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Anna stieg atemlos in den Bus, die Wangen gerötet und die hellbraunen Haare durcheinander vom Rennen – gerade noch so geschafft. Am liebsten saß sie ganz hinten, doch heute war ihr Lieblingsplatz schon besetzt. Eine alte Frau hatte sich bereits dort niedergelassen. Wobei, „alt“ war noch gar kein Ausdruck. Unzählige Falten zogen sich über ihr Gesicht und ihre Haut wirkte, als ob sie für zwei Personen ausreichen würde. Selbst ihre Augen schienen kaum geöffnet, so faltig war ihr Antlitz. Als Anna den Gang des anfahrenden Busses entlang stolperte, schaute sie kurz auf und lächelte freundlich. Ihre Hände bewegten sich dabei unablässig. Im Näherkommen erkannte Anna, dass das alte Mütterchen offenbar an etwas nähte. Da sie die Alte nicht stören wollte, setzte sie sich stattdessen auf den Platz hinter dem Ausstieg. Die alte Frau sang leise ein Lied und dann und wann konnte sie ein paar Wortfetzen verstehen:

„…

''Leinen, Samt und Seide,

eile Nadel, eile!

Feinstes Pelzwerk und auch Leder,

zu schätzen weiß ein Jeder!

Leinen, Samt und Seide,

eile Fädchen, eile!“

Der Bus erreichte die nächste Haltestelle. Nur ein einziger Passagier stieg hier ein: “Hallo, Süße!“ Marco - Student im ersten Semester und seit 7 Monaten ihr Freund - setze sich schwungvoll neben Anna und drückte ihr sanft einen Kuss auf die Lippen. „Heute nicht auf deinem Standardplatz?“ „War schon besetzt.“ „Ach ja?“, Marco drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch. „Da sitzt doch gar keiner.“ Anna folgte seinem Blick nach hinten, tatsächlich waren die Plätze alle leer. Vielleicht war sie ausgestiegen, als sie gerade ihr Handy gesucht hatte… „Und? Sehen wir uns nachher noch?“, riss Marco sie aus ihren Gedanken. „Klar, ich bin so gegen acht Uhr bei dir.“ Ihr wurde ein bisschen flau im Magen, aber diese eine Sache wollte sie ihm unbedingt noch heute Abend sagen.

„Gehst du heute nochmal weg?“, fragte Annas Vater während sie zusammen den Tisch abräumten. In der Küche ließ ihre Mutter bereits Wasser ins Spülbecken laufen. „Ja, ich bin gleich nochmal bei Marco.“ „Ruf an, wenn es später wird, ich hole dich dann ab. Man weiß nie, wer zu der Zeit noch unterwegs ist.“ Anna seufzte: „Du machst dir viel zu viele Sorgen Papa, aber ich werde dich anrufen.“ „Was summst du da eigentlich die ganze Zeit?“ Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie schon den ganzen Abend das Lied der alten Dame vor sich hin sang. „Nichts Besonderes, nur ein Ohrwurm, den ich wohl irgendwo aufgeschnappte habe.“

Sie hörte das Klingeln der Tür und drehte sich um: „Ich geh‘ schon.“ „Puh, ich werde wohl langsam alt, ich hab gar nichts gehört…“ Ihr Vater kratzte sich am Kopf und schaute ihr hinterher.

Anna öffnete die Haustür und zuckte kurz zusammen. Vor ihr stand das alte Mütterchen aus dem Bus. Selbst im Stehen sah sie unheimlich klein aus. Sie trippelte etwas näher und fragte – unaufhörlich ihr sanftes, maskenhaftes Lächeln lächelnd: „Was kann ich für dich tun, mein Kind?“ „Ich – ähm – wir haben niemanden herbestellt“, stammelte sie verwirrt. „Sie müssen sich in der Hausnummer geirrt haben.“ „Vielleicht habe ich das“, sie schüttelte den Kopf und wandte sich, immer noch lächelnd, zum Gehen. „Einen schönen Abend noch, meine Liebe.“ Anna schaute ihr noch ein Weilchen nach. Aus der Küche drang die Stimme ihrer Mutter: „War jemand an der Tür?“ „Nur falsch geklingelt, Mama…“

Eine Stunde später stand sie vor Marcos Tür. „Hey Liebling“, begrüßte er sie überschwänglich. „Hey Schatz. Ich… ich… muss mit dir reden!“ Noch nie im Leben hatte sie sich so unbehaglich gefühlt, aber sie musste es ihm einfach sagen. „Was ist los, Engel?“ Er sah sie besorgt an. „Setz dich erstmal hin, du bist ja kreidebleich.“ Anna folgte ihm befangen auf das Sofa. „Was zu trinken?“, fragte er fürsorglich. „Nein danke, ich kann auch nicht lange bleiben. Ich… das… das mit uns…“ Sie nahm all ihren Mut zusammen um es hinter sich zu bringen: „Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein!“

Geschafft! Endlich! Sie atmete innerlich auf. Seit Wochen wollte sie die Beziehung mit ihm beenden und hatte entweder nicht den richtigen Zeitpunkt oder die passenden Worte gefunden. Er war ein unglaublich netter Typ, aber lieben konnte sie ihn nicht mehr. Es fühlte sich einfach falsch an. Marco schaute starr auf sie herab. Langsam fragte er: „Du willst mit mir Schluss machen?“ „Ich mag dich wirklich, Marco-“ „HALT DIE KLAPPE!“, fuhr er sie an. „DENKST DU, ICH WÜSSTE NICHT, WAS JETZT KOMMT?! ‚ES LIEGT NICHT AN DIR‘ ODER ‚WIR KÖNNEN JA FREUNDE BLEIBEN‘!“

Erschrocken wich Anna vor ihm zurück. Noch nie hatte sich Marco so aufgeregt. „Bitte beruhige dich-“, setzte sie an doch wurde sofort wieder von seinem zornigen Geschrei unterbrochen. „IHR WEIBER SEID DOCH ALLE GLEICH!“ Für einen Moment schien er sich zu fangen. Mit zitternder Stimme fragte er: „Hast du einen Neuen? Diesen Andreas oder Michael aus deiner ‚Projektgruppe‘?“ Diesen Vorwurf wollte sich Anna nicht gefallen lassen, verängstigt oder nicht: “Ich habe keinen anderen!“ Entschlossen stand sie auf und wollte gehen. „Wo willst du hin?“ „Nach Hause natürlich!“, sie hörte wohl nicht richtig. „Das glaube ich nicht.“ Marco stellte sich ihr in den Weg, etwas in seiner Stimme machte ihr mehr Angst als sein Schreien zuvor, obwohl er jetzt vollkommen ruhig klang. Anna wollte sich an ihm vorbeischieben: „Lass mich durch!“ Angst stieg in ihr hoch. „Ich lass‘ dich nicht gehen. NIE MEHR!“ Grob packte er Annas Arm und schleuderte sie auf das Sofa. Ihre Angst hatte sich längst in Panik gesteigert. „Bitte hör auf!“, flehte sie. „HALT DIE FRESSE!“ Sie startete einen zweiten Fluchtversuch. „DU BLEIBST SCHÖN HIER!“ Ein harter Schlag traf sie im Gesicht.

Sie musste kurz ohnmächtig geworden sein. Ihr Kopf schmerzte entsetzlich und auf ihrem Gesicht spürte sie gerinnendes Blut. Anna erinnerte sich an den Schlag. Ein metallisches Klackern. Dieser Scheißkerl hatte sie doch tatsächlich ans Bett gefesselt! Ironischerweise mit den Handschellen, die sie ihm aus Spaß zum Geburtstag geschenkt hatte. Vorsichtig sah sie sich um. Marco war nicht zu sehen. Fieberhaft überlegte sie, aber es war unmöglich zu entkommen.

„Anna, Anna… was hast du nur angerichtet?“, hörte sie ihn sagen, als seine Schritte sich näherten. Sie erschrak als sie ihn sehen konnte. Sein Blick war vollkommen wahnsinnig. „B-bitte lass mich jetzt gehen u-und ich werde niemandem etwas sagen“, Tränen liefen über ihr Gesicht. Verzweifelt wehrte sie sich gegen ihre Fesseln. Marco kam näher, setzte sich auf das Bett und sah sie vollkommen ungerührt an. „Ich werde dich nie mehr gehen lassen. Ich liebe dich, Anna…“ Langsam hob er seine Hände und legte sie fast zärtlich um ihren Hals. Sie wollte um Hilfe schreien, doch schon drang nur noch gedämpftes Röcheln über ihre Lippen. Dunkle Flecken begannen vor ihren Augen zu tanzen. „Leinen, Samt und Seide, eile Nadel, eile… Scheiße, jetzt bringt mich dieser Psycho um und das letzte, an was ich denke ist dieses Dreckslied…“ Vor ihrem geistigen Auge tauchte das ewig lächelnde Gesicht der alten Frau auf. „Hilf mir doch irgendjemand!“ Das alte Mütterchen wurde deutlicher, während die Welt um sie herum sich langsam verdunkelte.

„Das ist aber keine Art mit jungen Mädchen umzugehen.“ Marco wirbelte herum. „Wie bist du hier rein gekommen?!“ Anna blinzelte hustend. Die Alte stand tatsächlich im Zimmer. Wie war das möglich?! „Bitte hilf mir“, röchelte sie. Das gütige Lächeln der Frau verzog sich zu einer dämonischen Fratze. Zum ersten Mal öffnete sie wirklich ihre Augen, weiß und pupillenlos starrte sie in ihre Richtung. Sie hörte ein Schreien als sie erneut ohnmächtig wurde.

Diesmal erwachte Anna im Krankenhaus. Sie versuchte sich aufzurichten, wurde aber gleich wieder von einer Schwester zurückgedrängt. „Oh mein Gott, du bist wach!“ Ihre Eltern kamen an ihr Bett gestürmt. „Was ist eigentlich passiert?“, ihre Erinnerung war verschwommen. Je mehr sie sich versuchte zu erinnern, desto unschärfer schien sie zu werden. „Es ist furchtbar“, ihre Mutter schluchzte. „Ein Nachbar hat die Polizei gerufen, als er Schreie hörte. Marco… er ist tot!“ „Er wurde mit einer Schere erstochen“, ihr Vater war so fassungslos, dass er einfach drauf los redete. Unter normalen Umständen hätte er ihr nie solche Details erzählt. „Seine Augen waren heraus geschnitten sowie Lider und Lippen zusammengenäht.“ Anna fröstelte. Sie dachte an die alte Frau. Aber wer würde ihr glauben? Kraftlos ließ sie sich in ihr Kissen sinken. Im Türrahmen stand ein Pfleger  und bedeutete ihren Eltern, dass sie ihren Besuch nun beenden sollten. „Wir kommen dich gleich morgen Früh wieder besuchen, Schatz.“ „Ist gut, Mama. Macht euch keine Sorgen. Ich komm schon ein paar Stunden ohne euch klar.“

Ratlos lag sie einfach eine Weile da und starrte an die Decke, bis sie ihre Hand in die rechte Hosentasche schob. Etwas Weiches war darin. Anna zog ein besticktes Stofftüchlein hervor, ihr wurde eiskalt:

„Zwirn in rot, in schwarz und weiß,

jede Tat hat ihren Preis.“

Nie wieder wagte sie es, das Lied der Schneiderin zu singen.

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