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Die Sonne schien, durch das Dachfenster, genau auf den Telefonhörer. Das alte, metallene Ding hatte sich mittlerweile so stark aufgewärmt, dass der junge Mann ein Stück Stoff darumgewickelt hatte, um sich nicht zu verbrennen. Er erkundigte sich noch einmal bezüglich der Einzelheiten.

Die Ankunft des Professors und seines Teams, was für die ganze Stadt von Vorteil wäre, würde die Menschen für einige Monate mit Arbeit versorgen, da gleichzeitig das Versprechen gegeben war, der Stadt finanziell zu helfen und vor allem zwei neue Brunnen zu graben. Der junge Mann, zu dem damals der Kontakt hergestellt worden war, da er einer der wenigen war, die überhaupt richtig Englisch sprechen konnten, wurde als Übersetzer eingesetzt und verhandelte im Namen der Stadt. Auf der anderen Seite des Telefons war die Sekretärin des Professors, die mitteilte, dass der Professor gestern mit dem Team losgeflogen war und im Laufe des Abends, vielleicht aber auch am nächsten Morgen, ankommen würde. Der junge Mann nickte beständig, bis er merkte, dass die Frau das nicht sehen konnte und ihr dann auch verbal zustimmte. Das Telefon im Hinterzimmer des Rathauses, war das einzige im Ort. Die Sekretärin fragte noch nach ein paar Einzelheiten, doch dann hörte der junge Mann das Geräusch von Motoren und legte nach einer hastigen Verabschiedung auf. Es war soweit. Goldene Zeiten würden anbrechen. Da war sich der junge Mann sicher.

Den Geschmack von goldenen Zeiten hatte nicht nur der junge Mann auf der Zunge, sondern ebenfalls der Professor, der sich vom Rücksitz eines Geländewagens aus einen Überblick verschaffte. Die Ausgrabungen würden in den nächsten Tagen beginnen, nachdem nun über Wochen Gelder und Unterstützer gesammelt wurden. Er, Professor Gero Mischam, war nicht allein, sondern mit zwei Kollegen, Doktor Merlin Schulgihn und Hendrik Wallersford, der schon oft bei Ausgrabungen dabei gewesen war und bei der Koordination half. Gero erhoffte sich von der Ausgrabung einen Ruf in seiner Disziplin der weiterreichte, als die Grenzen seiner Universität und seines Landes.

Er war ein Unbekannter in der akademischen Landschaft, aber hiermit könnte sich das endlich ändern. Es war nicht das erste Mal, dass er mit Hendrik unterwegs war, ein paar andere, kleinere Ausgrabungen hatte er bereits begleitet, da er viele Sprachen sprach und Leute gut koordinieren konnte. Das Ziel der Reise war die sagenumwobene Totenstadt, aus diversen Legenden der Wüste, die jahrzehntelang für ein Fantasiegebilde gehalten wurde. Gero war immer sicher gewesen, dass dem Ganzen doch ein wahrer Kern innewohnte und als ihm vor einigen Wochen die Nachricht eines Zufallsfundes überbracht wurde, wusste er, dass seine Chance jetzt gekommen war.

Ein einzelner Arbeiter hatte sich betrunken, hunderte Meter von der Stadt entfernt, in der Wüste verirrt und sich zum Schlafen an einen Stein gelegt, der sich am nächsten Morgen als ein Säule herausstellte, auf der ein Zeichen eingraviert worden war; ein Schädel eines Tieres, dass einem Stier ähnelte, dem aber nicht ganz entsprach. Das Zeichen des Totengottes Savir, ein alter Kult der vor über 3000 Jahren die Totenstadt gebaut haben soll. Der Kult des Totengottes wurde damals von verschiedenen Staaten verfolgt, bis sie sich ihre Totenstadt bauten, in der die Toten zusammen mit den Lebenden wohnten, ganz so wie es der Totengott Savir wollte. Die Schriften über den Kult waren nur vereinzelt vorhanden, ein paar Geschichten, ein paar wenige Tonplatten über den Mythos. Entscheidend dafür, dass Gero so lange an der Idee festhielt, war ein einzelner kleiner Bericht über einen Gefängnisaufenthalt eines Mannes, der verhaftet wurde, weil er zu dem Kult gebetet hatte.

Um die Stadt herum war eine niedrige Sandsteinmauer und die Straße hinein war wohl eher für Karren als für Autos gemacht. Der Fahrer brachte den Professor auf den Marktplatz der Stadt, hintendran kamen weitere Autos, insgesamt waren es drei. Zwei dieser Gefährte waren allerdings mit den Arbeitern für die Brunnenanlagen bestückt, die der Stadt zu neuem Glanz verhelfen sollten. Diese waren auch viel größer und hatten anbei einige Maschinen. Gero hatte bezüglich der Reise zwei Sponsoren. Die Gelder wurden ihm für die Ausgrabungen, die Erforschung der möglichen Totenstadt, den Bau einer Brunnenanlage und für weitere Kleinigkeiten zur Verfügung gestellt. Er hoffte wirklich die Totenstadt zu finden, aber selbst wenn es nur ein kleiner Schrein sein sollte, wäre dies schon eine wissenschaftliche Sensation. Gero stieg zuerst aus dem Wagen aus und wurde direkt von dem Kontaktmann, dem Bürgermeister und ein paar Schaulustigen begrüßt.

Der Bürgermeister – ein müde aussehender Mann – flüsterte dem Übersetzer und Kontaktmann einige Wörter zu. „Die Stadt heißt Sie herzlich willkommen. Ihr Mann für die Brunnenanlage folgt bitte dem Herrn da drüben.“ Er zeigte auf einen anderen älteren Mann in der Menge. „Die Pläne für den Brunnen sind in seinem Besitz. Er wird Ihnen ebenfalls die Quartiere der Arbeiter zeigen.“ „Professor, ich werde mich um alles kümmern“, sagte der junge Vorarbeiter und Gero nickte ihm zu. Die Arbeiter und der Vorarbeiter folgten dem Mann. Es war ein gutes Gefühl, sich nicht weiter darum kümmern zu müssen, die mögliche Entdeckung der Totenstadt würde seine ganze Zeit beanspruchen. „Möchten Sie zuerst etwas essen? Oder sollen wir Ihnen gleich die Stelle zeigen?“, fragte der Kontaktmann. „Wir fahren“, sagte der Professor. Sie fuhren mit dem Wagen weiter in die wüstenähnliche Landschaft zu der Fundstelle. Es dauerte eine gute halbe Stunde und von der Dürre, der steppenartigen Landschaft, die um die Stadt gelegen war, war nach kurzer Zeit nichts mehr zu sehen, sie lag metertief unter Sand. Ganz sicher war die ganze Unternehmung nicht.

Die Wissenschaftler, die wie Gero an die Existenz der Totenstadt glaubten, deuteten den möglichen Ort, an dem sie errichtet sein könnte zwar in der Nähe; falls aber dieser Stein mit dem Zeichen wirklich ein Teil der Totenstadt wäre, wäre sie dennoch ein paar Kilometer außerhalb des eigentlichen Radius entfernt, mit dem man vorher gerechnet hatte. Natürlich kam es vor, dass Städte, Gräber, Tempel außerhalb des prognostizierten Gebiets gefunden wurden, aber in den letzten Jahrzehnten wurde dies immer seltener. Gero konnte nicht erkennen, wie der Weg verlief, doch der Kontaktmann schien sich im Sand auszukennen. Er sagte dem Fahrer immer wieder, dass er nach links oder rechts fahren sollte, bis sie schließlich auf einer kleinen Anhöhe ankamen. Gero konnte schon den gemeißelten Stein erkennen, der aus dem Sand ragte. Zügig stieg der Professor aus und betrachtete das Ganze näher. Hendrik und Merlin gingen direkt hinterher. Der Stein und das Zeichen, welches eingemeißelt war, war noch teilweise mit Sand bedeckt. „Soll ich es grad gleich freimachen?“, fragte Hendrik. „Mach das“, sagte Gero, nickte und sah zu, wie mehr und mehr des Zeichens freigelegt wurde. „Vorsichtig, nicht, dass irgendetwas beschädigt wird“, sagte der Doktor und sah neugierig zu dem freigelegten Zeichen. Volltreffer!

Das war eindeutig das Zeichen der Totenstadt. Das Zeichen des Kultes. Auch wenn die Linien mit der Zeit etwas verwaschen waren, so war es noch deutlich zu erkennen. Wenn der Geruch von goldenen Zeiten vorher schon in der Luft lag, war es nun ein penetranter Gestank, der jedem großes Versprach. Erste Gerätschaften wurden aufgebaut und ein kleiner Bereich in wenigen Sekunden freigelegt. Genug um zu erkennen, dass das Gebilde größer war als nur die Säule. Vielleicht war es auch bloß eine etwas größere Kultstätte, aber auf jeden Fall genug. Die Männer betrachteten den Stein, der freigelegt wurde noch etwas und machten sich dann auf in die Stadt.

Man hatte ihnen für die ersten Nächte kleine Quartiere bereitgestellt, bis ein richtiges Lager aufgebaut werden würde. In der Stadt wurden sie zu dem Haus gebracht, in dem die Unterkünfte sein würden. Es war ein großes Haus mit vielen Zimmern, welche früher als Lagerräume dienten, wie Gero in einem Gespräch mit dem Kontaktmann erfuhr.

Das Haus war extra für die Ankunft ausgeräumt und zu einer Art Gasthaus umfunktioniert worden, welches mit ein wenig Einrichtung bestückt worden war. Genug um ein paar Nächte hier zu verbringen, aber zu wenig um wirklich komfortabel zu sein. Unten gab es an rustikalen Holzbänken zu trinken und etwas zu essen, zubereitet von einigen Frauen aus der Stadt. Die Arbeiter bedienten sich reichlich. Gero setzte sich für eine kleine Portion mit Merlin und Hendrik zusammen, unterhielt sich ein wenig, ging aber schnell in eines der Zimmer.

Die Zimmer waren ebenso spartanisch eingerichtet, wie der Essensplatz, es gab lediglich eine Matte zum Schlafen. Gero legte sich hin und versuchte etwas Schlaf zu finden, doch die drückende Hitze hielt ihn davon ab, sodass er nach oben starrte, ohne wirklich etwas anzusehen und ließ die Gedanken ihre Bahnen ziehen.

Er dachte an die Aufzeichnungen über die Totenstadt, dachte an die ganzen Vorkehrungen und Mühen, die hunderten Gespräche, um genug Geld zusammenzubekommen, die lange Fahrt, die großen Hoffnungen, die Erleichterung, das Zeichen gefunden zu haben, dachte an die ganzen Dinge, die nun erledigt werden mussten. Während diese Gedanken unermüdlich in ihm tobten, wurde der Körper immer und immer müder, bis er schließlich vom Schlaf übermannt wurde. Verschwitzt wachte er aus wilden Träumen auf. Müde stand er auf und rieb sich die Augen. Es gab viel zu tun. In den darauf folgenden Stunden wurden Männer und Frauen ausgesucht, um das kleine Lager aufzubauen, welches sie auch in den nachfolgenden Wochen versorgen würden.

Es würde einfach zu viel Zeit kosten, jeden Tag dort rauszufahren, zu mal, es in der Umgebung keinen einzigen Zugang zu Benzin gab, es also knapp wäre. Über die nächsten Tage hinweg, wurden einige Zelte aufgebaut, ein paar große in denen gegessen wurde und viele kleine zum Schlafen. Neben großen Ladungen Dosen und Wasser, sicherte der Bürgermeister den Männern Versorgung mit Flüssigkeit und Essen zu. Es waren insgesamt fast 20 Leute in dem Lager, den Professor Mischam, den Doktor Schulgihn und Hendrik Wallersdorf mitgerechnet.

Zehn Männer, die mit den Ausgrabungen, nach den Anweisungen von Hendrik begannen. Zuerst wurde etwas Steinboden freigelegt, mit eingemeißelten Zeichen, die nach der langen Zeit nur bedingt erkennbar waren. Erst ein guter Quadratmeter, am darauffolgenden Tag fünf, dann zehn. Die Arbeit wurde mit extremer Vorsicht erledigt, auch wenn der Steinboden schon viele hundert Jahre überstanden hatte, so konnte man die nächsten Stunden nicht garantieren. Wegen des Sicherheitsbedürfnisses kamen sie nur langsam voran und legten aber trotzdem immer mehr frei, Stück für Stück, sodass es eine Zeit lang schien, als könnte diese Platte unendlich groß sein. Sie mussten sogar das Lager ein Stück verlegen, um weiter Teile des gemeißelten Steins freilegen zu können. Die Zeichen auf der fast dreißig Quadratmeter großen Steinplatte waren vielschichtig, zeigten Teile des Lebens der Kultanhänger, Schöpfungsmythen und Weiteres.

Aus den noch erkennbaren Bildern konnte Gero nur noch gewisse Teile lesen. Die Schriftzeichen waren ihm komplett fremd. Es ähnelte der Sprache, die er auch bei anderen Fundstücken gesehen hatte, aber besaß einige sprachliche Eigenheiten, die darauf schließen ließen, dass es entweder ein starker Dialekt oder wirklich eine andere Sprache sein musste, die aber auf jeden Fall aus der gleichen Sprachfamilie stammte.

Gero fuhr nachdem die gesamte Steinplatte freigelegt worden war zurück in die Stadt und fragte den Kontaktmann, ob es jemanden in der Stadt gäbe, der die Sprache lesen konnte und zeigte ihm hierzu einige Abzeichnungen.

„Eine ältere Frau bei uns kennt sich in mehreren Sprachen aus, wir können ihr die Aufzeichnungen mal zeigen“, sagte dieser. Kurze Zeit später brachte der Kontaktmann Gero in den Westen der Stadt, zu einer winzigen Hütte, vor der eine ältere Frau auf einem Steinklotz, angelehnt an die Mauer saß und ein Buch las. „Sie ist die Älteste in der Stadt. Ihr dürft ihr nicht in die Augen schauen. Das gilt als große Beleidigung.“ „In Ordnung. Hoffentlich kann sie uns helfen.“ „Wenn nicht sie, dann keiner in der Stadt.“ Der Kontaktmann zeigte der alten Frau die Zeichnung, während sich Gero bemühte sie nicht direkt anzusehen. Die beiden wechselten ein paar Worte. „Sie versteht die Sprache relativ gut. Sie hat sich bereit erklärt mitzukommen.“ „Richten Sie ihr meinen Dank aus.“

Zu dritt fuhren sie zurück zur Steinplatte und in den nächsten Stunden entzifferte die alte Frau die Zeichen im Stein, umringt von den Arbeitern und Hendrik, Merlin und Gero. Während die alte Frau laut die Übersetzung in die Sprache ihrer Landsleute sprach, übersetzte der Kontaktmann die Landessprache in das Englische, welches der Professor eifrig notierte. Neben typischen Alltagsbegegnungen, gewissen Ritualen, der Arbeit und dem Unterhalt der Totenstadt wurde immer wieder von einer Kreatur gesprochen, welche die Totenstadt beschützen sollte. Sie hatte die Gestalt eines extrem dürren Mannes der, wenn er nicht den Tod, Jahrzehnte des Unglückes bringen sollte. Gero sah wie der Doktor schmunzelte. Viele Kulturen erfanden Kreaturen, um sich vor anderen zu schützen. Abgemagert, meist nur kriechend, menschenähnlich, aber so dürr, als würde ein Windhauch tödlich sein, wurde die Kreatur weiter beschrieben. Die Darstellungen des Wesens waren immer wieder angemerkt und es wurde unterstrichen, dass es die Totenstadt schützte.

Durch die Arbeiter ging ein leises Raunen, Gespräche hier und da, aber immer nur kurz, die meiste Zeit hörten sie einfach gespannt auf die Worte der alten Dame. Dann sprach die Alte lauter in einem festen Ton und ein weiteres Raunen ging durch die Menge, diesmal ängstlicher, aber der Kontaktmann übersetzte nicht. „Was hat sie gesagt?“, fragte Merlin. „Niemand darf diese Stadt betreten, es wäre das Ende“, sagte der Kontaktmann trocken und der Professor sah zu der alten Dame. Er blickte ihr genau in die Augen und konnte nur Abscheu in diesen erkennen. Sie wurde zurück in ihr Häuschen gebracht.

Die Übersetzung füllte mehrere Seiten des Notizbuches des Professors und seine Hand schmerzte. Er war verärgert, dass sie die Arbeiter in Aufruhr versetzt hatte. Auch wenn niemand den Dienst quittierte, schienen sich doch einige Gespräche darum zu ranken und die Stimmung schien sich verschlechtert zu haben. Ein paar Tage später, als die ersten Ergebnisse übermittelt worden waren und sowohl der Doktor als auch der Professor einen Artikel für eine Fachzeitschrift schrieben, kam Hendrik plötzlich in das Zelt. „Einer der Arbeiter hat einen Hohlraum gefunden!“ „Ein Hohlraum?“, fragte der Professor verdutzt und ließ im selben Moment wie der Doktor von der Schreibmaschine ab.

Einem der Arbeiter war anscheinend ein Werkzeug heruntergefallen, als er gearbeitet hatte, wobei er einen hohlen Klang vernommen hatte als es auf dem Boden aufkam. Die Platte hatte dadurch zwar eine kleine Beschädigung, aber das kümmerte den Professor nicht weiter.

Er kniete sich auf den warmen Stein und klopfte. Tatsächlich. Ein Hohlraum. Voller Eifer klopfte er weitere Stellen ab, aber alles was mehr als zwei Meter von der Stelle entfernt war, war komplett dumpf. Als er näher hinsah, erkannte er es auch. Winzige Fugen, minimale Zwischenräume. Eine Platte, die in den Stein eingelassen war. Was war da drunter? Opfergaben oder vielleicht... nein, sicher nicht, aber trotzdem musste er die Platte fortschaffen.

Hendrik wies die Arbeiter an die Platte vorsichtig aus dem Stein zu heben. Sie hebelten sie mit flachen Schaufeln heraus und trugen sie dann in den Sand, während der Doktor, der Professor und Hendrik fassungslos nach unten starrten.

Eine Treppe in die Dunkelheit. Abgetretene Stufen. Neugierig setzten die drei langsam einen Schritt nach dem anderen, während ein Jahrtausend alter Geruch ihnen entgegenströmte. In der Schwärze war nichts zu erkennen, sodass Merlin ein paar Taschenlampen holte und sie dann gespannt hineingingen. Ein langer Gang breitete sich vor ihnen aus, sicher 20 oder 30 Meter lang.

Am Anfang waren links und rechts jeweils kleine Räume, die durch Torbogen verbunden waren. Zuerst gingen die drei in den linken Raum und fanden einen großen, behauenen, mit Edelsteinen besetzten Altar. Es waren noch Reste von Farbe zu erkennen, die aber wohl über die Jahrhunderte fast vollständig verschwunden war. In dem Stein waren zwei Worte eingemeißelt. Das eine bedeutete Stadt und das andere Tod. War das die Totenstadt? War das der Beweis für ihre Existenz?

Der lange Gang ließ es vermuten. Ob es wirklich eine Stadt war, blieb abzuwarten, aber dies war mehr als sich die meisten erhofft hatten. In dem anderen Raum waren Bänke und Stühle aus Metall aufgestellt worden, außerdem ein steinerner Behälter. Der genaue Zweck des Raumes war aber noch nicht ganz klar. Die zwei Räume hatten schon sehr viel Zeit gekostet, sodass weitere Forschungen auf den Morgen verschoben werden mussten. Der Kontaktmann blieb für die Nacht bei dem Lager, weil er am nächsten morgen helfen musste, den Leuten Anweisungen zu geben. Zur Feier wurden Süßigkeiten aus dem Koffer des Doktors verteilt, denn das Ganze war mittlerweile ein mehr als großer Erfolg. Es gab reichlich zu Essen und zu Trinken, bis sich die Leute spätabends in die Zelte schlugen. Es hatte in der Zwischenzeit leicht angefangen zu winden. Gero fand nur spät unruhigen Schlaf, zu stark kreisten die Gedanken, um das was kommen würde. Seine Träume führten ihn in eine Welt, in der er Vorträge in vielen Städten gab und der wichtigste Professor seines Faches wurde. Aus diesen wunderbaren Träumen wurde er plötzlich gerissen. Rufe und Schreie tönten aus dem Lager und ein schreckliches Heulen ging durch die Luft. Der Doktor kam ins Zelt gestürmt. „Mehrere Arbeiter sind geflohen. Sie glauben die Kreatur ist in der Nähe!“ „Was? Warum?“ „Hörst du nicht dieses Heulen. Verdammt.“ „Aber das ist doch niemals ein Monster. Es gibt kein Monster in der Totenstadt.“ „Der scheiß Aberglauben reißt an den Nerven.“ Gero stand auf und zog sich an.

Draußen standen noch ein paar Arbeiter, die mit dem Kontaktmann diskutierten. „Was geht hier vor sich?“ „Fünf Männer und die Frauen sind geflohen. Das Heulen macht ihnen Angst.“ „Es gibt keine Monster in der Totenstadt“, sagte Gero kopfschüttelnd. „Das ist irgendein billiger Trick.“ „Trotzdem haben die Leute Angst. Sie haben mir klar gemacht, dass sie keinen Schritt in den Tunnel setzen werden.“ „Wie soll das funktionieren? Wir haben für die Brunnen und alles weitere gesorgt.“ „Die Arbeiter, die die Brunnen gebaut haben, fahren morgen weg.“ „Wie weg?“ „Das wissen sie doch. Sie sind ab morgen weg.“ „Das weiß ich nicht, verdammt.“ Er machte eine kurze Pause. „Was ist mit den anderen Arbeitern?“, fragte Hendrik. „Sie bleiben bis morgen hier und versorgen das Lager. Wenn sie für weitere Mittel sorgen können, dann helfen sie auch weiter.“

Der ganze Traum hatte damit einen gewaltigen Dämpfer bekommen.

Merlin sagte: „Wir sollten in die Stadt fahren. Am Telefon Dinge abklären. Irgendetwas ist gewaltig schief gelaufen.“ „Anscheinend“, sagte Gero halblaut. Gemeinsam fuhren sie in die Stadt, wo der Professor direkt bei seiner Sekretärin anrief, die natürlich schon zu Hause war. „Frau Stilbla, was ist passiert? Was geht hier vor sich? Ich wurde benachrichtigt, dass die Arbeiter gegangen sind.“ „Das ist richtig... Professor Mischam, die Firma hat ihre Spende zurückgezogen.“ „Zurückgezogen?“ „Ja, sie glauben einfach nicht mehr an das Projekt... Als Entschädigung, bieten sie an den Rückflug zu übernehmen, erste Klasse, sagten sie.“ „Den Rückflug?! Was fällt denen...“, einen Moment hielt der Professor inne, er hatte keine Chance dort irgendetwas zu tun; er überlegte kurz und fasste einen Entschluss, „In zwei Wochen.“ „Wie steht es denn mit...?“

Gero hatte aufgelegt, fasste sich einen Augenblick lang und schritt dann nach draußen. „Alles ist in bester Ordnung. Wir haben schon einen anderen Sponsor, der die Stadt weiter aufbauen wird“, sagte Gero zu dem Kontaktmann. „Es war ziemlich laut da drin?“ „Manchmal müssen Angelegenheiten lauter geklärt werden. Sagen sie den Arbeitern, dass in zwei Wochen die Leute kommen und die Stadt aufbauen werden, wir werden diese Stadt reich machen“, sagte Gero lächelnd. „Und bis dahin?“ „Müssen sie natürlich am Lager weiterhelfen.“ „Aber hier ist niemand der irgendetwas aufbaut.“ „Wie gesagt in zwei Wochen. Mehrere Brunnen, richtige Straßen. In zwei Wochen ist das alles.“ „Aber im Moment ist ja niemand hier, die Arbeiter werden...“ „Ich kann dort wieder anrufen und das Ganze beenden“, sagte Gero trocken. „Zwei Wochen, dann erstrahlt die Stadt in neuem Glanz. Ich meine, der Brunnen funktioniert ja auch, oder?“ Der Kontaktmann nickte, anscheinend war er überzeugt.

Es behagte Gero nicht, den Mann anzulügen, aber er musste als erstes alles untersuchen. Wenn die Meldung raus wäre, dass die Forschung ein Erfolg war, würden Scharen von Männern anrücken und alles untersuchen wollen.

Die Gespräche mit den Arbeitern verliefen gut und sie stimmten zu, das Lager weiterhin am Leben zu erhalten, während Gero, Hendrik und Merlin zusammen die zweite Reise in die Gänge planten. Drei Taschenlampen, Wasser, ein Notizbuch und ein Stift. Nichts Besonderes. Bevor sie hineingingen ließ Gero den Kontaktmann die Arbeiter noch einmal fragen, ob jemand mitkommen wollen würde. Sie verneinten. „Es gibt kein Monster in der Totenstadt“, sagte der Professor und schüttelte den Kopf.

Sie würden nur ein paar Stunden weg sein. Die Arbeiter sollten da bleiben und den Lagerbetrieb beaufsichtigen, Fundstücke begutachten und weiter säubern. „Sollen wir wirklich nicht auf mehr Leute warten?“, fragte der Doktor und Gero schüttelte den Kopf. „Eine Chance haben wir. Eine. Nicht mehr, nicht weniger.“ „Haben wir alles?“ Hendrik sah zu den beiden Anderen, kontrollierte selbst nochmal, ob seine Taschenlampe funktionierte. „Dann mal los.“

Sie stiegen die Treppenstufen herunter und liefen einige Schritte, ließen den Schein der Taschenlampen über die Wände streichen, die mit winzigen Bildern verziert waren. Wieder das Bild der Kreatur. Wahrscheinlich eine Warnung, dass man jetzt noch umkehren konnte. Draußen fing es wieder zu stürmen an und mehrere Windstöße drangen nach unten. Wie durch die Windstöße geweckt, ertönte wieder ein Heulen, dass den Dreien das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Sollten wir vielleicht nicht besser umkehren?“, fragte Merlin. Für einen Augenblick dachte der Professor ernsthaft darüber nach, doch dann schüttelte er den Kopf. „Jetzt nicht. Es gibt kein Monster hier.“ „Dieses Heulen...“, murmelte Hendrik. „Papperlapapp, gehen wir weiter. Denkt nur dran. Das wird die Totenstadt sein!“ Am Ende des Ganges stand eine Statue von Savir und der Weg gabelte sich. „Vielleicht sollten wir den Weg irgendwie markieren, damit wir wieder zurückfinden“, warf Hendrik ein. „Das wird das Beste sein. Hast du etwas dafür?“ Der Professor kramte in seinen Taschen und zog sein Notizbuch hervor und legte eines der Blätter auf den Boden.

Sie gingen weiter den linken Gang entlang und kamen an einem seltsamen steinernen Gebilde vorbei. Es war krumm und merkwürdig geformt. Dann kündigte sich wieder der Sturm von draußen an und wieder ertönte das Heulen, sobald der Wind die drei erreicht hatte. Das Heulen war hier am stärksten. Es kam von dem steinernen Gebilde. Der Professor musste lachen, als ihm klar wurde, dass die Leute einem billigen Trick aufgesessen waren und war erstaunt über die Intelligenz der Kultanhänger. „Die Apparatur ist das Monster.“ „Wie meinst du?“ „Der Wind kommt, geht durch den Stein und pfeift und heult. Ein verdammter, lebloser Stein.“

Sie betrachteten den Stein eingehend, ließen dann aber davon ab und nahmen die nächste Abzweigung. Wieder nach Links. Wieder eine Seite aus dem Notizbuch auf dem Boden. Wieder ein langer Gang. Doch diesmal gab es zu beiden Seiten kleine Nischen und einige Räume. Als die Drei näher traten fuhr dem Doktor ein angewiderter Laut aus. „Mumifiziert.“ Hendrik trat näher heran. „Die Toten leben zusammen mit den Lebenden“, sagte der Doktor und zeigte, dass im Raum noch ein freies Bett gewesen war und ein steinerner Tisch. Etwas Wasser tropfte durch ein winziges Röhrchen aus dem Stein der Mauern in eine Schale. Vielleicht hatten die Leute so ihr Wasser bekommen, überlegte Gero, aber er konnte sich natürlich nicht sicher sein.

Weitere Räume mit verschiedenen steinernen Einrichtungen folgten und sie drangen immer tiefer in die Dunkelheit, durch die von Räumen flankierten Gänge. Das Notizbuch leerte sich mit der Zeit, wobei noch immer etwas mehr als die Hälfte an Seiten übrig war.

Sie standen gerade wieder in einem der Räume und untersuchten gerade einen speziell geformten Tisch, als eine kleine Erschütterung durch die Gänge ging. Etwas Sand rieselte von der Decke. Die Erschütterung war minimal, aber durchaus spürbar. Dann noch eine winzige Erschütterung und dann ein lautes Krachen. Sie verließen das Zimmer und sahen, dass die Decke eingebrochen war und in dem Gang hinter ihnen alles versperrt hatte. Noch eine kleine Erschütterung und dann war wieder alles ruhig. Hendrik schritt zu dem Steinhaufen und sah es sich genauer an. „Hier ist kein Durchkommen. Keine Chance.“ „Scheiße, was machen wir jetzt?“, fragte der Doktor. „Warum mussten wir auch hier reingehen? Ich hatte von Anfang an ein beschissenes Gefühl bei der Sache!“ „Wir werden hier schon irgendwie rauskommen. Gibt sicher mehr als einen Weg nach draußen“, sagte Hendrik. „Wir sind immer nach links gegangen, also gehen wir jetzt einmal nach rechts und dann zurück. Das wird ja schon so eine Art Muster sein.“ Der Professor nickte zustimmend.

Ein Heulen erklang erneut und der Doktor zuckte zusammen. „Das ist ekelhaft...“ „Kein Monster in der Totenstadt. Und die Toten sind sicher meist auch schon zerfallen“, murmelte der Professor und schritt weiter, die Anderen im Schlepptau. Der Weg nach rechts führte an eine Stelle an der anscheinend ein Weg nach links mit einem Weg nach rechts zusammenführte. Es war eine Art Rautenmuster. Sie folgten dem Weg, doch gelangten zu einer Sackgasse. „Verdammt.“

Weitere Sackgassen folgten. Sie fanden nicht einmal mehr zurück zur Stelle an der sie hergekommen waren und kamen weder voran noch zurück. Nach ein paar Stunden setzten sie sich auf eine steinerne Bank, die auf dem Weg stand. „Wir müssen vielleicht bei der nächsten nach rechts, da kommen wir sicher raus. Anders kann es nicht sein“, sagte Gero fast verzweifelt. „Halt bloß dein Maul. Was für eine scheiß Idee. Totenstadt. Hier ist vielleicht kein scheiß Monster aber draufgehen tun wir trotzdem. Wie blöd waren wir hierherzukommen – “ „Hinter der nächsten Biegung kommen wir sicher auf den richtigen Weg.“ „Genug ist genug. Wir gehen in die andere Richtung. Deine scheiß Ideen haben uns nirgendwohin gebracht.“ „Aber es geht dort weiter, ich bin mir sicher.“ Der Doktor stand auf. „Nicht mit mir. Komm Hendrik.“ Hendrik schien einen Moment zu überlegen und trottete dann dem Doktor hinterher.

Gero konnte es nicht fassen. Er war sich sicher, wo es weiter ging. Er musste einfach weiter machen. Alleine zog er stundenlang durch die Gänge, verlor jeden Gedanken an Zeit. Einfach immer weiter. Ohne Sinn, ohne Verstand. Einfach immer weiter. Ohne Sinn, ohne Verstand. Einfach immer weiter. Ohne Sinn, ohne Verstand.

Draußen im Lager standen die Arbeiter und warteten ab. Eine Woche verging und jede Nacht ertönte das Heulen der Kreatur, sodass sie sich sicher waren, dass die Fremden dem Monster zum Opfer gefallen waren. Manche warteten auch länger, aber nach gut zwei Wochen, war lediglich die Hälfte noch da. Immer noch in der Hoffnung, dass die falschen Versprechen des Professors bald wahr werden würden. Am 16ten Tag sprachen einige darüber, dass das Lager keinen Sinn mehr hatte und fingen an die Zelte auseinanderzunehmen. Während des Einsammelns der nützlichen Teile, ertönte das Heulen noch einmal und die Arbeiter zuckten zusammen, nur kurz, aus Reflex, doch dann wich der kurze Schreck einer ungeheuren Angst, als sie sahen, was langsam aus der Totenstadt, die Treppe hinaufgekrochen kam. Eine ausgemergelte Gestalt kroch auf allen vieren und gab seltsame Laute von sich. Von der Angst getrieben, sammelten die Arbeiter ihren Mut zusammen, packten das Werkzeug und schlugen die Kreatur nieder, schlugen mit ihren Hämmern immer wieder auf das dürre Wesen ein, bis mehrere Knochen gebrochen waren und Blut von allen Seiten tropfte. Dann warfen sie sie zurück in die Totenstadt und versiegelten den Eingang, sodass nichts mehr aus dieser Hölle entfliehen konnte. Die Kreatur der Totenstadt war besiegt.

Mit seinen letzten, schwachen Herzschlägen, zurückgelassen in der steinernen Dunkelheit, dem Ende entgegen, murmelte der Professor seiner Sinne nicht mehr mächtig: „Es gibt kein Monster in der Totenstadt, es gibt kein Monster in der Totenstadt.“

~~~~Asthenar Weltenbruch

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