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Venus-1351056

Es fing mit dem an, was sie Klimawandel nannten. Ich bin keiner dieser paranoiden Spinner, die den Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen halten oder sonst irgendeinen Quatsch darüber glauben. Unsere Fabriken, Autos und andere dreckverbreitende Technologien haben definitiv ihren Anteil daran. Trotzdem waren diese Klimaveränderungen nicht ganz allein unsere Schuld. Genauso wenig, wie es sich um ein natürliches Phänomen handelte. Das weiß ich inzwischen ohne jeden Zweifel. Auch wenn es jetzt zu spät ist, um etwas mit diesem Wissen anzufangen. Aber irgendwas muss ich ja tun. Ich kann nicht einfach nur still auf das Ende warten. Also schreibe ich es auf.

Jedenfalls stieg der CO2 Gehalt in unserer Atmosphäre mehr und mehr an. Das allein mag nicht verwunderlich sein. Immerhin pusteten nach wie vor ganz besonders die Industrie- und Schwellenländer gewaltige Mengen an Kohlendioxid in den Himmel. Was aber deutlich beuunruhigender war, war der Umstand, dass die Werte auch dann noch weiter stiegen, als wir endlich einen weltweiten Klimaplan verabschiedet hatten, der seinen Namen auch verdiente. Fabriken wurden sauberer, Energieerzeugung fand nun fast ausschliesslich durch emissionsfreie erneuerbare Energien statt und Elektrofahrzeuge setzten sich endlich gegen Diesel- und Benzinfahrzeuge durch. Selbst für die Luftfahrt hatten wir alternative Antriebe erschlossen, die nichts anderes absonderten als Wasserdampf. Dennoch stiegen die CO2-Werte unaufhörlich und erreichten bedenkliche Höhen.

Keiner von uns konnte sich erklären, warum das so war. Trotzdem waren die Folgen nicht zu übersehen. Durch den Treibhauseffekt wurde es wärmer und wärmer. Gletscher schmolzen dahin. Der Meeresspiegel stieg, brachte die Flut mit sich und machte dadurch alle Küstenstädte unbewohnbar. Die Menschen flohen ins Landesinnere und in diesem Chaos kam es zu Unruhen, Gewalttaten und mancherorts sogar zu regelrechten Bürgerkriegen zwischen Ansässigen und Flüchtlingen. In einigen Sommern wurde es auch in gemäßigten Regionen häufig wärmer als fünzig Grad. Tropenkrankheiten begannen sich auch in Europa und Nordamerika auszubreiten. Genauso wie die Schädlinge, die sie mit sich brachten. Wissenschaftler, Regierungen und sogar Konzerne versuchten eine Lösung für das Problem zu finden. Aber was sie auch taten, die Konzentration an Kohlendioxid stieg dennoch in immer rasanterem Tempo. Und das war nur der Anfang.

Als nächstes bemerkte ich, dass die Luft seltsam schmeckte und roch. Irgendwie metallisch und auch ein wenig nach faulen Eiern. Zunächst dachte ich noch, dass ich mir den Magen verdorben hatte oder einen Migräneanfall bekam. Auch einen Hirntumor schloss ich nicht aus. Aber der Geschmack und der Geruch blieben den ganzen Tag und den Tag darauf und die Migräne liess auf sich warten.

Ausserdem war ich nicht der einzige, der dieses Phänomen wahrnahm. Auch meine Frau, meine Kollegen auf der Arbeit und unsere Nachbarn bemerkten dasselbe. Und es dauerte auch nicht lange, bis in den Nachrichten darüber berichtet wurde. Wissenschaftler hatten festgestellt, dass Schwefelverbindungen und andere Chemikalien, die in unserer Atmosphäre bisher nur in Spurenelementen vorhanden gewesen waren, in immer höheren Konzentrationen vorkamen. Obwohl die meisten davon giftig oder ätzend waren, versuchten die Medien uns zu beruhigen. Zwar seien die Werte erhöht, aber noch sei die Konzentration nicht lebensbedrohlich. Aber das beruhigte kaum jemanden. Zu deutlich spürten wir die Auswirkungen.

Annegret Schmidt, eine nette ältere Frau aus unserer Nachbarschaft, mit der wir gelegentlich ein paar Worte gewechselt hatten und die uns oft ihre selbstgebackenen Kekse vorbeigebracht und von ihren Enkeln erzählt hatte, kippte eines Tages einfach mitten auf der Straße um. Obwohl wir sofort den Krankenwagen riefen, kam jede Hilfe zu spät. Ob der Tod der armen Frau Schmidt nun an der mörderischen Hitze oder den giftigen Substanzen lag, konnte niemand sagen. Die lokalen Medien berichteten nur etwas von einem angeblich angeborenen Herzfehler. Allerdings wussten wir, dass Annegret Schmidt an keinen solchen Herzfehler litt. Sie hatte uns immer gut über ihren Gesundheitszustand informiert. Es lag also nahe, dass die wahren Ursachen verschwiegen wurde.

Überhaupt berichteten die Medien auffallend wenig von den schrecklichen Ereignissen. Zwar konnte ich das schon irgendwie verstehen. Wahrscheinlich wollten sie damit nur weitere Panik verhindern, aber sie erreichten genau das Gegenteil.

Jegliches Vertrauen der Menschen in die Regierung und die Behörden schwand und die öffentliche Ordnung begann langsam zusammenzubrechen. Es kam zu Plünderungen, Raubüberfällen, Morden und Vergewaltigungen. Die Polizei war mit der Situation völlig überfordert, und so setzte man die Armee ein, die die Lage durch ihr gewalttätiges Vorgehen noch weiter verschärfte.

Doch erst als die ersten Hautausschläge und Verätzungen auftraten, wurde es wirklich schlimm. Hatten die meisten Menschen bisher noch einen Hauch von Anstand gewahrt, so zerschmolz auch dieser nun wie Schnee in der heisser werdenden Sonne. Die Menschen zogen sich auf sich selbst oder zumindest den engsten Freundes- und Familienkreis zurück.

Alle anderen waren jetzt Feinde. Konkurrenten um die knapper werdenden Nahrungsmittel, sauberes Wasser und Wohnraum. Sicher gab es auch Ausnahmen: Menschen, die Andere aus überfluteten Häusern zogen, sie vor dem sicheren Hitzetod retteten und mit in den kühlen Schatten ihrer Häuser nahmen, oder sich um Kinder kümmerten, deren Eltern gestorben waren. Aber diese Beispiele an Menschlichkeit waren so selten, wie sie bewundernswert waren. Die meisten uns wurden langsam zu Bestien. Alle die nicht auf eigene Faust plünderten, rotteten sich zu zerbrechlichen Banden zusammen, die allein von der Aussicht auf Beute zusammengehalten wurden. Andere formierten sich in kruden Weltuntergangssekten, die scharenweise Zulauf bekammen, jetzt wo der Beweis für ihre Prophezeiungen und Unheilverkündungen überall deutlich zu sehen war.

Über uns färbte sich der Himmel nun Orange. Die Zahl der Verätzungen nahm mit jedem Tag weiter zu. Immer öfter hörte man Menschen auf den Straßen Tag und Nacht husten. Manchen von ihnen spuckten auch Blut. Andere liefen mit stark gereizten, tränenden und trockenen Augen herum und manche von Ihnen erblindeten nach und nach vollständig. Gasmasken und Schutzbrillen wurden zum letzten Schrei unter allen, die es nicht vermeiden konnten ihr Haus zu verlassen und die genug Geld für diese Geräte hatten, und gaben den beinah leeren Fußgängerzonen einen noch apokalyptischeren Look. Doch auch sie halfen kaum gegen die immer schädlicher werdende Aussenluft.

Tiere und Pflanzen traf es genauso. Kühe, Pferde und Schweine verendeten auf den Weiden, die Ernten auf den Feldern verdorrten. Die Meere wurden immer saurer und lebensfeindlicher und waren bald überschwemmt mit toten Korallen und Fischen, deren Gestank und Fäulnisgase die Luft erfüllten und den Treibhauseffekt weiter anheizten. Durch all die neuen Substanzen und die in der Hitze langsam verdampfenden Meere, begann der Luftdruck ebenfalls bedenklich zu steigen, was die Sterberate und die Kreislaufprobleme in der Bevölkerung sogar noch weiter erhöhte.

Endlich gaben auch die Medien ihre Zurückhaltung auf. Man offenbarte uns die schonungslose Wahrheit: Wenn das so weiter ginge und die Konzentrationen an giftigen und ätzenden Verbindungen in diesem Tempo zunahmen, wäre die Menschheit in wenigen Wochen vollständig ausgelöscht. Einige Wissenschaftler vermuteten, dass hier in weniger als einem Jahr ein Klima und eine Atmosphäre vorherrschen würde, die mehr Ähnlichkeit mit den Verhältnissen auf der Venus besaß, als mit denen auf der früheren Erde.

Das war der Zeitpunkt, wo die Menschen begannen in die Bunker zu flüchten. Zumindest jene, die Zugang dazu hatten. Regierungsmitglieder, Milliardäre und Multimillionäre hatten natürlich ihre eigenen komfortablen Anlagen in die sie sich zurückzogen. Der Rest von uns musste mit den weit weniger luxuirösen öffentlichen Schutzbunkern vorlieb nehmen, die noch darüber hinaus nicht genug Platz für alle Menschen boten. Da in unserer Nachbarschaft bereits viele bei Plünderungen und Unruhen ermordet oder an den Folgen der Atmosphärenveränderung gestorben waren, fanden meine Frau und ich noch recht leicht einen Platz. Andernorts gab es aber brutale Kämpfe um die letzten Bunkerplätze. Viele wurden zertrampelt, erstochen, erschossen oder kamen auf andere Weise ums Leben. Andere entschieden sich von vorneherein für den Freitod. Und zwar nicht allein die Sektenanhänger, die sich in pompösen Ritualen erdolchten oder Gift zu sich nahmen, in der Hoffnung irgendeinen der Götter gnädig zu stimmen, die uns doch ganz offensichtlich aufgegeben hatten. Auch Familienväter und Mütter brachten nicht selten sich und ihre Kinder um, um nicht einen qualvolleren Tod sterben zu müssen. Wahrscheinlich waren sie alle die glücklicheren. Und die schlaueren.

Denn eigentlich war den meisten von uns Überlebenden bewusst, dass wir unser Ende nur hinauszögerten und einfach sklavisch einem sinnlos gewordenen Überlebenstrieb folgten. Denn im Grunde waren ein paar Monate in einem beengten Bunker nicht wirklich besser als der sofortige Tod. Und niemand glaubte mehr ernsthaft daran, dass wir unseren Planeten irgendwann wieder bewohnen konnten. Dass wir noch einmal unbeschwert unter einem blauen Himmel spazieren gehen konnten. Nein. Es war albern darauf zu hoffen.

Selbst wenn sich die Veränderungen wie durch ein Wunder umkehren sollten, so waren doch alle unsere Nahrungs- und Lebensgrundlagen dahin. Ohnehin war es fraglich, ob wir noch lange in den Bunkern ausharren konnten. Sie waren dazu gemacht im Falle eines Bombenangriffs und bestenfalls auch noch eines nuklearen Angriffs Schutz zu bieten. Aber es waren keine Habitate, die für das Überleben auf einem fremden Planeten gemacht waren. Und auf einem solchen würden wir uns schon sehr bald befinden. Bereits jetzt begann die ätzende Luft unsere Lüftungssysteme anzugreifen.

Fast genauso schlimm war es, dass noch immer niemand herausgefunden hatte, warum all das überhaupt passierte. Zumindest wollten wir doch wissen, warum unsere Jahrtausende alte Zivilisation und das noch um ein vielfaches ältere Leben auf unserem Planeten einfach so verschwanden.

Zwei Monate sind inzwischen vergangen, in denen unsere Vorräte immer weniger und unsere Stimmung immer schlechter geworden ist. Genauso wie die Luft. Der Sauerstoffgehalt dort Draußen sinkt mit jedem Tag weiter. Und bald werden wir auch im Bunker nicht mehr atmen können. Dann wäre es endgültig vorbei. Falls wir nicht vorher übereinander herfielen. Einer unserer Nachbarn, Karsten, hat letztens meine Frau mehr als nur lüstern angesehen. Und es war kein sexuelles Verlangen, das ihn antrieb. Er murmelte vielmehr etwas davon, was er für ein ordentliches Stück Fleisch geben würden …

Aber Immerhin auf diese eine Frage nach dem Sinn unseres Untergangs haben wir jetzt eine Antwort erhalten. Auf einem kleinen altmodischen, batteriebetriebenen Fernseher, den einer unserer Nachbarn mit in unsere Zuflucht genommen hatte, schalteten wir einmal am Tag das letzte Notfallprogramm ein, das noch lief. Dort zeigten sie uns eine Aufnahme von fünf fremdartigen, scheibenförmigen Objekten, aus denen hunderte dürrer hässlicher Wesen mit übergroßen Köpfen gestiegen waren. Es brauchte nicht mehr die Erklärung des Sprechers, um mir die Bedeutung dieser Bilder klarzumachen:

Das waren Reisende aus einer fremden Welt, die die Suche nach einer neuen Heimat zu unserer einstmals blauen Erde geführt hatte, und die ganz offensichtlich über die Technologie verfügten, um sich ihr neues Zuhause ein wenig wohnlicher zu gestalten. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die bisherigen Bewohner. Falls sie überhaupt von uns gewusst hatten. Vielleicht sind wir auch schlicht zu primitiv und unwichtig gewesen, um von ihnen wahrgenommen zu werden.

In unserer Sprache hätte man das, was sie mit unserem Planeten angestellt haben als „Terraforming“ bezeichnet. Wie sie es nannten, kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren sie damit überaus erfolgreich. Denn die Erde gehörte nun ganz und gar ihnen. Sie waren jetzt die eigentlichen Bewohner. Wir dagegen waren nun nichts weiter als fremde Besucher. Und wir waren vom Aussterben bedroht.


Kunstpigmente auf Pflanzenfaser. Exponat aus dem Xaltolanischen Museum für Frühgeschichte – Übersetzung aus der unbekannten Sprache der inzwischen ausgestorbenen Eingeborenen.

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