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Englische Version: The Escape (Asylum-Serie)


Wo liegt die Natur des Wahnsinns? In letzter Zeit bin ich dieser Frage schon viel zu tiefgreifend nachgegangen. Ich stehe im Flur und denke an die Sonne, die ich schon seit vielen Tagen nicht mehr gesehen habe. Ich habe die ganze Zeit mit dem Lesen von Akten und Finanzdokumenten verbracht, aber ich sehe nicht, wohin dieses Gewirr aus Strohfirmen und Rechtsfiktionen führt. Die Mehrheitsbeteiligung an dieser Einrichtung lässt sich nicht präzise feststellen – aber das könnte auch nur ein Zeichen der Zeit sein.

Wenn ich jetzt rausgehen und die heilenden Strahlen der Sonne genießen würde oder auch meine Jacke hier drin lassen würde, um mich von der kalten Winterluft umspülen zu lassen, woher würde ich bei meiner Rückkehr wissen, dass die Erfahrungen, die ich hier drin gemacht habe, real sind? Der einzige Beweis, dass der Rest unseres Lebens existiert, sind – Erinnerungen.

Wenn man aber seinen Erinnerungen nicht trauen kann, in was kann man dann vertrauen? Es scheint mir seltsam relevant zu sein, dass sich das ganze Bild, das man von der Welt hat, auf einige veränderbare Verstandesbehauptungen herunterbrechen lässt.


Vielleicht ist es das, was diesen Leuten passiert ist. Sie sind auf einer biologischen Ebene nicht grundsätzlich kaputt. Sie sind alle da, sie funktionieren, sie denken – aber durch eine Reihe von Entscheidungen wurde ihre Realität sehr dunkel und schmerzhaft.

Außer bei einem, eine Geschichte passt nicht so recht.

Nachdem ich meine anderen Aufgaben erledigt hatte, marschierte ich gleich zu ihm.

Ich benutzte eine professionelle Tonlage, ruhig, aber streng: »Sie haben etwas ausgelassen.«

Er seufzte und sah schweigend zu mir herüber. Die Verzweiflung in seinen Augen war herzerweichend.

»Ich habe Ihre Geschichte in Ihrer Akte gelesen«, fuhr ich fort und bemühte mich, Mitgefühl und Dringlichkeit mitklingen zu lassen: »In Ihrer Darstellung fehlt was.«

Seine Augenbraue senkte sich langsam: »Woher wissen Sie das?«

Ich dachte an das Muster, dem die restlichen Patienten folgen, bloß er nicht: »Das ist nicht wichtig. Ich bin hier, weil ich mich darum kümmere und ich glaube, etwas Größeres als wir beide geht hier vor sich. Ich muss den Rest Ihrer Geschichte hören.«

Sein Gesicht verzog sich; ich dachte erst, er würde lächeln, aber dann schluchzte er und Tränen liefen seine Wangen hinunter. »Sie glauben mir? O Gott, bitte sagen Sie, dass Sie mir glauben.«

Ich war mir der Warnungen meines Mentors – und des Chefarztes – wegen der Geschichten der Patienten sehr wohl bewusst – aber ich musste es wissen: »Ja, ich glaube Ihnen.«

Er schluchzte stärker und rollte sich in tiefster Erleichterung ein: »Ich sag's Ihnen, ich sag's Ihnen!«

Ich hab gelogen, was den Anfang angeht. Ich bin nicht nur die Straße entlanggelaufen. Was, irgendein Penner bekleckert mich mit Blut und dann kommt der Knochengänger aus dem Nichts? Nein, ich war schuld.

Ich hab's mir ausgesucht.

Mein Leben hatte schon eine dunkle Wendung genommen. Ich war niemand, von allen ignoriert. Ich war nur irgendein Kerl ohne College-Abschluss, nichts vorzuweisen, keine angesehene Familie und keine Beziehungen. Ich hab mich von der ganzen Welt alleingelassen gefühlt. Die Leute hatten ständig Angst vor mir, keiner gab mir Arbeit, nur weil ich einen Eintrag im Strafregister hatte – glauben Sie nicht, dass mir das nicht aufgefallen ist, wie sich die Menschen fester umklammerten, wenn ich nachts an ihnen vorbei lief …

Weil ich süchtig nach mittelharten Drogen war, also nicht nach dem Killerzeugs, wissen Sie, hab ich mich oft im Untergrund der Stadt herumgetrieben, der einzige Ort, an dem man mich leiden konnte. Da gibt's Drogen, klar, Brutalität auch und auch sonst alles, was man so haben will – sogar Orgien, aber da will man nicht dabei sein, glauben Sie mir.

Diese Leute – sie hatten eine Verzweiflung an sich. Sie lag in der Luft und jeder wusste es, aber fast niemanden hat sie anscheinend gestört.

Der Knochengänger war ein Gerücht, das unter ihnen umging. Es gab einige, die nicht arbeiten und kein normales Leben vortäuschen mussten. Sie hatten einen Hintermann, wir haben sie glückliche Schweine genannt.

Jeder hoffnungslose Außenseiter kommt irgendwann zu dem Punkt, an dem das anfängliche Geld, der anfängliche Wille und das anfängliche Leben – alles weg ist. Ich war an diesem Punkt angelangt und schloss mich dem Knochengänger an. Es ging mir nicht mal um die Drogen, ich war zu der Zeit sogar wesentlich cleaner geworden. Es ging mir um die Macht.

Die Leute reagierten auf mich. Leg dich mit mir an, dann stirbst du. Alles, was ich tun muss, ist ein bisschen von diesem speziellen Blut an deine Fingernägel oder Zähne zu schmieren und mein Hintermann schlitzt dich von innen auf. Er tat das gern, wissen Sie. Er behandelte uns wie Haustiere. Die Bezahlung war auch großartig. Ich habe es zwar gehasst, aufgeschnitten zu werden, wenn er mich rief, aber das war eben Berufsrisiko.

Dann wurde es ernster und ich begriff, dass ich eher ein Sklave als ein Haustier war. Einige von den Sachen, zu denen er mich gezwungen hat, waren – Gott, ich hab noch Albträume davon – am Anfang hab ich das größere Bild nicht verstanden.

Wir sind bis über beide Ohren in der Sache dringesteckt, weil wir uns sonst an niemanden wenden konnten. Sobald du eine Vorstrafe hast, sobald du auf der Straße bist, ist es vorbei für dich – und der Knochengänger zog seinen Vorteil daraus. Er hatte mehr als genug willige Rekruten, um ein Netzwerk oder eine Armee aufzubauen. Es bedurfte vieler getuschelter Unterhaltungen mit den anderen Sklaven, um herauszufinden, dass wir in etwas viel Verstörenderes eingebunden waren als unsere eigenen Privathöllen – und unser Meister war noch nicht mal das Schlimmste daran. Wir waren die guten Jungs, die auf der Seite der Guten gekämpft haben, mit allen nötigen Mitteln, können Sie sich das vorstellen? Das war nur nicht gut für uns selbst, weil wir sowohl für die Gesellschaft als auch für den Knochengänger ersetzbar waren.

Wissen Sie, warum ich in diesem Bett liege? Warum ich so deprimiert bin? Denken Sie mal drüber nach. Wenn ich Angst davor hätte, jeden Moment sterben zu müssen, würde ich mein Restleben voll auskosten. Ich würde hier nicht alleine in diesem Raum sitzen – nein, das genaue Gegenteil! Der Knochengänger ist tot, Mann! Er kommt nicht mehr zurück! Dieser Idiot hat ihn umgebracht!

Ich hab mir zwar manchmal vorgestellt, wie ich ihn mit behandelten Knochen überhäufe, sodass er nicht mehr weiß, wie er da rauskommt, und von den zerspringenden Knochen aufgespießt wird … große Köpfe denken auch so, richtig? Aber als ich herausfand, was wirklich vor sich geht, war ich glücklich über …

»Was?«, unterbrach ich ihn. »Was geht vor sich?«

»Sie meinen, Sie …«, er erstarrte und sah mich mit flatternden Augen an. Seine Pupillen wanderten langsam nach links, voller Furcht und Verständnis. »Ich hab zu viel gesagt, das tut mir Leid.«

Er fuhr damit fort, die Wand anzustarren und ignorierte meine weiteren Versuche, ihn anzusprechen.

Am Anfang war ich sauer, weil er mir nicht sagte, was vor sich ging, aber dann dachte ich besser darüber nach. Für diesen einen Moment hatte ich ihm wirklich geglaubt. Ich hatte seine Geschichte für mich zur Realität werden lassen. Ich setzte meinen eigenen Verstand zu großen Risiken aus.

Nein, der Knochengänger konnte nicht real sein – seine Sucht dagegen war es. Der Untergrund, die Straftaten, alles davon waren der wahre Kern, den ich aus seiner Geschichte mitnehmen konnte. Ein angedeutetes größeres Bild, eine Atmosphäre der Verzweiflung …

… und schlechte Entscheidungen.

Er passte jetzt ins Muster.

Ich stand wieder im Flur und starrte die Wände an, die eine hoch und die andere runter. Hinter jeder einzelnen Tür war ein Patient eingeschlossen, der den Weg in Richtung Verzweiflung und Wahnsinn eingeschlagen hatte. Ihre eigenen Bedürfnisse, die sie in die Extreme getragen haben, haben sie ruiniert. Ich wusste nicht, was das bedeutete, noch nicht, aber das war mir ein deutliches Warnsignal.

Ich ging zum Ende des Flurs, nickte Mabel zu, als ich ihr entgegenkam – die Drogen von gestern hatten zum Glück keinen Schaden angerichtet – und trat vor eine Tür, die ich noch nicht versucht hatte.

Ich betrachtete sie durch das quadratische Glasfenster. Mit dem Schreibzeug, das sie im Gegenzug für ihre Gewaltfreiheit bekommen hatte, schrieb sie oft sehr lange Texte. Auch jetzt hatte sie sich in ihre Ecke zurückgezogen und war am Schreiben. Sie war eine der Patientinnen, deren Geschichte ich nicht kannte, von denen ich keine Einlassung hatte.

Der Höflichkeit halber klopfte ich.

»Ja bitte?«, rief sie.

Sie schrieb weiter, als ich eintrat.

»Hi«, begann ich, »ich bin …«

»Sie kennen das Prozedere«, unterbrach sie mich und schrieb weiter.

Ich zögerte: »Könnten Sie vielleicht den Stift weglegen?«

»Ich hab noch niemandem geschadet und ich werde auch nicht damit anfangen.«

Ich akzeptierte ihre Aussage, hatte aber immer noch Bedenken, als ich mich niederkniete. Sie hob beide Hände und tastete erst meine Schläfen und dann meinen Kopf ab.

»Tut mir Leid«, schnaufte sie etwas enttäuscht, »mit Ihnen kann ich nicht reden.«

»Sind Sie sicher? Ich will helfen. Ich glaube, hier ist etwas im Busch.«

Sie antwortete nicht, sondern kritzelte weiter.

»Kann ich wenigstens sehen, was Sie da schreiben?«

Sie ignorierte mich.

Ich hob die Blätter hoch und sah mir einige davon an. Das waren keine Kritzeleien, sondern ein Bewusstseinsstrom in sorgfältig geübter Schrift – mit einigen merkwürdigen Fehlern.


Ich winkte direkt vor ihrem Gesicht, aber sie reagierte immer noch nicht. Mein Unterkiefer klappte herunter: »Sind Sie – blind?«

Sie sog den Atem scharf ein, gab aber trotzdem keine Antwort.

»Gut, ignorieren Sie mich«, sagte ich, »Aber sagen Sie mir wenigstens, warum Sie das alles schreiben, wenn Sie es schon nicht lesen können. Was bezwecken Sie damit?«

Sie sagte es mit einem Wort: »Übung.«

Ihre Antwort war einfach, aber aufschlussreich. Ich ließ sie in Ruhe und machte mir Gedanken über ihre Hintergrundgeschichte. Wenn sie schreiben konnte und es immer noch übte, musste das heißen, dass sie früher sehen konnte – sie war nicht immer blind gewesen. Was sagte mir das? Ist sie auch irgendwie von einem normalen Mädchen zu einer ruhigen, geblendeten Patientin geworden, die mit niemandem redete, der ihr unerklärliches Ritual nicht bestehen würde?

Zu diesem Moment schien es reichlich unfair, dass das Leben dermaßen entgleisen konnte. Alle diese Leute – sie waren mehr oder weniger normal und fällten genug schlechte Entscheidungen, um hier zu landen.

Es gab noch einen anderen blinden Patienten ohne Hintergrundgeschichte. Seltsamerweise hatte er zwar mal eine, aber seine Akte wurde entweder zerstört oder ging verloren. Ich passierte einige Türen, die in den hintersten Flügel führten. Sie hielten ihn ganz am Ende des Gebäudes.

Ich spähte zu ihm hinein. Er hatte sich vor langer Zeit seine Augen mit einem Stift ausgestochen. Jetzt saß er mit geschlossenen Augen in der hinteren linken Ecke seiner Zelle, aber seine Haltung deutete darauf hin, dass er wach war. Ich konnte mir seine Langeweile nicht vorstellen – er wollte nichts Elektronisches. Ein Fernseher oder ein Radio hätte ihm seine Dunkelheit und Abgeschiedenheit erträglicher gemacht, aber er wurde richtig gewalttätig, wenn irgendein Gerät in der Nähe war. Ich könnte es ehrlich gesagt nicht ertragen, tagein, tagaus da zu sitzen und nachzudenken, gefangen in meinem eigenen Kopf.

Ich sah etwas Winziges, Weißes unter seinem Bein hervorschauen.

Mit einer plötzlichen Vermutung rannte ich durch die Flure und rief nach Mabel.

Sie hielt an und drehte sich um: »Danke für Gestern. Mein Mann wäre verloren, wenn mir etwas zugestoßen wäre. Dieser alte Tattergreis.« Sie lächelte.

»Kein Thema«, hätte ich fast gesagt, aber dann fiel mir ein, wie der Mann ohne Glieder und ich dasselbe zu Claire gesagt hatten. Diese Worte hatten jetzt einen üblen Beigeschmack für mich. »Ähm … keine Ursache. Mabel, weißt du, ob irgendwelche Krankenschwestern zwischen den Patienten Zettel weitergeben?«

»Wie geht's deiner Hand?«, fragte sie plötzlich nervös.

Ich betrachtete den Verband. »Gut. Aber zurück zu den Zetteln.«

Mit einem verärgerten Gesichtsausdruck begann Mabel plötzlich zu donnern: »Sie mögen es anscheinend, sich zu schreiben! Er saß nur da, allein! Er hat mir Leid getan! Ich hab nicht Böses tun wollen!«

»Schon gut, schon gut«, beruhigte ich sie, »ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Weißt du zufällig, was sie sich schreiben?«

Sie trug die paar Details zusammen, die sie gelesen hatte, nur zur Kontrolle – sie wollte keine Morddrohungen oder andere Bösartigkeiten verbreiten, sagte sie – und plötzlich verstand ich. Ich rannte zurück zum Ende des äußeren Flügels.

»Ich kann Sie hören«, rief er durch die Tür.

Mit finsterem Blick beobachtete ich ihn dabei, wie er heimlich etwas rutschte, um die Zettel zu verbergen, auf denen er saß. Ich ging nach einem Moment hinein und ließ ihn denken, ich wüsste von nichts. Ich fragte mich, wie er die Zettel lesen konnte – bis ich begriff, dass er möglicherweise die Spuren des Stifts auf dem Papier ertasten konnte, so wie eine Gravur; das war interessant. Ich stellte mich halb in die Tür, um ihm seinen Freiraum zu lassen.

Obwohl er blind war, versuchte er, in meine Richtung zu sehen: »Sie sind nicht wie die anderen, wissen Sie?«

»Was meinen Sie damit?«

Seine Miene verfinsterte sich, dann lächelte er schwach. »Sie laufen nicht wie sie.«

Er hatte recht. Ich ging schnell, mit Energie und Unruhe. Der Rest des Personals war eher gemütlich unterwegs – es war für sie ja nur eine Arbeit. Für mich war es mehr als das geworden.

»Haben Sie Lust, mir Ihre Geschichte zu erzählen?«, fragte ich, als ich im Schneidersitz neben ihm saß.

Sein Lächeln verzog sich zu einem höhnischen Grinsen: »Das ist sinnlos.«

»Erzählen Sie sie mir trotzdem.«

»Haben Sie ein Handy?«, fragte er.

Ich schüttelte meinen Kopf, aber dann fiel mir wieder ein, dass er das nicht sehen konnte. »Nein, es könnte medizinisches Gerät stören.«

»Einen Pager?«

Ich sah auf meinen Gürtel. »Nein«, log ich.

»Gut, gut«, grübelte er laut. »Die letzte Zeit Kopfschmerzen gehabt, mein Freund?«

Ich blinzelte. Die hatte ich tatsächlich. Ich hatte wenig geschlafen und wenn ich schlief, dann schlecht. Der Bereitschaftsraum war nicht gerade zum Schlafen geeignet und seit Beginn meiner Untersuchungen war er Zentrale meiner – Exkursionen. Ich hatte die Kopfschmerzen auf meine Müdigkeit geschoben und ich schluckte eine zunehmende Anzahl von Schmerzmitteln …

»Nein, habe ich nicht«, log ich.

»Oh«. Er schien ein wenig enttäuscht. Ich hatte herausgefunden, dass paranoide Schizophreniker wie er Spaß daran hatten, Kleinigkeiten zu erraten, weil das darauf hindeutete, dass sie größeres Wissen besitzen mochten – und falsch zu liegen, das mochte er nicht.

»Na schön«, sagte er nach einem Moment: »Ich hab sonst nichts Besseres zu tun. Werden Sie mich dann in Ruhe lassen?«

»Ja.«

»Gut, aber es wird Ihnen nicht gefallen, was Sie hören.«

»Ja, ich hab ohnehin das Gefühl, dass hier etwas vor sich geht und ich mag das jetzt schon nicht.«

Er schien daraufhin munter zu werden. »Wirklich …«

Es war ein Sonntag. Ich kann mich sehr genau dran erinnern. Ich …

Ich war noch nicht damit fertig, die Ereignisse des Tages aufzuschreiben, als plötzlich etwas passierte.

Schwärze hüllte mich ein wie eine Decke, als ich im Bereitschaftsraum saß und die Geschichte abtippte, die er mir erzählt hatte. Im Licht meines Laptop-Bildschirms hob ich den Telefonhörer ab – kein Wählton. Das durchgehende Wummern der Belüftungsanlage war verstummt und durch tödliche Stille ersetzt worden. Ich schlich zur Tür und spähte in den Flur.

Dunkelheit waberte zwischen den rotierenden roten Notleuchten, die in langen Abständen montiert waren. Am ganz anderen Ende des Flurs sah ich im blinkenden Rot etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ – die Tür zu einem Krankenzimmer öffnete sich langsam und sanft, als ob die Person dahinter nicht glauben konnte, dass sie entriegelt war.

Ich konnte es auch nicht glauben. Ich hatte nur mit den gefügigsten Patienten gesprochen, aber viele von ihnen waren extrem gefährlich.

Während ich meinen plötzlich stärker werdenden Kopfschmerz niederkämpfte, blinzelte ich immer wieder und überlegte fieberhaft, wer das war, der da gerade entkam. Seine Silhouette wechselte zwischen Schwarz und Rot, als er sich vorwärts bewegte und den Flur absuchte. Er konnte mich nicht sehen, so wie ich mich in die Dunkelheit drängte, aber ich konnte ihn sehen. Ich kannte ihn, er war nicht allzu gefährlich.

Neben ihm öffnete sich eine Tür und dann eine weitere.

Es schien mir als ob der Stromausfall kein Zufall war – und jemand die Türen aufgeschlossen hatte.

Einer nach dem anderen bewegten sie sich zwischen wechselndem Schwarz und Scharlachrot und entließen ihre persönliche Note des Wahnsinns in die Flure. Ich konnte Murmeln hören, Schreien, Suche nach Waffen und Suche nach – dem Personal!

Ich überlegte kurz, die Tür zu versperren und mich zu verstecken, aber sie würden mit Sicherheit den Bereitschaftsraum durchsuchen.

Ich konnte hier nicht bleiben.

Mit klopfendem Herzen ließ ich meinen weißen Kittel fallen und schlüpfte in die Dunkelheit zwischen zwei rotierenden Notleuchten. Konnten sie gegen das Rot meinen Umriss sehen? Ich sah sie herumwandern wie neugierige Tiere und sich in den Flur verteilen. Ich drückte mich an die Wand und einige schlichen zuckend und Obszönitäten murmelnd an mir vorbei.

Mein Kopfschmerz verstärkte sich für einen Moment zu einem gleißenden Stich, ich hätte fast vor Schmerz aufgestöhnt, aber ich hielt mir meinen Mund zu und zwang meinen Körper, still zu sein.

Er war nur sechs Meter entfernt – ich stolperte zum Seitenausgang des Gebäudes und hatte vor zu flüchten. Es gab nichts, das ich tun konnte, außer zu verschwinden und jemanden anzurufen.

Die Tür war versperrt. Sollte sie das? Verdammt, verdammt, ich kämpfte gegen meinen dröhnenden Kopfschmerz und das starke Klopfen meines mit Adrenalin vollgepumpten Herzens an.

Ich hatte sehr wenig Platz zum Manövrieren. Patienten bewegten sich innerhalb von Zentimetern in der Dunkelheit an mir vorbei; einer hielt unter einer Notleuchte an, sein Körper erstrahlte in der Farbe des Blutes – und jemand anderes erstach ihn, schwarze Flüssigkeit spritzte unter seinem Schlüsselbein heraus. Er schrie und ich konnte hören, wie sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf meinen Bereich richtete.

Das Geräusch von fallendem Fleisch kam, zusammen mit fortwährendem Schreien, und etwas Matschiges rutschte über den Boden. Es prallte mit einem platschenden Geräusch gegen meinen Schuh. Der große Patient, der den grässlichen Messerstich ausgeführt hatte, spähte in meiner Richtung in die Dunkelheit.

Reflexartig duckte ich mich in eins der Krankenzimmer und schloss die Tür sanft hinter mir.

»Bitte tu mir nicht weh«, wimmerte ein Mädchen aus der Ecke.

»Das werde ich nicht», flüsterte ich erleichtert zurück, »ich bin vom Personal.«

»O Gott, was ist hier los?«, schnaufte sie.

Das bisschen Licht, das unter der Tür durchschien, beleuchtete sie gerade genug, dass ich sie aus den Augenwinkeln heraus sehen konnte. In dem roten Licht sah sie recht ungesund und ausgemergelt aus, Ich erkannte sie sofort. »Warten Sie hier«, sagte ich nach einem spontanen Einfall.

Berstend von Adrenalin steckte ich meinen Kopf aus der Tür, sah in beide Richtungen und huschte ans andere Ende des Flurs. Dort schnappte ich mir ein Tablett mit Essen und flitzte zurück. Ich hörte einen verärgerten Schrei, aber ich konnte nicht sagen, ob mich jemand gesehen hatte.

»Essen Sie das«, befahl ich.

Sie wich ein paar Zentimeter zurück: »Nein!«

»Versuchen Sie's einfach«, flehte ich flüsternd, »ich helfe uns, das verspreche ich.«

Zitternd nahm sie ein Klümpchen Götterspeise. Sie ließ es gleich wieder fallen und machte einen angeekelten Laut. Es fiel in das Licht, das unter der Tür durchschien und ich konnte einen dunklen Brocken darin sehen.

»Noch mal«, sagte ich.

Sie hob einen halb gegessenen Apfel hoch und ließ ihn fast heulend wieder fallen. Ich hielt ihn in das weiche Licht und sah eine abgeschnittene Sehne vom Kerngehäuse baumeln.

»Noch mal«, befahl ich.

Weinend hob sie die Überreste eines Sandwiches hoch und ließ es wieder fallen.

Ich nahm das Brot auf. »Ja!« Ich nahm unsere Entdeckung, kratzte dranhängendes Gewebe ab und brach sie entzwei.

Sie gab eine Art schluchzendes Lachen von sich.

Im knappen roten Licht hielt ich zwei fingerlange Knochenhälften in die Höhe, beide scharf gezackt und mit Knorpel überzogen.

Sie hielt sich an meinem Arm fest, um mich in der Dunkelheit nicht zu verlieren, und wir schlichen wieder zum Seitenausgang. Derweil dröhnten die Flure von schmerzerfüllten und freudigen Schreien.

»Komm schon, komm schon«, flüsterte ich, als ich versuchte, mit den beiden Knochenfragmenten das Schloss zu knacken. Ich wusste, dass das Gebäude schlecht finanziert und entsprechend schäbig war und ich baute darauf, dass dieses Schloss genauso minderwertig – geschafft, es klickte!

Etwas schlich sich von hinten an. Sie schrie und rannte zurück in ihr Zimmer, während ich den wild dreinblickenden Mann von mir wegschob. Wir rauften. Er hatte eine Waffe und ich dachte schon, ich würde sterben, bis mich rotes Licht anleuchtete und er meinen eigenen wilden Blick sah. Ich bin mir sicher, dass eine Woche schlechten Schlafs und mein pochender Kopfschmerz zu meinem verbrauchten Anblick beigetragen haben, jedenfalls schnaufte er ein »oh« und begann zu grinsen.

»Dachte, du gehörst zu ihnen. Komm mit, machen wir, dass wir hier rauskommen, Bruder.«

Überrascht stand ich auf und drehte mich zum Seitenausgang – jemand stellte sich in den Weg und warf sie zu.

»Was zur Hölle tun Sie da?«, fragte der Chefarzt nachdrücklich.

Ich blickte mich um und sah saubere, leere Flure, die in hartem Weiß beleuchtet wurden. Mabel hantierte an einem Schwestern-Stützpunkt mit Blättern. Vor Sekunden sah ich noch alles leer und in rotierendem rotem Licht, gefüllt mit gefährlichen Gestalten, die in diese Richtung wanderten und dass …

»Ich habe eine Geschichte eines Patienten nachvollzogen«, log ich schnell. »Dieses – blinde Mädchen, das schreibt, hat eine Geschichte über einen Ausbruchsversuch geschrieben. Ich hab nachgeprüft, ob das möglich ist. Sieht so aus, als ob dieses Türschloss wirklich kaputt wäre. Ein echter Glückstreffer, was?«

Er sah für einige lange Sekunden mit einem harten und unlesbaren Blick an mir hoch und runter. »Das wird wohl so sein, aber Sie sehen aus wie ein Trottel.« Dann betrachtete er die Seitentür: »Ich geb' der Verwaltung Bescheid, damit das Schloss ausgetauscht wird. Netter Fang – nehmen Sie sich einen Tag frei, sie sehen furchtbar aus.«

Ich nickte und lächelte, als er sich entfernte. Ich beobachtete ihn, wie er mit Mabel redete und dann um die Ecke bog. Merkwürdigerweise konnte ich immer noch entfernte Schreie hören, die nacheinander abgeschnitten wurden, als ob sich diese Illusion Zeit lassen würde, aus meinem Kopf zu verschwinden.

Was zur Hölle ist gerade passiert?

Hatte mir meine Erschöpfung gerade einen Wachtraum beschert? Oder hatte jemand Angst vor meinen Entdeckungen und mir etwas in die Schmerzmittel gegeben?

Verblüfft ging ich zurück in den Bereitschaftsraum. Mein Kittel lag auf dem Boden, das Laptop stand friedlich auf dem Tisch. Verlor ich gerade meinen Verstand? Ich bemerkte, dass ich jetzt in das gleiche Muster wie meine Patienten passte. Ich steckte zwar noch nicht so tief drin wie sie, aber ich arbeitete daran. Der einzige Unterschied schien zu sein, dass ich Beweise hatte. Irgendetwas Schreckliches ging wirklich vor sich – oder war das wie sich alle gefühlt haben?

Ich halte es für keine kleine Ironie, dass dieser fünfte Bericht mein eigener ist.

Ich habe allerdings noch einen Vorteil. Ich bin mir des Musters bewusst und habe die Patientengeschichten, die mir weiterhelfen. Wenn dieser Moment kommt, dieser eine Schritt in den Wahnsinn hinein, den sie alle getan hatten – ich werde ihn nicht tun. Ich verspreche es mir selbst. Man kann das größere Bild nicht objektiv betrachten und wahnsinnig werden, glaube ich. Die beiden schließen sich aus.

Aber ich werde noch nicht aufhören, nicht jetzt. Die letzte Geschichte, die ich nicht komplett abschreiben und noch nicht einmal vollständig verarbeiten konnte – sie ist verstörend. Sie passt. Ich muss darüber nachdenken. Ich glaube, ich bin kurz davor, die Triebkraft hinter diesen Mustern zu erkennen – obwohl ich selbst noch nicht weiß, ob ich das will.

Ich machte eine Pause, um den Kopf frei zu kriegen. Während ich durch die Flure spazierte und in meinen offensichtlich korrupten Erinnerungen nach Hinweisen suchte, was in meiner Halluzinationsphase wirklich passiert ist, sprangen mir zwei Fakten ins Gesicht.

Meine Kopfschmerzen waren weg und mit ihnen dieses ausgemergelte Mädchen …


Von Matt Dymerski

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