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Ich kann nicht genau sagen, ab wann ich gespürt habe, dass in meinem Haus noch jemand wohnt.

Tatsache ist, ich bin vor einigen Monaten alleine in ein Haus gezogen, das für mich eigentlich viel zu groß ist. Ich habe es geerbt und das – trotz des Todes meiner betagten Tante – als Glücksfall empfunden.

Doch dann passierten diese Dinge.

Kleinigkeiten zuerst. Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Sofa, obwohl ich hätte schwören können, dass es am Vortag noch ordentlich im Bücherregal gestanden hatte. Oder die Sache mit der Fernbedienung.  Plötzlich lag sie immer an ganz seltsamen Orten, wo ich sie niemals abgelegt hatte. Glaubte ich zumindest. Aber natürlich dachte ich mir zunächst nicht viel dabei. Denn schließlich kann man sich ja immer mal geirrt haben, oder?

Aber dann, vor ein paar Wochen, geschah Folgendes: Ich schlafe immer bei gekipptem Fenster. Als ich morgens jedoch aufwachte, war das Fenster geschlossen. Sofort fuhr ich aus dem Bett. Es dämmerte noch und im fahlen Morgenlicht erschien mir mein Schlafzimmer auf einmal angsteinflößend. Ich stand auf und lauschte angestrengt, denn mein erster Gedanke galt natürlich Einbrechern. Es war grabesstill. Also schlich ich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer und mich traf der Schlag. Der Fernseher lief ohne Ton und auf dem Tisch lagen die Zeitschriften, die ich mir am Vortag gekauft, aber noch nicht aus dem Einkaufsbeutel herausgenommen hatte. Jemand hatte außerdem die Sofakissen auf den Boden geschmissen und die Decke zerknüllt.

Ich rief sofort die Polizei und wartete vor dem Haus auf die Beamten, da ich Angst hatte, der oder die Einbrecher könnten sich noch irgendwo im Haus befinden.

Doch niemand war da. Es fanden sich darüber hinaus im Wohnzimmer keine Fingerspuren. Keine Wertsachen fehlten. Und, das Merkwürdigste: Es fanden sich keine Einbruchsspuren an den Fenstern und der Haustür.

Ich hatte das Gefühl, dass mir die Polizei nicht so recht glaubte, dass jemand ins Haus eingestiegen war. Und als ich wieder alleine in meinem Wohnzimmer saß, kam mir ein beunruhigender Gedanke: Was, wenn der mysteriöse Einbrecher nichts ins Haus eingestiegen war, weil er sich schon die ganze Zeit über hier befand? Und da die Polizei den Dachboden und den Keller auf den Kopf gestellt und nichts gefunden hatte, konnte das nur bedeuten, dass der Einbrecher kein menschliches Wesen war.

Dieser Gedanke stand nun vor mir in meinem einsamen Haus, glasklar und beunruhigend. Übersinnliches ist mir nicht fremd. Ich gehöre zu den Leuten, die schwarze Katzen vermeiden und die an Traumdeutung glauben. Mein Wasser trinke ich am liebsten aus einer Kanne mit Edelsteinen und ich klopfe dreimal aufs Holz, um das Unglück abzuwenden. Ich glaube daran, dass manche Menschen nach ihrem Tod unsere Welt noch nicht verlassen können und noch eine Weile im Diesseits wandeln.

Und ich habe das wachsende Gefühl, dass dies in meinem Haus passiert.

Seit dem Vorfall schlafe ich schlecht, obwohl ich nachts das Licht anlasse. Nachdem ich mich durch ein paar Stunden unruhigen Schlafes gequält habe, wache ich mit einem Stein im Magen auf und mache meinen Kontrollgang durch das Haus. Alle paar Tage entdecke ich etwas. Und mir scheint, dass die Vorfälle extremer werden. Einmal stand mein Kleiderschrank sperrangelweit offen und ein paar meiner besten Kleidungsstücke waren auf dem Fußboden verteilt. Kurz darauf wurde ich von Wasserplätschern geweckt: Die Badewanne lief über und das ganze Badezimmer stand schon unter Wasser. Schließlich war eines Morgens mein antiker Spiegel zerkratzt.

Ich kann nicht mehr weitermachen. Am liebsten würde ich ausziehen. Doch das Haus wird sich aufgrund der ungünstigen Lage schlecht verkaufen lassen. Außerdem ist es, wie meine Tante stets stolz erzählt hat, seit hundert Jahren in Familienbesitz. Vielleicht sollte ich es mit einem Geisterjäger versuchen. Sobald mir dieser Gedanke kommt, durchströmt mich das angenehme Gefühl der Erleichterung. Ja, natürlich. Das sollte ich tun. Gleich morgen werde ich nach Geisterjägern suchen. Und wenn das alles nichts bringt, dann kann ich immer noch ausziehen.

Mit diesem positiven Gefühl gehe ich schlafen.

Als ich aufwache und sehe, was neben mir auf dem Laken liegt, setzt mein Herz einen Moment aus. Mit entfährt ein heiserer Schrei und ich springe aus dem Bett.

Es ist ein blutbeschmiertes Messer.

Angsterfüllt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen und meine Gedanken zu ordnen.  Das Schlafzimmer ist ansonsten unverändert. Nein, doch nicht. Bluttropfen führen von dem Messer über die Bettwäsche, auf den Boden und zur Zimmertür hinaus. Auf grauenhafte Arte weisen sie mir den Weg zur Küche und dort zum Esstisch. Ich muss meine Beine zwingen, sich vorwärtszubewegen. Mir wird schlecht, als ich sehe, was mein unsichtbarer Mitbewohner angerichtet hat. Eine Katze liegt brutal geschlachtet auf dem dunklen Walnussholz. Ihre Gedärme sind offen gelegt. Blutspritzer zieren die dunkle Platte.

Ich kenne die weiße Katze mit dem schwarzen Ohr genau. Sie gehört dem Nachbarn.

„Oh Gott.“ wispere ich.

Ich verlasse die Küche so schnell ich kann. Ich will nur raus aus diesem verfluchten Haus und niemals wiederkehren. Es kümmert mich nicht, dass ich noch meinen Schlafanzug trage und mich nicht gewaschen habe.

Auf dem Weg zur Haustür fällt mein Blick in den Flurspiegel. Ich erstarre. Ich sehe das leichenblasse Gesicht, die zerzausten Haare, die Blutspuren auf dem Oberteil, doch ich verstehe noch nicht. Während ich die Kratzer auf den Armen und den Wangen betrachte, braut sich irgendwo, in einem entfernten Winkel meines Bewusstseins, die Erkenntnis zusammen. Langsam bricht sie durch den dichten Nebel nach vorne und die Einzelteile setzen sich zusammen, als ich begreife, dass die Kratzspuren auf meiner Haut von einer Katze stammen.

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