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Englische Version: The Friend Zone (Asylum Series)


Nach den heutigen Ereignissen bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich meine Untersuchungen fortsetzen soll.

Ich bin dazu übergegangen, direkt mit den Patienten zu sprechen anstatt nur Akten zu lesen; mir kam der Gedanke, wenn irgendeine Art von Akteur gegen mich arbeitete – möglicherweise unter Mitwirkung des Chefarztes – sollte ich eher die Patienten aufsuchen, deren Geschichte noch nicht niedergelegt worden war. Nur die am schlimmsten Betroffenen haben sich geweigert, über sich zu reden, aber ich werde der Einzige sein, der ihre Geschichte kennt und das wird mir einen Vorsprung verschaffen.

Ich entschloss mich, mit dem bemitleidenswertesten Patienten zu beginnen, den wir haben. Er reagiert jetzt schon seit einigen Monaten nicht auf Versuche, ihm zu helfen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, in seiner Lage zu sein, aber ich habe ihn letztens dabei beobachtet, wie er auf die Pflegerin reagiert hat, die ihn betreut.

»Oh hey, hab dich gar nicht gesehen. Wollte dir nur vielen Dank sagen, dass du dich für mich um die Post gekümmert hast, als ich krank war«, grüßte sie mich und lächelte mich warmherzig an.

Sie hat mich dabei so kalt erwischt, dass ich nur ein »Kein Thema« hervorbrachte. Ich war immer etwas durcheinander, wenn sie in der Nähe war. Der Anonymität zuliebe nenne ich sie Claire. Sie war eine der hübschesten Krankenschwestern und ich konnte sehen, wie unser schlimmster Patient sich ihr geöffnet hat. »Das hört sich vielleicht komisch an, aber könntest Du mir einen Gefallen tun?«

Sie schien skeptisch und auch ein bisschen misstrauisch, aber sie tat es.

Sie war dabei sogar richtig erfolgreich.

Sie und Mabel, eine viel ältere Pflegerin, richteten den Raum für die Aufnahmesitzung her. Es war nicht so, dass der Patient gefährlich wäre – er war eher das Gegenteil – aber sein besonderer Zustand verlangte nach zusätzlichen Aufsehern, für alle Fälle.

Claire hat uns sogar Kaffee gemacht und gab mir persönlich eine Tasse. »Ich finde es schön, dass du dich so für ihn interessierst. Das kann man von den Ärzten nicht gerade behaupten.«

Ich lächelte schüchtern; ich bin sicher, dass ich sogar ein wenig rot anlief. »Danke«

Als sie sich wegdrehte, zog ich eine Grimasse. Ich fühlte mich wieder wie ein dummer Schuljunge.

Ich zögerte, bevor ich die Kaffeetasse an meine Lippen setzte, und betrachtete die bräunliche, verwirbelte Sahne, die mich an unschöne Dinge aus einer anderen Patientengeschichte erinnerte. Das ekelte mich, deswegen stellte ich die Tasse weg.

Ich schüttelte den Ekel ab und konzentrierte mich auf die Aufgabe vor mir.

Er lag im Bett, bewegte sich nicht und deutete auch sonst nicht an, dass er von meiner Anwesenheit wusste.

»Wann immer Sie bereit sind«, sagte ich geduldig.

Mabel wartete mit dem Aufnahmegerät.

»Leg los, Schatz«, sagte Claire zu ihm.

Er begann sofort zu reden. Das faszinierte mich, er war überhaupt nicht katatonisch. Seine Stimme war klar und kräftig mit einem grimmig-spöttischen Unterton, als kenne er einen ausgesprochen schwarzen Insiderwitz, den er für sich behielt…

Ihr wollt meine Erzählung hören? Da bin ich mir nicht ganz so sicher, sie ist nämlich näher an euch dran als ihr euch vorstellen könnt.

Gut, aber denkt dran: Ihr habt danach gefragt.

Wie vielleicht alle Geschichten dreht sich auch meine um ein Mädchen.

Oh, wie schön sie war. Wunderschön sogar. Ich hab sie ganz oft aus der Ferne beobachtet. Sie wusste nicht, dass es mich gibt und wollte es wahrscheinlich auch gar nicht wissen.

Ich bin kein Spanner [hämisches Gelächter] – ist ja nicht so, als hätte ich keine Freundinnen gehabt. Ich hatte nur immer den Eindruck, dass ich immer nur die haben wollte, die ich nicht bekommen konnte. Ich hab mich nicht mehr wohlgefühlt in den Stätten meiner Jugend, ich war ja auch schon mehr dreißig als zwanzig und der Lauf der Zeit verdunkelte sich, aber dann kam das Licht – mit ihr.

Ich war nicht besessen, das will ich gleich klarstellen. Ich fand sie nur ausgesprochen hübsch. Ich glaubte jedoch nicht, dass ich bei ihr eine Chance hätte und ich hab es auch nicht versucht.

Allerdings bin ich froh, dass alles so lief wie es lief.

Eines Nachts saß ich in meiner Stammkneipe, allein, und alle anderen Tische waren besetzt. Da kam sie mit ihren Freundinnen, sie waren insgesamt zu dritt, und setzten sich direkt an meinen Tisch. Ich stolperte durch ihre Vorstellrunde wie ein Reh durch Scheinwerferlicht.

»Ich hab dich gesehen, wie du mich angestarrt hast«, sagte sie lachend: »Soll ich Angst haben oder bist du nur ein missverstandener netter Kerl?«

Sie redete mit mir!

»Netter Kerl«, beeilte ich mich zu versichern. »Wollt ihr was trinken, ich geb einen aus.«

Natürlich sagten sie nicht nein.

Eine ihrer Freundinnen schien ziemlich interessiert an mir zu sein, aber ich hatte nur Augen für sie. Die Freundin lud mich später zu einer Feier mit ihnen ein und ich sagte voller freudiger Erwartung zu.

Auf der Feier unterdrückte ich meine Verknalltheit und sah, wie sie irgendein Kerl anquatschte. Kein Problem, das war nur irgendein Arschloch und selbst wenn er sie heute abschleppen sollte, würde ich am Ende gewinnen. Als ich so ein bisschen schleppenden Smalltalk machte, kam ich mir in dieser kleinen Ecke irgendwie wie das fünfte Rad am Wagen vor.

»Los, hol mir einen Drink«, sagte sie und lachte verlegen.

Ich antwortete: »Kein Problem.«

Ich … kam mir nach einer Weile recht dumm vor. Ich war nur ein Kerl, der herumlungerte und sich ungeschickt Zuwendung verschaffen wollte.

Irgendwann war die Party vorbei, als sie mit mir allein auf der Couch landete. Sie beschwerte sich zwei Stunden lang über Arschlöcher und fiese Typen. Der Kerl, mit dem sie geredet hatte, servierte sie eiskalt ab und schnappte sich eine irgendeine Schlampe. Ich nickte schadenfroh – da war sie und vertraute sich mir an.

Dann sagte sie es.

»Du bist ein netter Kerl. Hättest du Lust mit mir morgen rumzuhängen?«

Ich staunte dermaßen, dass ich nur ein Ja rausbrachte.

Wir trafen uns im Einkaufszentrum und wir verbrachten den Tag damit, dass sie verschiedene Kleider anprobierte und mir zeigte. Ich hab ihr sogar mit den Worten »Ja Schatz« ein paar gekauft, aber sie lächelte nur und korrigierte mich nicht.

Ich war auf Wolke sieben.

Danach waren wir fast jeden Tag zusammen. Ich muss allerdings zugeben, dass das bisweilen sehr schwierig für mich war. Ich wollte sie so sehr, aber mit ihr konnte ich nie so richtig intim werden – Arschlöcher kamen und gingen und ich selbst sabotierte heimlich die meisten von ihnen.

Die meisten.

Ich habe um ihr Herz gekämpft und hatte kein schlechtes Gefühl dabei.

Nein nein, ihr versteht mich falsch, ich hab nichts Unrechtes getan. Nur ein paar spitze Kommentare – oder Lügen über sie, wenn sie nicht zuhörte, oder Lügen über ihn, wenn sie zuhörte.

Während sich so mein Leben in einen Käfig aus Schmerz und Negativität verwandelte und dieser ständige Kampf, um sie zu isolieren, mich immer mehr auslaugte, schien sie auf ihren eigenen dunklen Pfad zu geraten. Sie fing an Drogen zu nehmen, egal wie sehr ich versuchte, sie davon abzuhalten. Ich sagte: »Ich bin dein bester Freund, ich mach mir Sorgen um dich, tu das nicht …«, aber das schien sie nur zu bestärken.

Wenigstens hat sie sich von dem richtig gefährlichen Zeug ferngehalten; sie hat nur die Sachen genommen, die keine auffälligen Spuren hinterließen.

Eines Tages konnte ich das nicht länger ertragen. Ich drängte sie in eine Ecke und beteuerte – nein, schüttete ihr meine unendliche Liebe über. »Ich würde alles für dich tun«, sagte ich und fühlte mich unbeschreiblich.

Sie schien darüber nicht sehr glücklich zu sein. Eher ein wenig verärgert, aber nach ein paar Minuten kam sie zurück in den Raum und fragte: »Alles?«

Das müsste ich nur beweisen, sagte sie, vielleicht würde sie auch wieder lernen, mich zu lieben.

Alles, versprach ich.

Die nächsten Monate rannte ich für sie herum, machte ich Besorgungen für sie und begann einen Zweitjob, um ihren Lebensstil zu finanzieren. Sie versicherte mir immer wieder, dass ihre Gefühle für mich schon fast zurückgekehrt waren. Inzwischen ging sie auf eine Hochschule für Aufbaustudien, davon erzählte sie aber immer recht vage. Ich zahlte fröhlich so viel dafür ein wie ich konnte.

Mit der Zeit wurde es schlimmer und sie wurde immer böser. Oft war sie aufgedreht von irgendwas oder total benebelt von irgendwas anderem und wenn ich mich beschwerte, schlug sie mich. Ich bin ein Mann, dachte ich, ich halt das aus.

Als ich ihr dann eines Tages sagte, dass ich komplett pleite war und mir ihr Schulgeld nicht mehr leisten konnte, schnitt sie mich.

Wir haben uns dann eine Zeit lang getrennt und das fühlte sich an, als würde meine ganze Welt zusammenbrechen. Sie war gerade kurz davor, mich zu lieben, schrie sie, wir waren so nah dran …

Ich ging mit Rosen und einem Scheck zu ihr. Ich hatte einen riesigen Kredit aufgenommen, um ihre Schule zu bezahlen.

Sie nahm mich mit offenen Armen wieder auf und küsste mich sogar zum ersten Mal auf die Lippen.

»Alles«, befahl sie. »Alles.«

Ich akzeptierte, ich würde alles für sie tun. Sie war meine ganze Welt. Solange sie mich wertschätzte, war ich auf Wolke sieben.

Ihre Gewalt und ihr Zorn hörten nicht auf – sie begann es eher zu genießen, kann ich sagen. Sie hatte jetzt ein Skalpell und schnitt mich oft damit. Die Schulter, das Bein, nur ein bisschen und jedes Mal ein bisschen mehr. Wenn ich vor Schmerzen schrie oder mich wehrte, drohte sie mir an, mich zu verlassen. Ich ließ sie weitermachen – und wie ihr wisst, hab ich begonnen, es selbst ein bisschen zu genießen. Nach jedem dieser Gewaltakte sind wir uns ein bisschen näher gekommen. Wir haben sogar rumgemacht, während ich aus einem tiefen Schnitt an meinem Arm ziemlich stark blutete.

Wir waren uns so, so nahe, und irgendwann erzählte sie mir von einer Idee, über die sie schon länger nachgedacht hatte.

Ich weiß, dass ihr das verrückt findet, aber ich wollte es. Die Gegenleistung war es mir wert. Was würdet ihr für die Liebe tun? Ich wusste es allmählich.

Ich ließ sie es tun, und wir hatten endlich Sex!

Am Schluss schien es das alles wert zu sein. All die gebrochenen Herzen und der Schmerz und das Herumwieseln und das Sabotieren der anderen Kerle, das war's wert. Ich hab mich auch recht schnell an ein Leben ohne meine linke Hand gewöhnt. Es ist überraschend, wie viele Gesetze es gibt, behinderten Menschen das Leben leichter zu machen.

Natürlich ist kurz danach alles wieder schlimmer geworden. Wegen der Hand hab ich einen meiner Jobs verloren. Sie hat mich wieder für eine kurze Weile sitzen lassen, ist ausgeflippt und hat rumgeschrien, dass sie schon zur Hälfte mit ihrer Schule fertig wäre. Ich versprach ihr wieder, dass ich sie liebte und alles für sie tun würde und sie verlangte wieder, dass ich das beweisen solle.

Sie nahm mir dieses Mal meinen ganzen linken Arm an der Schulter ab.

Das hat sie stark genug angetörnt, dass wir fast einen Monat lang intim sein konnten. Der beste Monat meines Lebens, sag ich euch.

Wie es weiterging, könnt ihr euch wohl vorstellen, das ständige Auf und Ab von Beziehungen und ich begriff mittlerweile, dass ich schon viel zu viel investiert hatte, um jetzt aufzuhören. Ich hatte riesige Angst, sie zu verlieren, nachdem ich schon buchstäblich einen Arm und ein Bein in unser Verhältnis gesteckt habe.

[Kichern]

Nein, ich hatte wirklich solche Angst davor. Sie hat mir gesagt, dass mich niemand mehr lieben würde, nicht in diesem Zustand. Ich wusste, dass sie Recht hatte.

Ich gab auch meinen anderen Arm und mein anderes Bein, um meine Liebe zu beweisen. Unser Band war jetzt unzerstörbar. Ich wusste, dass sie mich immer lieben würde, jetzt wo ich eine ansehnliche Invalidenrente bekam, die ich ihr geben konnte.

Als sie mir die Augen zugenäht hat, konnte ich mein Schreien nicht unterdrücken. Das haben auch die Nachbarn gehört, dann haben sie die Polizei gerufen. Diese Bastarde … ich hatte die perfekte Beziehung, genauso wie ich sie haben wollte, sie liebte mich und die haben versucht, es mir kaputt zu machen!

Ich starrte ihn verständnislos an. Ich hab mich immer gefragt, wie er so geworden ist – blind, nur ein Torso, ein Kopf und ein Mund – aber die wahre Geschichte war jenseits jeder Vorstellungskraft. Das, das war Wahnsinn. Ich konnte ihn für einige Momente sehen und fast fühlen. Keine Krankheit, kein chemisches Ungleichgewicht, aber Menschentum – Wollen, Brauchen, viel zu weit getragen …

»Sekunde mal«, unterbrach ich mit klopfendem Herzen. »Sie haben nicht erwähnt, wer das getan hat. Wie ist ihr Name?«

Der Mund auf seinem leeren Gesicht kräuselte sich zu einem Lächeln.

Ich lehnte mich vor. »Kommen Sie schon, sie hat Sie im Stich gelassen, sie muss eingefangen und behandelt werden. Sie ist gefährlich! Sie könnte immer noch jemandem wehtun! Warum beschützen Sie sie jetzt?«

Er begann schallend zu lachen. »Sie hat mich nicht im Stich gelassen …«

Ich sah nach rechts Richtung Mabel, aber die war weggetreten, Kaffee tropfte an ihrer Bluse herunter.

Mein Körper schien zu reagieren, bevor ich überhaupt begriff, in welcher Gefahr ich schwebte.

Da war ein kurzes Kreischen, das mich vor dem Bruchteil einer Sekunde alarmiert hat. Ich drehte mich um und wich gleich zurück, bevor mich die Griffe des Elektroschockgeräts am Kopf trafen. Sie sprühten tödliche Funken, als sie zusammenprallten, wo ich gerade gesessen hatte.

Sie war hinter mir her, ich schubste einen Wagen in ihre Richtung und schlug ihr so die geladenen Griffe aus den Händen. Sie fielen auf den Boden. Claire schnellte auf mich zu.

Ein silberner Blitz verfehlte mich knapp und ich schlug aus. Ich fiel auf den Boden und krabbelte weg, während Claire in meine Richtung ausholte. Das Skalpell steckte in meiner linken Hand.

»Jesus«, schrie ich, ich war geladen mit Adrenalin und sah rot.

Aus reinem Selbsterhaltungstrieb drückte ich kräftig gegen das Messer und sie, dann prallte sie gegenüber an die Wand.

Ich holte wieder aus, um ihr eine überzuziehen, aber sie war schon K.O.

Ich fesselte sie und verband meine Hand, die dank der guten Schärfe des Skalpells nicht ernsthaft verletzt war, und sah nach Mapel. Sie war noch am Leben, aber unter Drogen.

Der Raum war voller Chaos, Blut und medizinischer Instrumente.

Und der Patient lag blind und ohne Glieder auf dem Bett und fragte weinend immer wieder nach seiner Claire.

Ich gebe zu, dass danach meine Lippe gebebt hat, ich hab gezittert und sogar die eine oder andere Träne rollte mir über die Wange. Ich war so überwältigt, ich wusste nicht, was ich denken oder tun sollte. Sie hat gerade versucht, mich umzubringen und ich kann mir nicht einmal vorstellen, was sie getan hätte, wenn sie es geschafft hätte, uns beide unter Drogen zu setzen und in ihre Gewalt zu bringen …

Der Kaffee, die Droge war im Kaffee und ich hab ihn nur wegen der Story dieses Mädchens nicht getrunken …

Die nächste Stunde bekam ich nur am Rand mit.

Ich fand mich im Büro des Chefarztes wieder und war ausgesprochen sauer.

»Ich will wissen, was hier vor sich geht«, verlangte ich. »Wie zur Hölle konnten wir das übersehen? Wieso hat Claire hier so lange gearbeitet und keiner hat es gemerkt? Sogar ich …«

»Was?«, fragte der Chefarzt und drehte seinen Kopf ein wenig. »Sogar Sie … was?«

»Ich rufe jetzt die Polizei«, wechselte ich das Thema.

Er hob seine Lippen zu einem subtilen Lächeln und strich über das Telefon: »Dann los.«

Ich griff danach.

»Sie werden die Polizei nicht rufen«, fuhr er fort. »Und woher weiß ich das?«

Er wartete.

»Woher denn?«, fragte ich.

Er legte sofort los und unterbrach mich dabei fast: »Weil Sie sich selbst in derselben, besessenen Weise verhalten haben wie unsere Patienten. Sie bleiben die ganze Nacht auf und lesen Akten, Sie sind davon überzeugt, es gäbe eine Art Verschwörungsmuster und Sie beginnen die Geschichten zu glauben, ohne nach Beweisen zu suchen.«

In meinem Magen wuchs ein Loch.

»Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und denen«, schloss er sanft, »ist eine Bezeichnung. Ein Wort – verrückt – und Sie werden nicht mehr ernst genommen. Sie kommen hier nie wieder raus.«

Er hatte mich – fast. »Das ist Schwachsinn, ich kann mich da immer noch rausreden.«

Er drehte mir halb den Rücken zu und antwortete: »Vielleicht. Sie sind sehr klug, das gestehe ich Ihnen zu. Aber betrachten wir es mal von einer anderen Seite: Sie rufen die Polizei, die kommen daher, schließen diesen Ort, wir verlieren alle unsere Stellen und Sie werden nie mehr in dieser Branche arbeiten.«

Ich schlug mit der rechten Faust auf den Schreibtisch: »Das ist mir egal!«

Er seufzte und begann wieder zu lächeln. »Das glaube ich, Sie sind ein Mann von Prinzip. Und Sie sind klug. Anstatt Sie zu bedrohen, lassen Sie mich Ihnen ein Angebot machen: Wenn Sie diesen Ort schließen lassen, werden Sie keinen Zugriff mehr auf Akten und Patienten haben. Sie werden das Muster niemals erkennen, von dem Sie so überzeugt sind.«

Ich zog meine verbundene Hand vom Telefon zurück und sog die Luft scharf ein.

Sein Lächeln verbreiterte sich: »Guter Junge.«

Ich hasste ihn leidenschaftlich, aber er hatte Recht. Ich wollte diese Leute nicht mit diesen Vorgängen alleine lassen.

Einige Zeit später stand ich vor Claires Einzelzelle und betrachtete sie durchs Fenster. Es fühlte sich surreal an, eine unserer Mitarbeiterinnen in einer Zwangsjacke zu sehen. Sie bettelte und flehte und versprach, dass sie mich lieben würde, wenn ich sie nur rausließe … sie sah, dass ich sie beobachtete, dass ich Interesse zeigte …

»Wahnsinn ist eine merkwürdige Sache«, sagte mein Mentor. Er war älter als ich, aber noch nicht so alt wie der Chefarzt und mein direkter Vorgesetzter – und auch jemand, auf den ich mich verlassen konnte.

»Was geht hier vor sich?«, fragte ich, während ich am Ende meiner Kräfte war: »Ist dir irgendwas aufgefallen?«

Er schaute immer noch durch das Fenster der Zelle: »Ich hab dich immer gemocht, daher gebe ich dir einen Rat. Ich hoffe, du nimmst ihn dir zu Herzen.« Er drehte sich und sah mich direkt an: »Die Welt wird derzeit von fast acht Milliarden Menschen bevölkert. Rein von der Statistik her, von den statistischen Ausreißern, wird die Zahl der Betroffenen immer weiter steigen. Sie finden immer neue und schlimmere Wege, ihren Verstand zu verlieren und jeder davon wird zum Ausreißer, immer weiter und weiter in die Dunkelheit hinein …«

Er schritt von dannen und ich folgte ihm.

»In der Zwischenzeit, während die Ressourcen immer weniger werden«, fuhr er fort, »wird die Geldmenge, welche die Leute der Behandlung dieser Ausreißer zugestehen wollen, immer kleiner. Die Anzahl der Kranken steigt, das Geld für ihre Pflege wird weniger – du siehst das Problem.«

Ich verengte die Augen, weil ich mir nicht ganz sicher war, und ließ ihn weiterreden.

»Wenn ich ein gerissener Chef wäre … Sagen wir's andersrum. Einige Patienten sind gefährlich oder zu nichts zu gebrauchen. Einige – und das basiert rein auf Zufallsverteilung – sind sehr stabil und ausgeglichen, so sehr, dass sie harmlos sind – oder man kann auch nützlich sagen. Ich würde diesen Patienten die Verantwortung für die anderen übertragen.«

Mein Unbehagen bekam Luft – so dunkel und vage hatte mein Mentor noch nie gesprochen. »Was willst du damit sagen? Willst du sagen, dass der Chefarzt von Claires …«

Er hob die Hand: »Ich will gar nichts sagen.«

Dann entfernte er sich schnell und ließ mich allein. Er blieb nach etwa drei Metern stehen, drehte sich aber nicht um.

»Außerdem ist es gut möglich«, fügte er hinzu, »aber denk dran, nur von der Wahrscheinlichkeit her, dass einige Patienten Halluzinationen entwickeln, die sich, wie freie Moleküle, verhalten als wären sie …«

»Ansteckend?«, fragte ich und dachte dabei an ein Virus, vom Zufall gewissenhaft geformt und konstruiert, um infektiös und tödlich zu sein.

»Nur Vermutungen«, sagte mein Mentor, »nur Wahrscheinlichkeit. Mehr Patienten, weniger Pflege, schlimmere und schlimmere Probleme – ich will nur sagen, sei vorsichtig, wie du die Geschichten der Patienten einschätzt. Gegen eine Idee kann man sich nicht wehren.«

Ich starrte ihm nach, als er wieder an die Arbeit ging und war dabei so verwirrt wie vorher – aber absolut sicher, dass sich etwas sehr Schlimmes tut. Wie eine Leiche, die vor sich hin verrottet und unzählige Viren beherbergt, war dieses Krankenhaus – was? Eine Quarantäne oder – ein Brutkasten?

Wie auch immer, es war Zeit, darüber nachzudenken, wie weit ich mit meinen Nachforschungen gehen wollte …


Von Matt Dymerski

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Das Stipendium (Asylum-Serie) | Die Flucht (Asylum-Serie)

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