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Das Leittier hält einen Moment inne und sieht direkt auf uns hinab – zumindest glaube ich das, denn wie alle Mitglieder der Herde hat es kein Gesicht, nur einen klobigen, grauen Kopf, aus dem vier gekräuselte Hörner ragen. Sie sehen aus wie etwas aus einem Bild von Dalí, denke ich, langbeinig und schlank, mit Leibern, die unendlich hoch in den azurblauen Himmel ragen, während ihre Hufe den Wüstenboden zum Beben bringen. Es lässt sich schwer berechnen, wie hoch ein einzelnes Tier sein muss, aber es würde mich nicht wundern, wenn ihre Körper mehrere Kilometer lang wären. Neben mir bricht Sarah in Tränen aus. „Siehst du“, weint sie, „Sie sind gekommen. Vater hatte recht. Wir hatten recht, Tim!“

Die Herde bewegt sich nur langsam. Es sind insgesamt sechs Tiere, jedes von ihnen unterscheidet sich ein kleines bisschen von seinen Vorgängern. Über dem Kopf des Vorletzten schwebt ein einziges lidloses Auge, dessen Farbe sich jedes Mal ändert, wenn ich blinzle. Einem anderen wächst ein ganzer Garten auf dem Rücken. Grüne, blaue und rote Bäume zittern bei seinem Hufschlag, während ganze Vogelschwärme aus den bunten Kronen aufgeschreckt werden. Das Leittier ist das größte. Seine sechs Beine ragen mindestens so weit in den Himmel wie ein Gebirge und Wolken kreisen um sein oberes Paar Knie. Trotzdem können wir erkennen, wie es uns ansieht, mit einem Gesicht, das nicht da ist, während die unzähligen Nüstern an seinen Hinterläufen schnauben.

Vater Jonas nimmt ehrfürchtig seine Kapuze ab und kniet sich in den Sand. Er war es, der diese Reise organisiert hat, den Flug, die Verpflegung, auch wenn es sein letztes Geld gekostet hat. Die Engel selbst hatten ihm im Traum gesagt, sie würden uns hier erscheinen, in der namenlosen Wüste Afrikas, weit weg von jeder sündigen Zivilisation. Natürlich hatten wir damals noch mit dem traditionellen Bild gerechnet. Du weißt schon, die weißen, leuchtenden Wesen mit Harfe und Flügeln. Aber dieser Anblick übersteigt alles, was wir uns hätten vorstellen können. Sie... sind so wunderschön.

„Sie sind gekommen, wie mir der Herr es im Traum verkündet hat!“, ruft Vater Jonas über ihren Donner hinweg, während die anderen Engel ebenfalls anfangen, auf uns herabzublicken. Keiner von ihnen hat ein Gesicht, „Gott hat seine Boten gesandt, um uns in sein Reich aufzunehmen. Die Sünden werden uns vergeben werden, unser Fleisch wird geläutert werden und...“, er stößt einen Laut der Überraschung aus, als sein Körper beginnt, sich vom Boden zu erheben; nicht sehr weit, vielleicht einen knappen Meter in die Höhe, ehe er mitten in der Luft schweben bleibt. Jetzt beginne ich auch zu weinen. Natürlich ist er der erste, der die Ewigkeit erreichen wird. Er hat es verdient, er, der alles für uns aufgegeben hat. „Ich bin bereit, Vater“, betet er leise vor sich hin, während er seine schwerelosen Gliedmaßen zu den Herrlichen streckt, „Nimm mich zu dir auf, auf dass meine Seele Frieden findet. Nimm mich zu dir auf, auf dass ich...“

Weiter kommt er nicht. Seine Worte werden von einem kurzen, aber schmerzerfüllten Schrei unterbrochen, als sein Körper mit einem Schlag nach oben gezogen wird. Nicht allmählich, sondern plötzlich, mit einem so heftigen Stoß, dass es ihm sein Rückgrat zerschmettert. Auf der linken Seite des Leittiers öffnet sich ein Maul, größer als ein Blauwal, aus dem eine zerfranste, gräuliche Zunge hervorschnellt, die Vater Jonas Leib innerhalb von Sekunden aufsammelt und mit sich in die schwindelerregende Höhe zieht, nur, um wieder in der klaffenden, mit Zähnen besetzten Öffnung zu verschwinden.

Fassungslos blicke ich ihm hinterher, während ich merke, wie sich auch mein Körper einen knappen Meter in die Höhe erhebt. Sarah und einige andere beginnen zu schreien, als ihnen das gleiche widerfährt. Als wir alle den Boden verlassen haben und die ersten anfangen, ebenfalls in den Himmel zu schnellen, wendet die Herde ihren Blick von uns ab und noch mehr Mäuler beginnen sich zu öffnen.

So hatte ich mir meine Erlösung nicht vorgestellt.

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