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Ausdruckslos starrte Gerhart aus dem Fenster des Altenheims. Er hatte ein kleines Zimmer im 2.Stock des Betonklotzes. Von hier aus konnte er den Garten des Heims überblicken: es gab Hochbeete wo die Senioren etwas pflanzen konnten, ein kleines Kaninchengehege, jede Menge Sitzgelegenheiten und sogar einen Teich. Doch der graue, regnerische Tag ließ Alles trostlos wirken.

Mit zitternden Händen steckte sich Gerhart eine Zigarette an. Er wusste das die Schwestern schimpfen würden,wie mit einem Kind aber das war ihm egal, er brauchte das einfach. Es war die Idee seiner jüngsten Tochter das er hier einziehen sollte da Gerhart doch da wo er wohnte, niemanden mehr hatte....Das stimmte zwar aber hier mochte er auch niemanden wenn er ehrlich war. Die Schwestern behandelten Alle gleich-wie Zurückgebliebene. Egal ob man noch fit im Kopf war oder nicht. Und die anderen Rentner....na gut,eine mochte Gerhart ein wenig. Die alte Huber. Die war 104 aber sie war nett,nicht nervig oder nur am jammern. Manchmal spielte sie den Pflegekräften sogar Streiche. Die alte Huber hieß eigentlich Elzbeth Huber. Sie war tatsächlich schon 105 aber noch gut beisammen und konnte noch einigermaßen laufen. Sie ging immer sehr krumm aber ohne Schmerzen. Darauf war Gerhart oft neidisch. Obwohl er noch gerade ging, schmerzte sein linkes Bein oft heftig. Da steckte ja auch noch eine Kugel drin....

Gerhart erinnerte sich noch genau wie er mit seinem Bruder Heiner in den Krieg zog. Anfangs noch sehr siegessicher... Sie waren 112 Soldaten und auf den Weg zur Ostfront. Er sah die Gesichter der anderen noch vor sich aber er wusste keine Namen, ausser einem. Ludwig. Der fiel ihm gleich auf,er verhielt sich merkwürdig, zuckte und hatte immer ein hintergründiges Grinsen auf dem Gesicht dennoch war er völlig emotionslos. Er war sicher auf eine Art krank und konnte somit nichts dafür aber....irgendwie.... irgendwie hassten ihn alle. Und doch waren Ludwig und Gerhart die Einzigen die überlebten.

Heiner fiel früh, er und Gerhart rannten gerade zum nächsten Schützengraben als Heiner ein Schuss traf, mitten in den Bauch. Gerhart spürte wie er erstarrte, ja versteinerte, während sein Bruder langsam in die Knie ging. Blut sickerte hervor und färbte den Schnee rot. Gerhart wusste dann nur noch wie er den Namen seines Bruders schrie doch er sah wie Heiners Augen brachen....ein untrügliches Zeichen des Todes. 

Das weckte eine andere Erinnerung. Als Gerhart noch ein Kind war spielte er im Sommer mit seinen Freunden, an diesem Tag kletterten sie auf eine alte Eiche. Ein mächtiger Baum mit starken Ästen. Schon bald waren die fünf Jungs hinaufgestiegen und turnten in den Zweigen, lachten... doch dann....brach ein Ast. Einer von Gerharts Freunden fiel. Vielleicht hätte er sich gar nicht verletzt. Aber sein Kopf schlug auf einen großen Stein auf. Er schrie wie von Sinnen. Seine kleinen Finger krallten sich in sein Gesicht und hinterließen blutige Spuren. Eine große Blutlache hatte sich schon gebildet und er wand sich noch Minuten lang in unvorstellbaren Qualen. Da saßen nur noch 4 Jugen auf dem Baum. Bleich vor Angst, das, was sie gerade gesehen haben war zu viel. Gerhart erinnerte sich auch noch schemenhaft an die Beerdigung des Jungen. Der Kopf wirkte unförmig, er war so blass und kalt. Seine Mutter war fast hysterisch und auch sein Vater weinte,wenn auch stumm. Die Blumen,mit denen der kleine Sarg bedeckt war,dufteten stark in der Sommerhitze sodass es einem fast schlecht werden konnte...

Jedenfalls, verlor er seinen Bruder an diesem Tag an der Ostfront. Und fühlte sich danach einfach nur leer. Sie konnten seine Leiche nicht mitnehmen und so blieb Heiner im Feindesland. Gerhart entging der russischen Gefangenschaft indem er sich tot stellte. Inzwischen war er abgehärtet. Er rieb sich mit Blut und Dreck ein und legte sich zwischen die Toten. Augen zu, möglichst flach atmen....und so kam er tatsächlich durch. Irgendwann auf der Heimreise traf er auf Ludwig, dessen Kleidung von getrocknetem Blut dunkel gefärbt war. Stolz erzählte dieser das er mindestens 200 Feinde erschossen hätte. Und oh Gott, dieses Grinsen dazu....Gerhart hatte zwar auch so manchen getötet aber....Ihn verfolgte das. Es machte ihn nicht stolz,wenn er an diese verzerrten Gesichter dachte, von Hass und Schmerz gezeichnet.

Einmal, geriet Gerhart ins Speerfeuer, er rannte, schrie und schoss um sich und wie durch ein Wunder überlebte er, nur einen Schuss in den linken Oberschenkel musste er einstecken. Später, als sie wieder ein paar Meter Land gewonnen hatten, ging er an den Ort des Geschehens zurück und merkte das er wohl nur einen getroffen hatte. Ein ganz junger Bursche, vielleicht erst 16. Tränen waren auf seinem Gesicht gefroren und seine Hand ruhte noch auf der Schusswunde, knapp unterhalb des Herzens. Wieder ergriff Gerhart diese Versteinerung. Ich habe ein Kind umgebracht und er hat gelitten, verdammt, dachte er. Noch heute weinte er, wenn er daran dachte. Damals wollte Gerhart sich manchmal einfach nur erschießen lassen....doch dann dachte er an seine Familie und riss sich zusammen.

Da war seine Frau Margot und seine Tochter, zudem war Margot schwanger als er in den Krieg zog, somit würde ihn noch ein Kind erwarten wenn er heim kehrte. Irgendwann war der Krieg dann zu Ende und Gerhart, war mit Ludwig auf dem Heimweg. Ein ewig langer Marsch. Manchmal konnten sie einen Teil der Strecke mit dem Zug zurück legen. Doch dann war es soweit. Gerhart stand vor seinem Haus, er war sehr aufgewühlt und wusste nicht ob er reingehen sollte oder überhaupt konnte...."Unsinn,rein da", dachte er und öffnete die Tür. Ein kleines Mädchen saß im Flur und zog ihrer Puppe einen Schuh an. Fragend schauten ihn die blauen Augen an. "Ich bins,Papa" sagte Gerhart mit zitternder Stimme. Und da, plötzlich, Erkenntnis in den Kinderaugen. Mit einem schrillen Freundenschrei warf sie sich an ihn und er nahm seine Ida auf den Arm, drückte sie an sich. Tränen liefen beiden die Wangen hinunter und zum ersten mal nach Beginn des Krieges fühlte Gerhart sich glücklich.

Leider konnte er sich aber nicht mehr daran erinnern wie er seine Frau kennen gelernt hat,dennoch fehlte ihm Margot jeden Tag. Sehr genau erinnerte er sich aber noch an ihren Todestag. Es war ein schöner,warmer Tag im Mai. Sie saßen beim Frühstück und überlegten was nun im Garten zu tun wäre. Margot liebte Gartenarbeit und so half Gerhart ihr gern. Er ging noch ins Bad um sich zu rasieren und als er fast fertig war, hörte er einen dumpfen Schlag. Schnell rannte er raus und nun, da lag Margot, neben den Tisch auf dem Fußboden. Ihre Tasse war umgekippt und Kaffe tropfte von der Tischdecke. Gerhart schrie...Nach einiger Zeit klopfte es an der Tür, die brüchige Stimme Ludwigs war zu hören, er fragte ob er den Notarzt rufen sollte,dieser stellte nur den Tod fest und das sie wohl einem Herzinfarkt erlegen ist. Gerhart hasste Ludwig immernoch aber er war ihm damals auch dankbar das er half. An die Beerdigung erinnerte sich Gerhart nicht wirklich, er wusste nur noch das Margot sehr friedlich aussah,nicht so wie sein Spielkamerad damals.....

Seufzend zog er an seiner Zigarette. Warum erinnert man sich nur an das Schlechte so gut? Aber halt, er wusste auch noch etwas Gutes aus seinem Leben. Seine Hündin. Einige Monate nach Margots Tod ging es Gerhart wirklich dreckig. Und wieder war es Ludwig der ihm half. "Du brauchst einen Hund!", sagte er als die Beiden sich auf dem Friedhof begegneten. Und nur diese eine Satz war es, der Gerhart lange beschäftigte und ihn zu dem Schluss kommen ließ, das Ludwig Recht hatte. So rief er seine jüngste Tochter an die auch gleich ganz begeistert von der Idee war. Im Tierheim war es unglaublich laut, Bellen, Heulen und Knurren mischte sich zu einer gewaltigen Disharmonie. Am liebsten wäre Gerhart gleich wieder rausgerannt aber er riss sich zusammen und so fiel die Wahl auf eine schneeweiße, belgische Schäferhhündin.

Auch sie war alt und somit ruhig, genau das richtige für ihn sagte die Mitarbeiterin des Tierheims. Und sie sollte Recht behalten. Die Hundedame welche auf den Namen Nova hörte sorgte dafür das es Gerhart etwas besser ging. Doch auch sie starb....zwar im stolzen Alter von 18 Jahren aber nun war Gerhart wieder allein und landete letztendlich im Heim. Schnell steckte er die Schachtel und den Aschenbecher weg als eine Schwester in sein Zimmer trat. Es war Rattenvisage. Er nannte sie natürlich nicht so aber wenn Gerhart sich mit der alten Huber unterhielt, hatten sie für alle Pflegekräfte Spitznamen. So eben auch für diese. Und zugeben, mit ihrem spitzen, ,schmalen Gesicht und der langen, ebenso spitzen Nase erinnerte sie schon ein wenig an eine Ratte. Aber sie war immerhin eine der freundlichen. Sie kündigte an das Doktor Schmieder ihn morgen sehen wollte und Gerhart nickte nur.

Er hielt ihn durchaus für einen fähigen Mann doch die Untersuchungen nervten ihn. Gerhart stand auf und ging zu seinem Nachtisch, nahm seine Schmerzmittel. In letzter Zeit schmerzte sein Bein immer mehr.  öfter. "Nun, ich habe eine schlechte Nachricht für sie" sagte Doktor Schmieder und blickte von seiner Akte auf. Gerhart seufzte und und sah ihn unruhig an. Anfangs verlief die Untersuchung ganz normal, bis sich der Arzt Gerharts Bein ansah. Dabei runzelte er die Stirn, tastete es ab und machte sich Notizen. Danach fuhren beide ins Krankenhaus. Doktor Schmieder meinte das Bein müsste geröntgt werden. Gerhart wurde nervös, das war kein gutes Zeichen, sicher nicht....

Nun, wo sie wieder in dem kleinen Zimmer im 2.Stock saßen, stieg die Anspannung. Der Arzt legte 2 Röntgenbilder auf den Tisch und Gerhart sah gleich was anders war. Die Kugel war gewandert. Normalerweise sah man wie sie im Oberschenkelknochen stecke. Sicher hätte er das operativ entfernen lassen können aber.....naja nun war es zu spät. Auf dem 2.Bild erkannte man die Kugel ein Stück vom Knochen entfernt im Fleisch. Gerhart fragte zaghaft was dies den nun bedeuten würde. Doktor Schmieder war ehrlich, er sagte das es nur 2 Möglichkeiten gab, entweder eine Operation oder nunja, sonst würde er sterben. Das kann aber auch bei der Op passieren betonte er. Gerhart fühlte sich als ob er heulen müsse, doch auf einmal.... als würde ein Schalter umgelegt, war er ruhig.

Er würde auf die Operation verzichten, ja mit 95 Jahren würde er sich das nicht mehr antun. Doktor Schmieder verabschiedete sich und Gerhart erinnerte sich plötzlich an etwas was Ludwig sagte als sie vorrückten: "Doch bevor ich sterbe, nehm ich noch manchen mit" ja und auf einmal, da verstand Gerhart ihn. Was Gerhart nie wahr haben wollte, war das er genauso verrückt war wie Ludwig. Nur konnte er den Wahnsinn der in ihm lebte all die Jahre klein halten, verstecken, denn er wollte ein guter Ehemann und Vater sein und das ist ihm auch gelungen. Doch nun, den Tod vor Augen, witterte der Wahnsinn seine letzte Chance, löschte den Verstand und nahm statt diesem Platz, ohja nun würde er zum Zug kommen. Nur wusste Gerhart nicht wie er möglichst viele mitnehmen konnte... ja wie nur....Doch nach wenigen Tagen kam ihm die Idee. Sein Bein schmerzte immer mehr und es war knallrot. Er bekam stärkere Schmerzmittel und Salben aber so richtig half dies auch nicht. Doch er musste sich zusammenreißen sonst ging sein Plan nicht auf. Er wollte Kuchen backen.

Einen schönen Obstkuchen mit Creme. Und diese....mit Überraschung. Er würde seine ganzen Blutverdünner hineinmischen. Und auch seine Schmerzmittel, die soll man ja auf keinen Fall mit dem Blutverdünner einnehmen, das würde die Wirkung nochmal verstärken. So saß Gerhart an seinem Tisch und zerstieß die Pillen zu Pulver. Endlich kam der Tag, Gerhart musste aber im Rollstuhl backen,sein Bein war inzwischen fast schwarz und er bereute es nicht einige Pillen aufgehoben zu haben. Egal, lange würde er es eh nicht mehr machen, das spürte er. Heute war leider die unfreundlichste Schwester von allen da aber auch das hielt Gerhart nicht davon ab. Er hatte eine Backmischung für den Boden, eine Pfirsichdose und eben eine Sahnecreme die er "verfeinert" hatte. Gerhart hat in seinem Leben selten gekocht und noch weniger gebacken. Dennoch ging ihm das ganze leicht von der Hand, ok, der Kuchen sah am Ende nicht wunderschön aus aber er würde schmecken...Morgen sollte es ihn dann geben.

Als er an dem besagten Tag wach wurde fühlte Gerhart sich elend. Seine Zeit war gekommen, sein Bein war tiefschwarz und die Schwärze kroch schon weiter. Doch er musste noch durchhalten, wollte er doch sehen ob er noch jemanden mitnehmen konnte. Am Nachmittag war es dann soweit, der Kuchen wurde aus dem Kühlschrank genommen und geschnitten, dazu gab es Kaffee. Fast die ganze Station war da sowie 4 Pflegekräfte. Sehr gut, dachte Gerhart, das würde sich lohnen. Alle saßen da und aßen. Sie lobten seinen Kuchen, er wäre wirklich lecker und schön süß. Ja natürlich ist er süß dachte er, ich musste doch den bitteren Geschmack der Tabletten übertünchen. Und so begann das Schauspiel.

Zuerst traf es Rattenvisage, sie war ja auch die kleinste und dünnste hier, sie stütze ihren Kopf ab, schaute verwirrt und brach zusammen. Schnell rannten die anderen Pfleger zu ihr doch auch sie verließen die Kräfte. Hach, sie fallen wie Insekten dachte Gerhart und auf seinem Gesicht breitete sich das Grinsen aus welches er bei Ludwig so verabscheut hatte. Doch auch ihm schwanden die Sinne, er sah noch wie einer der Männer in seinen lezten Zuckungen lag. Dann legte sich auch über Gerhart die ewige Dunkelheit.

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