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„Der Krieg bringt im Menschen das Beste und das Schlimmste zum Vorschein. Er macht einen zum Helden oder zum Monster.“

Die Schlacht um Stalingrad war eine der blutigsten Schlachten der Menschheitsgeschichte. Wehrmacht und Rote Armee kämpften um jede Straße, jedes Stockwerk, jeden Fußbreit Boden. Für beide Seiten galt: Keinen Schritt zurück.

Anton Schmidt hatte bereits in Polen und Frankreich gekämpft, doch der Russlandfeldzug hatte ihm ein neues Maß an Grausamkeit gezeigt. Die Gräueltaten der deutschen Streitkräfte hatten einen neuen Höhepunkt erreicht. Aber auch die Rote Armee zeigte gegenüber den Invasoren nur wenig Gnade. Doch in diesem unmenschlichen Konflikt hatte Schmidt es geschafft, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. Bis er nach Stalingrad kam.

„Schmidt, Müller! Schaltet endlich das MG im Fenster aus!“ brüllte der Feldwebel von der Straße. Schmidt und sein Kamerad Hans Müller hatten sich durch die Ruine eines Wohnhauses geschlagen. Jetzt befanden sie sich auf einer Höhe mit dem MG-Nest und Müller legte den Lauf seiner K98k auf eine Fensterbank. Schmidt hielt ihm dabei mit seinem Gewehr den Rücken frei.

„Macht schon!“ brüllte der Feldwebel erneut. Müller legte sein Gewehr an und zielte auf den MG-Schützen. Ein Schuss knallte und der Russe fiel getroffen vom MG weg. Als ein zweiter Russe zum MG lief, schoss Müller erneut.

 „Vorwärts!“ brüllte der Feldwebel, als das MG-Feuer ausblieb. Schmidt und Müller verließen die Ruine und schlossen sich ihren Kameraden an, die nun das Haus stürmten. Die Soldaten warfen Granaten durch die Fenster und stürmten dann den Eingang. Im Haus entbrannte ein gnadenloser Nahkampf mit Granaten, Pistolen, Bajonetten und Feldspaten. Die Deutschen kämpften sich die Stockwerke hoch bis zum Dach. Schmidt, Müller und zwei andere Soldaten hatten die Aufgabe, den Keller zu räumen, doch dort trafen sie nur auf Tote und Sterbende.

„Was ist hier passiert?“ fragte einer der Soldaten.

„Die Russen haben alle Toten und zu schwer Verwundeten nach unten gebracht, damit sie oben nicht im Weg liegen oder die anderen ablenken", antwortete Schmidt.

„Passt trotzdem auf. Manche von den Kerlen haben Handgranaten", warnte Müller zynisch. Müller war Berufssoldat und kämpfte bereits in seinem zweiten Krieg. Mit gerade einmal 15 Jahren hatte er sich freiwillig zur preußischen Armee gemeldet und im ersten Weltkrieg gekämpft. Als die Wehrmacht neu aufgestellt wurde, meldete er sich erneut. Müller und Schmidt hatten sich während des Polenfeldzuges kennengelernt und konnten sich anfangs nicht ausstehen. Schmidt hinterfragte den Krieg des öfteren, wohingegen Müller mit feurigem Eifer dabei war. Besonders hatte er sich dem Krieg gegen den Kommunismus verschrieben. Gerade am Anfang kam es zwischen den Beiden zu Streitereien und Handgreiflichkeiten. Doch nach diversen Gefechten wurden aus den beiden Streithähnen gute Freunde.

Als Schmidt in einen Raum ging, sah er einen schwer atmenden russischen Soldaten, der an der Wand lehnte. Schmidt schulterte sein Gewehr und ging auf den Russen zu, der ihn nur aus leeren Augen anschaute. Er hockte sich neben ihn, holte seine Wasserflasche hervor und ließ den Russen daraus trinken.

„Spasibo", sagte der Russe. Nach diesem Dank sank sein Kopf auf die Brust. Er war gestorben. Schmidt packte seine Feldflasche weg und verließ den Raum wieder. Er hatte sich daran gewöhnt, dass um ihn herum Menschen starben. Täglich wurden seine Kameraden getötet, verhungerten oder erfroren. Auch sah er täglich tote russische Soldaten und Zivilisten. Dies war trauriger Alltag im Kessel.

„Was gefunden?“ fragte Müller, als Schmidt zu ihm in einen anderen Raum kam.

„Nur Tote“ kam als Antwort.

„Ist ja mal was Neues“ war die sarkastische Erwiderung. Müller wollte gerade den Raum verlassen, als er einen der anderen Soldaten hörte.

„Der hier hält was in der Hand.“

„NICHT!“ schrie Müller noch, doch es war zu spät. Der junge Soldat bewegte die Leiche und löste so die versteckte Mörsergranate aus. Müller wurde zurück in den Raum und gegen Schmidt geschleudert. Beide Männer verloren das Bewusstsein.

Als Schmidt aufwachte, war es stockdunkel in dem Raum. Die Explosion hatte den Eingang dermaßen verschüttet, dass man die Hand kaum vor Augen sah. Schmidt kroch über den Boden und tastete sich langsam vor. Er spürte, wie der Boden feucht und schmierig wurde, und stieß gegen eine zuckende Masse.

„Hans?“ fragte Schmidt mit erstickter Stimme.

„Anton…“ kam als schwache Antwort. Schmidt robbte an die Stelle, wo er den Kopf seines Freundes vermutete. „Ich spür meine Beine nicht.“ Schmidt ahnte, was der feuchte Boden und die zuckende Masse zu bedeuten hatten. Die Mörsergranate hatte seinem Freund die Beine weggerissen, und nicht nur das. Schmidt hörte, wie Müller hustete. Es war ein rasselnder Husten, der auf eine zerrissene Lunge deutete. Schmidt wusste, dass sein Freund sterben würde.

Die Zeit verstrich, doch Schmidt wusste nicht, ob Stunden oder Minuten vergangen waren. Auch wusste er nicht, wie lange Müller schon tot war. Schmidt hatte versucht, mit ihm zu reden, ihn wach zu halten. Doch Müller hatte einfach aufgehört zu atmen. Dann war es still und Schmidt saß mit angewinkelten Beinen in der Dunkelheit und der Kälte. Irgendwann glaubte er, schon seit Tagen hier gefangen zu sein. Doch weder die Dunkelheit noch der Tod seines Freundes setzten ihn so dermaßen zu wie der Hunger.

Seit die Russen den Kessel geschlossen hatten, konnten die deutschen Soldaten und ihre Verbündeten kaum noch versorgt werden. Die Soldaten ernährten sich seit Monaten von Ratten und toten Transporttieren. Doch auch diese gingen zur Neige. Schmidt hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, und sein Hunger trieb ihn fast in den Wahnsinn. Die Zeit verging weiter und Schmidts Hunger wurde unerträglich. Er schaute zu der Leiche seines Freundes, zog sein Bajonett aus der Scheide und robbte zu Müller hin.

„Es tut mir leid, mein Freund“ sagte er noch, bevor er das Bajonett in Müllers Arm rammte. Er schnitt ein großes Stück heraus und hielt es in der Hand. Dann biss er in den blutigen Muskel und schlang das rohe Fleisch runter.

Schmidt aß erst das Fleisch seines Freundes, wenn der Hunger zu stark wurde und es nicht mehr anders ging. Er hatte das letzte Stück Fleisch vom Armknochen geschnitten, als er über sich Stimmen hörte. Es waren Deutsche.

„Ich bin hier unten!“ schrie er, so laut er konnte. Dann hörte er Gemurmel und wie Steine weggeräumt wurden. Nach einer Stunde sah Schmidt zum ersten Mal seit einer Ewigkeit Tageslicht. Er hielt sich die Hand über die Augen und wurde dann von vier Händen aus den Trümmern gezogen.

„Anton!“ sagte einer der Soldaten voller Erleichterung. Schmidt blinzelte den Mann an.

„Erwin?“ fragte er.

„Mein Gott, wir dachten, du seist tot. Was ist passiert?“ Schmidt war tatsächlich von seiner Einheit gefunden worden. Erwin Weber war ein junger Schütze, den Müller und Schmidt unter ihre Fittiche genommen hatten. Stalingrad war sein erstes Gefecht. Schmidt erzählte alles, von der Mörsergranate und wie Müller starb. Was danach geschah, erwähnte er nicht.

„Und du bist unverletzt?“ fragte Weber besorgt. Schmidt nickte. „Ich frage nur, weil du am Mund blutig bist.“

„Rohe Ratten“ kam als knappe Antwort und die anderen Soldaten fragten nicht mehr.

Schmidt merkte, dass er sich seit diesem Tag verändert hatte. Seine Sinne wurden schärfer und seine Reflexe waren verstärkt. Doch auch sein Hunger hatte sich verändert. Wenn er und seine Kameraden Rationen bei russischen Toten oder Gefangenen fanden, oder die Luftwaffe es doch mal schaffte, Nachschub in den Kessel abzuwerfen, so machten ihn diese nicht satt. Auch konnte Wasser nicht mehr seinen Durst löschen. Das Einzige, was seine Gelüste stillen konnte, war Menschenfleisch und Blut. Aber er tötete nicht, um an Fleisch zu kommen. Er schnitt es von gefallenen Soldaten und aß nur, wenn der Hunger unerträglich wurde. Doch je mehr er aß, umso größer wurde sein Hunger und umso mehr veränderte sich sein Körper. Seine Haut wurde bleicher und seine Zähne spitzer. Auch wurde er empfindlicher, was die Sonne anging. Schmidt versuchte immer wieder gegen den Drang, Fleisch zu essen und Blut zu trinken, anzukämpfen. Doch länger als ein paar Tage hielt er es nicht durch.

„Anton, bist du wach?“ fragte Weber. Schmidt nickte. „Dann komm, wir müssen los“ sagte Weber weiter und schulterte sein Gewehr. Schmid nahm seine erbeutete PPsh-41, eine russische Maschinenpistole, und folgte Weber. Die beiden Soldaten sollten zusammen mit anderen die Kanalisation patrouillieren. Auch hier unten tobten blutige Kämpfe um jeden Zentimeter Boden. Schmidt war schon öfters hier unten gewesen und kannte die Gegebenheiten. Für Weber war es das erste Mal, und er war dem entsprechend nervös.

„Halte dich einfach an mich, dann kommst du hier wieder raus“ sagte Schmidt, um Weber zu beruhigen.

„Was ist in letzter Zeit mit dir?“ fragte Weber besorgt. „Du wirkst abgelenkt und siehst noch blasser aus als sonst. Auch hast du die letzten Wochen kaum etwas gegessen oder getrunken.“

„Mir geht es gut“ sagte Schmidt schwach. „Das ist dieser scheiß Krieg. Ich bin schon zu lange dabei.“ Die Soldaten hatten sich in Zweiertrupps aufgeteilt. Schmidt und Weber gingen ihre Route durch verdrecktes Wasser und Dunkelheit. Weber leuchtete mit seiner Taschenlampe den Weg, als Schmidt hinter einer Abzweigung russisches Gemurmel hörte.

„Warte hier“ sagte er zu Weber und schlich zur Abzweigung. Er stieg aus dem Wasser und drückte sich gegen die Wand. Als er näher kam, erkannte er, dass dort drei Russen waren. Zwei Männer und eine Frau. Schmidt schlich bis zum Ende der Wand und machte eine Stielhandgranate scharf. Er zählte bis drei und warf die Granate den Gang hinunter.

„Granata!“ hörte er noch einen der Soldaten schreien; dann detonierte die Granate. Schmidt wartete, bis das Klingeln in seinen Ohren nachließ. Dann ging er mit der MP im Anschlag in den Gang. Die beiden Soldaten waren tot, nur die Frau lebte noch. Die Splitter hatten sie in Bauch und Oberkörper getroffen, sie konnte aber noch gerettet werden. Schmidt erkannte, dass sie eine Sanitäterin war.

„Pomogi mne!“ flehte sie mit schwacher Stimme. Schmidt kniete sich neben sie und hielt ihre Hand. „Pozhaluysta!“ hörte er sie wieder flehen. Schmidt kämpfte mit sich. Ein Teil von ihm wollte ihr helfen, er wollte einen Sanitäter holen. Doch da war noch ein anderer Teil in ihm, der nun die Oberhand gewann. Schmidt beugte sich zu der Russin runter und versenkte seine Zähne in ihren Hals. Die Frau versuchte zu schreien, als Schmidt ihr Blut trank. Sie brachte aber nur ein ersticktes Gurgeln hervor.

„Anton…“ hörte Schmidt plötzlich jemanden verunsichert flüstern. Als er herum fuhr, sah er einen verstörten Weber einige Meter hinter sich stehen. „Was machst du da?“ stammelte er. Schmidt sah den jungen Soldaten mit wildem Blick an.

 „Verschwinde!“ fauchte er ihn an. Weber stand da wie angewurzelt. Erst als Schmidt einen Schritt auf ihn zu machte, ergriff er panisch die Flucht. Dann wandte sich Schmidt wieder der Frau zu. Mit Tränen in den Augen schaute sie ihn an. Dann biss er erneut zu und riss ihr die Kehle heraus. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Gier schaute er auf sein nun totes Opfer, und mit einem markerschütternden Schrei verlor er den letzten Rest seiner Menschlichkeit.

Seit diesem Tag berichteten Russen und Deutsche von einem Wesen in einer Uniform der Wehrmacht, das die Stalingrader Kanalisation durchstreifte und gezielt Jagd auf Menschen machte. Dabei war es ihm egal, ob es sich bei seinen Opfern um Russen oder um Deutsche handelte.

Auch noch heute, mehr als 80 Jahre nach der Schlacht, kann man in der Wolgograder Kanalisation die Schreie der Bestie von Stalingrad hören.

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