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„Er bringe sie zu mir.“ Die Stimme der Frau war leise, sie flüsterte beinahe. Dennoch entging ihrem Untergebenen der schneidende Unterton nicht. Würde er zögern oder gar widersprechen, wäre seine Frau Witwe. Wenn er Glück hatte.

„Natürlich, Herrin.“ Er drehte sich weg, ohne seinen Blick zu heben. Er hatte ihn gesenkt, als er den Raum betreten hatte, und wusste, dass er gut daran tat. So stolz seine Herrin auch auf ihre Schönheit war, wenn er sie nun ansehen würde, wäre die Strafe für ein Zögern ein Kinderspiel im Vergleich. Er hob den Blick erst, als er den kleinen, beinahe nur aus einer kunstvoll aus Stein gehauenen Grube von anderthalb Metern Tiefe bestehenden Raum durch eine ebenso kunstvolle Eichenholztür verlassen hatte. Nachdem der Diener sie schloss, atmete er auf.

Sein Schritt beschleunigte sich, um durch die vielen Abzweigungen auf dem Weg zum Verlies keine Zeit einzubüßen. Der Weg kam ihm jedes Mal länger vor, doch letzten Endes fand er sich doch inmitten der Käfige wieder. Sein Blick spiegelte sich in den Augen müder, gebrochener Augen auf der anderen Seite der Gitterstäbe. Der Anblick fiel ihm mit jedem Tag, den er hier verbrachte, schwerer.

Nach einem möglicherweise verhängnisvollen Zögern lief er zu dem hintersten Käfig. Das Mädchen darin war jung, kaum über vierzehn, und erstaunlicherweise waren es gerade ihre Augen, die nicht gebrochen wirkten. Das könnte Probleme geben.

„Steh auf.“ Seine Stimme war tonlos. Das Mädchen reagierte nicht, stattdessen rückte sie ans andere Ende des Käfigs zurück und murmelte etwas vor sich hin. Der Diener seufzte: „Ich habe keine Zeit für derlei Unsinn. Steh auf und komm her.“ Sie drängte sich nur noch mehr an die Käfigwand und erhob ihre Stimme, sodass der Diener verstand, was sie sagte: „... und erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich, und die Kraft...“ „Hör auf!“ Er schrie, und entgegen seiner Erwartung gehorchte sie: „Dein Gott, den du anbetest, er existiert nicht. Sonst wärest du gewiss nicht in dieser Situation. Also schinde keine zwecklose Zeit und komm her.“

„Ich habe keine Angst vor Eurer Hexen-Herrin“, murmelte sie: „Der Herr ist unendlich in seiner Güte und Weisheit, und er ist mächtiger. Er wird bei mir sein, denn ich bin bei Ihm.“ Sie bekreuzigte sich und der Diener verlor die Geduld. Mit fahrigen Bewegungen holte er einen Schlüssel hervor, öffnete den Käfig und lief mit schnellen Schritten auf das Mädchen zu. Bevor er die Angst in ihrem Blick sah, trat er dagegen. Sie verlor das Bewusstsein sofort und er seufzte. Er empfand Mitleid... und Bedauern, was ihm Sorge bereitete.

Er verjagte den Gedanken und warf die leblose Gestalt über seine Schulter. Den Rückweg legte er rennend zurück. Das Mädchen hatte ihn Zeit gekostet, die er nicht hatte. Als er die Eichentür erreichte, war er außer Atem, und das Mädchen schien eine Tonne zu wiegen. Er senkte den Blick, atmete tief durch und betrat den Raum.

„Er ist spät.“ Erneut ein Flüstern, erneut ein schneidender Unterton, aber die Wortwahl beruhigte den Untergeben. Sie sagte spät, nicht zu spät. „Das Mädchen“, begann er: „Sie war... unwillig.“ „Er möge schweigen.“ Ihre Stimme wurde lauter: „Ich will seine Stimme nicht hören. Er lasse das Wasser ein.“

Der Diener legte das Mädchen ab und schritt an die Schnittstelle von Wand, Boden und Grube. Dort öffnete er eine Klappe von der Größe des Torsos eines ausgewachsenen Mannes, aus dessen Öffnung augenblicklich ein kristallklarer Quell sprudelte. Auf seinem Weg zurück zu dem besinnungslosen Mädchen erhaschte der Untertan einen kleinen, schemenhaften Blick aus dem Augenwinkel auf seine Herrin. Sie stand nackt inmitten der Grube, in der ihr das Wasser bereits bis zu den Knöcheln reichte. Ihr Blick war zur Decke gerichtet, und der Diener wandte sich ab. Hätte sie den Regelverstoß bemerkt, hätte er mehr als die Augen verloren.

„Er wird jetzt das Mädchen schlachten.“

Die Worte ließen ihn erzittern. Gefallen hatte ihm der Befehl noch nie, aber in letzter Zeit war er regelrecht widerwillig. Nichtsdestotrotz schleifte er sein Opfer an den Rand des sich immer schneller füllenden Beckens und löste eine kleine Klinge von seinem Gürtel. Nach einem kurzen Zögern stach er ein Loch in ihren Hals, und begleitet von ihrem Röcheln ergoss der wertvollste aller Säfte in das Becken und vermischte sich mit dem glitzernden Blau. Es dauerte zwei Minuten oder drei, bis die Herrin ihm den Befehl gab, den Wasserfluss versiegen zu lassen. Und nachdem er den kleinen Durchgang verschlossen hatte, begann alles schiefzugehen.

„Sieh mich an.“

Das erste, was ihm auffiel, war ihr Ton. Sanft, geradezu liebevoll. Eine Erinnerung stieg in ihm auf, ein Gedanke an seine Mutter, die ihm ein Lied vorgesungen hatte, wenn er nicht schlafen konnte. Die Gräfin hatte die gleiche Sanftheit in ihren Worten.

Was ihm aber nicht behagte, war ihre Wortwahl. Sie hatte ihn direkt angesprochen, und das hatte er erst ein einziges Mal erlebt. Sein Vorgänger auf diesem Posten war so angesprochen worden, als er sich ihrem Befehl verweigerte. Damals hatte der Diener den restlichen Tag darauf verwendet, seine Knochen zu pulverisieren.

„M... meine Herrin?“ Er hob den Blick nicht, was ihr scheinbar sauer aufstieß: „Ich sagte: Sieh mich an.“ Er zuckte zusammen und folgte dem Befehl.

Die Gräfin, in deren Dienst er nun schon seit fast zwei Jahren stand, war von einer wahrlich nur als diabolisch zu bezeichnenden Schönheit. Ihre Haare waren so lang, dass ihre Spitzen im geröteten Wasser hingen, welches der Dame selbst bis zum Bauchnabel gestiegen war. Ihre Hände hingen ebenfalls darin, hinter ihrem Rücken verschränkt, was dem Diener einen unverhohlenen Blick auf ihre Brüste bescherte, die ihre Schönheit noch weiter erhoben. Er errötete, als sie einen Schritt auf ihn zuging, dann noch einen, und dabei redete.

„Ich bin schön.“ Sie sagte es in dem vollen Bewusstsein, dass es stimmte: „Aber Schönheit, so weiß ich, ist vergänglich. Es gab eine Zeit, da war ich schön von Natur aus. Und es gab eine Zeit, da war ich nicht schön. Und jetzt gibt es eine Zeit, in der ich mir meine Schönheit holen muss.“ Sie hatte den Rand des Beckens erreicht und legte ihr Kinn auf den kahlen Stein. Ihr Blick fing den ihres Dieners auf: „Du weißt das alles bereits. Du kennst meinen Namen im Volk, nicht wahr? Sag mir, wie nennen sie mich?“

Er schluckte: „Blu... Blutgräfin, meine Herrin. So nennen sie Euch.“

„Blutgräfin.“ Sie kostete den Klang dieses Wortes wie einen süßen Wein: „Klingt doch besser als Hexe, denke ich. Und es ist naheliegend, bei diesem Ritual. Doch ich habe beschlossen, es zu ändern.“ Sie legte die Hände neben ihren Kopf auf den Beckenrand und hob ihren wundervollen Körper an, bis sie zur Hälfte aus dem Boden zu ragen schien: „Das Blut einer Jungfrau zu nehmen, um meine wahre Schönheit zu erhalten, ist hilfreich, aber von kurzer Dauer. Jeden Monat ein Mädchen aus dem Volk zu stehlen... Ich befürchte Aufstände. Und Aufstände enden selten gut für die Herren... und Herrinnen. Was ich brauche, ist keine neue Jugend, ich benötige eine Wiedergeburt. Und da...“ Sie ließ sich wieder hinabsinken und deutete mit der nunmehr freien Rechten auf ihren Untergebenen: „... da kommst du ins Spiel. Ein Mädchen kann mir Jugend geben, aber für eine Geburt braucht es mehr. Eine Frau. Einen Mann. Vereint.“ Sie schwieg und las in dem bleicher werdenden Gesicht des Dieners: „Tritt näher. Und knie nieder.“

Er zögerte, und dieses Mal war es zu viel.

„Komm her!“ Ihr Schrei war markerschütternd und ihr strahlendes Gesicht wurde von zornigen Falten verdüstert: „Sei froh, dass der letzte Anblick deines Lebens eine Schönheit von zeitloser Herrlichkeit ist!“ Der Diener wagte es nicht weiter, sich zu widersetzen, und kniete sich direkt vor seiner Herrin auf den Boden. Sie lächelte und ließ ihm damit das Herz schwer werden.

„Ich wage nicht zu glauben, dass du deine Klinge nun selbst führen wirst. Du zeigtest in letzter Zeit zu viel... Unwillen. Also mache ich es dir einfach, denn ich mache es selbst.“ Sie ließ ihre Hand mit einer schnellen Geste an ihm vorbeirauschen, und erst als sich sein Hemd durchnässte, wurde er des Verderbens gewahr: Seine Kehle war nun ein offener Mund, aus dem der rote Quell des Lebens sprudelte, auf das Gesicht seiner Herrin und in das Wasser um ihre Taille. Während er röchelte und zuckte, öffnete sie ihre Lippen und fing ein wenig des roten Nektars auf, schmeckte seine Süße und lachte.

„Geselle dich zu mir, mein junger Diener. Und sei Teil deiner Göttin.“

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