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Ihre Nase juckte und sie kratze sich ein bisschen. Es war irgendwie ekelhaft, was sie roch. „Ich muss mir unbedingt die Hände waschen.“, dachte sie still bei sich. Weiter ging es durch die Straße, Richtung Supermarkt. Ihre Kleidung war schmutzig und ihre Haare wehten in dem Wind, der langsam aufzog. „Habe ich abgewaschen?“ Nachdenklich und mit einem Hauch von Schuldbewusstsein zog sie die Augenbrauen hoch und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Etwas Weiches klebte an ihrer Stirn, das sie mit einem leichten Kratzen entfernen konnte. Sie schnalzte es lässig auf die Straße, wo es am Boden haften blieb. Weich und rosa sah es aus. Was war das bloß? Sie leckte an ihrem Finger und ein süßer, fauliger Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Voller Ekel verzog sie ihr Gesicht. Eier, Milch, Käse... Immer wieder murmelte sie die Einkaufsliste. Eier, Milch, Käse... Und es fiel ihr auf, dass die Menschen sie merkwürdig ansahen. Egal, denn Salami und Wasser fehlten auch noch. Einkaufslisten sind so extrem wichtig.

Als sie den Supermarkt betrat, schrien ein paar Leute auf und andere schienen Bilder von ihr zu machen. Eier, Milch, Salami, Wasser. Sie hasste es, wenn sie blöd angeschaut wurde. So öffnete sie eine Packung mit Eiern und rollte jedes einzelne rum, um zu überprüfen, ob es auch in Ordnung war. Sie sah auf ihre Hände und der feine rote Film, der sie überzog sah schon merkwürdig aus. Außerdem stanken ihre Hände wirklich furchtbar, wie sie erneut feststellten musste. „Haben wir noch Toast und Brot zuhause?“ Nachdenklich blieb sie stehen und stellte fest, dass in ihrem Kopf ein riesiges schwarzes Loch zu sein schien.

Im Baumarkt neulich wusste sie genau, was sie wollte... Nägel, Hammer, Verdünner... Salami, Toast, Eier, Cuttermesser, Milch... Klebeband... Wasser... „Ich nehme einfach einen Toast mit... Sicher ist sicher!“ Das grelle Licht im Supermarkt schmerzte in ihren Augen. Die letzten Tage in totaler Dunkelheit waren wohl doch anstrengender, als sie dachte. Sie roch an sich und merkte, dass sie dringend eine Dusche bräuchte, oder zumindest eine gründliche Wäsche. Die Wanne muss auch noch gereinigt werden... Wie heißt das tolle Zeug aus der Werbung, das gegen 49 Flecken hilft? In ihrem Kopf lief die Werbung ab und fröhlich summte sie eine Melodie, inmitten von Waschmitteln, Tagescremes und Allzweckreinigern. „Müllsäcke, ich brauche dringend Müllsäcke!“ Ihre Hände hafteten leicht an ihrer Haut, als sie sich bei diesem Gedanken an die Stirn fasste.

Eier, Milch, Käse, Wasser, Müllsäcke, Allzweckreiniger, Toast, Salami, Duschgel??? Als der Abfluss der Badewanne vorgestern verstopfte, schüttete sie alles rein, was sie fand, in der Hoffnung, dass sich die Verstopfung lösen würde. Tat sie aber nicht. Also musste sie ihn aufschrauben und das glitschige, ekelhafte Zeug mit den Fingern rausholen. Sie rollte mit den Augen bei diesen Gedanken. „Okay, Duschgel!“ Wie ein Zug mit Gefahrengütern rollte die Einkaufsliste wieder langsam durch ihren Kopf. „Eier, Milch, Salami, Allzweckreiniger, Salami, ach ne, hatte ich schon... Wasser, Käse, Müllsäcke, Duschgel... Schokolade! Schokolade soll ja angeblich die Nerven beruhigen.

Habe ich überhaupt genügend Geld mit?“ Es war doch wirklich zum heulen. Endlich hatte sie mal die Zeit, in Ruhe und ohne Hast einkaufen zu gehen, und jetzt das... In der Wohnung roch es seit ein paar Tagen so komisch und sie überlegte, ob vielleicht ein Marder über den Balkon in die Wohnung geklettert war, um dort sein Unwesen zu treiben. Würde zumindest auch die Fliegenpest erklären, die sich seit ein, zwei Tagen dort endlos auszubreiten schien.

Eier, Milch, Salami, Allzweckreiniger, Wasser, Duschgel, Käse, blaue Müllbeutel, Schokolade, Fliegenfänger, Raumspray. Sie ging zu den Regalen und ihr muffiger Geruch war ihr sehr, sehr unangenehm. Die Leute warfen ihr immer wieder entsetzte Blicke zu. „Okay, ich sehe schon komisch aus, mit dem rot verkrusteten Shirt, der Jogginghose und den Hausschuhen mit Hasenohren. Trotzdem müssen die nicht so blöd schauen...“ Sie entschloss sich dazu, die Menschen im Laden mit bösen Blicken zu belegen und sie ansonsten zu ignorieren. Immerhin hatte sie ja jahrelange Übung in Selbstkontrolle. Cool, Raumspray und Fliegenfänger kosten nur jeweils 99 Cent!

Zufrieden schaute sie in ihren Einkaufswagen und bewunderte die Plastikverpackungen. Alles war steril verpackt, alles lag in einer geordneten Reihenfolge und sie ging nochmal die Liste durch, bevor sie den Einkaufswagen Richtung Kasse schob. Eier, Milch, Schokolade, Wasser, Allzweckreiniger, Wasser, Duschgel, blaue Müllbeutel, Käse... Mist, der Käse fehlt! So schnell sie konnte rannte sie zu der Käsetheke und überlegte, was sie nehmen sollte. Instinktiv griff sie nach der Sorte, die sie immer nahm, drehte sie kurz in den Händen und legte sie wieder zurück. Dann tat sie etwas, was sie vorher niemals getan hätte. “Heute kaufe ich mal meinen Lieblingskäse.“ Schnell war dieser gefunden und wie einen Schatz drückte sie ihn fest an ihren Körper.

Käse ist so lecker, besser als Fleisch. Ihr wurde übel, wenn sie nur an Fleisch dachte. Als junges Mädchen fand sie mal eine verwesende Katze, auf der Maden herumkrochen und sich unaufhörlich in das Fleisch zu fressen schienen. Seit vorgestern hatte sie wieder diesen ekelhaften Gestank von damals in der Nase und sie hatte das Gefühl, einen ähnlich fiesen Geruch zu verbreiten. Obwohl Supermarkt ja auch nicht besser roch. Irgendwie immer muffig, nach zerquetschtem Obst und Pappe. Die Rollen des Einkaufswagen klemmten und machten quietschende Geräusche bei dem Versuch, sie wieder vernünftig zu justieren. Doch mit einer Leichtigkeit, die nur durch tägliches Einkaufen entsteht, richtete sie den Wagen schnell wieder in die gewünschte Position.

Ein nerviger Song schallte leise durch den Supermarkt, als sie sich an der Kasse hinter den anderen Leuten anstellte. Zum Glück waren es heute nur drei und die Wagen nur mittelmäßig gefüllt. Sie schaute sich um. Direkt neben ihr stand ein Rondell mit Sonnenbrillen. Sie runzelte die Stirn, befand es sich gestern nicht noch bei den Schnäppchenangeboten? Sie drehte es langsam und als ihr Blick in den milchigen Spiegel fiel, der dort angebracht war, sah sie sich kurz an. Ihre Augen sahen irgendwie müde aus und die roten Spritzer von der letzten Bolognese klebten nicht nur an der Kleidung, sondern auch in ihrem Gesicht. Kein Wunder, dass die Leute vor ihr erschraken. Scham kam in ihr auf und sie hoffte darauf, schnell den Supermarkt verlassen zu können.

Zwei Leute... Fehlt noch was von der Liste? Eier, Milch Allzweckreiniger, Duschgel, Salami, Käse, Schokolade... Ach egal, gehe ich morgen eben wieder los. Abwaschen muss ich ja auch noch... Geschirr und vor allem die Schränke und die Matratze im Schlafzimmer. Warum nur musste er denn auch alles so ekelhaft vollspritzen? Verärgert legte sie ihre Einkäufe auf das Laufband, geordnet wie immer. Der Einkauf müsste ungefähr 15 Euro kosten, 20 Euro hatte sie dabei und auf der EC Karte müsste auch noch ein 50er drauf sein.

„Warum bezahlt der Arsch vor mir denn jetzt mit Kleingeld? Ruhig bleiben... Nicht aufregen... Durchatmen...“ Sie machte die Atemübungen, die sie nach ihrem schweren Nervenzusammenbruch im letzten Jahr übte und ihr Blick fiel durch Zufall auf ihre Hausschuhe, ein Hasenohr fehlte. „Verdammte Scheiße!“ rief sie laut aus. Der Kassierer und der Kunde vor ihr sahen sie erschrocken an. „ES... FEHLT... EIN... HASENOHR!" zischte sie ihnen entgegen und beide Männer sahen sie nur noch sprachlos an. Als der Kunde dann doch mit einem 20er Schein bezahlte. um schnell seine Sachen zusammenzuraffen zu können, murmelte sie: “Warum nicht gleich so, du blödes, hässliches Arschgesicht!“

Geschafft, endlich an der Kasse. Sie lächelte den Verkäufer an, so wie sie es immer tat. Heute lächelte er nicht zurück. Ob er sauer war, weil sie seit 3 Tagen nicht mehr dort war? „16,32 Euro macht es dann.“ Sie kramte in ihrer Tasche und murmelte: "Wo ist denn nur mein Portemonnaie?“ Vorbei wühlend an ihrem Antidepressiva, dass sie seit 2 Monaten nicht mehr nahm, den Taschentüchern, der kleinen Plastiktüte mit den zwei matschige Kugeln, die wie verfaulte Wachteleier rochen und den Kopfhörern, fand sie endlich ihr Portemonnaie. Wie peinlich wäre es gewesen, wenn sie es vergessen hätte. „Ich bräuchte noch eine Plastiktüte...“ Als sie danach griff, sagte der Kassierer stockend: „Die geht heute aufs Haus und die Kasse schließt jetzt.“

„Wow, hier ist der Kunde wirklich noch König.“ Zufrieden packte sie die Einkäufe ein und steckte den Euro in ihre Hosentasche, als sie den Wagen ordentlich zurückstellte. Es regnete und mit zügigem Schritt ging sie zurück zu ihrem Zuhause. 365 Schritte waren es, 730 wenn sie den Hinweg mitrechnete und 4380 auf die ganze Woche verteilt. Kein Wunder, dass ihre Schuhe immer so schnell kaputt gingen. Ob auf dem Weg zurück das Hasenohr irgendwo lag? Der Plastikgriff der Einkaufstasche schnitt in ihre Hände und als sie endlich vor der Haustür stand, war sie froh und stolz auf sich, es wieder einmal geschafft zu haben.

Das Hasenohr hatte sie nicht gefunden. Sie ging durch das Treppenhaus und als sie vor der Haustür stand und nach dem Schlüssel suchte, merkte sie wieder einmal, dass Einkaufen für sie der pure Horror und Zeitverschwendung war. Sie würde in dieser Zeit viel lieber Geschichten schreiben oder Gedichte. Basteln und Malen. Kreativität war eben immer voll ihr Ding. Das Schloss machte das altvertraute Geräusch, als es aufsprang und ein widerwärtiger Geruch schlug ihr entgegen. Kam bestimmt von dem unerledigten Abwasch und dem Abfall in der Wohnung, den sie dringend entsorgen musste. Außerdem wäre da ja auch noch der Marder und die Dusche, die sie dringend bräuchte. Das Badezimmer war immer noch belegt. Das war es schon, als sie einkaufen ging und die Liste im Kopf hatte. „Ich muss dringend duschen!“ rief sie durch die geschlossene Tür.

Sie freute sich auf ihr neues Duschgel, das angenehm nach Zitrone roch und laut Werbung ein belebendes Gefühl versprach. Irgendwie fühlte sie sich total erledigt in den letzten Tagen und freute sich darauf, endlich zu schlafen. Langsam reichte es, denn sie wollte unbedingt ihre Dusche. JETZT. Wütend riss sie die Tür zum Badezimmer auf. Dort stand ein Mann, der auf sie zu warten schien. „Was machst du denn hier?“ fragte sie entsetzt. „Endlich bist du hier, meine Süße. Schau, was du jetzt schon wieder für einen Mist gebaut hast.“ Warum nur musste er immer mit ihr meckern? Das hatte sie wirklich nicht vermisst.

In der Wanne vor ihr lag ein Körper. Maden krochen auf ihm herum und Fliegen krabbelten aus Mund und Nase. Fest umklammert in der verwesenden Hand lag ein Hasenohr aus Stoff. Das schwarze Loch in ihrem Kopf füllte sich mit Gedanken. Die Dose Litschis, die sie bis auf Zwei leer machte und dann in den kleinen Beutel packte. Das Cuttermesser und das Klebeband für den Holzrahmen. Der dämliche Unfall mit der Tomatensoße im Schlafzimmer, auf der sie ausrutschte und dann unglücklich mit der Stirn auf den Kerzenständer fiel. Das Blut und die klebrige Masse, die überall war. Das abgerissene Hasenohr, nach dem sie griff, als sie im Badezimmer in der Wanne zusammenbrach...

„Da ging ja wohl etwas richtig schief, oder?“ Fragend schaute sie den Mann an. „Könnte man so sagen. Doch jetzt komm, wir müssen gehen.“ Er griff sanft nach ihrer Hand und zog sie von dem Ort weg. Sie schnupperte an ihm herum. Er roch noch immer verdammt gut, obwohl er schon seit 5 Jahren tot war. Beide warfen einen letzten Blick auf ihre unerfreulichen menschlichen Überreste, zuckten mit den Schultern und sie freute sich ein bisschen über einige kleine, lapidare Tatsachen, bevor sie auf ewig verschwand. Es würde ekelhaft sein, sie zu finden, okay, kann man jetzt auch nichts mehr dran ändern. Auch Zeitungen brauchen lesenswerten Crime. Zum Beispiel die Geschichte über eine, zugegeben einsame, depressive Künstlerin, die tot ein paar Wochen in der Badewanne lag, n Jogginghosen und Hausschuhen mit Hasenohren. Vielleicht würde der Supermarkt durch ihren letzten, spukigen Einkauf sogar noch berühmt werden. Vielleicht wurde sie auch zu einer Geschichte, die man noch seinen Enkeln erzählt! „Vielleicht, vielleicht, vielleicht... Don't worry, die happy“ Summte sie und ihr letzter Gedanke, bevor sie ging: „Egal, jeder Tod mag seinen Sinn haben, aber niemals eine echt abgefuckte Einkaufsliste."

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