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„Allegro ma no molto.“, flüsterte der Mann andächtig, als ich mich von hinten an ihn heranschlich: „Tianwa Yang trägt zu Recht die Bezeichnung als Wunderkind der Violine. Ihre Interpretation von Vivaldis Jahreszeiten sucht ihresgleichen. „Und doch.“, murmelte ich mit ebensolcher Andacht, „Ist sie kein Kind mehr, guter Mann, sondern eine erwachsene Frau, deren Talent durch Jahre der Übung geschliffen wurde.“ Die Reaktion fiel aus wie befürchtet. Er fuhr herum, stolperte beinahe über seine eigenen Füße: „Großer Gott, Sie können mich doch nicht so erschrecken.“, maulte er mich an. Ich verzog meine schwarz bemalten Lippen zu einem Lächeln der Entschuldigung, nie hatte ich stärker geheuchelt, und wandte mich um. Der Saal war voll, aber nicht überfüllt, und ich bewunderte wie schon beim Eintreten die mit Gold verzierte Treppe zu den Sitzplätzen, auf denen ich mit so vielen anderen und diesem Banausen noch den wohltuenden Klängen von Chinas Meisterviolinistin gelauscht hatte. In den Augen des Löwen, in dessen Kopf das Geländer auslief, konnte ich mich sogar spiegeln. Das daraus resultierende Lächeln war echt. Ach, was hatte ich mich doch heute wieder herausgeputzt.

„Verzeihen Sie bitte.“ Die Ansprache erreichte mich nahezu gleichzeitig mit einer leichten Rempelattacke eines jungen Mannes, der offenbar das Gleichgewicht verloren hatte. Ich taumelte, stützte mich am Löwenkopf ab und atmete auf. Das war knapp, mein enges Kleid wäre an den Knien um ein Haar gerissen. Der Mann berührte mich leicht an der Schulter, nicht unsittlich, eher besorgt: „Ich bitte um Entschuldigung. Mein Gleichgewicht war nie besonders gut und ich hätte sicher nicht laufen und zugleich die Deckenmalerei bewundern sollen...“ Perfekt.

„Aber warum denn nicht?“ Ich legte so viel Sanftmut und Herzensgüte in meine Stimme wie möglich: „Immerhin ist es doch die Bestimmung von wahrer Kunst, bewundert zu werden.“ Er errötete leicht und blickte zu Boden, nur für eine Sekunde. Ich kannte diese Reaktion, hatte sie oft genug bewusst hervorgerufen. Menschen empfinden Intimität von Fremden oft als unangenehm, und wenig ist intimer als meine Flirt-Stimme. „Da ist sicher etwas dran.“, murmelte er mit einem nervösen Lächeln. Ich schätzte ihn auf fünfundzwanzig, vielleicht etwas jünger, und machte mir das zunutze: „Verzeihen Sie wenn ich frage, aber ich bin durchaus ein wenig verwundert. Man begegnet selten so jungen Leuten bei einem Concierto, dessen Inhalt sich auf klassische Musik beschränkt.“ Wieder ein leises, nervöses Lachen, aber er schien lockerer zu werden. Gut. Je weniger wachsam, desto leichter kann man zustechen. „Ja, na ja, ich wette, Sie sind mehr an anderen Umgang in diesen Kreisen gewohnt, aber ich bin wohl eine Ausnahme der Regel. Ich liebe diese Form der Musik und betrachte sie als viel zu wenig geachtet. Meine Freunde geben sich da eher mit Technomusik ab, oder mit Deathmetal und wie das alles heißt. Ich kann diesem Gewumme nicht besonders viel abgewinnen.“

Gewumme, wie originell. Nicht. Ich mag solche Ausrutscher in den einfachen Sprachgebrauch nicht. Ansonsten schien dieser aber sowohl gebildet als auch kultiviert zu sein, vielleicht ein wenig zu schüchtern. Aber das ließe sich ändern...

„Und Ihre Begleitung, wenn ich danach fragen darf?“, hauchte ich, stolz darauf, meine Mandelentfernung einem Profi anvertraut zu haben, bei dem meinem restlichen Hals, besonders meiner Stimme, nichts passierte: „Wie steht sie zu dieser Musik? Vermutlich auch so wie Sie, nicht wahr?“ Er räusperte sich: „Ich habe keine Begleitung. Sehe ich denn so aus, als würde ich..? Also, ich bin allein hier. Möchte einfach nur die Kunst genießen.“ Perfekt. Perrrrrfekt!

„Dann geht es Ihnen ein wenig wie mir, muss ich sagen. Nun, meine Verabredung hat mich versetzt, weiß der Himmel den Grund. Wollen Sie mir nicht noch ein wenig Gesellschaft leisten?“ Er wollte.

Wenn ich an frühere Versuche denke, steigt mir noch heute ab und an Schamesröte ins Gesicht. Nuttig komme ich mir dann vor, und primitiv. Aber es war wohl nur eine Art Findungsphase, und inzwischen bin ich außerordentlich gut. Das ließ ich auch den jungen Mann, der sich als ein dreiundzwanzigjähriger Bibliothekar namens Erik entpuppte, spüren. Ich flirtete so intensiv wie selten und er nahm jedes meiner Worte auf wie ein Schwamm. Vielleicht half auch mein nahezu hautenges Kleid in Gold und Lapislazuli, vielmehr dessen tiefer Ausschnitt, und die Tatsache, dass ich ein wahrlich erotisches Interesse an ihm an den Tag legte. Leider war die Pause viel zu schnell um und das Konzert ging weiter. Frau Yang brachte eine ganze Reihe an Solostücken von Ysaye zum Besten und verdiente sich jede Sekunde des am Ende erklingenden Applauses. Ein Festmahl für den Musikgourmet.

Ich beeilte mich mit Hintergedanken, schnell am Ausgang zu sein. Mein Vorteil war, dass ich aufgrund der sommerlichen Temperaturen keine Jacke am Empfang abzuholen hatte. Dann wartete ich geduldig und bewunderte mich derweil in der Glasscheibe der Eingangstür: Eine Figur wie sie den griechischen Göttinnen zugeschrieben werden konnte, verpackt in mein Kleid, dessen eigentlich blaue Streifen in dieser sternenlosen Nacht wie schwarz glänzten. Ich musste dabei unwillkürlich an meinen Spitznamen denken: Die Biene von Berlin. So nannten sie mich schon seit einigen Monaten. Das Kleid endete am unteren Teil eines etwas zu dünnen Halses, für meinen Geschmack, der wiederum in ein blendend hübsches Gesicht mündete wie ein Fluss ins Meer. Mein schwarzer Lippenstift bildete einen erotischen Kontrast zu meiner weißen Haut, meine Augen hatten eine leicht an eine asiatische Abstammung erinnernde Knospenform, meine langen, schwarzen Haare waren mit einer zehn Zentimeter langen Nadel hochgesteckt.

„Warten Sie auf jemanden?“ Die Stimme riss mich aus meiner geradezu narzisstisch anmutenden Bewunderung meiner selbst und ließ mich aufsehen. Erik stand neben mir und lächelte. Verdammt, ich begann diesen Kerl echt zu mögen. Falsche Voraussetzung für meine Art von One-Night-Stands: „Oh, wenn Sie mich so fragen: Ja, ich warte auf Sie.“ Das überraschte ihn wohl, er fragte mich nach dem Warum. Ich legte so viel Liebe in mein Lächeln wie möglich: „Nun, da meine eigentliche Verabredung sich nicht dazu herabgelassen hat, mit mir einer wahren Künstlerin zu lauschen, dachte ich, dass...“ Ich zögerte. Nicht weil es mir peinlich war, sondern weil er glauben musste, dass es mir peinlich war. Menschliche Verhaltensstandarts sind so verwirrend: „Also, nicht dass ich gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte, aber nun... hätten Sie etwas dagegen, mir noch über den Abend hinweg Gesellschaft zu leisten? Die Unterhaltung mit Ihnen war ausgesprochen erfrischend und ich sehe nicht ein, warum wir sie nicht fortsetzen sollten.“ Er auch nicht, offensichtlich.

Ich wohnte nicht allzu weit von dem Konzertsaal entfernt und hatte so unterwegs nicht allzu viel Zeit, ihn noch besser kennen zu lernen. Was ich wusste waren sein Name, Beruf, Alter und dass er ausgesprochen hochtrabende Gedanken hatte. Wundervoll. Fragte sich nur, ob er seinen Intellekt auch praktisch anzuwenden wissen würde. Als wir meine Wohnung betraten, beschloss ich ohne Umschweife herauszufinden, ob es so war. Kaum war die Tür hinter mir geschlossen, murmelte ich mit gespielter Verlegenheit: „Ich muss gestehen, ich habe gelogen als ich sagte, ich wollte die Unterhaltung fortführen.“

Er blickte mich verwirrt an: „Wie... wie bitte? Inwiefern haben Sie gelogen..?“ Ich schmunzelte. Naiver junger Bursche. Statt zu antworten zog ich am Rückenverschluss meines Kleides und ließ es herunterfallen. Gönnte Erik ein paar Sekunden den unverhohlenen Blick auf meinen makellosen Körper, bis ich auf ihn zustürmte und meine Lippen auf seinen stummen, zitternden Mund presste. Seine Beine gaben nach, wir vielen zu Boden und ich war froh um den Perserteppich, den ich vor ein paar Tagen erst gekauft hatte. Eigentlich schade drum, er gefiel mir sehr.

Wir sprachen wenig, und am Anfang war er keinesfalls gut. Mich beschlich das Gefühl eine Jungfrau unter mir zu haben, aber das störte mich nicht. Ich übernahm schon immer gerne die Führung. Außerdem lernte er ausgesprochen schnell, wie ich merkte. Ein paar sanfte, dann stärker werdende rythmische Bewegungen meines Beckens und er hatte den Dreh mehr oder weniger raus. Seine Klamotten mussten leider dran glauben, den einen oder anderen Riss würde man nur schwer ausbessern können, nachdem ich sie ihm von Leib gefetzt hatte. Ein Gefühl der Ekstase überkam mich, als wir uns eng umschlungen über den Boden rollten, und als er begann meine Brüste oral zu verwöhnen konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich griff in meine Haare, zog die Nadel heraus und stieß sie ihm seitlich durch den Hals. Das Blut schoss nicht heraus wie es einem in billigen japanischen Filmen oft gezeigt wird, es floss wie ein kleines Rinnsal seine Schulter entlang, während er keuchte und röchelte. Ich richtete mich auf, sodass wir sitzend ineinander steckten und erreichte meinen Höhepunkt, als sein Blut meinen Schoß erwärmte. Mein Lustschrei war erstaunlich.

Ich brach auf ihm zusammen, riss die Nadel aus seinem Hals und japste wie er nach Luft, bekam keine und bäumte mich erneut auf. Noch einmal erfasste mich diese geliebte Ekstase, noch einmal stach ich zu, dieses Mal in seine Brust. Er jaulte auf, ließ mich an seinem Schmerz teilhaben, bis er schließlich verstummte. Der Schweiß auf meiner Haut trocknete, ebenso sein Blut, und nach einer langen Atempause stand ich auf. Seine Brust bewegte sich noch leicht, mit jedem Atemzug floss mehr Blut aus seinen beiden Stichen. Ich zögerte kurz, streckte mich und kniete mich dann hin: „Weißt du, mein Süßer... das hätte ich echt nicht erwartet. Du warst ausgesprochen gut.“ Wie zum Dank drückte ich ihm einen langen, ehrlichen Kuss auf die unbewegten Lippen. Dann verließ ich das Zimmer, um mich zu duschen. Die Erinnerung an sein sterbendes Zucken und den Duft seines Lebenssaftes verleitete mich dazu, mithilfe des Duschkopfes zu masturbieren, bis ich zum dritten mal an diesem Abend in einer Explosion der Lust versank. Fast tat er mir leid, weil er kein einziges mal hatte kommen können.

Nach einer ausgiebigen Reinigung meines wunderschönen Körpers und dem Anlegen von praktischen Kleidern machte ich mich daran, seinen Körper zu drapieren. Legte ihm die Nadel in den Mund wie ein spanischer Tänzer es in diesem alten Tanzfilmen mit einer Rose tut und verstreute ein wenig gelbes Pulver über ihm. Nichts besonderes, aber eines meiner Markenzeichen. Sie nennen mich nicht nur Die Biene von Berlin, weil ich steche.

Ich bestäube schließlich auch.

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