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Wo er geht und steht fühlt er sich fehl am Platz.

Das war schon in seiner Schulzeit so gewesen: als Sport war er stets der Letzte gewesen den man ausgewählt hatte, wenn er etwas nicht wusste oder seine Hausarbeiten nicht erledigt hatte, der Erste den die Lehrer dran nahmen und selbst seine Freunde hatten ihm mehr als einmal gesagt, er würde nicht so ganz ins Gesamtgefüge passen.

Weshalb?

Es lag nicht daran, dass er fett oder dumm war. Es lag auch nicht an einer körperlichen Missgestaltung. Ganz zu schweigen davon das man ihn hätte hässlich nennen können. Zugegeben gab es Zeiten in denen er sein Körpergewicht nicht so ganz unter Kontrolle hatte, plus Zahnspange, erster Brille und dämlicher Frisur hatte das nicht gerade zu seinem Selbstbewusstsein beigetragen.  Er war kontaktfreudig, sofern er von anderen das Zeichen bekam, dass sie etwas mit ihm anfangen konnten. Doch selbst wenn sie ihn akzeptiert hatten, war ihm nicht wohl. 

Immer fühlte er sich wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Selbst wenn er mit seinem besten Freund allein war, hatte er oft genug das Gefühl nicht wirklich ernstgenommen zu werden. Aber er konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas komisches gesagt zu haben.

Es schmerzte ihn dieses Gefühl ertragen zu müssen. Selbst in seiner Familie.

Über die Jahre hinweg war es zu einem Teil von ihm geworden. Wie alles, was man nur lange genug ignoriert. Nie hatte er mit jemandem darüber gesprochen, es war ihm klar, dass dies jenes Gefühl nur verstärken würde. Es fiel ihm schwer nach seinem Abschluss sofort eine Arbeit zu finden, denn seltsamerweise wollte ihn niemand haben. Obwohl sein handwerkliches Geschick nicht schlecht und seine Noten sogar ziemlich passabel waren. Es hatte fast ein Jahr gedauert, ehe er endlich eine Lehrstelle fand.

So gewann er letztlich etwas an Selbstbewusstsein, machte er seinen Job doch oft gut und gewissenhaft, auch wenn er hin und wieder etwas länger brauchte um gewisse Zusammenhänge zu verstehen, die Bemühungen waren immer präsent. Nur seine Kollegen waren ein eigenes Völkchen und er musste sich sehr oft beweisen, ehe er in diese illustren Reihen aufgenommen wurde. Er lachte mit ihnen, trank mit ihnen, rauchte Zigaretten mit ihnen, nur das Gefühl bekam er nie ganz weg. Es machte ihn wütend, traurig. Trotzdem hatte er alles. Man beförderte ihn, er war verlobt, er hatte genügend Geld. Die Unzufriedenheit sich selbst gegenüber jedoch blieb.

Der junge Mann der mir gegenüber sitzt sieht jedenfalls nicht aus, als wäre er gerade Mitte Zwanzig und hat sein gesamtes Leben noch vor sich. Stundenlang hat er mir erzählt wie er sich in den verschiedenen Situationen gefühlt hatte, und wie lange ihn dieses Leiden schon verfolgte. Wie es immer stärker wurde und es ihn von ihnen auffraß, wie ein hungriger Wolf, der sich in seine Eingeweide verbissen hatte. Langsam komme ich zum Kern seines Hierseins: „Erzählen Sie mir von diesem Tag, Andreas.“

Er grinst mich schief an. „Es war einer dieser kühlen Herbsttage, wissen Sie. So ähnlich wie heute, nur hatten die Bäume noch Blätter, gerade das sie angefangen hatten ihre Farbe zu wechseln. Es war ein langer, heißer Sommer, das wissen Sie, und ein noch anstrengenderer für mich. Zu wissen das man nicht an dem Platz  ist, an dem man sein soll macht einem über die Monate hinweg doch sehr zu schaffen.“ Er unterbricht sich kurz und hustet, ehe er nach dem Zippo auf der blanken Tischplatte greift und die Zigarette entzündet, die seid einiger Zeit in seinem Mundwinkel klemmt. „Aber ich musste es durchziehen, verstehen Sie? Ich musste mir selbst beweisen, dass ich diese Scheiße durchhalten konnte. Das habe ich ja gewissermaßen auch, wenn man es genau nimmt. Schließlich bin ich noch hier.“ Er pustet einen Ring aus Rauch gen Decke und sieht verträumt zu, wie er sich langsam auflöst. Ich mag es nicht, wenn in meiner Nähe geraucht wird, aber hier mache ich eine Ausnahme, weil ich verstehen will. „Aber das hat die Sache nicht einfacher für mich gemacht, nicht? Wenn sich die Zeit dehnt wie dicker Honig und man sich selbst anschreien muss Tag für Tag den Wecker zu stellen, seinen Körper aus dem Bett zu hieven, feststellt das sich seid Gestern noch immer nichts geändert hat, und dann dem Alltag nachgibt und sich dem Strom aus Grau ergibt. Es ist immer alles Grau, wenn man so denkt. Da ist keine Farbe, alles ist gleich und nichts mehr besonders. Jede Freude erlischt und alles was bleibt ist ein ständiges, leises Unbehagen, dass es schwer macht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie verstehen was ich sagen will?“ Er kichert leise, als gäbe es einen Witz den nur er versteht.

„Teilweise.“ Ich nicke bestätigend und nehme einen Schluck meiner abgestandenen Limonade.

„Aber schlussendlich gab es doch die Lösung. Seltsam nur, dass ich nicht von selbst darauf gekommen bin, finden Sie nicht auch?“ Mit einem leisen Quietschen drückt er die Zigarette auf dem Metall der Tischplatte aus und schnippt den Überrest auf den grünen Linoleumfußboden.

„Das kommt darauf an, wie Sie auf die Lösung gekommen sind?“ Ich betone die Worte ebenso sehr wie er.

Einen Moment dachte er darüber nach. Dann grinste er wieder. Es war kein böses Grinsen, nicht das, was man eigentlich erwarten würde. „Ich bin nicht selbst darauf gekommen. Es wurde mir gesagt. Besser gesagt, angeraten so zu reagieren wie ich es tat. Und ich muss sagen, jetzt fühle ich mich besser. Nicht mehr so fehl am Platz.“

„Von wem?“

Seine Augen verloren sich an einem Punkt der etwas über meiner linken Schulter zu liegen schien. 

„Nah von ihm.“

Das Licht in dem kleinen Zimmer flackert unbestimmt und ich schlage hinter meinen Rücken, weil ich das Gefühl habe eine Fliege kitzelt mich im Nacken. 

„Was meinen Sie…?!“ Etwas hat mein Handgelenk gepackt und reißt mich mit einem bestialischen Ruck nach hinten, ich fliege praktisch von meinem Stuhl und höre deutlich das Gelenk knacken. Sofort brandet sengender Schmerz in meiner Schulter auf und trübt meine Sicht. Ich schmecke Blut, weil ich mir auf die Zunge beiße und nehme am Rande noch das schadenfrohe Gesicht Andreas´ wahr.

„Na er hat mir geholfen. Er hat mir bei der Entscheidung geholfen und einen Teil der Arbeit erledigt.“ Ein schadenfrohes Lachen, während sich mein Blick klärt und ich in eine alptraumhafte Fratze starre. Golden glänzende, kreisrunde Löcher dort wo die Augen sein müssten, unbehaart wie ein Totenschädel, doch von einer unnatürlich intensiven bläulichen Färbung, als würde das Blut in den Adern direkt unter der Oberfläche pulsieren, hatte es keine Lippen und keine Nase, nur stählerne Fänge, von denen Fetzen undefinierbarem Gewebes hingen und in einer klaffenden Lücke ein menschlicher Finger steckte. „Er hat viel Hunger, wissen Sie.“

Meine Kehle war wie gelähmt, was zum Gutteil daran lag, dass sie von einer gewaltigen Pranke zusammengedrückt wurde. Das kann unmöglich real sein! 

„Glauben Sie mir, er ist real!“ Sehen kann ich Andreas noch immer nicht. Selbst wenn ich wollte würde ich meinen Blick kaum von Höllenkreatur losreißen können. „Wissen Sie was? Nicht ich selbst war der Grund, weshalb ich mich immer so unwohl gefühlt habe. Es waren die Leute um mich herum die Fehl am Platz sind! Das ist die Lösung der Frage!“ Hysterisches Gegacker. Das ist vermutlich das Letzte was ich hören werde. 


… Eine Mitarbeiterin der Abteilung für Suizidgefährdete fand den Doktor heute Morgen in der Vernehmungszelle. Der Kopf war offenbar mit gewaltiger Kraft auf den Boden geprallt, denn von diesem war nicht mehr viel übrig. Vor ihm fand man die Akte des Falls Andreas M. Aufgeschlagen bei den Details zur Vorgehensweise der damaligen Morden. Der Doktor hatte durch Andreas M. damals seine Tochter verloren, ehe sich der Mörder der Polizei gestellt hatte und hier in diese Psychiatrie eingeliefert worden war. Dem Doktor war verboten worden sich dem Insassen wegen Befangenheit ihm gegenüber zu nähern, geschweige denn zu behandeln. Fraglich ist, wie der Doktor auf die selbe Art und Weise ums Leben gekommen sein konnte, wie die Opfer von M., erhängte sich dieser doch eine Woche nach seiner Einlieferung in seinem Zimmer mit…

- Auszug der Fallakte Andreas M.

Ravnene

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