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Das Glas der Scheibe ist kühl, der Gang dahinter warm. Es ist seltsam, die Wärme durch die Kälte zu spüren, doch es ist kalt im Zimmer, und was sollte ich schon anderes tun? Ich denke von meinem Gefängnis als Zimmer, doch es ist genau das: Ein Gefängnis, eine Zelle. Ein Käfig mit einer Scheibe. Das Zimmer misst fünf Schritte in der Breite, acht in der Länge. Die Höhe schätze ich auf etwa vier Schritte. Das ist meine Welt. Der Boden, die Decke und drei der Wände sind weiß. Nur weiß. Vermutlich ist es deshalb kühl, und obwohl es kein Licht gib, ist es hell. Meine Augen haben sich schon lange daran gewöhnt, das blendende weiße Feuer zu ertragen. Hinter der dicken Scheibe, auf die ich in meiner Wut schon so oft vergeblich eingeprügelt habe, liegt der Gang. Auch er ist von dem seelenlosen Weiß, und er scheint sich in die Unendlichkeit zu strecken. Oft habe ich mich schon so dicht wie möglich an die Scheibe gepresst, um zu sehen, ob er ein Ende hat. So weit ich es sehen konnte, hat er keines. Und wenn, so ist es nicht wichtig. Nichts ist hier wichtig, denn hier gibt es nichts. Hier gibt es keine Zeit, keine Gefühle, kein Denken, keine Erinnerung. So muss die Hölle sein.


Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin, doch es muss eine lange Zeit sein. Oft liege ich, dem Empfinden nach, wochenlang auf dem Boden, wartend auf gar nichts. Ich wüsste, eigentlich müsste ich essen, trinken, atmen. Doch all dies scheint nicht von Notwendigkeit zu sein. Die Verbindungen zwischen den Wänden sind perfekt, nirgendwo eine Spalte oder eine Öffnung für Luft. Doch wie kann man an einem Ort ohne Zeit verhungern, ersticken, verdursten? Man kann nicht. Und auch das ist ein Teil meiner Marter. Da mir keine Kleidung gegeben ist, ist die Kälte noch schwerer auszuhalten. Doch ich lebe immer weiter. Eigentlich müsste die Trägheit meine Muskulatur sich zurückbilden lassen, doch das ist nicht der Fall. Auch wachsen weder meine Haare noch Nägel. Auch das ist Teil der Folter, ich habe vergessen, wie ich aussehe. Die Scheibe spiegelt nicht.


Mit dem Wissen um mein Aussehen ist auch mein Name und alle Erinnerungen, die ich vielleicht einmal hatte, in den Nebeln des Vergessens versunken. Und doch muss ich einmal ein Leben ausserhalb meiner Zelle geführt haben, denn ich kann mich artikulieren, kann sprechen, weiß um Tatsachen, die irgendwann einmal Gültigkeit besessen haben müssen wie Leben und Tod... Ich bin nichts mehr. Ich führe eine Existenz, die als Leben zu bezeichnen ein bitterer Witz gewesen wäre. Die Stille ist unerträglich. Manchmal singe ich für mich, ich kenne keine Lieder, und so singe ich oft nur einzelne Wörter, lange, lange Zeit...


Doch auch der Klang meiner rauen, nie genutzten Stimme birgt keine Freude, sondern nur das verstärkte Bewusstsein um die Ausweglosigkeit meiner Existenz, und so bin ich verstummt. Auch fällt es mir immer schwerer, Gefühle auszudrücken oder zu empfinden. Das Weinen oder Lachen ist nur Anstrengung, und es ist ebenso sinnlos wie meine Versuche, die Scheibe, deutlichstes Symbol meiner Folter, zu durchbrechen. Ich fand heraus, dass ich keine Schmerzen fühle. Ich riss mir Haare aus, kratzte und biss mich. Nichts. Die Einsamkeit hat mir alles gestohlen. Meine Erinnerungen, meine Gefühle, meine Gedanken, meine Kraft. Ich schlug meinen Kopf gegen eine der Wände. Kein Schmerz, doch irgendwann fiel ich in Ohnmacht, als ich mit einem dumpfen Gefühl wieder erwachte, sah ich einen Blutfleck an der Wand und auf dem Boden. Der Anblick des Blutes auf dem grellen weiß war fast schockierend intensiv, und ich begann zu keuchen, es tat weh, hinzusehen. Das wenigstens war Schmerz, auch wenn ich ihn nicht wirklich empfand. Irgendwann war das Blut dann weg. Einfach so. Alles hier ist einfach so. Endgültigkeit in Form eines kleinen Raumes, zu dem meine Existenz geworden ist.


Womöglich wäre ich lange in eine Form der Teilnahmslosigkeit abgerutscht, die es mir nicht mehr gestatten würde, irgendetwas wahrzunehmen, und mich sterben lassen würde, wenn da nicht noch etwas wäre. Wie dankbar ich dafür wäre. Doch es gibt noch sie. Und obwohl es sie gibt, bin ich wohl so allein wie man es sein kann. Manchmal kommen sie den Gang hinunter, stellen sie vor die Zelle und blicken mich an. Das zumindest glaube ich, denn sie haben keine Augen. Ich, glaube ich, habe noch welche, ich befühle meinen Körper oft, um mir meine Konturen einzuprägen, um sie nicht auch noch zu vergessen. Sie kommen manchmal in Gruppen, manchmal allein. Ich kann die Abstände, in denen sie kommen, nicht einschätzen. Als ich das erste Mal einen von ihnen sah, war ich schon lange hier. Ich saß nur da, blickte ihn an, und akzeptierte, was ich sah. Alles andere wäre unmöglich gewesen. Und wie konnte ich schon einschätzen, was möglich war?


Gerade ist einer von ihnen eingetroffen. Ich nenne sie „Hautmenschen“. Sie haben keinerlei Körperbehaarung, ebenso wenig wie Nägel. Ich habe sie ebenso lange angeguckt wie sie mich. Sie haben keine Augen und keine Nasen, ebenso wenig wie Lippen. Sie haben Münder, doch ich habe sie sie nie öffnen gesehen. Wenn sie kommunizieren, so weiß ich nicht, wie. Die Hautmenschen besitzen allerdings Formen wie Augäpfel und Ohren, doch sie sind aus Haut. Haut wölbt sich in tiefen Augenhöhlen, und einfache Hautlappen sitzen an den Stellen der Ohren. Sie tragen, wie ich, keinerlei Kleidung, und sie haben keine Geschlechtsorgane. Nur Haut. Als einer von ihnen seine Hand gegen die Scheibe presste, sah ich, dass er keine Fingerabdrücke hatte. Die Hände sahen aus wie Fleischhandschuhe, so glatt. Auch Adern kann man nicht an ihnen erkennen. Wenn sie sich in Gruppen versammeln, kann man sehen, dass zwischen ihnen allen keinerlei Unterschied besteht. Sie alle haben die gleiche Größe und den gleichen Körperbau. Ihre Haut ist weiß und rein. Ich hasse sie.


Das augenlose Starren dieser Kreaturen verfolgt mich. Es ist unmöglich, eine Reaktion zu provozieren. Ich habe oft gegen die Scheibe getrommelt, geschrien und gespuckt. Sie haben nicht mit der Wimper gezuckt. Als mir dieser Witz einfiel, weinte ich. Eines der letzten Male. Ich habe es schon lange aufgegeben, mich zu fragen, wer und was sie seien könnten. Auch weiß ich nicht, weshalb sie mich immer nur anblicken, lange Zeit, bis sie dann irgendwann weggehen, in diesen Gang, in dieses Nichts, aus dem sie gekommen sind. Womöglich bin ich gar eine Art Attraktion für sie. Vielleicht ist dies eine Art Zoo für tödlich gelangweilte Götter ohne Gesicht. Ich hasse sie. Ich hasse sie. Ich hasse sie.


Ich stehe auf, durchquere den Raum und stelle mich dem Wesen gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Ich klopfe sanft gegen die Scheibe. Keine Reaktion. „Lasst mich frei. Bitte.“ Nichts. Ich wende mich ab, den Blick dieses seelenlosen Teufels in meinem Rücken. Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich werde sterben. Ich kann es. Ich lege mich hin, erschauere kurz, als meine Haut den kalten Boden berührt. Meine Lider sinken herab. Ich werde sterben. Durch Willenskraft. Wenn es möglich ist, werde ich sterben. Einschlafen und nicht wieder aufwachen, das ist mein sehnlichster Wunsch. Unter dem stummen Blick des Hautmenschen drehe ich mich auf den Rücken, atme tief ein und aus. Dann richte ich meine Kraft auf das Einschlafen. Ich bete, dass es funktioniert.


Mir ist kalt.

~Weltenfrost~

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