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Ein dichter Nebel hatte sich um das Anwesen gelegt.

Zähflüssig und grau umschlich er die Fenster und Türen des alten Gebäudes. Der Hausherr warf einen flüchtigen Blick nach draußen und blickte für einen kurzen Augenblick von seiner Arbeit; einer massiven Holzskulptur auf.

Er schaute aus dem Fenster und versuchte sich zu erinnern was es mit diesem Nebel auf sich hatte.. dieses Grau war mehr als sonderbar.

Lang war es her,

dass er so einen Nebel gesehen hatte

und etwas tief in seinem Inneren, verschüttet hinter finsteren Gedanken, längst zerronnener Momente, begann sich zu regen und an die Oberfläche zu treten. 

Ein hypnotischer Gedanke, oder auch zwei,eine Vielzahl solcher Gedanken, ließen ihn abrupt aufstehen und seine Arbeit niederlegen.

Das schwere Holzstück, der Kopf, glitt aus seinen Händen und schlug laut polternd auf dem Granitboden auf.

Der Hall des Aufpralls verfolgte ihn auf seinem Weg durch das alte Gemäuer.

Die Gedanken in seinem Kopf zogen ihn in seine Kellerwerkstadt.

Er musste sich eine Schaufel besorgen, er musste sich einen Beutel besorgen, er musste sich beeilen, musste umgehend.. das Haus verlassen. 


Dort gab es etwas wichtiges zu tun.

Soviel wusste er.

Man hatte ihm eine Bürde aufgehalst; ein schweres, illusorisches Kreuz, dass er zu tragen musste und das von Tag zu Tag  belastender wurde. 

Der Nebel hatte sich etwas verflüchtigt. Nur ein wenig. 

Die Rasenflächen und Heckenwände gegenüber der Hausfront waren  völlig  vom Grau befreit. Aber das genügte nicht, Nein,das genügte noch lange nicht.

Das unregelmäßig gemähte Gras

glitzerte vor Feuchtigkeit im Schein des Gezeitenherrschers, jener leuchtenden Kugel am Abendhimmel.

Der Hausherr sah das alles nicht, aber er wusste dennoch davon. 

Im seiner Kellerwerkstadt war es kalt und ein ekelhafter Geruch von Verwesung lag in der Luft. Dieser Geruch rührte von den vielen Tierkadavern her; Tiere die sich bei Nacht im Keller verkrochen hatten, um dem was draußen vor sich ging zu entkommen. Doch im Keller hatten Sie es auch nicht geschafft das Unheil.. abzuwenden.

Kreuz und quer verstreut; manche auf dem kalten Granitboden, andere in hölzernen Schränken oder eisernen Kisten, hatten sie ihre Lebendigkeit eingebüßt.

Beutel und Schaufel lagen auf der Werkbank in der Mitte des Raumes. Eine schnelle Armbewegung und der Mann hielt beides in seinen riesigen Händen. Er hatte keine Zeit zu verlieren, die Anweisungen waren klar und unmissverständlich, also stürmte er aus dem kleinen Kellerraum, die Treppe hinauf und nach draußen. 

Barfüßig wandelte er über 

das feuchte Grasgestrüpp und schleifte dabei Beutel und Schaufel neben sich her. 

Etwa in der Mitte der weitläufigen Fläche, blieb er stehen und begann zu graben.

Die Grabungsprozedur dauerte nur wenige Minuten, die Erde war weich und nachgiebig.

Bald schon war da eine mannstiefe Grube im Rasen und der Mann stieg hinab, bis sich nur noch sein Kopf außerhalb der ausladenden Erdwälle an der Oberfläche befand und er  gierig Luft ein-saugte.

Dann zog er sich den Beutel über den  Kopf und  ließ Erde

links und rechts an ihm hinab, 

in die Grube rieseln, bis ein dicker Kokon aus eben diesem Material, dieser Substanz, der Erde, seinen Körper beinahe vollständig dicht zu umschließen schien.

Kein Lüftchen wehte, weder ein Tiergeräusch noch das Rascheln von Blätterwerk, war zu vernehmen.  Die Prozedur wurde in gang gesetzt. 


Der Mann begann zu schreien, wie noch nie ein Mensch zuvor geschrien hatte.

Ohrenbetäubende, kehlige Laute, die ihn an die Grenzen seiner Körperkraft brachten drangen ihn aus dem Leib und versetzen die Luft in starke Schwingungen. 

Der Schrei, das  Brüllen, das ganze Gehabe dieser grotesken Prozedur, die da in Gang geraten war, zerriss die Stille.

Was da geschrien wurde ergab für einen Außenstehenden nicht den geringsten Sinn. 

Das stoffbedeckte Haupt des Mannes drehte sich mechanisch von links nach rechts, reckte sich in die Höhe und drückte das Kinn in den Dreck. 

Die Prozedur, mit all ihrer seltsamen Vielfalt nahm die gesamte Nacht in Anspruch und endete als das erste Sonnenlicht auf das Anwesen fiel. 

Nur wenn sie vollständig vollzogen wurde, verging das dichte Grau 

und der Schlaf kam endlich zurück.. die  fremden Beobachter gaben sich besänftigt. 

Der Beutel verhinderte , das man SIE sah, während SIE ganz sicher gingen, dass den Regeln, ihren Gesetzen, 

folge geleistet wurde.


Der Nebel ging, schwand in seiner Gänze und

der Regen kam. 

Die Tropfen eilten aus dem dunklen Himmelszelt, hoch droben, hinab auf das Haus,

das Feld und nicht zuletzt den Garten.

Der Herr des Hauses, von Kopf bis Fuß durchnässt und schmutzig, 

blickte kurz zum Himmel hinauf und zog dann den Stoff von seinem Angesicht,

bevor er, einem Betrunkenem gleich, 

zurück ins Haus und hinein ins Trockene

taumelte.


Die behagliche Wärme des Hauses umschloss seinen durchnässten Leib und ließ ihn für einen kurzen Augenblick erschauern.

Dann riss er sich die Kleider von seinem Körper und schleuderte sie in einem weiten Bogen in den Flur.

Die Ruhe die das Haus einstmals vollkommen beherrscht hatte, war schon vor langer Zeit verschwunden.

Die Erinnerungen an diese Zeit, beinahe vollständig erloschen. 

Der Hausherr hatte das Vergessen kennengelernt.

Keine geistigen Bilder erinnerten ihn mehr an die fröhlichen Tage an denen er,

ungestört und hoch motiviert, an seinen Werken hatte arbeiten konnte. 


Damals als die Angst, diese unnachgiebig lauernde Furcht,

noch nicht seinen Geist heimgesucht hatte

und er noch die Ruhe und den Frieden des nächtlichen Schlafs genießen konnte. 

Die Tage hatten sich länger..und gesünder angefühlt. 

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein ,

da er unbesorgt vor dem Kamin in seiner Bibliothek hatte lesen können,

ganz ohne das  unbändige Bedürfnis  auf die Zeit zu achten und

sich  unentwegt umzublicken...immerzu achtsam sein zu müssen.


Wachsamkeit war wichtig, damit er sehen konnte... 

was da war. 

Man konnte nie wissen, wann SIE ihn beobachteten. 

Aber sicher war, dass sie es taten.

Daran bestand nicht der geringste Zweifel.

Er taumelte durch den kurzen Holzgang Richtung Badezimmer. 

Feuchte Erde glitt an seiner Stirn und seinen Wangen gen Boden. Zerzauste Haarsträhnen stachen ihm in die Augen. Diese Nacht, und die Nacht war noch nicht vorbei; 

waren wieder einige Adern in seinen Augen geplatzt 

und seine ohnehin schon müden Gesichtszüge wurden durch ein krampfhaftes Blinzeln ergänzt.

Das kalte Wasser linderte den Schmerz, der sich, wie es nach jeder Prozedur üblich war, erst in seinem Kopf, letztendlich in seinem ganzen Körper ausbreitete.

Bevor der Schlaf kam, 

den er sich so sehr gewünscht hatte. 

Die Belohnung.


Bevor er sich in sein Schlafzimmer begab, sah er in die Ferne und konnte die Grube, das Loch erkennen.

Der Regen hämmerte noch immer auf das Land ein.

Obgleich er furchtbar müde und niedergeschlagen war, konnte er einfach nicht seinen Blick abwenden. 

Bisher war diese Form der Anziehung meist sofort verschwunden, nachdem er getan hatte was es zu tun galt. Doch diesmal war es anders. 

Er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wie er sich fühlte. 

Schon lange dachte er nicht mehr in diesen Sphären. 

Nur noch Bilder flammten vor seinem geistigen Auge auf;

Bilder die zu schrecklich und seltsam waren, als dass sie ein einfacher Geist wie seiner, tatsächlich hätte begreifen  oder gar  in Worte fassen können.

Die Wörter waren einfach verschwunden. Sprache war unnötig geworden. Es waren die Bilder die ihm zeigten was er tun musste, ihm zeigten was war und was sein würde.

Er hatte noch etwas zu tun. Dort Draußen. 

Er hatte SIE  noch nicht zufrieden gestellt.


Seine Hand glitt über das Fensterglas. 

Das Warten hatte begonnen.

Ein paar Sekunden, wenige Augenblicke 

und das Bild, dass ihm zeigte was passieren musste,

tauchte auf; beherrschte ihn voll und ganz 

und ließ sich nicht mehr vertreiben. 

Ohne das Bild und das unbändige Verlangen , dass ihn erreichte und ergriff,  dass SIE ihm übermittelten, 

wäre er wohl zusammengebrochen, denn der Schlaf  war auch noch da;

lauerte  und  würde wie ein Vorschlaghammer auf seinen Geist einschlagen und

hätte ihn in einem anderen Szenario  bereits in die Knie gezwungen.

Das konnte erst geschehen wenn es vorbei war.


Wie ein Schlafwandler watschelte er mit seinen nackten Füßen über den glitschigen Rasen. 

Diesmal blieb er schon auf halber Stecke, kurz vor dem Vogelhaus, dass er vor vielen Jahren einmal gebaut und dann vergessen  hatte,  stehen. Links daneben wiegte der Wind die Köpfe verdorrter Lilien hin und her.


Er wollte nicht graben..nicht schon wieder.

Es war einfach zu anstrengend und es tat weh..unheimlich weh. 

Wann würde das endlich aufhören? 

Hätte er sich gefragt, wenn er es denn gekonnt hätte,

während er seine blutigen Hände in die Erde trieb und schaufelte und schaufelte und schaufelte..


Natürlich hatte er schon einmal die Bilder missachtet.

damals als er noch  naiv und unerfahren  war, da hatte er den 

den Anweisungen einmal zu-wieder gehandelt.

Kurz bevor er Sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam. 

Zu dieser Zeit hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen,

ein halbes Dutzend Schlaftabletten eingeworfen und war in seinem Bett weggedämmert.

Er konnte  noch nicht wissen was passieren würde,

noch nicht einmal ansatzweise erahnen, 

wozu SIE im Stande, wozu SIE fähig waren.

In seinem Lieblingssessel sitzend und lesend, mit den Gedanken ganz woanders, die Vorfälle der vergangenen Wochen beinahe vergessend, kam er nicht auf die Idee dass sein Verhalten Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Sanft blätterte er eine Buchseite um, las, 

blätterte eine weitere Seite um. 


Dann geschah es.


Erst begannen seine Hände zu zittern.

So etwas hatte er noch nie zuvor erlebt.

Es fühlte sich an, als wäre ein Sturm in ihm aufgezogen und würde ihn durchschütteln und mit aller Gewalt an seinem Innersten rütteln.

Das Buch viel mit einem lauten 'Peng!' aus seiner Hand. 

Er wollte aufstehen, versuchte es, schaffte es beinahe eine Sekunde auf den Füßen zu bleiben, zu stehen, dann fiel er zurück in seinen Sessel und regte sich nicht mehr.

Zumindest nicht mehr selbst..

hatte er es überhaupt jemals getan? 

Das Bild, das Schütteln, bewegte ihn nun, 

trieb ihn an.

Immer und immer wieder sah er das Bild, das er jedes mal, bevor er mit dem Graben begann, gesehen hatte.

Dieses uralte Ding, 

das ganz oben im Haus wohnte; 

das eins und mehr als eins war; 

das SIE repräsentierte; vielleicht ihr Anführer war. 

Es hatte schon immer dort oben gelebt. Es gab ihm Befehle mit seiner betonungslosen, beißenden, nichtmenschlichen Stimme,

die wie Feuer oder Säure in seinem Kopf brannte. 

Sie befahl ihm hinaus zu gehen und mit der Arbeit zu beginnen. 

Zu graben und zu graben und zu graben... 

Das Graben sollte beginnen. 

Die Prozedur, 

das Graben;

war wie Nahrung für diese(s) Wesen; es stillte ihren Hunger und  Schreie bekämpften ihren Durst.. das alles in Kombination, besänftigte SIE..sättigte SIE.. ließ sie zu Kräften kommen und ließ   Stille einkehren. 

Vor seinem geistigen Auge sah der Hausherr immerzu diesen einen Raum. 

Er wusste das dieser Raum..dieses Zimmer ganz oben im Haus zu finden war. 

Direkt über dem Dachstuhl.

Obwohl die Existenz dieses Raumes nicht mit den architektonischen Gegebenheiten des Hauses überstimmen konnte;

er hatte das Haus schließlich selbst auf dem Papier entworfen ,die Pläne rahmen lassen und an eine Wand in seinem Arbeitszimmer gehängt. Er hatte schon unzählige Male die strengen Linien der Pläne mit den Augen abgetastet. Es bestand kein Zweifel, es konnte dort oben kein zusätzliches Zimmer geben.. 

Und doch schien es diesen Raum zu geben. 

Er spürte dass es so war, 

dass es nicht anders sein konnte. 

Das es sich um ein Faktum handelte.

Manchmal, in den seltensten Fällen,

glich der Raum einem Labor. 

Auf dem Boden lagen zerbrochene Ampullen,

ausgelaufene Reagenzien hatten stinkende Pfützen gebildet. 

Er konnte sie beinahe riechen, 

die Chemikalien.

Hier und da in den Winkeln des Raumes , standen Stahlapparaturen.

Kupferne Nadeln, grünlich angelaufen,

lugten aus dem verworrenen Inneren zerschlagener Maschinen, 

heraus, an die Oberfläche.

Lange Metallstränge führten zu einem konkaven Glaskasten in der Mitte des Raumes. 

Im Inneren dieses Kastens befand sich eine nebelartige Substanz, die immerzu pulsierte. 

In diesem Kasten, diesem ganz und gar sonderbaren Ding befand(en) SIE sich. 

Er konnte nicht erkennen was sich hinter den dicken, milchigen, vom Nebel verschleierten Wänden befand, konnte keine Gestalt ausmachen. 

Aber er nahm an,

dass es uralt sein musste.. 

und dass es weitaus weniger lebendiges.. weniger einnehmendes und vor

allem, weniger bedrohliches auf Erden gab.

Dieses Bild wurde stets von einer Stimme begleitet;

einer summenden, sich durch Mark und Bein beißenden, unmelodischen Stimme, 

die seine Gedärme zu zerfressen drohte.

So fühlte sie sich an. 

Er musste einfach nachgeben. 

Selbst ein relativ schmerzempfindliches Wesen wie das seine, konnte die körperliche Pein irgendwann nicht mehr ertragen und suchte nach Milderung, bevor es daran zu Grunde gehen würde.

Also hatte er aufgehört dagegen anzukämpfen und sich ihrem Willen gefügt.


Nun stand er wieder einmal dort draußen, in der Kälte;

den Beutel in der linken, die Schaufel in der rechten Hand.

Machtlos und verzweifelt.

Ein Instrument fremder Kräfte,

die er niemals würde verstehen können

und tat den nächsten Schritt.

~ James Master

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