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Die ersten Schneeflocken rieselten sachte auf meinen Mantel. Die Dämmerung hüllte die Straße in ein düsteres Nebelgrau, durchbrochen von den ersten Lichtern der Stadt, als ich mich der Einkaufsstraße näherte. Langsam stieg mir auch der Glühweinduft in die Nase und ich spürte das wohlig warme Gefühl der Vorfreude.

Weihnachten war für mich die schönste Zeit des Jahres und ich liebte es, Geschenke auszusuchen. Besonders für meine kleine Nichte Tessie. Meine Bekannte Marie hatte mir einen Tipp gegeben: In einer kleinen Gasse neben der Hauptstraße gab es einen Spielwarenladen, er es noch „echtes“ Spielzeug verkaufte. Nicht dieses ramschige Plastikzeug mit Disney-Motiven oder Spielzeug-Smartphones für eineinhalbjährige Kleinkinder. Nein, stattdessen Bauklötze aus Holz, Miniatureisenbahnen, Kaufmannsladen, Schaukelpferde, Puppen statt Barbies und so weiter. Da wollte ich hin.

Ich fand das Geschäft auf Anhieb und trat ein. Die Türglocke läutete. Wärme schlug mir entgegen und der Mann hinter der Kasse nickte mir freundlich zu. Ich rieb mir die steifen Hände und sah mich um. Oh ja, hier wäre ich als Kind auch glücklich geworden. Die Regale waren voll mit hübschen Spielzeugen, Puppen, Figuren, Bauklötzen, Kreiseln, Holzxylophonen….

Ich mischte mich unter die Kunden und ging die Regale durch.

„Mama, Mama, guck mal, das Pony!“, rief ein etwa sechsjähriges Mädchen aufgeregt und zeigte auf ein wunderschönes, wahrscheinlich handgeschnitztes Pony.

„Vielleicht bringt dir das der Weihnachtsmann“, gab die Mutter zurück, den typischen Satz aller Eltern im Dezember wiederholend. Ich lächelte in mich hinein.

Da fesselte etwas meine Aufmerksamkeit. Ganz in der Ecke, auf einem der oberen Regale, saß eine Puppe. Sie trug ein blaues Kleid mit weißen Punkten und hatte volles blondes Haar. Doch was mich faszinierte, waren ihre Augen. Sie waren nicht rund, wie die der meisten Puppen, sondern oval, wie Menschenaugen, und von einem warmen Grünton. Fast erinnerten mich ihre Augen an Marie. Ich schmunzelte. Wäre das nicht witzig, hier eine Puppe zu kaufen, die mich an sie erinnert, wo sie mir den Tipp gegeben hatte?

„Entschuldigung“, sagte da jemand hinter mir und ich drehte der Puppe den Rücken zu.

Der Verkäufer stand plötzlich so dicht hinter mir, dass ich aufschreckte und zurückwich.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er mit leiser Stimme.

„Äh nein. Danke. Ich schaue nur ein wenig.“

Er nickte und wandte sich einer Familie in einer anderen Ecke des Ladens zu. Mittlerweile war es etwas leerer geworden. Ich drehte mich zu der Puppe zurück. Sie schaute mich an.

Zumindest wirkte es so, als ob.

Sie gefiel mir wirklich gut. Ich streckte meine Hand aus, um sie vom Regal zu nehmen. In dem Moment, in dem ich sie berührte, durchzuckte mich etwas. Die Puppe war anders als anderes Spielzeug. Sie war warm. Doch die Wärme floss in dem Moment der Berührung sofort aus ihr hinaus. Und etwas saugte mich ein. Ich öffnete den Mund zu einem Schrei, doch da war der Moment schon vorbei. Neben mir wisperte es „Ich bin frei!“ und etwas, das aussah wie ein weißer Nebel, verschwand mit einem Windhauch durch die Tür des Spielwarengeschäfts.

Ich sitze hier in der Ecke und sehe den ganzen Raum vor mir. Vor einer halben Minute habe ich nur das Regal und die Wand gesehen. Ich verstehe nicht. Da fällt mein Blick auf einen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Mir starrt die Puppe entgegen. Mit ihrem wachsamem Blick und aus haselnussbraunen Augen. Augen wie meinen eigenen. Als das Verstehen mich langsam aber sicher überkommt, klumpt sich in meinem Magen etwas zusammen.

Nun bin ich hier. Ich kann mich nicht bewegen. Ich habe am Anfang versucht zu schreien, es so verzweifelt versucht. Ich habe versucht, mich zu rühren, vom Regal herunterzufallen, irgendetwas. Wenn der Besitzer des Ladens in meine Richtung guckt, bemühe ich mich inständig, wenigstens zu blinzeln.

Doch ich kann nicht.

Ich bin eine Puppe. Und doch fühle ich. Ich fühle Angst, Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit. Ich habe Bauchschmerzen und ich leide körperliche Qualen, weil ich gefangen bin und mich nicht bewegen und mich nicht mitteilen kann. Ich bin auch noch, ganz tief drin, ein Mensch. Was war der Nebel, der der Puppe entwich? War er wieder ein Mensch geworden? Oder saß er zu lange in der Puppe fest und konnte ihr durch mich entfliehen, aber nie mehr richtig lebendig sein und ist einfach nur als Wind, als Seele, in die Lüfte gestiegen?

Ich frage mich, was der Besitzer weiß, denn manchmal bilde ich mir ein, er schaut mich sehr lange und nachdenklich an. Vielleicht wollte er mich an jenem Tag warnen.

Manchmal denke ich auch an Marie. Und daran, ob sie das hier geplant hat. Ob sie mich wissentlich geopfert hat, in der Hoffnung, jemand Bestimmtes zu befreien. Und ob dieser Jemand vielleicht doch noch Mensch genug und gut genug ist, um zurückzukehren und mich auf irgendeine Art und Weise zu befreien.

Und mit jedem Tag werde ich wütender und ich hasse alle, ich hasse Marie, ich hasse den Besitzer, ich hasse die Person, für die ich geopfert wurde. Und ich weiß, wenn sich die Gelegenheit ergibt und jemand mich berührt, werde ich diese unsägliche starre Hülle verlassen und frei sein und keinen Gedanken verschwenden an die Person, die an meiner statt zur Puppe wird.

Zum Glück könnte der Moment bald kommen, denn demnächst jährt sich der Tag, an dem ich eine Puppe wurde, zum ersten Mal. Weihnachten nähert sich und der Laden wird jeden Tag etwas voller. Kunden kommen, Familien, Großeltern, Kinder, alle wollen Geschenke kaufen. Und es wird sich doch sicher jemand für diese Puppe interessieren, dort oben im Regal, mit diesem niedlichen blauweißen Kleid und den braunen, so menschlichen Augen, die einen unablässig anzugucken scheinen…..

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