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Die PräsenzBearbeiten

Ein Monster

Aus den Notizen von Antonia B. Strauß

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich früher sofort eingewilligt hätte, hätte ich auch nur die Chance gesehen, ein echtes Monster zu jagen. Das Okkulte war mein Steckenpferd gewesen, da konnte ich noch nicht einmal lesen, ich liebte solche Geschichten. Ich nehme es Slender Man übel, dass er mir das genommen hat. Jedenfalls erfüllte mich der Gedanke, den Rake zu jagen, mit Entsetzen und nicht mehr. Aber wir hatten nur diesen einen Plan und wir wussten ja nicht, wie viel Zeit uns überhaupt noch blieb.

„Es ist wie verhext“, bemerkte Pauline Rau, als sie aus dem Fenster sah. Seit heute morgen regnet es nicht mehr und das Thermometer zeigt mittlerweile dreißig Grad im Schatten. Und es steigt!“

Antonia stöhnte. „Wem sagst du das?“ Mühselig fächerte sie sich mit einer Zeitschrift Luft zu.

„Glaubst du, er macht das?“

„Gut möglich“, schätzte Pauline, „Immerhin hat er auch einen Schneesturm generiert.“

Sie blickte nachdenklich auf den Platz vor dem Einkaufszentrum.

„Heute halten die Proxys keine Wache.“

„Was ist mit dem Rake?“

„Auch nicht. Aber vermutlich beobachten sie das Gebäude, falls wir so dumm sind und es verlassen.“ Sie wandte sich vom Fenster ab und ließ sich auf einem Sessel nieder, den sie sich zum Lesen ans Fenster gestellt hatte.

„Weißt du, ich habe nachgedacht.“

„Ich bin beeindruckt.“

„Was essen die Proxys? Selbst wenn sie keinen Hunger haben, ihr Körper braucht Energie.“

Antonia zuckte mit den Schultern. „Wer weiß. Vielleicht kommen immer neue Proxys nach und die alten verhungern einfach?“

„Kommt nicht hin.“ Pauline streckte die Hand aus und Antonia warf ihr eine andere Zeitschrift zu.

„Wieso nicht?“

„Odd- Eye gehörte zu den ersten Proxys in der Stadt und erfreut sich offenbar bester Gesundheit.“

Das stimmte. Odd- Eye war der Spitzname, den die Gruppe der Überlebenden einem Mädchen gegeben hatten, einem Proxy, das mehrmals durch besonders brutales und verstörendes Vorgehen aufgefallen war. Sie war nicht wirklich eine Anführerin, aber sie schien doch eine besondere Rolle im Rudel zu haben. Der Name rührte von ihren Augen her, eines blau und eines braun.

Das Phänomen verschiedenfarbiger Augen hieß in der Fachliteratur Heterochromie, betroffene Personen wurden manchmal als Odd- Eyes bezeichnet.

„Wenn wir sie töten würden“, überlegte Antonia, „hätte das einen Effekt auf die anderen Proxys?“

„Vermutlich nicht. Einzelne Leben bedeuten ihnen nichts.“

Auch das war wahr: Vor allem Odd- Eye selbst schien Freude daran zu haben, ihre Kameraden zu töten, sobald sie bei einer Aufgabe versagten oder auch nur zu lange brauchten.

In manchen Fällen schien es auch ein Ausdruck ihrer Laune zu sein.

„Vermutlich müssen wir sie irgendwann eh aus dem Weg räumen, wenn wir hier flüchten wollen“, sagte eine männliche Stimme weiter hinten. Zwischen den Regalen stand Vincent Sabelheim und durchforstete diese nach Pflastern.

„Bisher war sie bei den meisten Angriffen auf uns dabei, oder?“, fuhr er fort, fand die Pflaster und nahm sich eine Schachtel, „Ich denke, wenn wir den Rake angreifen, wird sie ebenfalls mitmischen.“

Er krempelte seinen Arm zurück und betrachtete einen Schnitt, der wohl wieder aufgegangen war.

Ohne medizinische Versorgung musste jeder darauf achten, gesund zu bleiben.

„Was machen wir, wenn der Rake genauso unverwundbar ist wie Slender Man?“, fragte Pauline.

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Vincent, „Als wir den Stacheldraht in Brand gesteckt haben, haben wir ihn eindeutig verwundet.“

„Es hätte ihn töten sollen.“

„Wenn du etwas töten willst, dann enthaupte es. Es atmet und blutet. Wenn wir die Versorgung des Gehirns unterbrechen, stirbt der Rake.“

„Wenn du meinst...“

Antonia blickte stumm auf das Titelblatt ihrer Zeitschrift.

Sie waren jetzt gut eine Woche die letzten Leute in der Stadt. Abgesehen von den Proxys.

Am Anfang hatte sie sich gesagt, sie würden einfach entkommen und alles würde wieder normal werden. Aber sobald sich die Freude über die Flucht legte, würde ihnen allen das Gegenteil bewusst werden: Wie viele Menschen waren gestorben oder verschwunden?

Wie viele verwesende Leichen jagten sie durch ihre Albträume?

Außerdem wollten sie nur aus Sabelheim flüchten. Sie hatten keine Pläne, die Proxys zu stoppen.

Oder Slender Man. Die Kreatur, gleich einem Gott in ihrer Macht, bereitete ihre Ankunft in ihrer Welt vor. Antonia bezweifelte, dass sie ihre Taten dann noch auf Sabelheim beschränken würde.

Doch vorerst blieb eine Aufgabe zu erfüllen: Das Monster Rake musste aus dem Weg geräumt werden. Es schien als Wachhund der Proxys zu fungieren, griff jedoch wahllos alles an, was sich bewegte. Während der Zeremonie, Slender Man in diese Welt zu beschwören, würden vermutlich alle Proxys versammelt sein, aber es gab keine Garantie, dass der Rake diese Zeit nicht nutzen würde, um frei in Sabelheim zu jagen.

Walden betrat den kleinen Laden, Vanessa auf seine Schulter gestützt.

„Wir sind soweit fertig“, sagte sie mit einer Stimme, die nur verwendet wurde um Angst zu überdecken. Aus keinem anderen Grund sprachen Menschen so kontrolliert ruhig.

-


Der Plan war im Grunde leicht zu verstehen: Sie würden den Rake finden, sie würden den Rake isolieren, sie würden ihm den Kopf abhacken. Und dann würden sie die Kirche in die Luft jagen, denn was war ein guter Plan ohne eine explodierende Kirche?

Antonia hatte den genauen Ablauf nicht verstanden, aber man hatte ihr garantiert, dass sie ihren Part auch ohne größere Einsicht würde erfüllen können. Mit dieser Aussage war sie solange zufrieden gewesen, bis Ludwig das Auto gestohlen hatte.

„Wozu brauchen wir das Auto?“, fragte sie, während sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

„Wenn Rake stirbt, ist das ein großer Verlust für die Proxys“, erklärte Ludwig und überprüfte den Tank, „Es wird sie ablenken. Wir fahren das Auto zum alten Weiher und rennen zu Fuß zurück.“

„Und wenn wir flüchten, steht ein Fluchtwagen bereit.“

Ludwig nickte und drehte den Zündschlüssel. Der Motor begann zu grollen wie ein mürrischer Bär.

„Aber kann Slender Man nicht die Autobatterie abwürgen?“

„Nicht, wenn wir schnell sind.“

Antonia überlegte. Der Plan schien ihr ziemlich viele Risiken zu beinhalten, aber welche Wahl hatten sie bitte?

Ludwig fuhr den Wagen ins Foyer des Gebäudes, wo ein zweites Auto mit Pauline am Steuer auf den Beginn der Aktion wartete.

„Leo, Grisha und Vanessa bleiben hier“, erzählte Ludwig, „Sie werden mit Ferngläsern den Verlauf unseres Plans observieren und schreiend im Kreis rennen, sollte irgendetwas passieren.“

Antonia sah ihn an. „Versuchst du, witzig zu sein? Um die Stimmung aufzuheitern?“

„Ich hatte gehofft es klappt.“

„Tut es nicht. Du kannst Auto fahren, oder?“

„Nein, aber alles was ich in Sabelheim noch überfahren kann will uns eh töten.“

Antonia seufzte. „Ich will nach Hause.“

„Wo die Wände mit deiner Familie gestrichen sind? Eher nicht.“

Die Automatiktür ging auf und die Vehikel fuhren so schnell hindurch, wie es die Gaspedale hergaben. Kaum waren sie draußen, verschloss sich der Eingang wieder.

Es ruckelte unter den Reifen, als sie über das oxidierte Metall und die verbrannten Leichen fuhren.

Die Sonne schien grell durch die Fenster und Antonia kniff die Augen zusammen.

„Hier.“ Ludwig reichte ihr eine Sonnenbrille.

Sekunden später legte sich ein wohltuender Schatten über ihre Sicht und sie sah Paulines Wagen mit den anderen vor sich in die Straße einbiegen, die am schnellsten zur Kirche führte. Ludwig hingegen bog in die Hauptstraße ein, die sie zum Ratshausplatz führen würde.

„Wo ist...“, begann Antonia, aber noch in der Sekunde in der sie den Satz eröffnete, flog eine schwere Metallscheibe knapp am Auto vorbei und der Rake sprang wild heulend aus einem Gulli, die Klauen mit rottendem Fleisch beschmiert. Ludwig gab Gas und der Rake sprang bevor sie ihn rammen konnten. Antonia hörte ihn auf dem Autodach landen.

Dann senkte sich eine Klauenhand auf die Windschutzscheibe.

Als die Krallen über das Glas glitten, machten sie ein Geräusch wie Fingernägel auf einer Schiefertafel. „Schüttle ihn ab“, schrie Antonia panisch, „Schüttle ihn ab!“

Ludwig legte eine Vollbremsung hin und Antonia krachte fast gegen die Windschutzscheibe.

Der Rake jaulte vergnügt, blieb aber mühelos auf dem Autodach sitzen.

„Antonia“, sagte Ludwig so ruhig wie möglich und nahm wieder Fahrt auf.

„Ja?“

„Auf mein Zeichen, wirfst du dich zur Seite in Richtung der Beifahrertür.“

„Warum?“

„Weil... JETZT!“

Es krachte und die Windschutzscheibe zersprang wie... Glas.

Die Krallen des Rake zerfetzten die Nackenstützen und zogen sich zurück.

„Alles klar“, keuchte Ludwig, der nur knapp seinem Tod entkommen war, einmal durch die Klauen, einmal durch eine massive Backsteinmauer, „Das gleiche noch mal und zwar...“

Von vorne kamen drei Proxys auf den Wagen zu, jeder von ihnen mit einem Spaten bewaffnet.

Der Größte trug eine eigenartige Maske, ein Junge mit grünem Spitzhut und blutigen Augen.

„JETZT!“

Der Wagen raste auf den Ratshausplatz, bremste, der Rake beugte sich über das Dach in den Wagen und schlug mit den Krallen aus, der maskierte Proxy wurde von der Kühlerhaube durch die Luft geworfen wie eine Puppe und landete im Ratshausbrunnen, Ludwig riss seinen Baseballschläger aus dem Fußraum und schlug ihm dem Rake ins Gesicht. Er jaulte und zog sich zurück.

„Raus aus dem Wagen!“, brüllte Ludwig und Antonia riss die Tür auf.

Sie fiel eher aus dem Fahrzeug als dass sie es verließ, aber trotzdem war sie geistesgegenwärtig genug um dem Prankenhieb des Rake zu entkommen, der katzengleich vom Autodach sprang und das Mädchen mit allem Hass der ganzen Welt anfauchte.

Einer der übrigen Proxys rannte auf sie zu, aber Ludwig traf ihn mit dem Schläger im Genick und tötete ihn, bevor er den Angriff auch nur realisiert hatte.

„Antonia, fang.“

Antonia schnappte das Brecheisen aus der Luft und hielt es vor sich, wie einen sehr unpraktisch designten Schild. Der Rake schien zu grinsen und Antonia wich langsam zurück.

Der Boden war mit einer dicken Schicht grauweißer Asche bedeckt und bei jedem Schritt wirbelte eine kleine Wolke auf.

Aus heiterem Himmel kam der Spaten des übrigen Proxys angeflogen und traf Antonia mit einer der flachen Seiten in der Magengegend. Die Luft wich ihr aus dem Körper und sie fiel rückwärts.

Sie sah den Rake springen und rollte sich zur Seite, doch die Klauen fuhren durch ihr Ohr und rissen es ab wie Klopapier.

Sie schrie vor Schmerz und ließ das Brecheisen los. Der Rake riss das Maul auf. Ein Stück Finger hing zwischen seinen langen Zähnen, geformt wie Dolche, befleckt mit Blut.

Jetzt schrie Antonia aus Angst und Adrenalin floss in ihr Blut wie über einen Wasserfall.

Instinktiv schlug sie zu und boxte den Rake mit urgewaltiger Kraft, die sie nie gehabt hatte, direkt in den Hals.

Es folgte ein grausamer, langgezogener Schrei:

„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHIJAAAAAÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!!!!!“

Der Rake bäumte sich auf und wirbelte herum, doch Antonias Hand steckte fest. Sie sah ihm direkt in die Augen, in die wilden, zornentbrannten Augen, sah fast, wie sich tausende Menschen am Boden krümmten, verstümmelt und erfüllt von den Schmerzen des nahen Todes, bedeckt mit eiternden Kratzern. Sie zwang ein groteskes Grinsen auf ihr Gesicht.

„Ich werde dich töten.“

Damit streckte sie zwei Finger ihrer freien Hand aus und ließ das Licht dieser grausigen Augen für immer erlöschen. Der Rake tobte nun noch lauter und verzweifelter.

Sein Brustkorb pulsierte unregelmäßig, seine Klauen fuhren über Antonias Rücken und schnitten rote Linien in ihre Haut, doch sie spürte es kaum. Ihr war ein weiterer Weg eingefallen, den Rake zu töten.

Lachend vor Angst und ekel, drückte sie ihre Hand tiefer in die blutige Augenhöhle, bohrte durch warmes, feuchtes Fleisch. Wenn sie an das Gehirn kam, dann...

Wieder traf sie der Spaten und riss sie durch die Luft. Sie schlug in der Asche auf, vor ihren Augen explodierten weiße Lichter. Der Proxy hob den Spaten über ihrem Hals, bereit sie zu enthaupten.

Dann fehlte ihm plötzlich der Kopf.

Ludwig half ihr auf und reichte ihr das Brecheisen.

„Wir müssen nur noch etwas aushalten“, verkündete er, „Locken wir ihn zur richtigen Stelle.“

Gemeinsam wichen sie zurück und hielten ihre Waffen vor.

Der Rake knurrte und witterte in der Luft. Gelber Schaum quoll aus seinem Rachen, durchzogen von blutigen Rinnsalen.

Iiiiich weerrrdeeee eeeeeuuccchh töööötennnn...“

„Es spricht“, keuchte Antonia. Ihr war schwindelig und sie musste sich dringend übergeben.

„Nicht mehr lange...“

Sie blieben stehen. Ludwig blickte auf seine Armbanduhr, die er sich im Einkaufscenter „geliehen“ hatte. „Rake?“

Der Rake blieb stehen und brüllte zornig.

„Fahr zur Hölle.“

Der Boden unter dem Biest explodierte und kochendes Wasser spritzte als Fontäne nach oben.

Der Rake brüllte und wand sich, versuchte, die scharfen Metallteile wegzuschlagen, die mit dem Wasser nach oben kamen und seine Haut zerfetzten.

Dann ließ die Fontäne nach, Rake fiel auf den Boden und Ludwig hob einen der Spaten auf, die herrenlos in der feuchten Asche lagen. Als der scharfe Rand den Hals des Rake durchstieß, klang das Heulen aus.


Stille.


Antonia trat an den Rake heran. Nach den Ereignissen der letzten Woche war der Hals vom Spaten vollkommen durchtrennt worden. Die Augen waren blutige Löcher, der Mund mit Schaum und Speichel verschmiert. Der Rake war tot.

Antonia sah Ludwig an, er sah zurück.

Langsam bewegten sie sich zum Auto. Als sie am Brunnen vorbei kam, hörte Antonia ein Geräusch:

Der Proxy mit der Maske stemmte sich aus dem Wasser, die Glieder arg verrenkt. Es war ihm anzusehen, dass er jede Sekunde sterben würde. „Kennst du...“, holte er aus, dann brach er tot zusammen.

„Was war das?“, fragte Antonia verwirrt.

„Ein Easter Egg“, scherzte Ludwig trocken.

-

Aus den Notizen von Antonia B. Strauß

Die Gänge unter der alten Kirche mündeten im Keller des Ratshauses. Vanessa kannte jeden Winkel von Sabelheim, das war ihr Beitrag zum Team, und sie wusste, wie man den Heizungskeller finden konnte. Dann brauchten wir nur noch Kims technischen Sachverstand und schon hatten wir eine effektive Bombe. Die Schwierigkeit war gewesen, den Rake an die richtige Stelle zu locken, sodass wir nicht viel abbekommen würden, er aber im Zentrum der Detonation stand. Er durfte auch nicht sehr weit weg sein, denn er musste ja sofort enthauptet werden, eigentlich mit einem Küchenmesser, das wir auf glorreiche Art und Weise noch im Auto hatten liegen lassen, so eben durch einen hübschen, großen Spaten. Nun kam Teil 2 des Plans: Die Gruppe in der Kirche würde Selbige in die Luft jagen. Wie, dass wird Kim mit ins Grab nehmen.

Da explodierende Kirchen dafür bekannt sind, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sollten wir unbemerkt zum Weiher fahren und den Wagen dort lassen, um am entscheidendem Tag ein Fluchtfahrzeug parat zu haben. Das war der Plan, etwa so:Ha, Ich funktioniere!

Aber Slender Man war voll so: LOL, Nope!

Ich sollte meine Berichte nicht schreiben, wenn ich betrunken bin.

Es war kein schöner Anblick: Wo vor wenigen Tagen verrottende Leichen gehangen hatten, hingen nun nur noch abstrakte Gebilde, nur annähernd menschlich, nur knapp vom Gerippe entfernt.

Man hatte ihnen Säcke über den Kopf gestülpt und mit Schlingen um den Hals zugebunden.

Auf manche Säcke waren Gesichter gemalt, mal von Menschen, mal von Tieren.

Antonia vergrub sich tief in ihrem Sitz. Sie hatte das Gefühl, dass sie die Augen der grotesken Zeichnungen verfolgten. Und ganz eindeutig:

Etwas lag in der Luft. Es erinnerte an ein nahes Gewitter, es prickelte unangenehm auf der Haut und es gab Antonia das Gefühl, dass die Zeit von Slender Mans Ankunft näher rückte.

Etwas streifte ihr Bewusstsein: Slender: The Arrival.

Es war das größte und umfangreichste Spiel des Mythos gewesen. Sie hatte es eigenhändig durchgespielt. Mit einem unterdrückten Seufzen dachte sie an diese Zeit zurück.

Alles hatte so verlockend gewirkt, so spannend. Wie hatte all das passieren können?

Warum ausgerechnet ihr?

„Sieh dir das an“, hauchte Ludwig entsetzt und Antonia sah wieder auf.

Der Wald um Sabelheim veränderte sich: Während der Wagen auf einem schmalen Pfad in das dichte Baummeer fuhr, wuchsen um sie herum die Bäume und spreizten ihre Äste. Die Stämme bogen sich grotesk, das dunkle, satte Holz wurde blass und trocken.

„Die Bäume verändern ihre Spezies?“, fragte sie verwirrt.

Die Art, wie die Äste dieser Bäume wuchsen erinnerten sie an Fangarme, die sich nach Bäume streckten. Eine Gänsehaut fuhr über ihren Nacken und sie umklammerte ihren Körper mit beiden Armen.

„Solche Bäume findest nur in dieser Welt vermutlich nicht“, murmelte Ludwig.

Der Wagen passierte einen Baum, an denen auf dem ersten Blick noch mehr Leichen zu hängen schienen, doch bei genauerem Hinsehen erkannte Antonia, dass es sich um Puppen aus Stöcken und Hanfseilen handelte, allerdings mit denselben Säcken über den Köpfen. Es folgte ein zweiter Baum dieser Art. Ein Dritter. Dann hingen die Puppen auch zwischen den Bäumen, befestigt mit Stacheldraht. „Woher haben sie soviel Stacheldraht“, fragte sie.

In ihrem Kopf tobten so viele Fragen, aber das war die, auf die Ludwig am ehesten würde antworten können.

„Walden sagte, sie haben die Farm geplündert. Ich vermute, sie verwenden es als Katalysator.“

„Als was?“ Antonia dachte nach. Das klang nach Naturwissenschaften. Nach Ludwigs Fachgebiet.

„Ein Katalysator ist ein Reaktionsbeschleuniger. Die Funktion und die Variablen sind hier leicht verschoben, aber es geht ja auch um eine andere Dimension.“

Auf dem Weg lag eine Puppe, die aus dem Drahtnetz gefallen war. Es ruckelte, als der Wagen über sie fuhr. „Ich glaube, dass das Portal in unsere Welt durch Stress, Leid und Angst gebildet wird, psychische Ressourcen, die Slender Man irgendwie nutzbar macht. Warum sonst sollte er Fähigkeiten entwickeln, die gezielt auf die Verstärkung solcher Eindrücke setzen? Er sammelt Energie für das Tor.“

Antonia verstand. „Deswegen sind die Opfer so grotesk drapiert, oder? Damit wir mehr Energie für sein Tor produzieren und...“ Sie hielt inne.

„Wie lange weißt du das schon?“ Es war nur ein Gedanke, ein Theorem, aber wenn sie Recht hatte, dann...

„Es ist mir bereits im Stadion in den Sinn gekommen. Warum soviel Schmerz? Warum soviel Leid?“ Er blickte in den gesplitterten Rückspiegel.

„Eventuell sind wir eine durchgehende Treibstoffquelle für Slender Man. Ich habe nichts gesagt, aber es gäbe einen Weg ihn zu stoppen. Vielleicht.“

Antonia nickte. „The easy way out“, murmelte sie und versuchte, ihre Hände zu beruhigen.

„Suizid“, bestätigte Ludwig, „Wir würden ihm seine Energiequelle nehmen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Wie auch immer, es gibt keinen Beweis, dass es wirklich funktionieren würde. Nicht, dass es überhaupt eine Option sein sollte, aber einige aus der Gruppe brechen unter dem Stress zusammen.“

Antonia schluckte. „Du meinst, sie würden es tun?“

„Es braucht keinen geistigen Schaden, keinen tragischen Verlust, jeder Mensch hat die Veranlagung. Es ist ein uralter Schutzmechanismus und setzt ein, wenn ein Lebewesen mit der Fähigkeit zu logischem Denken, sei es eine Maus, keine Hoffnung mehr sieht. Ich will ihnen keine Ausrede liefern.“

Das Sonnenlicht stahl sich in den Wagen und für wenige Sekunden sah Antonia nur die Silhouette des Jungen. Sie hatte ihn zuvor kaum gekannt und was sie gekannt hatte, war ein Chaot und Witzbold gewesen, außerdem der Sohn eines Mörders. Sie hatte kaum fünf Worte mit ihm gewechselt. Aber jetzt wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass Ludwig sehr viel intelligenter war, als es sich die meisten Streber und Phillistiner je würden erträumen können.

„Übrigens“, riss er sie aus ihren Gedanken, „es gibt keinen easy way out.“


Es war Antonia, die das Blut auf der Straße bemerkte. „Was hat das zu bedeuten?“

Ludwig zuckte mit den Schultern. „Es sieht alt aus. Ich würde vermuten, sie haben einige der Leichen in den Wald gebracht...“ Er dachte kurz nach und schmunzelte.

„In diesem Fall haben wir Glück: Suizid ist nicht länger eine Option um ihn zu stoppen.“

„Wieso?“

Ludwig deutete mit der freien Hand auf die Puppen in den Bäumen.

„Der Wald ist Slender Mans Revier. Sie konnten nicht annehmen, dass wir ihn betreten. Warum also die Puppen? Warum Blut am Boden? Weil sie die Leichen noch zu einem anderen Zweck brauchen.“

Antonia betrachtete die Puppen in den Zweigen.

„Vielleicht irgendein Ritual? Menschenopfer?“

„Nein, nicht ganz.“

Der Wagen erreichte die Lichtung mit dem Weiher und hielt.

Grün und trübe, still und tot, spiegelte das Wasser kleine goldene Lichtkleckse, die das Baummeer auf die Lichtung ließ. Trotz des freien Himmels herrschte hier Dämmerlicht.

In der Mitte des Weihers gab es eine kleine Insel. Antonia wusste, dass sie mal irgendetwas über eine Verbindung zwischen dem Weiher und Pauline gehört hatte, aber sie erinnerte sich an keine Details.

„Ich glaube eher, dass sie menschliche Einzelteile als Zutaten für das Ritual brauchen. Ist dir aufgefallen, dass sie heute nicht vor dem Haus gewartet haben? Wenn du mich fragst, haben sie die nötige Energie und bereiten nur noch den Ritus vor.“

Sie stiegen aus dem Wagen und reckten sich.

„Also gut, machen wir uns auf den Rückweg. Hier, dein Brecheisen.“

Sie wandten sich dem Pfad zu, über den sie gekommen waren. Nur, dass der Pfad einen erstaunlichen Mangel an Existenz aufwies.

„Oh, verdammt“, fluchte Ludwig und umklammerte seinen Schläger fester.

Vor ihnen lag eine dichte Wand aus Bäumen.

Antonia trat näher heran und schlug mit dem Brecheisen dagegen. Es war, als hätte sie gegen eine Betonwand geschlagen.

„Ludwig? Ich glaube wir haben ein Problem.“

„Haben wir, sieh mal zur Insel.“

Antonia wandte sich um. Nein, dachte sie, bitte nicht...

Am Rand der Insel, in den wilden Sträuchern, stand Slender Man und sah sie an. Seine Umrisse wirkten unscharf, doch während sie ihn ansah, gewann er Kontur. Als der Vorgang beendet war, legte sich jene Aura von Bedrohung über die Lichtung, die Slender Man auf jedem Schritt folgte.

„Was machen wir jetzt?“, fragte sie Ludwig, aber der starrte Slender Man nur an.

„Wir müssen etwas tun!“

Lange, bedrohlich schwingende Fangarme wucherten aus dem Rücken Slender Mans. Sie richteten sich auf wie ein Turm, wiegten sich wie Bambus im Wind und zuckten wie sterbende Schlangen.

Dann, als sie so hoch waren wie die Bäume, veränderte sich die Form der Tentakeln:

Die Enden krümmten sich und wurden flach, die unteren Seiten zu keilen, dann zu scharfen, spitzen Klingen. Eine Sekunde lang war die Welt gefroren... dann regneten die Auswüchse als schwarzer Regen auf die beiden Jugendlichen herab, lautlos und todbringend.

Die Präsenz VI




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