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Ein Umzugswagen rollt über die Allee im Schatten der Bäume und mit jedem Schlagloch, das der Fahrer übersieht, kann man deutlich das Klappern von Geschirr und das Rumpeln diverser Möbelstücke hören und mit jedem weiteren mitgenommenen Straßenschaden verfinstert sich die Miene von Jonathans Vater nur noch mehr, so das es fast schon scheint, als bereue er die ganze Sache mit dem Umzug. 

Jonathan selbst bekommt davon jedoch nichts mit, da er mit seiner Mutter in ihrem Auto dem Laster voranfährt, um ihm den Weg zu ihrem neuen Zuhause zu lotsen. Gelangweilt starrt er aus dem Fenster und beobachtet, wie die Bäume in regelmäßigen Abständen an dem Autofenster vorbeiziehen. Dieser Anblick hat etwas hypnotisierendes, denkt sich Jonathan und ohne es zu bemerken, schläft er auf der Rückbank ein.

Mit den Worten:»Aufwachen du Siebenschläfer, wir sind endlich da!«, wurde er von seiner Mutter wieder geweckt. Kaum aus dem Auto ausgestiegen sah er, wie sein Vater sich hitzig mit dem Fahrer des Umzugsunternehmens über dessen Fahrkünste stritt und gerade, als Jonathan sich in der neuen Wohnung umgucken und ein Zimmer beschlagnahmen wollte, hörten er und seine Mutter eine Stimme von einem der Balkons rufen:»Hey da unten! Sie müssen die neuen Mieter sein, mein Name ist Max. Nicht bewegen, ich bin gleich bei ihnen.« Mit diesen Worten verschwand der Mann, nur um einen Augenblick später wieder in der Eingangstür zu erscheinen, wo er den Umzugshelfern, die mit einer schweren Ledercouch versuchten durch die Tür zu passen, den Weg versperrte.

Er entschuldigte sich flüchtig bei ihnen, schlängelte sich am Türrahmen an ihnen vorbei und streckte Jonathans Mutter die Hand aus. »'Tach nochmal, ist ja ganz schön was los heute bei ihnen, aber ich bin sicher, wenn sie erst einmal ausgepackt haben, werden sie sich schnell in die Nachbarschaft einfügen können. Hier sind alle wirklich nett und sie müssen sich auch keine Sorgen wegen Krach machen, die einzige Person, die über ihnen wohnt, ist die alte Marlene.«

Ohne zu wissen, wieso er das tat, unterbrach ihn John und fragte:»Wie ist sie so?« Ein wenig verdutzt über diese scheinbar seltsame Frage antwortete der aufdringliche Nachbar:»Nunja, keine Ahnung, sie hat hier schon gelebt, als ich mit meiner Freundin eingezogen bin. Ich weiß selbst nur wie sie heißt, weil es an ihrem Klingelschild steht, vermutlich sollte ihr mal wer sagen, dass sie da ihren Nachnamen hinschreiben muss und nicht ihren Vornamen, schließlich leben wir in einer Stadt und nicht auf dem Land. Andererseits kann ich mich nicht daran erinnern, sie jemals rausgehen gesehen zu haben. Wahrscheinlich ist sie für die Treppen langsam zu alt.« Mit einem Stirnrunzeln, fast als würde ihm jetzt erst auffallen, wie ungewöhnlich das ist, verstummte er.

»Vielen dank, Max das Sie sich uns vorgestellt haben, das ist wirklich lieb von Ihnen«, antwortete die Mutter mit einem Lächeln im Gesicht. »Wie wäre es, wenn Sie uns am Wochenende mit Ihrer Freundin zum Abendessen Gesellschaft leisten und ein wenig über die Nachbarschaft erzählen?«

Jonathan verfolgte ihre Konversation nicht weiter, die Umzugshelfer hatten endlich das Sofa in die Wohnung hieven können und er dachte sich, dass sie froh seien konnten, dass seine Familie ins Erdgeschoss zieht. Kaum in der Wohnung angekommen merkte Jonathan, dass sie etwas kleiner als die Alte war, aber das machte ihm nichts aus, er brauchte eh nicht so viel Platz, da er die meiste Zeit entweder an seinem Computer für sein Abitur lernen würde oder Bücher auf seinem Bett las.

Am Abend klopfte es an seine Tür. Sein Vater trat ein und sagte ihm, dass er und seine Mutter essen gehen würden und ob er mit wollte. Jonathan jedoch hatte, seit ihm am Nachmittag seine alte Schreibtischlampe aus einem der Kartonstapel, beim Versuch sie herauszufischen, auf den Schädel fiel, schreckliche Kopfschmerzen und beschloss Zuhause zu bleiben. Nach einer kurzen Diskussion mit seinem Vater, ob der denn ein paar Schmerztabletten bekommen sollte, verabschiedeten sich die Beiden voneinander und Jonathan hörte die Tür ins Schloss fallen.

So lag er nun also allein in seinem neuen Zimmer, auf nichts außer einer Matratze, weil er nicht dazu kam, das Bettgestell zusammenzuschrauben. Er dachte an sein altes Zuhause, seine Freunde, die er zurücklassen musste und auch an seine neue Schule, auf die er ab nächster Woche gehen würde. 

Beim Gedanken daran, neue Freundschaften zu schließen, oder überhaupt neue Leute kennen zu lernen, drehte sich ihm der Magen um. Er war kein besonders geselliger Junge und obwohl er ein paar gute Freunde in der alten Stadt hatte, war er alles andere als beliebt. Das heißt ja nicht, dass das so bleiben muss, dachte sich Jonathan und starrte hoch zur Decke, doch noch bevor er diesen Gedanken weiter spinnen konnte, hörte er über sich ein Poltern, was sich anhörte, als würde jemand mit Springerstiefeln in der Wohnung über ihm auf und ab laufen. Na toll, so viel zum Thema alt und unbeweglich, dachte er sich und von den Strapazen des Umzugs erledigt, sollte das für diesen Abend sein letzter Gedanke bleiben.

Nach einigen Woche hatte Jonathan es geschafft, sich an seiner neuen Schule einzuleben, zwar gehörte er nicht zu den coolen Kids, doch er hatte Maria kennengelernt und verbrachte fast jede Pause mit ihr. Er war zufrieden, wie sich alles entwickelt hatte und freute sich, das endlich eine Art Alltag in sein Leben eingekehrt war. Alles war normal, nun ja bis auf das ständige Getrampel der alten Marlene über ihm. Er hatte schon mehrmals versucht, mit seinen Eltern darüber zu reden, doch die meinten, es fast gar nicht zu hören und das er sich nicht so anstellen solle, schließlich drehe er seine Musik auch immer viel zu laut. 

Eines Abends saß Jonathan allein an seinem Schreibtisch und nur seine Schreibtischlampe schien auf die quadratischen Funktionen und Parabeln vor ihm. Morgen würde er eine Matheklausur schreiben und damit er seinen Notenschnitt nicht weiter verschlechtert, war es ihm sehr wichtig, diese Klausur nicht in den Sand zu setzen, doch so sehr er auch versuchte, sich zu konzentrieren, das Poltern seiner Nachbarin war an diesem Abend so laut, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. 

Als er das vierte Mal an ein und der selben Aufgabe scheiterte, packte ihn die Wut und er griff zu einem Besenstiel, aus dem er später noch mit seinem Vater eine Vogelscheuche für den kleinen Garten hinter dem Haus bauen wollte. Zornig klopfte er mit dem Besenstiel an die Decke, genau an die Stelle, wo bis vor Kurzem noch seine Nachbarin auf und ab gelaufen war.

Endlich. Stille. Jonathan war erleichtert und fragte sich, warum er nicht schon eher auf diese Idee gekommen war. Sicherlich war die alte Marlene einfach nicht mehr ganz bei sich und brauchte so etwas wie einen kleinen Hinweis, dass sie zu laut durch ihre Wohnung stapfte.

Gerade als er sich wieder seinen Aufzeichnungen widmen wollte, hörte Jonathan jedoch ein Rumpeln aus der Wohnung über sich, fast so, als hätte jemand einen schweren Körper auf den Boden fallen lassen. Voller Wut stapfte er ins Wohnzimmer um seinen Vater zu bitten, hoch zu gehen und für Ruhe zu sorgen, doch Anstatt seiner Eltern fand er nur einen Zettel auf dem Tisch liegen, auf dem geschrieben stand, das sie ihn nicht beim Lernen stören wollten und deshalb zum Tanzen gegangen sind und nicht vor 2 Uhr wieder da sein würden. Außerdem sei noch etwas Auflauf vom Nachmittag im Kühlschrank, falls er Hunger bekommen würde.

Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter, als er über sich hörte, wie Schritte schnell in seine Richtung stampften, als sie über ihm angekommen waren, wurde aus dem Stampfen ein Kratzen und Scharren, so als wollte die alte Frau über ihm sich durch die Decke graben. Wie festgefroren stand er mitten im Wohnzimmer, in seiner rechten Hand zitterte der Zettel seiner Eltern und er blickte nervös zur Uhr, die ihm sagte, dass es kurz vor Mitternacht war.

Er redete sich ein, dass alles in Ordnung sei. Er würde wach bleiben, bis seine Eltern wieder da waren und ihnen von dem Vorfall berichten und versuchen, dass sie ihn für Morgen krankschreiben, da er ja nicht vernünftig lernen konnte. Seine Eltern würden das verstehen und mit dem Gedanken daran, morgen Frei zu haben, ging er in die Küche, um sich den Auflauf in der Mikrowelle warm zu machen. 

Kaum in der Küche angekommen, hörte er wieder wie die alte Marlene ihm hinterher lief und wieder scharrte sie über der Stelle, wo er stand an der Decke, noch energischer, fast schon wütend. Er war wie hypnotisiert vom Surren der Mikrowelle und dem Kratzen an der Decke, bewegungslos stand er da, bis er von dem Piepgeräusch, was ihm sagte, dass sein Essen nun fertig aufgewärmt war, aus seiner Trance gerissen wurde.

Er ging mit dem Teller in sein Zimmer und schaute sich ein paar Folgen seiner Lieblingsserie auf Netflix an, doch er konnte dieses Geräusch über ihm immer noch hören und jedes mal, wenn er die Lautstärke höher drehte, wurde auch das Kratzen und Schaben über ihm lauter und aufdringlicher. Langsam bekam Jonathan es mit der Angst zu tun und schaute immer wieder auf die Uhr, die Zeit schien stehen zu bleiben und die Minuten schleppten sich nur mühsam über das Ziffernblatt, fast als wolle der Moment für ewig anhalten und würde nur unfreiwillig voranschreiten.

Kurz vor 2 Uhr fiel der Strom in seinem Zimmer aus, Jonathan bekam es mit der Angst zu tun und er zitterte am ganzen Körper, als er plötzlich hörte, wie die Wohnungstür aufging. Er war erleichtert, in der Hoffnung seinen Eltern alles erzählen zu können und auch wenn das Kratzen grade verstummt war, würden sie ihm einfach glauben müssen, er hatte schließlich keinen Grund, sich das alles auszudenken. Gerade, als er aus seinem Zimmer stürzen wollte, um seinen Eltern von dieser Horrornacht zu berichten, hielt er inne und wurde kreidebleich. Er hörte nichts außer ein paar schwere Schritten, die in seine Richtung liefen. Vor seiner Tür verstummten die Schritte. Jonathan war unfähig, sich zu bewegen, er konnte nicht mehr denken, denn in seinem Kopf wurde alles von diesem dumpfen Kratzen, was ihn den ganzen Abend begleitet hat, übertönt und langsam merkte er, dass das Kratzen nicht aus seinem Kopf kam sondern von der anderen Seite seiner Zimmertür.

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