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Die Straßen sind sauber. Gleichmäßig und schön angelegt. Die Menschen, die man auf diesen gepflegten, sauberen Wegen gehen sieht, sind alles ordentliche Leute. Gekleidet für das Büro, gekleidet dafür, stundenlang vor Bildschirmen zu sitzen. Das macht jeder von uns. Das Jahreseinkommen beträgt über fünftausend Reps, ein Ausweischip ist in der Handfläche, ein Filter in der Nase. Das Pack treibt sich hier nicht herum. Dafür sorgen die Uniformierten überall. Die haben ihre Slums, ihre Viertel, wo sie in ihren Sozialwohnungen hocken, rauchen, trinken und ihren Kindern beim Krepieren zugucken können. Nein, so will man nicht leben. Aber sie hätten es anders haben können. Die Regierung gibt immer wieder durch, dass es Arbeitsplätze für alle gibt. Du musst dich nur anstrengen. Wenn du es nicht packst, dann aus dem Weg für die Leute, die es geschafft haben. Reich geboren, reich gelebt, reich gestorben. Darauf ein Hurra.


Heute ist Montag. Ausgabetag. Wie so viele in dieser anonymen Masse der Anzugträger strebe auch ich der Schokoladenfabrik entgegen. Jedenfalls nenne ich sie so. Selbst nennen sie sich „Staatliche Apotheke“. Lächerlich. An der Ampel staut sich die Menge. Nicht gerade angenehm, in der stinkenden Hitze dieses Februartages darauf zu warten, dass sich eines der schwerfälligen Busmonster hinüberquält. Die Busse sind die letzten Fahrzeuge, die nach der 2043 beschlossenen, internationalen Umweltverordnung noch fahren durften. Das hatte, laut dem immer wieder in die Bevölkerung eingeprügeltem Dogma der Regierung, die Situation schlagartig verbessert. Und wir glauben es. Warum auch nicht? Als wir China vom Angesicht der Erde weggebombt haben, wer waren da die Bösen? Die, die angefangen haben. Wer hat angefangen? Wir natürlich nicht. Wer hat den bakteriellen Krieg in Südamerika angefangen? Wir nicht. Die Anderen, alles die Anderen. Amen.


Die Schokoladenfabrik, das ist der Ort, wo die Träume aus der Dose kommen, wo sie dein Gehirn weichspülen, bis du nur noch lebst, aber nicht mehr denkst. Acht Millionen zufriedene Mitbürger, was wünscht man sich mehr? Die Schokoladenfabrik, das ist der gewaltige Glaskasten vor mir. Die Sonne, die sich ab und an durch die dunklen Smogwolken quält, spiegelt sich schmutzig in den blank geputzten Scheiben. Das Blinken sticht in den Augen, sodass ich den Blick senke. Oder vielleicht vor Ehrfurcht? O großer Glaskasten, der du uns da die Gedanken aus dem störrischen Kopfe wäschst, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe... Wir haben die Fotos von den Kindern der Armen, die in den Gossen ersticken, aus den Nachrichten verbannt. Wir haben die Gewalt und den Hass auf die Regierung aus den Nachrichten verbannt. Also gibt es das alles nicht mehr! Die Welt ist schön! Ri-Ra-Rutsch, wir fahren mit der Kutsch. Und wer nicht einsteigt, fährt nicht mit, ihr Asozialen! Ihr wollt es doch alle nicht. Das sagen die da oben, und wir glauben es, gottesfürchtig wie wir sind. Am Montag wird ausgeteilt, und wir alle sind hier, um uns unser täglich Brot zu holen. O Herr gib uns heute... Auf den Packungen steht „HoneyPills“ drauf, aber eigentlich ist es nur „der Stoff“. Der Stoff, der uns glücklich macht. Der Stoff, aus dem die Träume sind. Solange es nicht die falschen sind. Einmal in der Woche, heute, wird er ausgeteilt. Zeig dem netten kleinen Gerät am Eingang einfach deine Hand, und du darfst eintreten ins Regenbogenland der Gutverdienenden. Das Äquivalent zu Willy Wonkas' goldenem Ticket. „Hunde und Arbeitslose bitte draußen bleiben.“


Es haben sich Schlangen gebildet. Es gibt vier Ausgabetresen in dem zweistöckigen Gebäude. Vor allen stehen sie, brav in Reih' und Glied. Bloß keine Verzögerung, sonst dauert es länger, bis der Stoff da ist. Ich stelle mich an der kürzesten Reihe an. Es wird trotzdem lange dauern. Es gibt während des Wartens nichts zu tun, und in der Schlange redet man nicht. Ungeschriebenes Gesetz. Der Mann vor mir pfeift leise ein Lied. Es dauert eine Weile, bis ich die Melodie erkenne: „Hotel California“ von den Eagles. Obwohl es schon vor weit mehr als hundert Jahren aktuell war, kennen manche Leute diese Musik immer noch. Musik stirbt nie, sagt man. Aber Ideen, die kann man abtreiben. Man kann sich sogar dagegen impfen lassen. Stell dich einfach in die Schlange, Freund, und mach einen weiteren Schritt zum Hirntod. Und das zum sagenhaften Preis von nur vierzig Reps. Und das Extra, das dir den Kick gibt? Es macht süchtig! Und wie! Nach der Schule kriegt man den Chip in die Hand gespritzt, und dann haben sie dich. Und glaub mir, sie lassen dich nie wieder los. Wenn du ihnen Ärger bereitest, dann ist die Arbeit weg. Dann kannst du zusehen, wie du deinen Stoff kriegt, wie du die Miete bezahlst, wie du dich ernähren willst. Bist du aber ein guter Hund, ein braver Hund, und springst du den Stöckchen, die sie werfen, immer fein nach, dann... Ja, dann wird es dir gutgehen. Zuckerbrot und Peitsche, Baby.


Dann darfst du dir einmal in der Woche deinen Stoff abholen. Den kannst du dir nach der Arbeit reinknallen, und alles wird schön. Du darfst auf deinem Bett liegen und die Decke angucken und grinsen. Gedanken unerwünscht. Aber keine Sorge, jeder hier will die Schokolade. Sie haben es geschafft. Den Armen, die sich den Stoff nicht leisten können, geht es zu dreckig, als das sie irgendetwas unternehmen könnten, und wir besseren Leute, wir wollen nicht. Haben keinen Bock! Und jetzt zisch ab, Mann! Kommst du breit zur Arbeit, fliegst du. Um ausgebeutet zu werden, dafür musst du dann doch noch was in der Birne haben. Aber am Nachmittag, da geht es wieder los. Vornehm geht die Welt zugrunde! Die Schlange rückt vor. Nur langsam, allerdings. Überall um uns herum stehen Polizisten, um dafür zu sorgen, dass es keine Krawalle gibt. Misstrauisch beäugen sie vor allem diejenigen, die schlechte Kleidung tragen und nicht in der Schlange stehen. Die Kreaturen ohne Filter in der Nase, die spätestens mit fünfunddreißig vom Krebs weggespült werden. Die Blicke der Uniformierten folgen jedem, der zu lange anhält. Geht weg, mit euren zotteligen Haaren. Geht weg mit eurem Gestank, dem Mief aus euren Dreckswohnungen. Geht weg mit euren Plastiktüten, in denen ihr eure billigen, beim Centershop um die Ecke gekauften Konserven habt. Geht weg damit. Glaubt ihr, wir wollen euch beim Sterben zugucken? Bald kommt bestimmt ein passendes Gesetz: „Die Straßen und die Gebäude den reichen Zugedröhnten, die Assis zum Sterben bitte reingehen!“ Vor dem Gesetz sind alle gleich. Gewesen, mein Freund. Gewesen.


Niemand kümmert sich um die Kinder ohne Nasenfilter. Möchte auch niemand. Ich bilde keine Ausnahme. Es wäre zu mühsam, das alles. Warum kompliziert, wenn man es auch einfach haben kann? Unser Gott ist eine weiße Schachtel, aus der er zu uns spricht, mit sieben Tabletten für die Woche. Wie sollte man auch irgendetwas ändern? Sie haben die Zeitungen, sie haben das Fernsehen, sie haben das Internet. Wir haben nur den Stoff, und das auch nur, wenn sie uns den zuteilen. Ich gehe zum Lesegerät. Halte meine Hand in den Metallring. Es piept, und eine grüne Leuchte glimmt. Ich gehe zum Tresen, der wie die gesamte Halle von einem sterilen Weiß ist. Hinter dem Tresen steht eine schöne Blondine, die ihr betäubendes Lächeln sofort auf mich richtet, nachdem sie den letzten Kunden abgefertigt hat. Ihre Zähne sind unglaublich weiß, ihre Wangenknochen fein geschwungen. Zeugungsort: Petrischale. „Guten Tag. Bitte sehr, Ihre wöchentliche Ration. Bitte unterschreiben Sie diese Bestätigung.“ Ich nehme mir ruhig die kleine weiße Schachtel, die sie mir mit ihren perfekten, langen Nägeln rüber schiebt, und kritzle, ohne hinzusehen, meine Unterschrift auf das Formular. „Vielen Dank“, sagt Barbie, und nimmt den Wisch wieder an sich. Warum benutzt man dafür eigentlich noch Papier? Geht das nicht digital? Mit so hübschen bunten Lichtern? Barbie lächelt mich zum Abschied an, doch ich gehe nicht. Ihr breites Lächeln wirkt auf einmal eine Spur verwirrt, doch sie lächelt weiter. Das muss eine Maske sein. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“ Ich starre ihren Körper an. Dann frage ich sie: „Schon mal darüber nachgedacht, sich den scheiß Kram aus der Nase rauszureißen und zu sterben? Also ich schon. Jeden Tag, stundenlang.“


Sie antwortet nicht, hört nur abrupt auf zu lächeln. Eine ihrer zierlichen Hände schwebt bestimmt schon über dem Alarmknopf. „Schon gut“, murmele ich und trete den Rückzug an. Ich habe nicht die geringste Lust, mich aus dem Gebäude werfen zu lassen. Nicht, dass mir das Recht auf meinen Stoff genommen wird! Denn wie alle kleinen Mäuschen bin ich in die Falle getappt. Und sie schnappt immer zu, und du kommst nie wieder raus. Warum bilde ich mir eigentlich immer noch ein, etwas Besonderes zu sein? Es ist alles Scheiße, aber die Scheiße ist bunt, und sie riecht gut. Man kann sie auch essen, davon stirbt man nicht. Brot für die Welt wurde verboten, irgendwann vor meiner Geburt.


Zuhause lege ich mich auf mein Bett und reiße die Schachtel mit leicht zitternden Fingern auf. Nach neun Stunden schon Entzugserscheinungen, das nenne ich Leben! Die sieben Pillen sind leicht rosa. Ich weiß, sie werden nach Honig schmecken. Aber kann das Leben denn so weitergehen? Kann man das noch Leben nennen? Ich zögere. Lege die Schachtel zurück auf das Bett. Überlege. Jede Woche derselbe Scheiß. Zur Hölle, alles zur Hölle! Ich fummle die Pille aus der Verpackung, und zerkaue sie. Der Geschmack von Honig und Lavendel. Stirb ein wenig mehr, mein Freund. Das Leben ist ein quietschbuntes Riesenrad, und es dreht sich rasend schnell. Wenn du nicht abgeworfen werden willst, brauchst du einen Anker. Einen guten. Einen, den du dir jeden Montag bei perfekten, künstlichen Blondinen abholen kannst. Vergiss die verschmutzte Luft. Vergiss die Babys, die röchelnd in ihren Liegen sterben. Betrachte lieber die weiße Decke, und sieh zu, wie ein Regenbogen hinaus scheint.



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Die Welt ist schön!

Autor: Fleischfrost

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