewissern, dass ich noch da bin. Dass ich noch existiere. Einzig seine Besuche halten mich davon ab. Er lässt das Licht in meine Dunkelheit. Bringt mir Essen. Redet mit mir. Am Anfang habe ich ihn abgeblockt. Mich in eine Ecke verkrochen. Geschwiegen. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Habe die Einsamkeit nicht mehr ausgehalten. Da begann ich mit ihm zu reden. Erst trotzig. Im Versuch, den letzten Funken an Würde zu bewahren, habe ich ihn beleidigt. Ihn angeschrien. Er ist nie gewalttätig geworden. Das musste er auch nicht. Er tat das Schlimmste, das er tun konnte. Immer, wenn ich ausfallend wurde… ist er gegangen. Hat mich allein gelassen. Allein in der Dunkelheit. Es dauerte nicht lang und ich spielte nach seinen Regeln. Blieb höflich. Antwortete auf seine Fragen. Es sind immer Fragen. Fragen über mich. Meine Kindheit. Mein Leben auf der Straße. Als ich ihm von dem Tag auf dem Marktplatz erzählte, hat er gelächelt. Er hat sich daran erinnert. An das kleine, abgemagerte Mädchen, das sich getraut hat, Billy als Erste zu plündern. Mittlerweile freue ich mich auf unsere Gespräche. Ich freue mich sogar auf ihn. Es ist das einzige, auf das ich mich freuen kann.

Er ist wieder da. Hungrig mache ich mich über das Mahl her. Versuche dabei, nicht alles in mich hineinzustopfen. Er legt Wert auf Tischmanieren. Spüre seinen Blick auf mir. Weiß, dass er gleich anfangen wird zu fragen. „Wie hast du Buck kennengelernt?“ Allein diesen Namen zu hören, versetzt mir einen schmerzhaften Stich. Sein Verrat nagt noch immer an mir. Denke nach. „Er war ein Straßenkind, genau wie ich. An dem Tag auf dem Marktplatz versteckte er sich in der Gasse gegenüber. Nachdem ich Billys Sachen eingeheimst hatte, war er ziemlich sauer. Er ist mir in eine Gasse gefolgt. Später hat er immer behauptet, dass er mich abmurksen wollte, aber das glaube ich nicht. Buck war nicht der Typ dafür. Jedenfalls standen wir uns gegenüber, als ein paar ältere Kinder in die Gasse kamen. Sie hatten mich auch gesehen und wollten das Gleiche wie Buck. Nur mit weniger Skrupel. Buck und ich haben uns angesehen. Irgendwie haben wir uns sofort verstanden. Zusammen schafften wir es, die anderen fertigzumachen. Ich teilte Billys Zeug mit ihm. Von da an waren wir unzertrennlich. Jedenfalls bis…“ – „Bis er dich verraten hat.“ Wieder der Stich. Ich zwinge mich zu einer leisen Zustimmung. Er erwartet immer eine Antwort. Eine winzige Veränderung in seinem Blick verrät mir seine Neugier. Mittlerweile kenne ich sein Gesicht besser als mein eigenes. Besser als Bucks. „Hasst du ihn?“ Eine gute Frage. Horche in mich hinein. Suche nach den Gefühlen, die ich mit Buck verbinde. Seit unseren Gesprächen bin ich gut darin geworden, Gefühle zu analysieren. Zu verstehen, warum ich wann wie gehandelt habe. Man könnte sagen, er hat mir dabei geholfen, mich besser kennenzulernen. „Nein. Da ist Enttäuschung. Schmerz. Aber kein Hass. Wie könnte ich ihn hassen?“ Er nickt kurz. Ein warmes Gefühl macht sich in mir breit. Wann es mich das erste Mal glücklich gemacht hat, ihn zufriedenzustellen, weiß ich nicht mehr. Nur, dass es von Mal zu Mal stärker wurde. Sein seltenes Lob sauge ich auf wie ein Schwamm. Er greift nach dem Essenstablett. Das Gespräch ist für heute beendet. An der Tür bleibt er stehen. „Wem gehörst du?“ Das ist unser Ritual. Ich kenne die erwartete Antwort. Früher gab ich sie nur, weil er sie hören wollte. Jetzt verschafft sie mir ein Gefühl von Sicherheit. Zeigt mir meinen Platz in unserer winzigen Welt. „Euch.“ Als Belohnung lässt er die Tür offen, während er das Tablett aufräumt. Ein paar wertvolle Sekunden mehr Licht. Doch die folgende Dunkelheit ist unvermeidlich.

Nacht2

„Möchtest du nach draußen?“ Die Gabel erstarrt auf halbem Weg zu meinem Mund. Starre ihn perplex an. „Was?“ Raus? Wie meint er das? Nach draußen? Den Himmel sehen? Den Wind an meinem Gesicht fühlen? „Du hast mich verstanden.“ Natürlich. Er wiederholt sich nicht gerne. Ich starre ihn weiter an. Habe schon lange nicht mehr an die Welt außerhalb meiner Steinwände gedacht. Geschweige denn geglaubt, ich würde sie je wiedersehen. „Ich… ich weiß nicht… Ihr… wollt mich nach draußen lassen?“ Mein ungläubiger Gesichtsausdruck scheint ihn zu amüsieren. Er schmunzelt. „Ich wüsste nichts, was dagegenspräche. Sicherlich wirst du dich vorbildlich benehmen.“ Ganz langsam sickert die Erkenntnis in mein Gehirn. Draußen. Ich darf nach draußen! „J-ja natürlich! Ich werde euch nicht enttäuschen.“ – „Na dann, komm!“ Mühsam rapple ich mich auf. Die Zeit in der Dunkelheit hat meinen Muskeln nicht gutgetan. Auf zitternden Beinen bewege ich mich vorsichtig zum Türsturz. Kurz davor bleibe ich stehen. Vergewissere mich, dass er es wirklich ernst meint. Er macht eine einladende Geste. Langsam. Ganz langsam setze ich einen Fuß über die Schwelle. Stehe im Gang. Plötzlich wird mir schwindelig. Kurz bevor meine Beine unter mir nachgeben, umfassen mich starke Arme. Sehe nach oben. Direkt in smaragdgrüne Augen. Er lächelt nicht, aber ich sehe die Wärme in seinem Blick. Mehr getragen als selber gehend bewältige ich die steile Treppe. Eine gefühlte Ewigkeit später stehen wir auf einem Balkon. Mein Herz klopft in meiner Brust. Keuche. Es ist Nacht. Ein kühler Wind streicht mir durch die Haare. Der Vollmond taucht alles in silbriges Licht. Tief atme ich die frische Luft ein. Tränen verschleiern seinen Blick. „Danke.“ Das Wort ist nicht mehr als ein Lufthauch. Aber ich weiß, dass er mich gehört hat.

Nach viel zu kurzer Zeit gehen wir wieder rein. Aber nicht zurück in die Dunkelheit. Er führt mich in ein Zimmer. Nach normalen Maßstäben ist es klein, aber auf mich wirkt es wie ein Palast. Es hat ein Bett, einen Schrank mit Kleidung, ein angrenzendes Badezimmer. Und ein Fenster. Nachdem er mich allein gelassen hat, stehe ich einfach nur da. Sehe nach draußen. Beobachte, wie sich die Sterne verschieben. Wie sich die Sonne langsam über den Horizont erhebt. Fast gewaltsam muss ich mich von diesem Anblick losreißen. Nachdem ich mich, wie aufgetragen, gewaschen habe, falle ich erschöpft in das weiche Bett. Bin eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührt.

Seit dieser Nacht gehen wir regelmäßig nach draußen. Unternehmen Spaziergänge. Bauen meine Muskeln wieder auf. Zu Beginn hatte ich Panik, wenn wir anderen Menschen begegnet sind. Aber jedes Mal war er da. Hat mich beruhigt. Die Tatsache, dass alle einen großen Bogen um ihn machen, hilft. Bald bin ich stark genug, um alleine zu gehen. Ich darf sogar eigenständig kleine Ausflüge über die Dächer machen. Der Gedanke, nicht in das Haus zurückzukehren, kommt mir nie.

Zettel2

„Kann ich dir vertrauen?“ Völlig überrumpelt sehe ich von meinem Teller auf. Er legt das edle Silberbesteck beiseite. Sieht mich unverwandt an. Allein diese Frage zu hören kommt mir absurd vor. Beinahe lächerlich. Ich, ihn verraten? Mein Gehirn weigert sich, den Gedankengang zu Ende zu führen. Erwidere seinen Blick. Er wartet auf eine Antwort. „Natürlich könnt Ihr mir vertrauen! Ich würde Euch niemals hintergehen!“ Seine Mundwinkel verziehen sich kurz zu einem leichten Lächeln. Sofort breitet sich wieder das warme Gefühl in mir aus. „Ich wurde schon von denen verraten, die mir am nächsten waren. Wie kann ich sicher sein, dass es mir bei dir nicht ebenso ergeht?“ Die Wärme verfliegt. Kälte tritt an ihre Stelle. Tränen verschleiern meinen Blick. Wie konnten sie nur? Wie konnten sie ihm das antun? Natürlich ist er misstrauisch. Einen solchen Schmerz ertragen zu müssen… Ich muss ihm zeigen, dass ich anders bin! „Sagt mir, was ich tun muss, um Euch meine Loyalität zu beweisen. Egal was!“ Sein Zögern bricht mir beinahe das Herz. „Egal was?“ Nicke. Er schiebt einen zusammengefaltetes Stück Papier über den Tisch. Eine Adresse. Mir klopft das Herz bis zum Hals. Ich darf nicht versagen! „Was muss ich tun, wenn ich dort bin?“ Wortlos legt er einen weiteren Gegenstand auf den Tisch.

Die Wohnung ist verwahrlost. Überall stehen und liegen leere Flaschen. Auf dem Boden zusammengekauert, erkenne ich eine Gestalt. Langsam nähere ich mich ihr. Plötzlich kommt Leben in die Gestalt. Sie sieht auf. Blutunterlaufene Augen starren mich an. Erkennen mich. Lächelnd ziehe ich den Dolch.

„Hallo, Buck.“

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by RookieNightmare

Teil 1: Das falsche Haus

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