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Schweiß läuft meine Stirn hinunter. Um mich herum knistern Blätter, klappern Stifte und immer wieder seufzt ein anderer Praktikant traurig auf. Es ist ein unglaublich schwerer Test, bestehend aus nur einer Frage. Was ist der Sinn des Lebens? Was ist das für eine Frage?  

Was daran schwer ist? Jeder hatte eine andere Interpretation zum Sinn des Lebens, da gibt es kein richtig oder falsch. Doch gibt es. Es muss ein richtig geben- Um den Job zu bekommen, muss ich den festgelegten Sinn des Lebens herausfinden. Eine simple Frage. Eine simple Antwort. Mehr nicht. Oder doch? Eine Stunde sitzen die anderen Praktikanten und ich schon in diesem einseitigen, vollkommen sterilen Raum an ebenso sterilen, weißen Tischen.

Nur zwanzig von über zehntausend Bewerbern bestehen die Aufnahmeprüfung. Ich bin einer von denen. Nach zwei Jahren Einweisung in modernste Wissenschaften, Psychologie und Medizin, muss man den Abschlusstest bestehen. Nur einer von den zwanzig Praktikanten besteht den Test. Sollten mehrere Leute den Test schaffen, so wird der Praktikant genommen, welcher als erstes sein Blatt abgibt. Einfache Regeln, einfache Frage, einfache Antwort. Zumindest dachte ich das. Doch je mehr ich über diese Frage und ihre Antwort nachdenke, desto mehr verzweifle ich daran.

Eine Stunde ist vergangen und erst einer hat sein Blatt abgegeben. Es war leer.

Der ganze Raum wird Kameraüberwacht, um bei den Praktikanten jede Reaktion, jeden Wimpernschlag und jedes trippeln mit dem Fuß zu analysieren und auszuwerten. Man sieht die Kameras zwar nicht, doch wir wissen es.

Komm schon, denk nach. Was könnte die richtige Antwort sein?

Wissen? Das würde die Organisation, bei der ich Praktikant bin, vermutlich am ehesten als Antwort erwarten und genau das ist der Grund, weswegen es nicht als Antwort in Frage kommen sollte.

Ruhm und Ehre? Viel zu Klischeehaft für solch ein seriöses und wissenschaftliches Unternehmen.

Liebe? Niemals. Da würde “Ruhm und Ehre“ schon eher die Antwort sein.

Erfolg? Das schon eher. Zumindest würde ich der Verwaltung das schon eher als richtige Antwort eingestehen, da Erfolg die einzige Möglichkeit zum Aufstieg in der Gesellschaft ist. Doch auch das scheint mir viel zu einfach.

Leben? Allein für diesen Gedanken sollte ich mich erschießen. Für eine weltweit agierende Organisation der Wissenschaft ist “Leben“, die wohl beschissenste Antwort überhaupt. 

Glück? Bitte was? Denk nach Gehirn, Glück ist doch einfach nur ein Geisteszustand und Geisteszustände können nicht der Sinn des Lebens sein.

Zum hundertsten Mal erscheinen diese Gedanken in meinem Kopf. Zum hundertsten Mal verdränge ich sie wieder. Eine Antwort! Ich brauche eine Antwort…

Nur noch zehn Minuten, dann ist die Zeit abgelaufen. Drei andere Praktikanten sind schon nach vorne gegangen und haben ihre Blätter abgegeben. Vielleicht ist jetzt schon alles verloren. Zwei Jahre Arbeit umsonst.

Was ist der Sinn des Lebens?

Das kann doch nicht so schwer sein. Ich bestehe mittlerweile nur noch aus Schweiß. Konzentrieren muss ich mich. Ich habe schließlich noch Zeit.

Wissen! Wissen, etwas anderes gibt es doch gar nicht. Alles andere ist doch völliger Irrsinn. Völlig sicher, dass dies die Antwort ist, schreibe ich meine Antwort über die dafür vorgesehene Linie. Dann stehe ich enthusiastisch auf, drängele mich an einem anderen Praktikanten vorbei und lege den Test auf die anderen Blätter. Währenddessen erhasche ich einen kurzen Blick auf die anderen Antworten.

Freiheit. Wissen. Wissen. 

Ich schlucke. Da hatte tatsächlich jemand vor mir seinen Zettel mit der richtigen Antwort abgegeben. Doch ich bin zu spät. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich hab´s verkackt. Das Lächeln, das sich auf dem Weg zum Abgabepunkt gebildet hat, verschwindet. Mit Leerer Miene verlasse ich den Raum, gehe den weißen Flur entlang, auf den Ausgang zu und laufe ohne Umwege zu meinem Auto.

Was hat das Leben jetzt noch für einen Sinn? Ich habe die Prüfung nicht bestanden. Worin liegt der Sinn des Lebens jetzt noch?

Ich lasse die Autotür zufallen und gehe in den Vorhof meines kleinen Grundstückes. Die Nacht ist während der Fahrt hereingebrochen. Das Gelände für die Praktikanten ist eine ganze Weile von meinem kleinen Bungalow entfernt, weswegen die Autofahrt sehr lange dauert. Doch das ist mir jetzt egal. Oft habe ich mich darüber geärgert, doch heute nicht. Mit Tränen in den Augen und völlig erschöpft gehe ich zur dunklen Tür um sie aufzuschließen. Während ich den Schlüssel herauskrame, fällt mir ein einzelnes, weißes Blatt auf der fröhlich grünen Fußmatte auf. Auf alles gefasst, nehme ich es in die Hand. Wahrscheinlich ist es der Ablehnungsbrief für mich. Ich habe es sowieso nicht geschafft.

Doch wider aller Erwartungen stand dort nur ein einziges Wort.

TOD

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Bedauerlicherweise müssen wir ihnen mitteilen, dass sich Elias Schiermann im Alter von 25 Jahren, noch am selben Abend des 21.03.2014 durch Strangulierung das Leben nahm. Nicht, dass wir nicht damit gerechnet hätten, doch es ist durchaus bedauerlich, einen jungen Mann mit so viel Talent zu verlieren. Dank seinem zweijährigen Praktikum respektieren wir seine Totenehre und unterziehen seinen Leichnam keiner Mülltrennung. Sehr Schade um die gut erhaltene Leber, doch so sagen es die Vorschriften.

Wir hoffen, dass sie die Prüfung bestehen und keinen so unsittlichen Abgang vom Leben machen.

Mit wärmsten Grüßen, Frank Gierjung, Abgeordneter des administrativen Teils des deutschen Council of Science.

Die Prüfung

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